Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 7 (6.1910) (Apologetische Sondernummer)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Bchon lange vor dem „Neuen Testament" . das Kindschafts-Verhältnis auch des einzelnen Menschen zu seinem Gotte die Grundlage der Frömmigkeit bildet (vgl. Ps. 103, 13), finden sich herrliche Aeusserungen, die keine nationalen Schranken kennen und den Geist reinster, edelster Menschlichkeit atmen. Ren an's Vorbild folgend, weisen wir als Belegstelle nur auf den fünfzehnten Psalm hin. Hier wird die Frage aufge'worf en: wer der Ger, d. h. der Schützling Gottes ist und als solcher das Anrecht hat, in der Nähe seines Tempels zu wohnen? Wie wird diese Frage.beantwortet? "Wird gesagt, dass nur der Hebräer, der bestimmte kultische Handlungen übt, vorgeschriebene Satzungen beobachtet,, dieses Vorrechtes sich erfreut? Weit gefehlt! „Wer in Gradheit wandelt und Recht übt und Wahrheit redet in seinem Herzen. Nicht Verläumdung trägt auf seiner Zunge, seinem Nächsten nichts Böses tut und Schimpf nicht zufügt seinem Nebenmenschen. In dessen Aug' der Wicht verachtet ist, und der des Ewigen Verehrer schätzt und sein Gelübde nimmer bricht; sein Geld nicht gibt auf Zins und Bestechung gegen den Unschuldigen nicht nimmt: wer solches tut, der wanket nimmer." Eine Gottes Verehrung, wie die hier geforderte, bei der es vor allem auf die Betätigung des sittlich Guten ankommt, ist ihrer ganzen Anlage nach universell; ihr Gipfel und Ziel ist Errichtung der Gottesherrschaft auf Erden, die Erfüllung aller Nationen mit den Idealen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit. Aber der Talmud! Dieses vielgeschmähte jüdische Nationalarchiv eines Jahrtausends, das ein „eeremonielles Ghetto um Israel geschaffen", dieser Talmud ist doch gewiss von der prophetischen Höhe universaler Welt- und Menschen- Auffassung weit herabgeglitten? Der Talmud ist ein grosser Sprechsaal, wo Tausende zu Worte kommen. Ein Mann, dem der Hass die Eltern gemordet, das Weib geschändet, die Kinder geraubt, hat ein Anrecht, seinen Schmerz au äussern, und es wäre unmenschlich, von ihm zu verlangen, dass er sich jeder Anklage und jedes Ausrufs des Unwillens enthalte. Darum liest man im Talmud — allerdings auffallend selten — Aussprüche, die auf den ersten Blick und aus dem zeitgeschichtlichen Zusammenhang herausgerissen wohl partikuralistisch klingen. Die überwiegende Mehrzahl der Meinungen aber, die in seinen Debatten zu Worte kommen, sind getragen von der oben gekennzeichneten phrophetischen Gesinnung^ die durch kein Humanitätsideal in den Schatten gestellt werden kann. So wird Sabb. 86 bs betont, dass die sinaitische Gesetzgebung in siebzig Sprachen erfolgte, d. *h. bestimmt ist, dereinst Gemeingut aller siebzig ErdVölker zu werden.;— Wer das Recht des Fremden beugt, beugt das Recht Gottes (Chagiga 54 a). — Während der christliche Kirchenvater die Tugenden der Heiden glänzende Laster nennt, preist ein rabbinischer Zeitgenosse die Wohltätigkeit der Heiden als ihr Gott wohlgefälliges Opfer (Sanhedrin 105 a). Talmudischer Grundsatz ist es, dass die Frommen aller Völker Anteil am ewigen Leben haben. Wie schreibt noch Luther: „Die~gottlosen Heiden Sokrates, Aristides, ja, der gottlose^Numa, der zu Rom alle Abgötterei erst gestiftet hat, sind mit nichten selig zu nennen." Hören wir weiter! Sanh. 39b heisst es: „Als die Aegypter in dem Meere versanken, bereiteten sich die Engel vor, ein