Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 7 (6.1910) (Apologetische Sondernummer)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Universalismus des Judentums. Von Rabbiner I)r; Beermann, Insterburg. Die neuere Religionspsychologie lässt Hie Religionen aus drei Wurzeln erwachsen, die ihre Fasern tief hineinsenken in den Grund der menschlichen Seele. Allerorten fühlt der Mensch seine Abhängigkeit von den Gewalten, der Natur, auf Schritt und Tritt empfindet er die Grenzen seiner Kraft, darum sucht er die Naturmächte, in deren Händen er willenlos sich preisgegeben sieht, durch Opfer und Gaben' sich zu verbinden. Vergöttlichung der Naturkräfte charakterisiert die Religion auf ihrer niedrigsten Stufe. . Daneben wird des Menschen Phantasie von der unwiderstehlichen Herrschaft des Todes energisch beeinflusst, und die A'erehrung der abgeschiedenen Geister als Seelen¬ oder Ahnenkult, kommt auf. Leise hat auch in dieser primitiven Entwicklungsphase sich das Sittliche in der Religion geregt. Die Götter gelten als Schutzmächte für alle die Pflichten, die der Einzelne zum Wohle der Sippe zu erfüllen hat. Aber einerseits lassen Naturverehrung und Seelenkult den Glauben* an ein höheres, sittlich gutes Wesen nicht recht zum Durchbruch kommen, anderseits liegt es zumal in der Eigenart des Seelenkults begründet, dass die sittlichen Pflichten nur als gegen die Genossen des gleichen Stammes oder derselben Sippe verbindlich aufgefasst werden. Die Religion in ihren niederen Formen ist naturalistisch und partikularist isch. Das Sittliche steht im Hintergrunde und wird überwuchert von allerlei Kultwerk, und soweit es als Verpflichtung empfunden wird, gilt es nur für die Angehörigen desselben Volkes, In Israel wurden die beiden Wurzeln der Religion, Naturverehrung und Ahnenkult, immermehr atrophisch, dagegen erstarkte allgemach die. dritte Wurzel, die Ahnung eines höheren, sittlich . guten Wesens. Es ist das die einzigartige religiöse Genialität Israels, dass es die dritte Wurzel religiösen Lebens, die Vorstellung von einer ethischen Macht ans der Umschlingung der beiden anderen befreite. Diese« instinktive Foinfühligkoit für das wahrhaft Wertvolle — in der Sprache der Religion nennt man es Oflenbarung — bewirkte es, dass in Israel die naturalistischen und aniuaistischen Wurzelfasern der Religion nach und nach abstarben, bis schliesslich durch die Arbeit der religiös-schöpferisr chen Persönlichkeiten —; der Propheten — die Religion als Wandel nach dem Vorbilde des heiligen Gottes erfahren und erfasst wurde. Es war also die Gnadengabe Israels, die Religion aus ihrer naturalistischen und animistischen Gebundenheit zu lösen und den sittlichen Eingottglauben, die ethische Weltreligion zu begründen. Im Folgenden wollen wir den universalistischen Charakter des Judentums dartun. Die christliche Theologie hat ein Interesse daran, dto-Religipn Israels als national beschränkjLauszugeben. Dadurch scheint die Existenzberechtigung des Christentums als höhere Religions-