Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 7 (6.1910) (Apologetische Sondernummer)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4908657-6349524-6349563--098-4908745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
_ 6 — Uieso Gelehrten scheinen auch die einfache literarische Erwägung nicht anzustellen, dass die Redaktoren des A. T. nicht wissen konnten, es werde einmal ein Christentum Lominen, welches dem alten Bunde die Nächstenliebe streitig machen werde, obwohl nach Ev. Matth. (22, 39) Jesus selbst sich in seiner Antwort an die Schriftgelehrten auf dieses Gebot bezieht; — sollte a'uch Jesus den Nächsten dieses „obersten Gebots" nur als den Volksgenossen gedacht haben? — und obwohl es+ in den Evangelien keine einzige Stelle gibt, in welchem das Gebot der Nächstenliebe anders denn als ein Zitat aus-dem alten Bunde erscheint. Gesinnung ist gleichbedeutend mit dem Innern, also mit dem Begriff und Werfe des Menschen. Sie ist die. Grundlage und Voraussetzung der sittlichen Handlung. Würde der jüdischen Religion die Gesinnung fehlen, wäre die Gesinnung nicht derLebensgrund ihres Wesens, so würde ihr schlechthin alle Sittlichkeit fehlen. Von [Welcher historischen Oberflächlichkeit für das Wesen des Monotheismus muss das Urteil sein, welches dem Judentum die Gesinnung ab-' .'•piicht! Und welcher historische Pessimismus und Materialismus verrät sich in dieapm blöden Vorurteil. Denn wie wäre unser Fortbestand historisch denkbar, wiiin er des . innerlichen Lebensgrundes ermangelte, der für die lebendigen Bekenner einer Religion'einzig und allein in der Gesinnung besteht. Nachschrift. In der Abhandlung ,,lunere Beziehungen der Kantiseheu Philosophie zum Judentum" (Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums 1910) habe ich für die Gesinnung ■ oi die ..Einheit des Herzens" Bezug genommen. Diese Einheit des Herzens Z1?" TT Ist ein Terminus in dem Buche „Pflichten der Herzen" von Bachjotf ibu I'aku la (im 11.'Jahrhundert). Er ist nach dem Psalmenwort (Ps. 86, 11) gebildet. ' Auch au diesem Psalmenvers ist die Uebersetzung lehrreich. Franz Delitzsch fibersetzt: „Einige' mein Herz, zu fürchten Deinen Namen". Und im Koiumentar sagt er: „Mit Kocht hat J.uther die Uebersetzung der Septuaginta, Syr. vulg.: laetetur .Tl^ von iTIH verlassen. Der Sinn ist aber nicht sowohl: „erhalte mein Herz bei dem Einigen, als: richte alle .-eiue Kräfte und konzentriere sie auf das Eine". So Delitzsch 18*37. Dennoch, übersetzt Kautzsch ißibelwerk 189i3): „Mein Herz freut sich daran. Deinen -Namen zu fürchten*. Aber in dem Neuen Bibelwerk gibt er diese Uebersetzung auf, und übersetzt,: „Gib.niir ein einmütig Herz". Bedenklich ist nun aber wieder die Anmerkung: „Aus Joreniia 39; der Wortlaut zeigt deutlich* dass der Psalmist ein Kollektivsubjekt darstellt." Die-Teudenz des Gedankens ist unverkennbar: die Einmütigkeit des Herzens soll nicht auf dasindividuelle Herz bezogen werden, sondern nur auf die kollektive Einheit des Volkes. Wqmi dieaber selbst an der Stelle in Jeremia: „Ein Herz und Eiu Weg" der Sinn sein mag; ^•JcaiJli doch .das im Ps-alnienvers von der Einheit gebildete Verb u m nicht-diesen Sinn haben, denn, vs gehen die Worte vorauf: „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg, dass ich in Treue KCiien Dieh wandele."' Es handelt sich also um den Weg des Individuums und um seine Treue: dazu bedarf es des einmütigen Herzens. Das Herz des Volksganzen hat mit "diesem Flehen des Individuums keinen näheren Zusammenhang. Die Gesinnung kann nicht ergreifender und übrigens auch nicht unzweideutiger zum Ausdruck gebracht werden als durch die Einheit des Herzens — gemäss der Einheit Gottes. Nicht nämlich auf „das Eine", sondern auf den Einen Sollen alle Kräfte „konzentriert" weiden." In der Einheit des Heizens hat die Gesinnung ihre Wurzel, wie das Gebet für' diese Einheit in der Einheit Gpttes sein Vorbild hat. »