Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 6 (1.1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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. -.f"- ■• ' —; 8 — - . ,• . Bisher waren^es fast ausschliesslich ausländische Juden, die in einigen Bezirken eine fein proletarische Bevölkerung bildeten, j Das Wachstum gerade dieser Elemente hat aber im letzten Jahre sicherlich nachgelassen. Es stellt sich heraus,' dass das starke Anwachsen der ^jüdische* Einwanderung in. der voraufgegangenen Zeit keineswegs eine chronische Erscheinung war; sie war vielmehr nur vorübergehend und in den besonderen politischen Zuständen jener Tage begründet. Seit die Verhältnisse in Russland wieder einigermassen ruhig geworden sind, hatjjmch die Einwanderung russischer Juden nach Deutschland erheblich abgenommen, und es sind im Gegensatz zu der vorigen Berichtsperiode nur noch einige wenige Bezirke, deren Korrespondenten es nötig finden, von den durbh die grosse Zahl jüdischer Ausländer hervorgerufenen Schwierigkeiten der Uebergangszeit zu sprechen.- ' Was die Behandlung der Ausländer durch die Behörden angeht, so i scheint diese in mancher Beziehung milder geworden zu sein, wenn auch gewisse scharfe Verwaltungsmassnahmen (namentlich jüdischen Haus'iei'ern gegenüber) keineswegs aufgehört haben. Naturalisationen werden diesmal etwas öfter als früher gemeldet, aber anderseits hört 'man doch noch aus Vielen O ' * m Bezirken, dass die Xaturalisaü^hsgesuche von Juden, die seit vielen Jahren in Deutschland ansässig,' hochangesehen und wohjbegütert sind, ohne Begründung abschlägig beschieden .worden seien. Es scheint hier immer noch kein klares Prinzip der Gerechtigkeit zu walte^f, Avenn auch das persönliche Eingreifen einzelner höherer Beamten hie und da zu günstigeren Entscheidungen führen mag. Und denselben Grundzug ungloichmSssigen und zufälligen Verhaltens finden wir überall wieder, wenn wir auf Grundlage der in letzter Zeit ein-, gelaufenen Korrespondenz das Verhältnis der deutschen Staatsbehörden zur jüdischen Bevölkerung betrachten: Xeben Bezirken, aus denen eine regelmässige, entsprechend starke Heranziehung der Juden^-ainn Geschworenen- und .Schöffendienst gemeldet wird, finden sich immer wieder solche^ in denen vorübergehend oder dauernd (an manchen Orten seit 15 Jahren, ja selbst seit 30 Jahren!) den. Juden dies verfassungsmässige Recht vorenthalten wird. Aehnlich fehlt es auf militärischem Gebiet zwar nicht an einzelnen Meldungen, die eiu gerechtes und selbst wohlwollendes Verhalten höherer Offiziere jüdischen Soldaten gegenüber zu berichten wissen, aber die Klagen über kränkende Zurücksetzungen, über völlig unbegründete Nichtbeförderung ausgezeichneter jüdischer Soldaten und Offiziersaspiranten überwiegen doch noch ganz erheblich. Umgekehrt wird das Verhalten der Zivilbehö*den jüdischen Gemeinden und Privaten gegenüber vorwiegend als loyal und selbst wohlwollend bezeichnet. Aber es fehlt doch" auch hier nicht an begründeten Klagen. „Indifferent" — „zögernd korrekt" wird das Verhalten der Behörden in nicht wenigen Bezirken genannt, und darin, dass kein klarer Wille der Zentralstellen bisher dafür sorgte, dass die Anerkennung der Gleichberechtigung, und somit der Geist wirklicher Gerechtigkeit den Juden gegenüber in der Beamtenschaft liefer Wurzel fasse, haben wir bei dem grossen sozialen Einfluss, der in Deutschiana