Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 5 (7.1909) (Apologetische Sondernummer)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- . i< •; . x ■ / ■ Dafür beginnt man allmählich die universelle Lehre zu,verkünden, dass die göttliche Gnade und die Seligkeit allen Mfinscheju die nach-dein/Rechten streben, beschieden sind, dass es eine Frömmigkeit auch ausserhalb der Kirche gibt, dass der heilige Geist {fach dort waltet. Das sind keine patilinischeri und keine augustinischen und auch keine lutherischen Ansichten: wohl aber hatte schon de öroot hervorgehoben, dass dies alles seit altem fester Grundsatz im Judentum ist. Aber vielleicht .das Bezeichnendste, ist, dass der moderne Protestantismus sich in sehr wenig lutherischer Weise bemüht, „eine ethische Religion" zu sein. Für Luther stand der Glaube, der lediglich in sich selbst seinen Zweck hat. obenan; die Ethik tritt dahinter, durchaus zurück, als ein blosser Anhang der Heils- und Eriösungsle^ire. Mit welchem Selbstgefühl verkündete nicht eine ganze Generation liberaler protestantischer Theologen» wie unvergleichlich diese evan- -i gelische Lehre "von der. Rechtfertigung allein durch den Glauben; erhaben sei über die jüdische Anschauung, dass'es auf das Tun des Menschen vor allem an-; kommt! Wie stolz .blickte man herab auf das „Gesetz" des,Judentums, das von diesem Glauben nichts .weiss und immer nur gebietet: du sollst und du sollst nicht! Aber nun . fängt der Protestantismus selber an, recht „gesetzlich1zu wilden. In dem neuesten System der christlichen Lehre, von H. H. Wendt.' z. B. ist von jenem'christlich-lutherischen Glanbens- und .'Erlösungsbegriff kaum etw^S Wesentliches mehr zu entdecken: und was rindet man? Die ganze alte ' jüdische Versöhnungstags-Predigt! Die sittliche Gesinnung und Tat, so liest' man - bildet den Mittelpunkt der Religion, das Handeln des Menschen bringt ihn Gott nahe und entfernt, ihn von Gott, Sünde und Schuld sind Sach« der ' fWiil^isentscheidung, die Vergebung hängt nicht ab. von einem einstigen wunderbaren Ereignis, sondern Reue und Sinnesänderung sind die einzige Bedingung dafür — also samt und sonders Gedanken, die das Judentum seit Jahrhunderten der -Kirche entgegenstellt: Man kann zwar zugestehen, dass gewisse Ansätze, aber nur gewisse, zu dieser „ethischen- Richtung sich im Calvinismus bereits zeigen. Aber der Calvinismns ist auch in vielfacher Hinsicht weit alttestamentlicher als das Luthertum. Allenthalbbn zeigt so ein Blick auf die Wandlungen im modernen ..Protestantismus, dass sie die Tendenz haben, aus dem Gedankenkreise der Kirche hinaus- und zu dem Ideengebiet des Judentums hinzuführen. Diese Entwickelung soll in ihrem Recht und ihrem Wert nicht kritisiert werden; ja, wir bewundern den Reichtum der geistigen Kräfte,, die in ihr wirken. Aber wir erlauben uns zu betonen, dass sie nichts anderes ist als eben eine Hinwendung zum Juden- , tum. dass also seit der Zeit der Renaissance sich keine andere reformierende *-Weiterbildung der Kirchenlehre hat einstellen können, als die, welche die Wege .des Judentums^ wieder zu betreten beginnt. Allerdings, die best(nimte, scharfe Grenze zwischen dem Judentum und » dein Protestantismus beJ)eE& nach 'wie vor. Vor allem ist es ja die Frage der Gottheit Jesu, die den Bekennet des einig-einzigen .Gottes deutlich Und entschieden von drüben trennt, auch von dem liberalen Protestantismus, der ebenfalls betet: .Jesu, erbarme dich unser! Jesu, hilf uns!". Damit gibt es keine erständigung und kein Paktieren, auch nicht durch irgend ein Mittel poetischer 4 V