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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1909-07-01 · 5 (7.1909) (Apologetische Sondernummer) · p. Seite 3

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
3 (1909)
Issue
5 (7.1909) (Apologetische Sondernummer)
Date
1909-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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man die Sätze liest und hört, die davon reden sollen. Denn eine bestimmte, nüchterne Antwort vernimmt man kaum je. Dafür wird meist ein kunstvolles Spiel mit schönen Worten vorgeführt, um entweder die Frage abzuweisen oder den Bescheid zu umgehen. Den Ton hatte der grosse Begriff smeister Albrecht Ritsehl angegeben. „Eine Autorität, welche alle anderen Masstäbe, entweder a'usschliesst oder sich unterordnet, welche zugleich alles menschliche Vertrauen auf Gott in erschöpfender Weise" regelt, hat den Wert der \Jottheit" — mit dieser, je nachdem man will, viel- oder nichtssagenden Rede hatte er die gena e Frage, ob Jesus eine Gottheit sei, genugsam' beantwortet gemeint. Aehnlich, nur in. poetischen Klängen, die freilich an die katholische Heil ige nve lehnntg stark'erinnern, legt z. B. Martin Rade, einer d^r selbständigsten und freiestgesinnten Köpfe .aus Ritschis"Schule, sein Jesus-Bekenntnis «ab: „Jenes schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl, das nach Schleiermacher die Religion bedeutet, heftet sich wieder an die Person Jesu an ..... Wenn es tini uns dunke^ ist, und der ewige heilige unsichtbare Gott uns aus den Augen schwindet, suchen hnd finden wir Jesum, halten uns an seine Wahrheit, seine Wirklichkeit, setzen unser" ganzes Vertrauen auf ihn, glauben an ihn. lieben und fürchten ihn über alle Dinge . % . ... Warum sollen wir auch nicht andächtig s4'm zu ilim, ihn nicht rufen, nicht mit ihm reden d. i. zu ihm beten!'" Als Zeugnis persönlichen religiösen Lebens wird man dies, zumal bei diesem Manne; respektieren müssen Aber einen klaren Bescheid auf die klare Frage, ob Jesus nun ein Gott ist oder nicht, wird wohl kaum einer darin aufzuspüren vermögen, darin so wenig, wie in vielen Sätzen anderer, die .sich in der gleichen Richtung bewegen. Das eine lässt sich jedenfalls daraus« erkennen, dass im modernen Protestantismus die kirchliche Lehre von der Gottheit Jesu zwar im. Wortlaute angenommen bleibt, aber ihr eigentlicher Inhal? nur noch dialektisch hin und hergeschoben wird. Das religiöse Bewusstsein beginnt eben daran zu tragen und darunter , sich unsicher und unbehaglich zu fühlen, und es trachtet nach dem strengeren MonotheismusJttii. Will man diese Entwickelung kennzeichnen, sie lässt sich nicW gut anders benennen als eine Rückkehr zum' Judentum oder, wenn es manchem Ohre so besser klingen sollte, zum Alten Testament-. Auf das Dogma von Gott folgt das Dogma von der Welt. Sie scheidet sich, so ist es Anfang und Ende des evangelischen Lehrsysteins, in zwei grosse Teile, die einander schroff gegenüberstehen und einander bekämpfen: die Welt des Gottessohnes und der Gnade, und die Welt des Teufels und der Erbsünde.— die göttliche und die widergöttliche Menschheit. Erlösung und Heil sind das ausschliessliche Reservat der Kirche; alles ausserhalb ihrer ist dem Verderben und der Hölle verfallen. Luther hatte diese Qedanken, die auf Augustin zurückgehen, aus dem Katholizismus ganz übernommen, ja sie vielleicht noch schärfer ausgeprägt. Jedoch, wie sehr sie auch Grundangeln evangelischer Gläubigkeit sind,- der moderne Protestantismus will davon nicht mehr viel wissen. Wer spricht hier noch bestimmt vom Reiche des Teufels und von der Erbsünde,.cjnrch diealle, die nicht der Kirche angehören, der* ewigen Verdammnis anheimgegeben sind? Das alles begräbt man, mit Worten oder im Stillschweigen.

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