Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 3 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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J — 4 - W" ■■ ■ .-;'" " -■ ' : ■ ■■■ . /<\för die Annahme falscher und gehässiger Behauptungen, wie sie so häufig gegen j uns ausgesprochen werden. Es ist bekannt, dass die antisemitischen Broschüren und Zeitschriften einen grossen Teil ihrer Leser und Käufer gerade unter den Juden gefunden haben. Viele 'trieb dazu die Neugierde, andere aber der Wunsch, das Judentum auch aus den Anschauungen seiner Gegner kennen zu lernen. Sie glaubten durch das Anhören beider Parteien zu einem objektiv richtigen Urteil gelangen zu können. Sie konnten bald erkennen, dass in der grossen Mehrzahl der antisemitischen Schriften ein. blinder und roher Hass sich aussprach, und dass sie einen vollständigen Mangel an Einsicht und Reqhtsgefühl offenbaren. Viel weniger aber konnten sie erkennen, welch eine dreiste Unwissenheit sich in ihnen breit machte und nur die wenigsten haben es erfahren, welch eine gewissenlose Unwahrhaftigkeit sich dort vielfach nngescheut entfaltete, der keine Verdrehung und Entstellung zu gross war, die die Beweise für ihre Behauptungen aus der Luft, griff, reine Phantasiegebilde für erwiesene Tatsachen ausgab, um „äie aktenmässig beglaubigte Widerlegung derselben sich nicht kümmerte, sie zunächst totschwieg, um dann nach einiger Zeit die jetzt offenkundige Lüge wieder vorzubringen. Calumniare a'udacter semper aliquid haeret. ' Diese Maxime: der ^böswilligen Verhetzung ist den Juden gegenüber mit einem Erfolge gehandhabt worden, mit dem deren Urheber zufrieden sein können. Es ist viel hängen geblieben^von halb und ganz Unwahrem, von Niedrigem und Gemeinem, von Ge- - hässigem und Verbitterndem. Getrübt sind vieler Augen, wenn sie auf! die Juden blicken und selbst das Gute, das an diesen nicht zu verkennen ist, erscheint ihnen in einem verminderten Lichte oder als eine vereinzelte Erscheinung. Auch die ruhigeren Jahre, deren wir uns seit einiger Zeit erfreuen, haben die Anschauungen, die weite und massgebende Kreise von uns haben, nicht wesentlich günstiger gestaltet. Die rohen Anfälle haben so ziemlich aufgehört, aber die Verdächtigung und Herabsetzung alles Jüdischen kann sich noch reichlich betätigen. Wo immer irgend ein Jude sich etwas zu Schulden kommen lässt, da wird seine Rasse als ein ganz besonders beachtenswertes Merkmal an ihm hervorgehoben. Dasselbe Merkmal aber wird in der Regel unsichtbar, oder schonend verschwiegen, wo Juden im öffentlichen Leben Gutes und Anerkennenswertes-leisten. . , Es ist viel zu wenig bekannt, wie sie, die von fast allen höheren Beamteüstellen ausgeschlossen sind, zum kommunalen Ehrendienste sehr häutig herangezogen werden, ebenso auf anderen Gebieten gemeinnütziger Wirksamkeit überaus zahlreich tätig sind und deren Aufgaben nicht nur Opfer an Geld, sondern auch an Zeit, Kraft und Arbeit widmen. Von solchen Leistungen wird in deY Literatur wie in der Presse sehr wenig Notiz genommen. Grosse und weit verbreiteteOrgane der öffentlichen Meinung, die über alles Bemerkenswerte getreulich Bericht erstatten, schweigen beharrlich, wo es sich um das Judentum oder um jüdische Dinge handelt, sofern sie nicht eine abschätzige Bemerkung daran knüpfen-können. ' - Auch in amtlichen Kreisen liebt man es, über sie möglichst £u^schweigen. ■ ••- 'i. •'' : ' - '. ■• >