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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-07-16 · 8 (16.7.1937) · p. Seite 61

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
8 (16.7.1937)
Date
1937-07-16
Page
Seite 61 (sequence 3)
Language
German
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XIV. Nr. 8 Jüdisches Gemeindebhtt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16. 7. 37 «1 ten für uns Heutige zuweilen nur mehr historisches' Interesse haben, beweist nichts gegen ihre Vordringlichkeit zu ihrer Zeit. Im Gegenteil: nur dadurch, daß der heutige Zionismus als Synthese der Gedanken Hcrzls einerseits und der seines geistigen Widerparts Achad Haam andererseits zu verstehen ist, hat es sich erwiesen, daß wir es bei beiden mit kongenialen Antipoden zu tun haben und dali beide notwendig und unersetzlich in ihrer Art gewesen sind. Die grundlegenden Wesens- und Anschauungs- Unterschicde zwischen Herzl und Achad Haam sind aus ihrer verschiedenartigen Herkunft erklärbar: Herzl, der Sproß eines assimilierten Bürgerhauses, der ohne echte bindung zu jüdischen Traditionen aufwuchs und auch zeitlebens diese Feststellung stellt wohl keine Ungerechtigkeit, sondern nur die Registrierung eines unleugbaren Tatbestandes dar keine umfassend'.' Beziehung /um jüdischen Geistesleben gewann, hat die Judenfrage nur als politische zu erkennen und autzugreifen vermocht. Es heilit wahrlich nicht die geniale Grolle seiner Konzeption /u leugnen, wenn man bekennt, dali damit das Problem nur von e i n e r gewiß ungemein wichtigen — Seite in Angriff genommen war. Achad Haam dagegen, der als Sproß eines tiefreligiösen und geienrten Hauses „auf den Knieen der Tora" und im Geist des Chassidismus erzogen worden war, hat begreiflicherweise in sich die Berufung gehabt, das Primat des Geistig- Kulturellen vor dem Politischen zu postulieren. Für Achad Haam sollte der Zionismus nicht oder nur in zweiter Linie eine national-politische Wiedergeburt bringen: vordringlich war für ihn die geistige Renaissance. Er hielt ihn für unfähig und für nicht berufen, die materielle Not der Judcnheit zu lindern, sondern wollte durch Errichtung eines kulturellen Zentrums im Land der Väter die Krise des Judentums bannen. Bei der Entwicklung dieser Ideen und seiner Definition des Volks-Begriffs benutzte Achad Haam meisterhaft Methoden und Ergebnisse westlicher Wissenschaft, die er sich in Jahren hingebenden Studiums erworben hatte. Zu Unrecht wurde er darum von den streng Gesetzesgläubigen des Ostens zeitlebens als aufklärerischer „Maskil" befehdet; zu Unrecht: denn das hat auch Abraham Schlesinger, der tiefgründige und verdienstreiche Achad Haam-Forscher dargetan -- Haams Bindungen an die religiösen Gehalte des Judentums blieben immer stark, wenn auch nicht eben die der eingeschworenen Orthodoxie. Die im Osten nie vergessene Zions-Liebe (Chibbat-Zion) sollte eine neue „Belebung der Herzen' erzeugen und Erez Jisracl sollte ihr als „Zufluchtsstätte des Geistes" Heimstätte werden. Nicht auf die Größe der palästinensischen Siedlung, sondern auf ihr geistiges Gesicht komme es an. Es ist verständlich, daß mit solchen Forderungen Haam in einen scharfen Gegensatz zum politischen Zionismus, für den Hcrzls Definition einer „Rückkehr ins Judenland vor der Rückkehr ins Judentum" maßgebend war, geriet. Daß Achad Haam bei all seiner Geistigkeit alles andere als ein weltfremder Stubengelehrter oder Büchermensch am grünen Tisch war, beweist die Tatsache, daß er seine Laufbahn als Schriftsteller nahm von Aufsätzen „Nicht dies ist der Weg!", in denen er scharf und sachlich mit den seinerzeitigen Kolonisationsmethoden abrechnete, und daß seine wiederholten umfangreichen Reiseberichte ernste volkswirtschaftliche Kritiken waren. Daß er hier gelegentlich vielleicht mit seinen sonstigen Auffassungen in Widerspruch geriet - etwa da, als er eine Ansiedlung von 100 CO!) jüdischen Bauern forderte, während er sonst einen jüdischen Bauernstand als utopisch bezeichnete ist mit Recht notiert worden. Es fehlt hier leider der Raum, um nur einen annähernden Begriff des Geistesbaus Haams zu entwerfen, darzustellen, wie er fürs jüdische Kulturleben einen in Palästina konzentrierten Wettbewerb mit anderen Völkern forderte, wie er gegen die gestaltlose Vorstellung einer jüdischen Mission sturmlief, obschon seine freilich konkreteren Vorstellungen vom jüdischen Geist verwandte Züge aufwiesen, 'wie er jüdischem Leiden Sinn gab und darlegte, wodurch die Juden in ihm auszuharren vermochten. Angedeutet werden kann nur, dal! er zu einer belebenden Kraft auch jüdischer Wissenschaft und zu einem der hervorragendsten Führer der hebräischen Kultur- .ind Sprach-Bewegung wurde. Als Schriftsteller hat er eine hervorragende Schönheit und Prägnanz des Stils erreicht, als Zeitschriften-Herausgeber hat er die junge Sprachbewegung praktisch gefördert'. Der von ihm gegründete zionistische Orden der „Bnei Mosche" beendete 1847 sein Wirken und man hätte meinen können, dali diese Niederlage im Jahr des ersten Zionisten-Kongresses eine endgültige des KulturzionismUS sei. Da ihm aber ein notwendiger und lebenswichtiger Kern innewohnte, da sich Haam auch nicht resigniert zurückzog, brachten er und seine Ideen eine fruchtbare Unruhe dem Zionismus und zwangen ihn zu steter Auseinandersetzung mit den geistigen Ueberlieferungen des Judentums. Das Gesicht des Zionismus hätte ohne Achad Haam wahrscheinlich heute noch das vorwiegend politische Gesicht des Herz.'.-chen Zionismus, und er wäre nicht zu jener Kulturbewegung, die er heilte doch ist, geworden, wenn nicht „Am Scheideweg" die zürnend - mahnende Stimme Haams erklungen wäre. Achad Haam war der Typ des geistigen' Aristokraten und deshalb nicht zum Führer des Volkes berufen; es war ein geschichtlicher Glücksfall, daß zum geistigen Erneuerer der geniale politische Kopf getreten war und daß heute ein lebensfähiges Werk als Synthese des Erbes beider Männer auf uns gekommen und uns zur Verwirklichung aufgegeben ist. In unserer Zeit haben die politischen Probleme ihr . überwiegendes Gewicht gewonnen. Niemand kann die Bedeutung dieser materiellen Lebensfragen verringern wollen. Aber gerade in solchen Stunden, da politische Aufgaben und Sorgen des täglichen Lebens die Menschen in Bisch.ag nehmen, muß an die Dinge unseres geistigen Fortbestands und unserer kulturellen Herkunft, für die Achad Haam sich aufopferte, erinnert werden. Auch Juden müssen zuweilen— vor allem in Stunden drückendster äußerer Not daran gemahnt werden, daß der Mensch - und vor allem der jüdische. Mensch! - - nicht vom Brot allein lebt .und nicht nur körperlich verhungern kann. Diese Mahnung hat selten ein Mann unserer Tage so überzeugend und eindringlich dargetan wie Achad Haam. Der Fuchs. Von Jakob Picard. Wenn vor hundert und auch weniger Jahren in den kleinen Dörfern überall im deutschen Land, wo Juden wohnten, zehn und mehr Kinder in einer Familie nichts Ungewöhnliches waren, so folgten sie dabei ihrer frommen Pflicht, fruchtbar zu bleiben. Aber dieser gläubige Gehorsam vor dem Gesetz hatte seine zwei Seiten: Schön war es zwar für einen Vater, in der Schul zu beten und stolz dabei seine Söhne um sich zu sehen; doch wenn sie herangewachsen waren, kam die besorgte Frage, wie sie zur Selbständigkeit kommen konnten und zu einem Lebensziel, das jeden einzelnen« ernährte. Schwer war das, um so schwerer, als es ja im Grunde nur den ei::en Beruf auf dem Lande gab damals noch, nämlich Handel zu treiben. Manchmal allerdings drang die Kunde zu ihnen, daß in den Städten hier und da schon einer von ihnen höher hinauf und zu unvorstellbarem Reichtum gekommen sei, ja daß es da oder dort einen großen jüdischen Rechts- oder Heilkundigen gebe, anerkannt von den andern; und in manchen Landstrichen, vor allem im Süden des Vaterlandes, waren schon viele, die seit langem auf eigenem Boden und Grund lebten mit Acker und Flur, der Heimat ganz verbunden. Und so war auch der Leib Gump in Werbungen eines Tages so weit, sich uberlegen zu müssen, was werden solle mit seinen vier Söhnen, als er selbst alt geworden war und sich vom Geschäft zurückziehen wollte. Nun, er tat es, wie es die anderen auch machten und w ie sie es gewohnt waren seit je: er verteilte in dem Miau, in dem von altersher seine Vorfahren gehandelt hatten und angesehen gewesen waren wie er, die sechs Dörfer mit den dazugehörigen Höfen unter die vier Söhne, damit sie da, fleißig wie er, für die Zukunft schafften, ungestört von den anderen Familien der Kchilla, die ihrerseits wieder die Grenzen ihrer Gaue streng achteten; wie wäre es sonst möglich gewesen, friedlich in der Enge zusammenzuleben. Dabei waren sie glücklich im Abiaul der Jahreszeiten und ihrer heiligen l iste, um die sich ihr ganzes Leben als seinen Schwerpunkt schloß. Und keinen' kam es bei, anderes zu tun und das (jcwohntc. zu-durchbrechen. Vier Söhne also hatte Leib (iump, den Elias, den Jikel, den Moses und den roten Jonis, den jüngsten, aber lebhaftesten. Nun, sie waren jetzt auch schon ziemlich in den Jahren, wenngleich keiner von Ihnen noch verheiratet war, da erst drei Schwestern unter der (Jhupa gewesen sein mußten, bevor es an sie kam; und zweie von denen waren schon weggegeben mit angemessener Nedinje, die die Söhne, wie es sich gehörte, hatten mitverdienen müssen. Und leicht war das nicht gewesen bei der Begrenzung des Wirtschaftskreises, gehörten sie doch zu denen im Dort, die bei der Verteilung der Gegend nient eben gut weggekommen waren einstens. Auen hatten schwere Jahre das Land bedrückt mit Hunger und Mißwachs.' Doch waren sie fleißig. Und so hatte der Alte schon, weil er sehr weit über die Sechzig war, abgegeben, wie man es nannte, das heilit, die Söhne brauchten nicht mehr für die Familie zu arbeiten, brauchten ihm nicht mehr abzurechnen am Sonntagmorgen über den Erfolg der vergangenen Woche und konnten selbst daran gehen, sich ein Vermögen zu schaffen. — Das war nicht einfach gewesen. Denn: wie die sechs Dörfer mit dem kleinen Umtrieb unter die Vier \ erteilen? Ls blieb nichts übrig, als zwei von den Dörfern Je zweien der Söhne gemeinsam zu überlassen zu den anderen, die jeder aHeine hatte; anders hatte es isich nicht machen lassen. Dabei wurde straßenweise abgegrenzt oder nach Ober- und Unterdorf; denn die Dörfer lagen zwischen 'Hügeln, auch hatten sie nicht mehr als zwei, drei Straßen. Im wesentlichen lief alles ordnungsmäßig, denn den Jungen lag die Zucht im Blut, wenn es auch manchmal Schwierigkeiten gab und kleinen Streit, vorab weil der Jüngste, der rot' Jonas — nun sagen wir: zu geschäftstüchtig war. Man konnte es ihm freilich zutrauen, wenn man ihn so daherkommen sah mit den ' schnellen füc den S4Hnmu...fcumäiidu Wtidunfy v^Glass&Wels WMtciMkM.

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