Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 8 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden In Württemberg Verlag und Schriftleitung: OSTERBERG 6 STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGSANSTALT Fern.pr 233 28 STUTTGART N K.itmin.tr 13 Bezugspreis RM. 1.13 vi.rtaljihrlich, zuzüglich Pott- und Zustellgebühr Posischeckkonto Stuttgart 36258 $ Erscheint monatlich zweimal, am 1, und 16. Bai Nichterscheinen Inf. hShererGewalt baataht kein Anspruch a. Nachlieferung d. Blattet oder Rückgabe dea Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volkse ufklarung und Propaganda betr. Ueberwachung der geiatlg und kulturall titigen Juden im deutechen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang Stuttgart, 16. Juli 1937 Nr. 8 Zum Tischo b'Aw 5697. 18. Juli 1937. Am 9. Aw 586 wurde von Ncbukadnezar der Tempel Salomos in Jerusalem zerstört. Am 9. Aw 70 erfolgte die Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus. Am 9. Aw 135 n., am Ende des Bar-Kochba- Aufstandes, fiel die Festung Betar. Am 9. Aw 1492 fand die Vertreibung der Juden aus Spanien statt. . Am 9. Aw war nach einer Tradition (Mischna Taan. 4,4) auch die vierzigjährige Wüstenwanderung über Israel verhängt worden. Eine talmudische Sage erzählt: Nach der Zerstörung des Tempels durch Titus warfen die Priester die Schlüssel der Tempelhalle, die ihnen anvertraut war, gen Himmel. Dabei riefen sie: Da wir nicht würdig waren, Dein Heiligtum zu verwalten, legen wir die Schlüssel in Deine Hand. Da erschien eine Hand und nahm die Schlüssel. Die Priester aber stürzten sich in die Flammen, da sie den Untergang des Tempels nicht überleben konnten. Als der Tempel zum zweiten Male zerstört ward, mehrten sich in Israel solche, die darum neue Enthaltung auf sich nehmen wollten. Sie wollten kein Fleisch mehr essen und nie mehr Wein trinken. Da ging Rabbi Jehoschua zu ihnen hin und sprach zu ihnen: Meine Kinder, warum esset ihr kein Fleisch mehr? Sie erwiderten: Wie könnten wir noch Fleisch essen, da doch das tägliche Schlachtopfer auf dem Altar nicht mehr dargebracht werden kann? Dann fragte er: Und warum trinkt ihr keinen Wein mehr? Sie antworteten: Wie könnten wir noch Wein trinken, da doch kein Wein mehr als GieBopfcr auf den Altar gegossen werden kann? Da sprach Rabbi Jehoschua zu ihnen: Wenn ihr so denkt, dann durften wir auch Feigen und Weintrauben nicht mehr essen, denn von ihnen hat mau ja früher das Frühreifopfer dargebracht. Wir dürften kein Brot mehr essen, denn zwei Brote von jeder neuen Weizenernte brachte man einst /um Wochenfest in das Heiligtum, und die Schaubrote stellte man von Sabbat zu Sabbat auf den Tisch im Heiligtum. Und wir dürften auch kein Wasser mehr trinken, denn auch das Wasseropfer am Hüttenfest ist unmöglich geworden. Da schwiegen sie und fanden keine Antwort. Nun aber sprach er zu ihnen: Kommt, meine Kinder, ich will euch jetzt ansagen, wie unser Tun sein muß. Es ist nicht möglich, daß wir nicht trauern, denn Verhängnis ist über uns gekommen. Es ist aber auch nicht möglich, daß wir zu sehr trauern, denn man darf keine Anordnung für die Gesamtheit erlassen, wenn die meisten ihr nicht ohne Gefahr für den Bestand des Ganzen folgen können. Aber so wollen wir es nach den Worten der Weisen halten: Tüncht einer sein Haus, so lasse er einen Fleck kahl und unbeworfen: zum Gedächtnis Jerusalems. Richtet einer ein Festmahl, dann richte er alles gehörig zu, doch lasse er von dem Gewohnten etwas fort: zum. Gedächtnis Jerusalems. Legt eine Frau ihren Schmuck an, so lege sie nie vollen Schmuck an; sie lasse etwas weg: zum Gedächtnis Jerusalems. Denn so heißt es (Ps. 137, 5—6): Vergesse ich, Jerusalem, dein, meine Rechte vergesse den Griff, meine Zunge hefte am Gaurn, gedenke ich dein nicht mehr, erhebe ich Jerusalem nicht , zuhäupten meiner Freude. Aus: Mldrascriim der Klage und def Zuspruchs. Ausgewählt und Qbenefct von Max Dienemann. (Badherei des Scfaocken-Verlagi.) e\ „Einordnung" in Erez Israel. Von Dr. Julius Moses, Tel-flviv Zu den vielseitigen jüdischen Problemen unserer Tage gehört als ein besonders bedeutsames das der „Einordnung" der jüdischen Einwanderer, insbesondere aus Deutschland, in Palästina. Ueber diese Frage verbreitet sich im „Mannheimer .Israel. Gemeindeblatt" Prof. Dr. Julius Moses, früher Vorsitzender des Mannheimer Synagogenrats, in so klarer und einfühlender Weise, daß man seine Ausführungen, aus steter Beobachtung erwachsen, als einen hervorragenden Beitrag zur Psychologie der Alijah aus Deutschland' betrachten darf. Wir lassen den Aufsatz von Dr. Moses anschließend folgen. Als Kinder haben wir uns gern damit vergnügt, dem Gleiten eines Baches zuzuschauen, wir ergötzten uns an dem Spiel der Wellen, die an Klippen anschlugen, über Felsen hüpften, sich überstürzten, um dann ruhig weiter zu strömen. Und es war eine fröhliche Unterhaltung, Steine in das Wasser zu werfen und zu beobachten, wie sich rings um die Treffstelle konzentrische Kreise aufwarfen. Einen solchen spielerischen Genuß gewährt uns Erwachsenen der Blick in den Ablauf seelischen Geschehens bei den Menschen um uns; und gerade hier, wo sich Menschen zusammengefunden haben der verschiedensten Herkunft und Artung, Menschen, deren Lebensstrom an Klippen aufschlug und denen man auch von außen Steine ins Wasser geworfen hatte, wird man zum seelischen Beobachten angelockt. Wie wurden die Menschen fertig mit ihrem Schicksal und wie vollzog sich bei ihnen der psychische Prozeß der Einordnung in diesem Land? Dieses Spiel ist nicht immer heiter, manchmal grausam, aber jedenfalls belehrend und aufschlußreich. Man hört in den Kreisen neuer Einwanderer kaum ein Wort häufiger, als die Frage: „Bist du und wie bist du eingeordnet?" Man will mit der Frage vor allem die ökonomischen Lebensbedingungen erkunden, und nur in dieser Bedeutung mag das Wort „Einordnung" auch für Erez seine sprachliche und sachliche Geltung haben. Auf das Seelische angewendet ist der Ausdruck die mißbräuchliche Anwendung eines Begriffes. Einordnung ist möglich in Chile und Südafrika, in Sao Paulo und in Valparaiso und wo immer unsere Freunde aus Deutschland sich niedergelassen haben. Ueberall dort werden sich entwickeln Gruppen neuer argentinisctier und brasilianischer Staatsbürger jüdischen Glaubens, und man wird auch das Rüstzeug der Abwehr und der Apologetik, das man aus Deutschland — etwas abgenutzt und veraltet freilich — mitgebracht hat, auspacken und gelegentlich in Oebrauch setzen. Und es wird sich eine Einordnung vollziehen, wie sie in der Geschichte des Galut so oft und auch von uns und an uns selbst erlebt wurde. Wenn die jetzigen Zuwanderer dort dieses Ziel nicht ganz erreichen sollten, so ist für ihre Kinder,-die mit den Schwierigkeiten der Sprache und der Fremdheit leichter fertig werden, als die Ausgewachsenen, so etwas wie eine „Emanzipation" zu erhoffen. Gerade von hier aus, der jüdischen Zentralstitte, verfolgen wir den Eingliederungsprozeß der aus Deutschland in alle weit verschlagenen Juden mit großem Wohlwollen und den besten Wünschen. Es gibt eine kleine Erzählung von Oscar W i 1 - d e „Der Künstler". In der Wonne eines seligen Augenblickes wollte dieser seinem Glück Ausdruck verleihen in einem künstlerischen Werk. Aber es war keine Bronze zu finden, und der Bildhauer zog durch das ganze Land, das Material zu suchen. Und endlich stand er vor einer Statue, von ihm selbst geschaffen aus dem tiefsten Schmerz heraus, den er je erlebte, als die Figur des ewigen Leids. Der Künstler zerschlug das Werk und aus dem Bild des Leids, das ewig währt, schuf er das Bild der Wonne, die im Augenblick vergeht. Es kamen Menschen in dieses Land, die im Hochgefühle des Glückes, Freiheit erlangt zu haben, das Bildwerk des Leids zerschlagen wollten, um zu formen das Sinnbild der Freude. Zur Zeit der „Prosperity", wo die wirtschaftliche Einordnung leicht gelang, sahen wir diese Nutznießer äußerer Freuden. Aber das ewige Leid des Judenvolkes drang durch alle Geschäftigkeit und Geschäftlichkeit, durch Nutzen und Gewinn hindurch. Der Abstieg der Konjunkturkurve wandelte manchen dieser Eingeordneten zu Leidtragenden aber nur in dem Sinne, daß sie egoistisch das eigene Geschick als Leid empfanden. Nur der abci darf sich rühmen, in diesem Land verwurzelt zu sein, der sich vermählt mit dem ewigen Leid unseres Volkes und unserer Erde. In einer hiesigen Tageszeitjing las ich neulich eine Skizze, in der ein alteingesessener Jude einem Neuzugezogenen sagt: Als ich vor vielen Jahren ins Laud kam, suchte ich die Freiheit, als Jude leben zu können, du suchst die Freiheit, als N i c h t j u d e hier zu leben. Mit diesem Wort ist die seelische Einstellung einer Menschengruppe gekennzeichnet, die auch unter uns lebt. Es sind Juden, die auf jüdischer Erde das wiedergewinnen wollten, was ihnen jäh entzogen wurde, die Ausfüllung des Lebens mit Tätigkeiten, Werten und Genüssen, die abseits-der jüdischen Interessensphäre liegen. Der fluktuierende, ungefestigte Charakter eines Koloniallandes, die noch ungefestigte Gesellschaftsbildung erleichterten die Erfüllung derartiger Aspirationen. Aber auch sie können sich der Eindringlichkeit einer jüdischen Umwelt nicht entziehen, und so sehen wir solche Menschen, früher allem Jüdischen fern, ihr Können einsetzen für die Interessen des Landes. Vielleicht werden sie nie ganzwertige Zionisten werden, aber sie sind Palästinenser, Erez-lsraelim. Es gibt ein seelisches Agens, das einfließt, ob man es wünscht oder ob man sich dagegen anfänglich sträubt, das ist das Heimatsgefühl. Dieses Gefühl, das fast alle hier in sich empfinden, tilgt alles, was an Emigrantentum noch in der Seele haftet. Aber alles dieses ist noch „Einordnung". Diese Einordnung wird noch durch ein äußeres Mittel unterstützt, durch die Erwerbung der palästinensischen Staatsbürgerschaft, die dem Einwanderer, der zwei Jahre ununterbrochen im Land weilt, auf Antrag verliehen wird. Zur Zeit entfalten die jüdischen Instanzen eine lebhafte Propaganda, um die Olim zu veranlassen, die Einbürgerung zu erwerben. Aber auch mit dem palästinensischen Paß in der Tasche kann man an der Oberfläche der Geschehnisse haften bleiben. Da setzt nun ein Erziehungswerk ein, um aus äußerer Einordnung eine seelische Verwurzelung werden zu lassen. Allerlei Organisationen übernehmen die Aufgabe, durch Vorträge über Geschichte, Landeskunde, Politik und Kultur unseres Gemeinwesens den Fernstehenden einzuführen in die Fülle der Probleme. Daß wir Juden nicht nur ein Volk des Buches, sondern auch der Rede, nicht nur des geschriebenen, sondern auch des