Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 6 (16.6.1937)
- Date
- 1937-06-16
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16.6. 37 XIV. Nr. 6 Jahrhundertc sich vollziehende Wandlung hatte Esra eingeleitet. Er sah die Notwendigkeit, dem Volke seinen eigentlichen Mittelpunkt, den Cilaubensbestand, zu sichern. Ueber das Priestertum hinaus bildete sich die „Gemeinde", über das „Opfer" hinaus das Gebet. Das „Lehrhaus', die Synagoge, war der Ort, an dem die Thora gelehrt und sinngemäß angedeutet wurde. e.it- . stand mit der Zeit, zur Anwendung der Thora im täglichen Leben, die Mischna mit ihrer Zweiteilung, der Hagadah und Halachah, die nicht abgeschlossen werden kann, solange es lebendes Judentum gibt. Die Pharisäer verpflichteten das Volk zum Besuch -des Lehrhauses, damit jeder Jude Anteil am lebendigen Wort Gottes nahm, an der Auslegung der Thora in der täglichen Gesetzgebung. So wurde die Weiterführung des Judentums immer, zu allen Zeiten und in aller Welt gesichert, auch fern vom Heiligen Land Palästina. Die Pharisäer sahen die Aufgabe des Judentums in der Sammlung der geistigen und religiösen Krähe der Verinnerlichung, der direkten Beziehung zu Gott, in dem täglichen Umgang mit ihm. Ihre Sehnsucht" war nach der glaubigen Erfüllung des diesseitigen Lebens, das andere, das „aulom haboh". Sie sind von der Willensfreiheit des Menschen überzeugt, sie glauben daran, daß es der Mensch in der Hand habe, das von Gott in ihn gelegte Gute zu entfalten und zu verwirklichen. Die Verschiedenartigkeit der Zielsetzung brachte die erbittertsten Kämpfe zwischen den Sadduzäern und Pharisäern hervor. Schließlich zerbrach das Reich an der übermäßigen außenpolitischen Spannung. Doch die Pharisäer hatten das Ihrige getan, sie hatten da» dem Judentum innewohnende Formungsgesetz lebendig gemacht. Solange die Judenheit sich sammelt in ihrem Sinne, kann sie nicht vergehen. Gleichsam symbolisch weiß du- Sage dazu zu berichten: Wahrend der Belagerung Jerusalems läßt sich Rabbi Jochanan ben SaJcJun in einem Sarge aus der Stadt tragen und erwirkt beim römischen Feldherrn die Erlaubnis zur Gründung eines Lehrhauses in einer -kleinen Stadt. Damit ist die jüdische „Gemeinde" auch in der Diaspora gesienert. Dem Redner dankte lebhafter Beifall, dem auch Stadtrabbiner Dr. Rieger in warmen Worten Ausdruck verlieh. E. L. Stuttgart. Lieber Leser! Bitte denken Sis daran, daß in den nächsten Tagen der Postbote R.W. 1.25 Abonnementsgebühr für das 3. Quartal 1937 (Juli—September) bei Ihnen erheben wird. Wir bitten Sie herzlich: Lösen Sie die Quittung, die Ihnen Ihr Briefträger überreicht, sofort ein, damit Sie auch in Zukunft das „Gemeindeblatt" regelmäßig erhalten. Wenn Sie abwesend sein sollten, so beauftragen Sie bitte eine geeignete Person mit der Bezahlung der Abonnementgebühr. Auf jeden Fall: Legen Si? R.W. 1.25 bereit! Durch prompte Zahlung sichern Sie sich stets pünktliche Zustellung des „Gemeindeblatts ' und ersparen uns \iele zeitraubende Rückfragen! Stuttgart. Die Misrachi-Ortsgruppe veranstaltet am 17. Juni einen Vortragsabend, bei dem Rabbiner Dr. Simon Bamberger über „Die Betäubungsfrage bei der rituellen fierschlachtung" sprechen wird. Dr. Bamberger nimmt damit zu einem hochbedeutsamen Thema Stellung und jeder, der den Redner kennt, weiß, daß er einen erschöpfenden, wissenschaftlich fundieren Beitrag zu dieser Frage geben wird. Auf den Vortrag sei hiermit nochmals besonders aufmerksam gemacht. Stuttgart. Stuttgarter Jüdische Kunstgemeinschaft. Vielfachen Wünschen entsprechend wird in der Kunstgemeinschaft nochmals die heitere Muse im Rahmen eines Kleinkunstabends zu Worte kommen. Alfons Fink, der durch sein früheres Wirken am Kabarett der Komiker bestens bekannt ist, wird am Samstag, den 19. Juni, mit seinem Ensemble eine Veranstaltung bieten, die in der letzten Zeit im Rheinland, in Westfalen, im Frankfurter Bezirk Stürme der Begeisterung ausgelöst hat. Im Hinblick auf den spaten Ausgang des Sabbaths wird es eine Nachtaufführung werden, die auch in. Rücksicht auf die Jahreszeit als zweckmäßig empfunden werden dürfte. Alfons Fink, der uns durch seine ausgezeichnete Type als Dromio von Syrakus in „Ko- •tnödie der Irrungen" noch in bester Erinnerung ist, wird als „Zauberer der frohen Laune" dem Stuttgarter Publikum einige befreiend; Stunden bereiten. Die Kritik feiert diesen Meister der Komik mit begeisterten Worten: „Ueber alles Lob erhaben, Alfons Fink, voll Saft und Humor und mit Augenblicken tiefster Menschlichkeit ausgefüllt". ... „Da lockt ein Wundermann. Seine Typendarstellungen werden zu einer kabarettistischen via triumphalis. Alles ist elektrisiert. 5i.g auf der ganzen'Linie!" .... „Der Bach-Saal wurde zum Lacn-Saal, als Alfons Fink unerhörte sprachliche und mimische Studien zum Besten gab." Zwei jugendliche Frankfurter Künstlerinnen werden dem Programm noch eine besondere Note verleihen: Margot Hirsch wird Tänze mit Refraingesang darbieten; sie ist eine Meisterin auf diesem Gebiet und wirkte schon früher oftmals mit großem Erfolg bei bunten Abenden des Frankfurter Opernhauses mit. Trude Kanter, die einen Engagementsantrag an die Max Ehrlich- Bühne Berlin erhielt, wird heitere Lieder und Filmschlager singen. Die Begleitung liegt in den Händen des bekannten Pianisten Max Firnberg. Dieses bunt gestaltete Sommerprogramm wird einen großen Zuhörerkreis anziehen, somit empfiehlt sich rasche Kartenbesorgung. Auch in diesem Jahr wird die Kunstgemeinschaft als Sonderveranstaltung am Sonntag, den 2 0. Juni, in der Turnhalle der Jüdischen Schule eine „Musizierstunde" veranstalten, bei der Schüler der Lehrerinnen: Grete Bohle, Hansi Einstein, Ruth Hamburg, Hilde Schiessinger, Poldy S p e r I i n g-D o n a t h und Mari-Elisa Thalmessinger mitwirken. Wiederum soll den Musikpädagogen Gelegenheit geboten werden, ihr Wirken, das sich ja meist im Verborgenen vollzieht, vor einer breiteren Oeffentlichkeit zu zeigen. Die im vergangenen Jahr veranstaltete „Musizierstunde", in der Kinder der verschiedensten Altersstufen in zwangloser, unkonzertmäßiger Weise musizierten, hat besondere Freude hervorgerufen. So wird auch diesmal eine solche Veranstaltung wieder eine starke Beteiligung finden. Stuttgart. Die Ordentliche Mitgliederversammlung der Israel. Waisen- und Erziehungsanstalt „W i 1 h e 1 m s p f 1 e g e" findet am 20. Juni statt, wir machen auf diese Versammlung unsere Leser ganz besonders aufmerksam und fordern sie auf, durch zahlreiches Erscheinen ihr Interesse für uie so segensreiche Aroeit Unsens Waisenhauses zu bekunden. Stuttgart. Hede S c h a c k, die bei allen Musikfreunden in bester Erinnerung steht, sang in einer Kinderstunde des palästinensischen Rundfunks hebräische Lieder, und als Mitglied der neugegründeten Kammeroper beim palästinensischen Rundfunk in „Die Verlobung bei der Laterne" von Offenbach mit ausgezeichnetem Erfolg. Buchau. Der bewährte Vorsitzende des Israel. Vorsteheramtes, Moriz Vierfelder, beging am 13. Juni seinen 60. Geburtstag. In welch vorbildlicher und selbstloser Weise Vierfelder sich in den Dienst unserer Gemeinde und der ganzen Israelitischen Religionsgemeinschaft stellt, ist jedem, der den Jubilar kennt, genau bekannt. Reine Freude an Menschlichkeit ist es, daß er sich in den Dienst aller stellt, daß er jedem ohne Unterschied seine Hilfe und seinen Rat angedeihen läßt. Möge es Vierfelder vergönnt sein, in ungetrübter Gesundheit seine wertvolle Arbeitskraft noch eine ungezählte Reihe von Jahren unserer Gemeinde widmen und darüber hinaus zum Wohle des Gesamtjudentums beitragen zu können! Göppingen. Am 31. Mai wurde das alte, örtliche Kinderfest, der „Maientag", gefeiert. Wie bereits im Vorjahr war die gesamte jüdische Schuljugend in die Veit'sche Hütte auf dem Kornberg eingeladen. In der Früh erfolgte die Anfahrt mit Privatautos, welche abends die stattliche Schar wieder abholten. Dazwischen lag ein wunderschöner Tag, und dieser ging um so schneller vorüber, als nicht nur ein fröhliches Spielen die Stunden ausfüllte, sondern darunter hinein auch immer wieder für das leibliche Wohl in bester Weise gesorgt wurde. Vergnügt genossen die Buben und Mädels die nette Abwechslung, und mit ihnen taten dies auch die erwachsenen Helfer, die sich mit Liebe und Eifer darum annahmen, „Hatikwah". Dokumente einer Hoffnung. Der mit großer Spannung erwartete Palästina- Film „Hatikwah" wurde am 8. und 9. Juni in der Turnhalle der Jüdischen Schule zu Stuttgart aufgeführt. Trotz der heißen Jahreszeit war der Besuch beider Abende gut. Der Film legte Rechenschaft ab, über das, was in den letzten Jahrzehnten in Palästina geleistet worden ist. Er ist ein Dokument für das aufopfernde Arbeiten und die Liebe, mit der die ersten Siedler an die Arbeit gingen, um aus Sümpfen und Oedland fruchtbaren Boden zu schaffen. Längst zur Erinnerung verblaßte Tage werden wieder zur Gegenwart: Die ersten Siedler von Chedera, die Bauarbeiten in den Dünen bei Jaffa, die Entwicklung des Emek, der Aufbau der Städte, die Grundsteinlegung zur Universität auf dem Skopus, die gigantische Entwicklung von Tel Aviv: dies alles spricht in wirksamer Eindringlichkeit zu dem Beschauer, wenn die markanten Bilder vom heutigen Palästina gezeigt werden, wo neue jüdische Menschen auf dem alten Boden leben und arbeiten. Dieser gewaltige Aufbau war allein möglich durch die freiwilligen Spenden des jüdischen Volkes, die dem Keren Kajemeth und Keren Hajessod zufloßen. Gerade heute, in einer Zeit, wo hunderttausenden von jungen jüdischen Menschen Erez Israel letzte Hoffnung und heiß ersehntes Ziel bedeutet, ist es noch dringender notwendig, den Aufbau Palästinas durch die Tat zu fördern. — Dem Hauptfilm voraus ging ein Kurzfilm, der für den Schekel warb. In verschiedenartigen Bildern zeigte er die Verbundenheit der Juden in aller Welt mit Erez Israel und appellierte eindringlichst an die Pflicht, den Schekel zu zahlen. — Eine Singgruppe der zionistischen Jugend leitete mit zwei Liedern den Abend ein. Rechtsanwalt Dr. Tänzer begrüßte die Anwesenden und ging näher auf die Bedeutung des Filmes ein. Er wies darauf hin, daß man diesem Filme nicht den Maßstab der modernen Technik, des Tonfilmes, anlegen könne; vielmehr müsse man ihn als einen Bildstreifen betrachten, der von jüdischen Menschen für jüdische Menschen geschaffen ist, die durch Kampf und härtesten Einsatz das heulige moderne Erez Israel schufen. Der Redner betonte nochmals die dringende Notwendigkeit, den Schekel zu zahlen, um sich damit zu dem großen Aufbauwerk des jüdischen Volkes zu bekennen. In ganz hervorragender Weise verstand es Fritz Rothschild, durch harmonische Abstimmung zum Film am Flügel zu begleiten. Mit dem Gesang der „Hatikwah" schlössen die wohlgelungenen Abende. daß das Fest einen so harmonischen Verlauf nahm. Ihnen allen, vornehmlich der gastfreundlichen Familie Veit, gebührt der allerherzlichste Dank. Göppingen. Durch die bevorstehende Auswanderung von Hans Raff mußte in der Person von Walter Pincus für den „Schild" ein neuer Sportleiter gewonnen werden. Ebenso war der Posten des Kassiers in der „Merkuria" neu zu besetzen. Dieses Amt hat nunmehr Otto G u t m a n n übernommen, welcher schon bisher der Schriftführer des Kulturbunds ist und für den Rest des Vereinsjahrs jetzt außerdem das Rechnungswesen erledigt. Beide Organisationen verlieren in Hans Raff ein besonders treues und tatkräftiges Mitglied, welches jederzeit zu finden war, wenn die Gemeinschaft seine ersprießlichen Dienste beansprucht hat. — Der Israelitische Frauenverein, eine der ältesten und segensreichsten Organisationen unserer Gemeinde, gibt von neuem einen hervorragenden Beweis seiner Rührigkeit durch die Abhaltung eines Zuschneidekurses für seine Mitglieder. Am 8. Juni nahm dieser seinen Anfang, und die stattliche Anzahl der Anmeldungen zeigt von vornherein, wie dankbar dieser Lehrgang aufgenommen wird. Angebote auf Chiffre-Anzeigen sind beim Verlag abzuholen.