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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-06-16 · 6 (16.6.1937) · p. Seite 47

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
6 (16.6.1937)
Date
1937-06-16
Page
Seite 47 (sequence 7)
Language
German
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XIV. Nr. 6 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 16.6. 37 47 dert Mann an Polizisten und Arbeitern bestellt, die am ersten Tag bei den Aufbau- und Sicherheitsarbeiten helfen sollten. Oalt es doch, an einem Tag Drahtzaun, Chazazmauern, Wachtturm und Holzhäuser fertigzustellen, um für die erste Nacht Unterkunft und Sicherheit zu schaffen. Aus unserer Gruppe wurden zwei Mann ausgewählt, die diesen ereignisreichen Tag miterleben durften. Wir, die „Zurückgebliebenen", waren nun natürlich sehr neidisch und enttäuscht, denn jeder hatte doch im Stillen gehofft, daß auch er dazu ausersehen würde, mitzuhelfen. Wir arbeiteten an diesem Tag glücklicher- oder unglücklicher weise neben der Straße naen Schartah bei einer äußerst sinnvollen und bedeutsamen Arbeit: üiftstreuen , in Mauselöcher. Also kurz und gut: wir sahen ständig die mit Materialien und lachenden Menschen voll beladenen Lastwagen nach Beth Schau fahren — und auf einmal saßen wir, fünf Mann hoch (d. h. vier Jungen und ein Mädel), auch auf so einem Auto, waren von der Arbeit ausgerissen und — mit dabei. (Ueber etwaige Nachspiele wegen Verlassen des Arbeitsplatzes machte man sich keine unnötigen Sorgen. Es war für uns bedeutend wichtiger, eine neue Siedlung aufbauen zu helfen, als Mäuse zu töten.) Wir waren also dabei, haben mitgeholfen bei Chazaz, beim Aufstellen der Häuser und bei all den anderen tausend Arbeiten. Wir haben geschwitzt, wir haben geschuftet wie noch nie früher an einem Arbeitstag, aber wir haben, glaube ich, auch noch nie eine solche Befriedigung Ün der Arbeit gespürt wie an diesem Tag. Nachmittags hat es, entgegen allen Voraussagen, feregnet. Wir mußten im Regen zwei Stunden ei Dunkelheit mit dem Traktor heimfahren, aber die Begeisterung war nicht weggewaschen worden, sie war geblieben. Und es war wohl jedem von uns Fünfen klar, daß wir heute eines der Ziele gesehen hatten, wofür wir den Weg der Jugend-Alijah gewählt hatten, wofür wir ins Land gekommen waren. Jetzt verfolgen wir wochenlang die Berichte über die Kämpfe und Schwierigkeiten, mit denen diese neue Siedlung und die anderen zu rechnen haben. Tel Amal muß sein Lager an einen anderen Platz verlegen. Hasadeh hat noch kein Wasser, man bekommt dort jeden Tag eine Tasse voll zum Waschen; wochenlang schlafen alle Leute in ein oder zwei Baracken wie in Massenquartieren. Nochmals müssen Hilfskräfte aus den Siedlungen geschickt werden. Dann machen sich die Araber bemerkbar, und es gibt einen Die Jahrzeit. i Von Leopold Kompert. Wenn Jakob Low am Freitagnachmittag von seif nen Geschäftsreisen zurückkehrend, sein Haus i betrat, dies gesegnete, vom Hauche lieblicher! Weiblichkeit gleichsam durchwärmte Haus, da 1 empfand er jedesmal ein wehmütig freudiges Ge- I fühl. Fünf lockige Knabenhäupter drängten sich L unter seine Hände, damit er sie segne; eines woll- 1 te dem anderen zuvorkommen; er hatte sie alle ■ in einem dichten Knäuel beisammen, im Voll- Igetiuß seines Vaterstolzes, der ihm tlas Her/ ■ schwellte, dachte er an sein eigenes Sterben. Er ff mußte denken: „Siehe, wie dein Gott es so schön eingerichtet hat! Wenn du einmal von dieser Erde fortgehst oder dein Weib, dann haben wir nach uns diese fünf_ prächtigen Knaben gelassen, und die sagen uns' Kaddiscn nach." Es ist dies jenes seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das, in der Sprache des alten •; Zion lautend, einen wesentlichen Bestandteil des I täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnisvoll; Engel sollen es vom Himmel gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, am Morgen und am Abend, im Gotteshause durch das ganze Trauerjahr und dann am jedesmaligen Todestag „zur Jahrzeit" sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft inne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sagt es den toten Eltern, daß das Kind ihrer gedenke: dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen. Fürwahr! wenn es irgendein Band gibt, stark und unauflöslich genug, um Himmel und Erde aneinanderzuketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Toten und einen Verwundeten. Jeder ist sich klar darüber, daß das ein schwerer Schlag ist — aber trotzdem kein Stein in unserem Weg. Glücklicherweise kommen jetzt auch erfreuliche Nachrichten von diesen neuen Siedlungen: Hasadeh ist anerkannte Bahnstation geworden; vom Grenzlager her soll eine Wasserleitung dorthin gelegt werden. In der letzten Woche bekamen Tel Amal und Hasadeh Polizisten und Bewaffnung genehmigt. ■ Dieser Werdegang der beiden Siedlungen, der Kampf vom ersten Tag bis zur Anerkennung durch die Regierung, der tägliche Kampf um Behauptung in einer arabischen Umgebung, der Kampf um neuen jüdischen Boden, neues jüdisches Land — dieser Kampf wird uns Vorbild und Wegweiser Sein für die Zukunft unserer eigenen Gruppe. . Wir haben den beiden Siedlungen viel zu danken, denn sie haben uns unseren Weg gezeigt! Wir wissen, daß wir diesen Weg gehen werden und gehen müssen — den Weg unserer Vorbilder: Hasadeh und Tel Amal. Hans Löb. Aus den Gemeinden Württembergs. Stuttgart. Am 2. Juni fand eine Sitzung des Vorsteheramtes statt. Der Vorsitzende, Carl L e v i, eröffnete die Sitzung und begrüßte insbesondere den Senior Essinger, der nach seiner Genesung zum ersten Mal wieder an den Arbeiten teilnimmt. Nach Verlesung der in der letzten Sitzung gefaßten Beschlüsse durch den Gemeindepfleger Dr. Cohn erstattet Theodor C. Hirsch den Bericht der Finanzabteilung. In dieser war u. a. beschlossen, eine auf den neuesten Stand gebrachte Liste der Gemeindemitglieder zu veröffentlichen, die durch vierteljährliche Nachträge auf dem Laufenden gehalten werden soll. Personalfragen innerhalb der Gemeindepflege wurden geregelt. Im zweiten Stock des Hauses Gartenstr. 30 wird die Haushaltungsschulklasse eingerichtet; hierzu notwendige bauliche Umänderungen und Einrichtungen, vor allem in Hinblick auf die Lehrküche, sind veranlaßt. Den Sportvereinen wurden Zuschüsse bewilligt. Ueber die Schulabteilung berichtete Oberrechnungsrat Meyer. Ein zur Zeit eingerichteter zehnwöchiger Handarbeitskurs erfreut sich regen Lebenden aneinander, und bildet die Brücke in das geheimnisvolle Reich des Todes. Es mag seltsam klingen. Mitten aus dem Taumel der wüstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches verwilderte Gemüt aufgeschreckt, daß es sich besann und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die toten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch ein Gemüt überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater und Mutter noch über ihm leuchtete! Es ist von heiligender Gewalt! Zu wissen: du stirbst, aber die Erdscholle, die über deinem Haupte rauschte und fiel, deckt dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob-sie im Gewände der Armut oder im schimmernden Prunke des Reichtums sich befinden, dieses Gebet dir nachsenden; du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande dein, du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof, keinen Acker zurück, daß sie dein gedenken müßten; dennoch bewahren sie dein Andenken als teuerstes Erbe ... unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die du im Leben warst, erheben sie dich, wenn du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit... sie raffen dich aus dem Staube der Vergänglichkeit auf. — Wer wird nun Jakob Löws eigentümlichen Gedankengang nicht begreifen, und daß er eine Befriedigung darin finden konnte, fünf Knaben würden ihm einst „Kaddisch" nachsagen?.... Leopold Kompert, dessen 50. Todestag vor kurzem Anlaß gab, seines literarischen Werkes zu gedenken, ist vor allem durch seine Ghetto- Geschichten bekannt. Die kleine Erzählung, die wir hier abdrucken, entstammt den „Geschichten einer Gasse" und .ist enthalten in Nr. 12 der Jüdischen Lesehefte „Leopold Kompert" von E. Gut (Schocken-Verlag). Zuspruchs. Die Verhältnisse der Jüdischen Schulen in Württemberg sollen durch Schaffung von Ortsschulräten vereinheitlicht werden; demgemäß wurde beschlossen, auch für die Jüdische Schule in Stuttgart — zunächst probeweise — einen Ortsschulrat zu bilden. Das Ausscheiden zweier Lehrer, Berlinger und Dr. Schottland, deren Verdienste um die Schule besonders hervorgehoben werden, machte eine Ergänzung des Lehrkörpers-erforderlich; die nötigen Schritte hierzu sind eingeleitet. Dr. Tänzer betonte die Notwendigkeit, auf die Ausbildung in Iwrith größten Wert zu legen. Den Bericht der Kulturabteilung erstattete Dr. Sander. Die Uebexmittelung eiliger Nachrichten, besonders personeller Natur, an die Gemeindemitglieder soll durch das Gemeindebüro übernommen werden, wobei mit Rücksicht auf die Kosten nur ein Teil der Mitglieder die Nachrichten direkt erhält. Die Bücherei hat sich erfreulich entwickelt; es werden in einer übersichtlichen Ausstellung diejenigen Werke vorgelegt, die im Laufe der letzten 1 \ % Jahre angtschatft worden sind. Insbesondere wird der bewährten Bibliothekarin Alice Reis Dank und Anerkennung ausgesprochen. Die Bücherei krankt an der Raumtrage, die auf eine befriedigende Lösung drängt. Wert wird auch auf die Beschaffung fremdsprachiger Bücher gelegt; da deren Erwerb zur Zeit mit Schwierigkeiten verbunden ist, wäre man für die Zuweisung solcher Werke, besonders in hebräisch, englisch u. a. m. dankbar. Die Entwicklung des Lehrhauses ist befriedigend; die finanzielle Situation ist normal; die Vorträge und Sprachkurse erfreuen sich reger Beteiligung. Für den Winter ist eine Erweiterung der Obliegenheiten der Kulturabtcihing in Aussicht genommen; es sollen Vorträge, Diskussionen, Musikabende und gesellige Zusammenkünfte veranstaltet werden. Zum Schluß wurden noch laufende Angelegenheiten erledigt. Eine weitere Sitzung des Vorsteheramtes fand am 9. Juni 1937 statt. Nach dem Vorschlag der Finanzabteilung wurde beschlossen, die Gehälter der Lehrer an der Jüdischen Schule in Stuttgart durch Anlehnung an die staatliche Besoldungsordnung neu zu regeln. Den Bericht über das Schwarzwaldheim Mühringen erstattete Josef BrückeI. Die Genehmigung, das Heim zu belegen, ist erteilt. Einige kleinere Reparaturen sind veranlaßt. Die Eröffnung wird am 1. Juli erfolgen; die Sätze sind die gleichen wie bisher. Das Baden für die Kinder wird ermöglicht. < Anschließend fand noch eine eingehende Aussprache über die Rabbinerfrage statt. Stuttgart. Im Rahmen des vom Jüdischen Lehrhaus gehaltenen Zyklus „Zerfall und Sammlung" sprach Rabbiner Karl Richter -Stettin, ein geborener Stuttgarter, aufs herzlichste begrüßt von seinem ehemaligen Lehrer, Stadtrabbiner Dr. R i e g e r, über „Sadduzäer und Pharis ä e r". Sein zweistündiger Vortrag, gleich bemerkenswert durch reiches Wissen und warmherzigstes Empfinden, kann im Rahmen einer Besprechung nur in den Grundlinien angedeutet werden. Nach einer einleitenden Uebersicht über die letzten Epochen vor der Zeitenwende ging der Redner auf sein eigentliches Stoffgebiet über und zeichnete die Haltung und Stellung dieser beiden Gruppen, die sich in ihrer verschiedenartigen religiösen und politischen Orientierung bekämpfen mußten. Die Deutung dieser Kämpfe wurde immer wieder versucht, doch erst der Forschung der letzten hundert Jahre scheint es gelungen zu sein, ein einigermaßen unparteiisches Bild zu gewinnen. Die Sadduzäer fühlten sich bevorrechtet durch Geburt und Ausübung ihres heiligen Berufes. Sie waren an den „heiligen" Tempelbezirk gebunden, an die „heilige Handlung des Opferns", an die wörtliche und buchstabenmäßige Auslegung der Thora und ihre Anwendung im Gesetz. Ihr Ehrgeiz suchte die Auswirkung seiner Bestrebungen im politischen Betrieb der Großmächte mit der Blickrichtung auf das Reich der Hellenen. Anders die Pharisäer! Aus der babylonischen Gefangenschaft hatten sie die Thora als lebendiges Wort Gottes gebracht, als Bindeglied des religiösen und täglichen Lebens. Die starren Begriffe, die mystische kultische Handlung hatten sich aufgelokkert, die Thora wurde befreit von der buchstabenmäßigen Anwendung. Diese im Laufe der

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