Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XIV (1937)
- Issue
- 1 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
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D*8 e* heute anders geworden ist, das beweist schon diese Ausstellung. Ob unser Unternehmen ln früherer Zeit möglich gewesen wir*, ob wir damals, bei Gründung der Oese Uschs ft für Jüdische Familienforschung. dieselbe Resonanz gefunden hätten, ist zweifelbart. Aber daß mich, der ich die Ehre habe, die Gesellschaft zu leiten, heute, an diesem Tage,' wo wir unsere Ahnen vor Sie, meine Damen und Herren, hinstellen, ein starker Stolz erfüllt, das bekenne ich ohne Scheu! Von diesen Wänden grüßt manch Meisterwerk, das in zeitlosem Zauber den Beschauer fesselt. Nicht jeder von uns kann in solchem Meisterwerk seinen .Vorfahren finden. Aber auch das schlichte, kleine, vergilbte kann für uns, die Nachgeborenen, unendlich viel bedeuten. Sehen wir es doch nicht mit dem Auge des Kunstkenners oder des Aestheten, sondern für uns vergoldet es vielleicht die Erinnerung an ein paar Worte, die der Dargestellte zu uns in unserer Jugend gesprochen hat, an eine Oreisenhand, die segnend einst auf unserem Scheitel geruht hat. Ueber dem Tempel des Apollo zu Delphi stand das Wort: „gnothi seauton” ---- Erkenne dich, selbst. Wenn wir jetzt durch diese Ausstellung schreiten, möge sie uns allen zum Tempel werden, der unser eigenes Ich uns offenbart, indem wir erkennen, aus welchen Elementen unsere Persönlichkeit sich geformt hat, und in Demut und Ehrfurcht mit Goethes orphischen Urw orten begreifen: ... nach dem Gesetz, nach dem du angetreten, so mußt du sein. Dir kannst du nicht entfliehn. Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt!” Schicksalsfrage des Bodens. Von Adolf Pollak, Jerusalem. Einwanderung und Bodenkauf sind die entscheidenden Probleme beim Aufbau unserer nationalen Heimstätte in Palästina. Die Juden, die Araber und die Mandatarmacht haben dies erkannt, und deswegen sind diese zentralen Probleme zu politischen Fragen ersten Ranges geworden. Die Frage des Bodens hat einen sehr breiten Raum in den Verhandlungen der Königlichen Kommission eingenommen. Englische Regierungsbeamte, jüdische und arabische Zeugen haben darüber ausgesagt, und man darf annehmen, daß für alle unvoreingenommenen Beobachter einige Klarheit in die realen und unabänderlichen Tatsachen des palästinensischen Bodens gebracht wurde. Die Bodenfrage wurde zum ersten Male nach den Unruhen von 1920 in den Vordergrund gerückt und zu einer politischen Frajje gestempelt. Der merkwürdige, von allen ernsten bachverständigen widerlegte Bericht des englischen Experten Sir John Hope-Simpson über die verfügbare Fläche des siedlungsfähigen Bodens in Palästina ist zwar noch nicht vollständig von der Mandatarmacht fallen gelassen worden, aber unser sechsjähriger Aufklärungsfeldzug seitdem hat — wie Dr. Weizmann vor einiger Z«.< mit Recht sagte — einige Tatsachen festgestellt, die, soweit man von der Wirklichkeit ausgehen wird, in folgendem bestehen: 1) Die besiedlungsfähige Fläche innerhalb der Grenzen des Mandatsgebietes, einschließlich des anbaufähigen Bodens im Negew (Süden), die Hope- Simpson mit 8.200.000 Dunam, die Regierung gegenwärtig mit 9.400.000 Dunam angibt, beträgt nach zuverlässigen Feststellungen der Experten der Jewish Agency 12.700.000 Dunam. 2) Die notwendige Einheitsfläche für die Ansiedlung einer Familie, die Hope-Simpson vor sechs Jahren mit 250 Dunam für extensive unbewässerte, und mit 50 Dunam für intensive bewässerte Wirtschaft angab, kann man auf Grund einer mehrjährigen, praktischen Siedlungserfahrung in den ebenen auf ungefähr ein Drittel dieser Fläche beziffern. Allerdings kann dabei der von englischen Experten angewendete Begriff der Kultivierbarkeit, nämlich „die Aufwendung der Arbeit und Finanzmittel eines durchschnittlichen Palästinabauern”, nicht zum Grundsatz gemacht werden, denn sonst gäbe es heute in Palästina weder bei Juden noch bei Arabern eine Landwirtschaft, die die übliche Fellachen Wirtschaft turmhoch überragt. In einem ausgezeichneten, kleinen Buch, „Um den Boden Palästinas", das Dr. A. üranovsky, der beste Kenner des Bodenproblems Palästinas, soeben veröffentlicht, und das alle wichtigen, vor die Königliche Kommission gebrachten 1 atsachen zusammenfaßt, wird in überzeugender Weise dargelegt, welche großen Möglichkeiten bei einer wirklich rationellen, auf die Erfahrungen der jüdischen Siedlungstätigkeit gestützten Nutzung des palästinensischen Bodens für Juden und Araber vorhanden sind. Das Bodenproblem ist ein politisches Problem in zweifachem Sinne. Die Entscheidungen der Mandatarmacht — auf Grund von Vorschlägen der Königlichen Kommission — können von politischen Erwägungen bestimmt werden, wobei nicht immer von den realen Bedingungen des Landes und den wahren Interessen seiner Bewohner ausgegangen wird. Solche Entscheidungen können unsere planmäßige, friedliche Aufbauarbeit erschweren, sie können sie aber niemals zum Stillstand bringen. Die andere politische Seite ist die Bodenpolitik des jüdischen Volkes, die es sich zum Ziel gesetzt hat, durch Erwerbung des palästinensischen Bodens als unveräußerliches Eigentum die starken Grundlagen eines schöpferischen, auf Selbstarbeit aufgebauten, sozial gerechten Lebens zu schaffen. Bei dieser Politik kommt cs in erster Linie auf die Kräfte des jüdischen Volkes an, das hat die Erfahrung der letzten sechzehn Jahre gezeigt, wo trotz von Jahr zu Jahr wachsenden Schwierigkeiten der Volksboden sich verzwanzigfacht hat. Die Schlüsselpositionen im Emek Jesreel, Emek Sebulon und Emek Chefer, wo seit 1920 auf nationalem Boden mit nationalen Mitteln über hundert neue Siedlungspunkte neben städtischen, vorstädtischen und industriellen Positionen entstanden sind, sind der sichtbare, überzeugende Beweis, was organisierte Volkskraft trotz aller äußeren und inneren Tlindernisse zu leisten imstande ist. Auch das Schicksalsjahr 1935, das uns die bisher schwerste Belastungsprobe bei unserem Aufbauwerk gebracht hat, hat den Gang der Bodenpolitik nicht aufhalten können. Vielleicht wäre es ohne die Unruhen ein Rekordjahr in der nationalen Bodenvermehrung geworden. Immerhin konnten mehr als 13.000 Dunam neu erworben werden. Ein auf längere Sicht aufgestellter Plan, der die Abrundung wichtiger 'Siedlungszentren und die Erschließung neuer, für unser Gesamtwerk entscheidender Getute (insch iiß , wurde von der verantwortlichen Leitung unserer Bodenpolitik ausgearbeitet. Die Aussichten für die Durchführung dieses Planes sind in mancher Beziehung besser, als sic vor den Unruhen waren. Alles hängt aber davon ab, ob das jüdische Volk, als der primäre Exponent dieser Bodenpolitik, seine Kräfte dafür zur Verfügung stellt, ob der Gedanke von der Erlösung des Bodens sich in den Volksspenden, die dafür notwendig sind, dokumentieren wird. Vielleicht darf man eine gewisse Hoffnung aus der Tatsache schöpfen, daß in dem tragischen Schicksals>hr 5.96 die Volksspenden des Keren Kajemeth größer waren als je vorher in den fünfunddreißig Jahren, die der KKL besteht. Die Juden in Deutschland haben im letzten Jahr auch stärker als je vorher ihre Verbundenheit mit Erez Israel und ihre Einsicht in die Notwendigkeit einer raschen und breiten Vermehrung des Volksbodens dokumentiert. Sicherlich hat dabei die wichtige Tatsache mitgewirkt, daß von den etwa 33.500 Juden, die in Palästina ihr Heim gefunden haben, zehntausende mehr oder weniger Nutznießer des palästinensischen Bodens geworden sind. Die zweite, große, traditionelle Aktion des Keren Kajemeth zu Pessach, bei der sich der KKL an die Judenheit in Deutschland wendet, wird sicherlich nicht weniger erfolgreich sein als die Aktionen im Vorjahre. Der Erfolg unserer Bodenpolitik in Palästina hängt ab von der Stellung, die die Juden in der ganzen Welt, also auch in Deutschland dazu nehmen. Siedlungsmöglichkeiten in Übersee. Ein Vortrag von Dr. M. Wischnitzer, Berlin. Auf Einladung des Oberrats der Isr. Religionsgemeinschaft Württembergs und des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Ortsgruppe Stuttgart, sprach am 21. März in der Synagoge in Stuttgart Dr. M. Wischnitzer, Berlin, Generalsekretär des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, über „Siedlungsmöglichkeiten in Ucbersec". Nach einer Begrüßungs-Ansprache von Stadtrabbiner i. R. Dr. R i e g c r nahm der Redner das Wort vor einer sehr zahlreichen Hörerschaft und betonte einleitend, er sei sich der Verantwortung bewußt, vor Menschen zu sprechen, die Wege zur Auswanderung suchen. Er schilderte die Eindrücke seiner Afrika- Reise I93t>, die ihn nach der Südafrikanischen Union, Kenya und Rhodesien führte. In den großen Städten Johannesburg, Kapstadt, Port Elizabeth habe er erneut die ungesunde Berufsstruktur der . deutschen uden festgestellt, die ein Hindernis für stärkere mmigration und schnelle Unterbringung sei. Sowohl in den genannten Ländern als auch in den Staaten Südamerikas sei für Kaufleute, Vertreter, Reisende und Akademiker, insbesondere ohne genügende Sprachkenntnissc, kein Platz. Gesucht werden dort Menschen für die Landwirtschaft, gut aujgebildete Handwerker und Techniker; Angehörige dieser Berufsgruppen seien verhältnismäßig rasch unterzubringen. Lediglich in den U S A. gäbe es für kaufmännische und freie Berufe noch einige Chancen, allerdings nicht in den großen Städten, sondern mit gewissen Einschränkungen an kleineren Plätzen. Er warne deshalb nacndrücklichst, die Auswanderung unter Vorgabe anderweitiger Betätigung als Sprungbrett zur Fortsetzung des bisherigen Berufes zu benützen. Diese Art Auswanderung verursache teilweise groß; Kosten ohne Produktives zu schaffen und verhindere vielfach die weitere Einwanderung in die verschiedenen Staaten. Dr. Wischnitzer wies dann auf die Notwendigkeit hin sich vor Augen zu halten, daß für uns Juden ein neuer Abschnitt begonnen habe und ein anderes Leben aufgebaut werden müsse. Dies erfordere eine gründliche Umstellung, die Erlernung der Landwirtschaft, solide handwerkliche und technische Schulung uird Ausbildung. Es bestehe die Möglichkeit, Menschen mit unbeugsamer Willenskraft und Anpassungsfähigkeit in 3 Kontinenten, Mittel- und Süd-Amerika, Afrika und Australien, in klimatisch geeigneten Gebieten unter günstigen Bedingungen a n z u s i e d e I n. Der Redner gab Kenntnis von einem Plan zur Gruppensiedlung in der mittelamerikanischen Republik Costarica, der mit Hilfe amerikanisch-jüdischer Kreise im wesentlichen fertiggestellt sei und nur noch weiterer Erläuterungen bedürfe. Es erging an Interessenten für diese Siedlungen die Aufforderung, sich sofort beim Hilfsverein, Stuttgart, Oartenstr. 15, zur Entgegennahme näherer Informationen zu melden. Weiterhin werde in kürzester Zeit der Bericht der Untersuchungs-Kommission des Hilfsvereins, die einige Provinzen Brasiliens bereiste, veröffentlicht werden. Es bestehe die Hoffnung, daß auch in Brasilien geeignete Gebiete zur Schaffung jüdischer Siedlungen erschlossen werden. Es sei das Bestreben des Hilfsvereins, mit Hilfe ausländischer Stellen eine der JCA ähnliche Organisation zu schaffen, die es als ihre vornehmste Aufgabe betrachte, auswanderungswilligen und -fähigen Menschen Hilfe zur Er- 1 i 25 JAHRE I,»»T> MÜNCHENS BJtlINNMSTRASSIM KLEIDES . llüTEL . PELZE KOSTO lernung eines produktive Werte senaftenden Berufes und zur sprachlichen Ausbildung zu gewähren und sie in der neuen Heimat, wie die J(.A in Argentinien, durch Fachkräfte so lange zu brtrcucn, bis selbständige und auskömmliche Arbeit gewährleistet wird. Zusammenfassend erklärte Dr Wischnit/ci wörtlich: „Wir sind heute eine Notgemeinschaft. ein großer Auswanderungsverein, aus welchem der eine heute, der andere vielleicht wenige Monate später ausscheidet. Ich appelliere deshalb an die gesa::-. e jüdische Oeffentlichkeit, die Arbeit des Hilfsvereins der Juden in Deutschland materiell, moralisch und organisatorisch nach besten Kräften zu unterstützen, damit wir unserer Generation und unseren Kindern die Gelegenheit geben können, in fremden Ländern eine neue Existenz aufzubauen und einer besseren Zukunft entgegenzugehen.” Abschied von der Heimat. Ein Brief einer kleinen Auswanderin. Liebe Erika! Jetzt, nachdem der Abschiedsschmerz etwas überwunden ist, und ich in meinem behaglichen Zimmer sitze, sollst Du ausführlich von mir hören. Wie Du weißt, bekam ich die Einreisebewilligung nach Amerika schneller als wir dachten. So vergingen die letzten Tage, die ich in der Heimat verbrachte, wie im Fluge. Meine Mutter saß in einem Berg voll Weißzeug; besserte hier etwas aus, nähte dort Verschiedenes an, kurz, sie kam vor lauter Arbeit nicht zur Besinnung. Ich freute mich sehr darüber, denn dadurch konnte sie doch nicht so viel an den Abschied denken. Wie es mir aber zu Mute war, kannst Du Dir kaum vorstellen. Ich schlich wie ein begossener Pudel umher und blickte mit großer Gleichgültigkeit auf die vielen und reichhaltigen Geschenke, die kaum alle in meinen Koffer untergebracht werden konnten. Ich betrachtete mit Wehmut mein schönes, trauliches Stübchen, in dem ich so viele fröhliche und auch, ernste Stunden verbracht hatte. Werde ich es jemals Wiedersehen?, fragte ich mich. Hier an dem Erkerfenster, meinem Lieblingsplätzchen, hatte ich so oft dem bunten Treiben auf der Straße zugeschaut. Treffe ich, wenn ich wieder einmal zurückkehre, alles so an, wie ich es verlassen habe? Wird es mir einmal wieder möglich sein, mich von meiner Mutter in die Arme schließen zu lassen und ihr mein Herz, auszuschütten? Ach, wie oft quälten mich solche Fragen! Lange wälzte ich mich abends ruhelos in meinem Bett herum, bis ich dann totmüde eiuschlief. Wie oft betete ich inbrünstig zu Gott, daß er meine Lieben beschützen und mich in seine Hut nehmen möge! So kam der Tag heran, an dein ich fortfahren sollte. Zum letzten Male ging ich durch mein kleines Gärtchen, in dem alle Blumen wetteiferten, mir durch ihre wunderbaren Farben und ihren Duft den Abschied so schwer wie möglich zu gcstaltch. Mein Kätzchen miaute kläglich, als wüßte es schon, daß es nicht mehr so sorgsam gehegt und gepflegt werden würde Mit Gewalt mußten mich meine Eltern in das D' t*-itstchendc Auto bringen. Wir fuhren durch die Straßen, in denen ich als Kind getollt hätte. Nachbars Apielbuuni, dessen Früchte mir so gut mundeten, nUte mir ein letztes Lebewohl zu. Noch einmal, s.•!. ieh den großen Mögen David unserer Swiagoge u ' in Mahnruf in der Sonne glitzern. dann u i dies vorbei. Mir kam es vor, als wäre ich nun i Jahre älter geworden. Ich wußte, welche Aufg •> he- Psalm 114 Als Jißrael zog aus Aegypten, Jaakobs Haus aus dem stammelnden Volk, ward Jehuda zum Heiligtum ihm, Jißrael sein Waltebereich. Das Meer sah es und floh, der Jordan bog rückwärts aus, die Berge hüpften wie Widder, Hügel wie die jungen Schafe. Was ist dir, du Meer, daß du fliehst, du Jordan, biegst rückwärts aus, ihr Berge hüpfet wie Widder, Hügel, wie die jungen Schafe? Vorm Antlitz des Herrn kreiße, Erde, vorm Antlitz des GoHes Jaakobs, der den Fete in einen Wasserteich wandelt, einen Kieset zum WasserqueU! - /Am: Mir»i Mw, mtmi§u, MMtw-Vwfci!.