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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1937-04-01 · 1 (1.4.1937) · p. Seite 4

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XIV (1937)
Issue
1 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
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— 4 — deutete, allein in ein wildfremdes Land, ins Ungewisse zu fahren. Meine Eltern segneten mich zum letzten Male, und dann stand ich mit tränenverschleiertem Blick auf U ck des Schiffes und winkte meinem Hehrfatland die letzten Grüße zu. Die nächsten Tage fühlte ich mich so matt und elend, daß ich mich ins Bett legen mußte. Aber ich faßte mich bald und nahm mir fest vor, nicht mehr so viel an das Zurückliegende zu denken, sondern froh in die Zukunft zu schauen. Ich will ein tapferes, jüdisches Mädchen sein und immer auf Gott vertrauen. So, liebe Erika, heute habe ich Dir genug geschrieben. Denke oft an Dein«, ferne, aber Dich immer liebe tfde - Margot. Rabbiner Dr. Tänzer sei. Ang. als Wissenschaftler. Von Rabbiner Dr. Auerbach, Stuttgart. Durch den vor wenigen Wochen erfolgten Tod des Rabbiners Dr. A. Tänzer, Döppi.igen, hat die Judenheit in D-ntschland Linen schweren Verlust erlitten. Dem Rabbinerstand in Deutschland ist wohl der wissenschaftlich befähigtste Rabbiner entrissen worden. Er war 1S71 in Preßburg geboren und stammte aus einem deutenden Rabbiner-Geschlecht. Schon in friihistnr. Kindesalter wurde er ins jüdische Schrifttum ■ erführt. Kaum dem Knabenalter entwachsen, trat er in die berühmte Rabbinerschule in Preßburg ein. Wer in ihr mitkommen wollte, mußte bereits ul er ein hohes Maß jüdischen Wissens verfügen. Es eali auf ihr junge Gelehrte, die ob ihrer Kenntnisse und ihrer Denkfähigkeit bewunderungswürdig waren. Freilich, moderne Bildung drang nicht oder nur sehr sp rlicTi dorthin. Aber den dort Geschulten fiel es nicht allzu schwer, sie sich anzueignen. Das zeigt das Beispiel des erst achtzehnjährigen Aron Tänzer. Ein cliemaliger Mitschüler ton ihm, Rabb. Dr. Neuwirth, Stuttgart, berichtete mir folgendes: In einem Nachharstädtchen Preßburgs wohnten nur wenige Juden. Zu den Hohen Feiertagen luden sie drei Zöglinge der Preßburger Rabbinerschiilc ein, um die für den Gottesdienst erforderliche Zehn zahl toll zu machen. Zu ihnen gehörte auch Aron Tänzer. Dieser trat vor Beginn des Schliillgebeti - am Versöhmingsfcst vor die Gemeinde und las eine; von ihm in hochdeutscher Sprache verfaßte Predigt . vor. Sie war wohlgegiic- Erfreut Eure Lieben im Ausland! Ihr alle habt heute im Ausland liebe Verwandte und Freunde, mit denen Ihr über Land und Meer innig verbunden seid. Wollt Ihr diesen einmal eine besondere Freude machen? Dann schenkt ihnen ein Abonnement aus die »Gemeindezei'tung" und laßt sie so teilnehmen an den Geschicken ihrer Gemeinschaft in der Heimat von einst. Für nur JtJSJl. 1.25 senden wir die „Gemeindezeitung" ein Vierteljahr lang (kuren Lieben in allen Ländern der Welt. — Äitte gebt uns (kure Äestellung mit genauer Adreffenangabe baldigst auf/ Gemeindezeitung Stuttgart, Kafernenstr. 13 Tel. 23328 Postscheckkonto Stuttgart 36256 dert, gedankenreich und schwungvoll. Die Hörer waren über diesen Jüngling erstaunt und von ihm begeistert. Wo hat er es nur gelernt? Er war der fleißigsten einer. Sein lebhafter Geist ruhte nicht. Er drang in die Tiefe. Eifrig suchte er nach der Wahrheit. Schier unbegreiflich, welche Mühe er sich dabei gab. Schließlich wurde er ein bedeutender Geschichtsforscher. Von giößtem Einfluß für ihn wurde der hervorragende jüdische Philosoph Moritz Lazarus. Zu ihm blickte er mit größter Verehrung empor. Der Verkehr mit Moritz Lazarus war sein tiefstes Erlebnis. In der Vorrede zu seiner Schrift „Judentum und Entwicklungslehre", mit welcher er in den viel Stauh aufwerfenden Bibel- und Babel- Streit eingriff, sagt der Zweiimddreißigjährige: „Und in des teuern Meisters Hand habe ich gelobt, nach besten Kräften in seinem Sinne zur Ehre des Judentums zu wirken, für dessen fortschrittliche Entwicklung vertiefte Erkenntnis und allgemeine Anerkennung offen und unerschrocken einzutreten. Seine erste Arbeit gält dem bekannten jüdischen Religionsphilosophen Joseph Albo (1381—1445). Dessen Bedeutung wurde bestritten. Dem Verfasser der „Grundlehren" wurde vorgeworfen, daß er seine besten Gedanken dem tiefsinnigen jüdischen Religionsphilosophen Chasdai ibn Crcscas (1340—1410) entlehnt, ja sich nicht einmal gescheut habe, ihn wörtlich abzuschreiben. Der fünfundzwanzigjährige A. Tänzer wies aber nach, daß diese Behauptung falsch ist. Selbst, wo der Wortlaut beider mittelalterlicher Philosophen gleichlautend zu sein scheint, drücken sie doch ganz Verschiedenes aus. Aron Tänzer ist bereits ein selbständiger Denker. Die darauffolgende Arbeit wurde schon erwähnt. £r beherrscht vollkommen die Bibei-Babel-Literatur und hatte sich den umfangreichen Stoff mit der ihm angeborenen Gründlichkeit angeeignet. Noch gärt der junge Most, es brodelt, stürmt und braust in diesem jungen Gelehrten, mit Leidenschaftlichkeit schreibt er seine Sätze nieder; aber allmählich gewinnt dieser junge Geist die Macht über sich, er trägt dann seine Gedanken ruhig in einer Sprache von edler mustergültiger Schönheit vor, aber seine geistige, sich nicht mehr ändernde Eigenart äußert sich schon in dieser Studie. Während er seinen Gegenstand streng wissenschaftlich behandelt, bedrängen ihn zu gleicher Zeit praktische jüdische Zeitfragen.. Er war nie ein Stubengelehrter, den die Welt da draußen nichts angeht. In dem Büchlein verlangt er eine Synode der jüdischen Gelehrten und Rabbiner der ganzen Welt. Seine Abhandlung über die Mischehe in Religion, Geschichte und Statistik der Juden (1913) ist ein kleines Meisterwerk, das nicht veralten wird. „Länder, in denen die größte Zahl von Juden zu Mischehen schreitet, sind Deutschland und Ungarn. Das erstere allen voran”. Neben dem Inhalt ist auch die Form der Abhandlung bemerkenswert. Der Stil ist vollendet. Er hat dann eine Anzahl wertvoller geschichtlicher Aufsätze verfaßt, während des Krieges, an dem er als Feldrabbiner teilnahm, „Lieber die Juden in Polen”, „Brest Litowsk”, Die wesentlichste Bereicherung bringen aber der jüdischen Wissenschaft seine großen Werke: „Die Geschichte der Juden in Hohen- Lms und im übrigen Vorarlberg”, „Die Geschichte der OFFENE STELLEN AoktiRf I Keine 0ngmal3«ugmfT« den Beioerbutv gen beifügen! Seugrrisabfdjriften, £iAtbtlder ufw. »tet* mit Namen und Anfdmft ihre» Befttjer* ©ergeben! 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