Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XII (1935-1936)
- Issue
- 24 (16.3.1936)
- Date
- 1936-03-16
- Page
- Seite 189 (sequence 3)
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189 — Aus einer Rede: Und dem jüdischen Volke an allen Statten seiner Zerstreuung sagen wir: Kommet ’ins Land und bauet, traget die Mittel zusammen, setzt Euch ein, verstärkt Eure Mitarbeit, denn ohne Aufbau und ohne neues Schaffen kann kein jüdischer Arbeiter und kein jüdisches Volk bestehen, kein Land, das als eine Arbeitsheimat für das jüdische Volk aufgebaut wird. Verdoppelt Eure Kraft und Eure Anstrengungen, schafft neue Werke an allen Stellen des Landes, erlöst jede Handbreit Boden, und es werden Arbeiter kommen, die die Kraft der neuen’ Heimat verstärken werden im Neuschaffen, in der Gestaltung des Volkes, das sich von seiner eigenen Arbeit eine neue Lebensgrundlage schafft. Foto: Urim Palastm« Film Co. Joruulim den aufgerüttelt und schüttelten die Bewegung, und inzwischen floß Blut in Erez Israel und man sah, daß es nicht gut war, daß das jüdische Volk nicht so vorbereitet und so stark war, wie man angenommen hatte. Es sahen es Freunde und Feinde. Der Keren Hajessod war beschlossen. Aber war er nicht ein totgeborenes Kind? 23 Millionen Pfund sollte er in fünf Jahren aufbringen, um die Grundlagen zu legen. Das ganze jüdische Volk sollte dazu in einer gewaltigen Anstrengung die Mittel liefern. Aber als es an die Verwirklichung ging, stellte es sich heraus, daß es nicht genug Geld gab, die ersten Quittungen zu drucken. Damals begann, bevor der Keren Hajessod noch auf die kleinste Leistung in Erez Israel hinweisen konnte, zunächst jene Propaganda des Keren Hajessod, die mehr als irgendeine andere das jüdische Volk, die jüdische Gesamtheit zum Bewußtsein der großen Aufgaben des Aufbaus geweckt hat. Mit dem ersten Budgetposten, den der Keren Hajessod ausgab. schuf er das Budget und so begann auch di? neue Propaganda, die das Geleistete und das zu Leistende in steter Gegenüberstellung als den Ausdruck des Zionismus vor die Welt stellte. Wir sprachen nicht von Zielen in fernen Zeiten. Wir sprachen von der Aufgabe der Stunde und von der Forderung des Jahres. Denn Schritt für Schritt die Grundlage des Aufhaus zu schaffen, war uns aufgetragen. Mit dem Einzug der ersten hundert Chaluzim, die sich durch zehn verschlossene Grenzen nach Erez Israel durchgeschlagen hatten, mit dem Kauf des Emek Jesreel begann die Aufgabe, die nicht durch den Bau von Luftschlössern erfüllt werden konnte und nicht durch das Formulieren utopistischer Resolutionen. Von jenen Tagen an begann der Frondienst des Keren Hajessod, oegann die schwere Arbeit seiner Delegierten, die hmaiisginen in alle vier Ecken der Erde, begann die ununterrochene Pilgerfahrt seiner Sendboten und jener stetige Strom einer Propaganda der Zahlen und Ziffern, der Fakten und Bilder, in denen der Aufruf ans Volk Gestatt gewann, während in Erez Israel Kraftstationen und Hypothekenbanken, Schulen und Siedlungen aus dem Uelde des Keren Hajessod geschaffen wurden. So entsprang dem Keren Hajessod die Realität, die ihm zur Aufgabe gestellt war. Fünfzehn Jahre sind vergangen. Ein Stück des Werkes ist vollbracht, das in großer Gefahr begonnen wurde, und ein Jahrzehnt Tang dauernd in Gefahr schwebte, weil wir nicht zu verwirklichen wußten, was uns als Aufgabe deutlich genug vor Augen stand. Weltchaos und Depression drohten immer wieder unsere Kraft zu lähmen, doch der Keren Hajessod hat durchgehalten und jetzt ist seine Grundlage konsolidiert und gesichert, gerade jetzt, wo es auszuholen gilt zu neuem Tun. Im Emek Chefer haben wir schon eingesetzt, und Huleh wartet auf den Keren Hajessod. Tausende jüdische Siedler und Familien in Erez Israel, zehntausende unserer besten chaluzischen Kräfte warten auf den Keren Hajessod. Wir sind immer r.oeh unterwegs und wieder an einem Anfang ...... Keren Hajessod und Gemeinde. Von Paul Tänzer. Will man die Beziehung zwischen Keren Hajessod im folgenden K. H. bezeichnet) und Gemeinde prüen, so muß man zunächst etwas klarstellen: Unter Gemeinde verstehen wir hier die Gemeinde als organisierte Gesamtheit, vertreten durch das Vorsteheramt, nicht dagegen die einzelnen Gemeindemitglieder. Und noch ein Zweites muß vorausgeschickt werden. Die Beziehung zwischen K. H. und Gemeinde ist gleichbedeutend mit der Beziehung der jüdischen Gemeinde zu Palästina. Denn der K. H. ist neben dem Keren Kajemeth Lejisrael das Finanzinstrument zum Aufbau des jüdischen Palästina. Ohne diese nationalen Fonds gibt es kein gegenwärtiges und kein zukünftiges Palästina, vielleicht ein historisches, zu dem, abgesehen vom Gebet und einigen Wohlfahrtseinrichtungen, die liberale jüdische Gemeinde ohnehin keine echte Beziehung hat. Jerusalem (Palcor). Die Statistische Abteilung der Jewish Agency in Jerusalem berechnet, wie bereits kurz gemeldet, die Zahl der Juden Palästinas am 1.1.1936 auf 373000 Seelen, die 29,8 Prozent der gesamten ansässigen Bevölkerung Palästinas bilden. Nach den Berechnungen betrug die jüdische Bevölkerung Anfang 1936: in Tel-Awiw und Umgegend 135 000 Seelen (im November 1931, bei der allgemeinen Volkszählung betrug sie 46 300); in Haifa und Umgegend 50000 Seelen (im November 1931: 16000); in Jerusalem und Umgegend 71000 Seelen (November 1931: 53 800); in Tiberias 7000 Seelen (November 1931: 5400); in Safed 2000 (November 1931: 2500); in den übrigen Städten 1000 Seelen (November 1931: 700). Die Zähl der jüdischen Bevölkerung in den Städten Palästinas betrug 284 000 oder 75,6 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Die Zahl der auf dem Lande wohnenden Juden wird auf 91 000 geschätzt oder 24,4 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung des Landes. Die ländliche jüdische Bevölkerung verteilt sich in folfender Weise: Petach-Tikwah und Umgegend 18300 eelen (im November 1931: 8000); Rechobot 8400 (November 1931: 3150); Chedera 6000 (November 1931: 2480); Rischon-Lezion 5000 (November 1931: 2130): Herzlia 4000 (November 1931: 1220); Ramat-Gan 3000 (November 1931: 1000); Kfar Saba 3000 (November 1931: 1400); Emek Chefer 2000 (November 1931: 30); in den übrigen landwirtschaftlichen Siedlungspunkten, darunter Kwuzot und Moschwe-Owdim, 41500 (November 1931: 22790). Die Stellung der Gemeinde Zum K. H. wird klar, wenn wir die Stellung der Gemeinde innerhalb des jüdischen Lebens erkannt haben. Die Gemeinde ist die kleinste Körperschaft innerhalb des jüdischen Volkes. Die Gemeinde ist der Zusammenschluß der an einem Orte wohnenden Juden. Der nächst größere Verband ist der Zusammenschluß der in einem Lande oder einem Reiche wohnenden Juden. Die größte Gesamtheit jüdischer Menschen ist das jüdische Volk. Daraus ergibt sich eine innerjüdische Begrenzung: Die Gemeinde hat solche Aufgaben nicht zu erfüllen, die der Landesverband oder die Reichsorganisation (Reichsvertretung) erfüllen. Damit wird aber auch der Wirkungskreis nach außen bestimmt. Die Gemeinde hat damit für ihren Kreis dieselben Funktionen, wie sie die Gemeinden eines anderen Volkes haben, mit der Einschränkung, daß Aufgaben, die andere Stellen erfüllen können und erfüllen, der jüdischen Gemeinde nicht obliegen. Ein Beispiel soll dies klar machen. Die Gemeinde Tel-Aviv hat die gleichen Funktionen und Aufgaben wie die Stadt Belgrad. Die Jüdische Gemeinde Stuttgart hat die gleichen Funktionen und Aufgaben wie die Stadt Tel- Aviv, jedoch mit der Einschränkung, daß diejenigen Aufgaben, die von der bürgerlichen Gemeinde übernommen wurden und ausgeführt werden, der jüdischen nicht mehr obliegen; z. B. Straßenbau, Theater usw. Daraus ergibt sich also: Der Aufgabenkreis der jüdischen Gemeinde in der Galuth ist nichtvon vornherein festgelegt,sondern er hängt immer davon ab, wie weit die bürgerliche Gemeinde oder der Staat Aufgaben der jüdischen Gemeinde besorgen. Diese Abhängigkeit zeigt sich deutlich In den vier Jahren seit der letzten allgemeinen Volkszählung, die von der Palästina-Regierung im November 1931 veranstaltet wurde und eine jüdische Volksziffer Palästinas von 174 600 ergab, ist die jüdische Bevölkerung also um 200000 Seelen gestiegen. Nach den Berechnungen der Statistischen Abteilung der Jewish Agency verteilt sich die jüdische Bevölkerung nach ihrer Wirtschafts-Struktur in folgender Weise: Von der Landwirtschaft leben 46 000 Seelen oder 14 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung (bei der Volkszählung des Jahres 193! betrug die Zahl der Juden, die von der Landwirtschaft lebten, 27 010 oder 18 Prozent der jüdischen Bevölkerung); von der Industrie und vom Handwerk leben 77 000 Juden, d. h. 23,4. Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung (im Jahre 1931 waren es 37190 oder 24,7 Prozent); vom Transport - und Verkehrswesen leben 20 000 Juden, d. h. 6,1 Prozent der jüdischen Bevölkerung (1931 waren es 9630 oder 6,4 Prozent); vom Bauwesen leben 42000 Juden oder 12,7 Prozent der jüdischen Bevölkerung (1931: 13250 oder 8,8 Prozent); vom Handel leben 66000 Juden, d. h. 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung (1931: 28660 oder 19,1 Prozent); Angestellte und Beamte (einschließlich ihrer Familien) sind 8000 Juden, d.h. 2,4 Prozent der jüdischen Bevölkerung (1931: 3410 oder 2,2 Prozent); freien Berufen gehören an 41000 Juden oder 12,4 Prozent (1931: 17490 oder 11,6 Prozent); Personen mit gesichertem Einkommen gibt es 2000 oder 6 Prozent der jüdischen Bevölkerung (1931: 8550 oder 5,7 Prozent). in der Entwicklung der letzten Jahre. Die jüdische Gemeindeverwaltung vor 1933 kannte nicht das Bedürfnis, eigene jüdische Schulen zu errichten, weil die öffentlichen Schulen den jüdischen Kindern uneingeschränkt zugänglich waren. Seit 1933 ergab sich’ das Bedürfnis zur Errichtung jüdischer Schulen, weil jüdische Eltern dies verlangten und weil die bürgerlichen Schulen die Ausbildung jüdischer Kinder nicht allenthalben mehr uneingeschränkt durchführen konnten. Oder: Seit dem Jahre 1933 besteht in Deutschland ein starkes Auswanderungsbedürfnis unter den Juden. Die Befriedigung dieses Bedürfnisses Ist ausschließlich Sache der jüdischen Gemeinschaft in. Deutschland. Die Gemeinde hat deshalb diese Aufgabe für ihren Wirkungsbereich zu erfüllen. Ferner: Bis zum Jahre 1933 haben Juden öffentliche Theater und Konzerte besucht. Seitdem ergab sich das Bedürfnis, kulturelle Veranstaltungen für den ausschließlichen Besuch der Juden abzuhalten. Man wird folgende These aufstellen können: Die jüdische Gemeinde hat alle Aufgaben einer politischen Gemeinde zu erfiil^ I e n; s i e wird davon nur befreit, wenn diese Aufgaben von anderen Stellen ausgeführt werden. Deshalb ist die Gemeinde dafür verantwortlich, ob $in wirkliches jüdisches Leben herrscht, ob alle Verpflichtungen erfüllt werden, die sich aus der Not der Zeit und der besonderen Lage unserer Gemeinschaft ergeben: Diese Verpflichtung kann nur erfüllt werden, wenn man si(h frei und freudig auf den Boden der neuen Aufgaben gegenüber der Gemeinschaft stellt und die Erinnerung an die Gepflogenheiten einer vergangenen Zeit streicht. Geht man von dieser Auffaslfcng des* Pflichtenkreises jüdischer Gemeinden aus, dann erst erkennt man die richtige Beziehung zwischen Gemeinde und Palästina. Palästina ist die größte jüdische Gegenwartsaufgabe; die Gemeinde muß sich deshalb zu ihr bekennen. Diese Tatsache allein schon würde eine so klare Beziehung schaffen, daß sich weitere Ausführungen erübrigen könnten. Es gibt aber darüber hinaus noch Beziehungen■»zwischen den jüdischen Gemeinden der Golah und Palästina. Einmal: Palästina ist das Land, von dem auch in der Zukunft eine große Zahl der aus Deutschland auswandernden Juden aufgenommen werden müssen. Die Förderung des Palästin'aaufbaus .würde also nur unmittelbarer Fürsorge für die Angehörigen der jüdischen Gemeinden in der Golah entsprechen. Sodann: ln Palästina entsteht eine neue jüdische Kultur, deren Kraft auf das kulturelle Leben der Juden in der Golah wirken soll. Diese' Wirkung erkennt man heute schon an der jüdischen Musik und dem jüdischen Theater. Ferner: Echte, wahrhafte jüdische Religion kann nur im eigenen Lande der Juden entstehen. Dort werden die Wirklichkeiten des Lebens mit den Gesetzen der jüdischen Religion konfrontiert und beide allmählich miteinander in Einklang gebricht. Dies mag für eine orthodoxe Gemeinde unwichtig sein; für eine liberale Gemeinde aber, die Wert darauf legt, daß Religion nicht nur äußere Form bleibt, ist diese Beziehung von ganz besonderer Bedeutung. Weiter: ln Palästina wird unsere alte heilige Sprache wieder lebendig. Das Hebräisch Erez Israels ergreift die Menschen der Golah, sie lernen hebräisch nicht nur im Hinblick auf ihre Auswanderung, sondern um einen Weg zum jüdischen Gebet und der Bibel zu finden. Dies gilt in besonderem Maße von der hebräischen Sprache in der jüdischen Schule. Endlich: ln Palästina entwickelt sich ein neues jüdisches Leben, erfüllt von jüdischer Tatkraft und jüdischem Geist, alte jüdische Größe wird wieder lebendig. Ein starkes jüdisches Volksleben in Jüdische Bevölkerung: 375000 Seelen