Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 20 (16.1.1935)
- Date
- 1935-01-16
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- [Seite] (sequence 6)
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Ifc aber der Schnee wollte nullt kompim. ui^i dafür schien die Sonne warmwie im Frühling. Täglich traten die Kinder begeistert 4ur Gymnastikstunde \on R nt h L i e b m a n n an. die es besonders fein verstand, amfi die Bequemsten aus der Schar durch rurnen und Spiel;iufznfri«chp». Schöne Spaziergänge durch die Wälder. Beigen- und; Ballspiele im Freien und am Spätnachmittag Gesellschaftsspiele aller Art. Gcvliihtvorträge. Musik usw. füllten den Tag au«. Schöne Kameradschaft vereinte ..die Tantens“ mii'der Kinderschar, und die von den früheren R.j.F.- ' Ferien beliebte laute Vgnles Hejnsfurter hatte huld mit den Jiingens und Mädels innigen Kontakt. Schwester I o t t e Mayer hatte reichlich Mühe. fHie lebhaften Gemüter wenn der abendliche Ruf „Marsch, in» Bett'" ertönte - zu dämpfen, allein dies gelang ilit immer in bester Weise. Die gute Küchenführung von Frl. G a i Li n g c r-trug neben I.tift und Sonne wesentlich zur F’rholung der Kinder bei. die in den I erien in echter Kameradschaft und sport- 1 lulle tu (.eiste geeint wurden. Stuttgart, '■tudienrat a. I). 1 >i Willy Cohn, Brosl.m. sprach am s. Januar j auf Einladung des .1 unilcsaii"chiis«es der jlief. Jbgendverbände" und des B i* r t h ci I d A u e r b a ch -Vereins iilier ..Der I infliil! beruflicher S<hichtung ,jnf die F.rhaltung des Imleiiliuu«''. Die vor'ügliihen. fn ihrer klaren Sachlichkeit aufs stärkste U —c ludest Ausführungen hätten einen grciller, , M, rerkreis“ verdient, und es i«t dringend zu wiiu eu daH die s>> wertvollen \eransialtinigen d. \.\ :n Zukunft einen besseren Besuch aufWC - In einem historischen Rückblick zeigte der li.-i. -e„l zuerst die bedeutsamsten Etapm’n der ,11! -,h, 11 (.aluth-Geschichlci-in ihrer so/ioc»gische ii ö d■ 11_111e11 auf: er schilderte das Hinein wachsi -i; Juden in die vernuttelnden Berufe vom Gesichts ei,ki de, beruflichen Schichtung ihrer Umwelt i- und wandte sich dann dem so ungemein wichtic 11 t .ebiel de, natürlichen Erhaltung des Jude, i111 ..s \i. deien sthwerc* Hemmungen Felix Theilhabei -chon mm lange, /eit äufgezeigt hatte. Der \.r-mh des Redners, die schvtierige bevölkerungspolitische Situation dedeutschen Judentums aus seiner anormalen Berufs«chich,ilng zu erklären, füllte den zw eilen Teil des Referats, das in eine Itackende Darstellung der ,C haluziuth“ als neuer jüdischer I ebensform. eng verbunden mit der jüdischem Wiedergeburt auf palästinensischer Erde, mundete. \n den Verfing schloli sj,h eine \ussprache an. die eine wertvolle Ergänzung der mit dankbarem Beifall aufgenonrmcneii D.irlegnnjren Itedcuilc-te Stuttgart. Wir machen darauf aufmerksam, dal! die (> deutliche Generalver-c.unmlqng des Bert hold Inet b ,i ch - \ ( I^e.1 n - am 2|. Januar stattfindet. StutHrart. s i i, t j „ a r t e r J ii d i s ch e Kunstg,e in ein' ch a f( I >ir \ \ eranstaltnng finde, am 14 Janu.ii statt Sie erhalt ihr besonderes Gepräge dadurch, dal! vorwiegend die seltene Kunstgattung - 174 — von Werken für zwei Klaviere geboten wird. Die tragenden Säulen des Programms sind die beiden gewaltigen Konzerte für zwei Klaviere und Streichorchester in c-moll und C-Dnr von J. S. B a ch. mit denen das Programm begonnen und beschlossen wird. Im Bewußtsein der Verpflichtung gegenüber zeitgenössischen jüdischen Komponisten enthält das Programm mich eine hebräische Rhapsodie für zwei Klaviere von Aisberg sowie drei Palästinensische Hirtenweisen für gemischten Chor und Klavier. Hier handelt es sich um höchst anmutige Lieder, die von Hirten wirklich in Palästina gesungen werden, und die von 1. Brand mann in einen anspruchsvollen Chor- und Klaviersatz farbigsten Klanges gebracht wurden. Mit diesen Weisen gelangt zum erstenmal in einer Veranstaltung der Kunstgemeinschaft auch die hebräische Sprache zu ihrem Recht Der selbstische Teil der Veranstaltung wird von Alice S ch m u ck I e r - H e ß . die ja zum Bedauern aller Stuttgarter Musikfreunde bald nach Palästina übersiedeln wird, und ihrer künstlerisch ebenfalls bestbewährten Partnerin Poldy Sp e r 1 i n g-Do n a t h bestritten. Der Instrumental kreis, der die Bach-Konzerte begleiten wird und der Singkreis, von dem die Hirtenweisen gesungen werden, steht unter l.eitung von Karl Adle r. Stuttgart Das Gerücht, wonach Kurl Adler demnächst Stuttgart ve rlassen und nach Berlin übersiedeln werde, bestätigt sich, wie wir hören, in dieser Form nicht. Richtig ist. daß ernste Bemühungen unternommen werden, um Karl Adler in einen Wirkungskreis nach Berlin zu ziehen, daß aber auch alles versucht wird, um ihn der hiesigen Arbeit zu erhalten. Daß dies gelingt, hoffen wir mit der ganzen Gemeinde. Stuttgart. Am 2. Januar feierte der ehemalige Vorstand und jetzige Vorsitzende des Spielausschusses des Sportklubs ..Hakoah“. Samuel Richter, mit seiner Gattin das Fest der Silbernen Hochzeit. Bei einem geselligen Beisammensein am 51. Dezember v. Js. w urde das Jubelpaar durch eine Ansprache des jetzigen I. Vorsitzenden gefeiert. Am Festtage selbst erhielten die Jubilare vom Vorstand der „Hakoah" die offiziellen Glückw ünsche mit der Mitteilung, „daß die Mitglieder des S|>ortklul>s „Hakoah“ als Zeichen ihrer Verehrung eine „Samuel und Josefine Richter- Spende” für den K KT., aufgelegt haben, deren Ertrug in der Anpflanzung von Bäumen auf den Namen des Jubelpaars sichtbares Zeichen ihrer Verbundenheit mit dent großen-jüdischen Aufbauwerk und der „Hakoah“ sein soll". ßopfingen. Im Auftrag des (' c* n t r a 1 v e r e i n s sprach Rechtsanwalt Dr. Waltet; Strauß. Stuttgart. in gut liesuchter Versammlung über das Thema ..Deutsch-jüdische Gegenwart". Die vortrefflichen Ausführungen des Redners fanden die volle Zustimmung der Gemeinde, welche die enorme Arbeit des ( .-V. würdigt. Reicher Beifall belohnte den Referenten. Eßlingen. Am 7. Dezember v. Js. — mitten' im Lichterfest — starb Leopold Moses, der Mann, der so gerne ins Helle gesehen, der das Lickt so sehr geschätzt. Nach kurzem Kranksein wurde er im 66. Lebensjahre mitten aus seiner Arbeit und einem innigst verbundenen Familienkreise herausgerissen. Beiden gehörten die reichen Gaben seines Geistes und seines Herzens. Darüber hinaus galt seine Hingabe aber auch allen Dingen des Wissens. Als Vorsitzender der C.-V.-Ortsgruppe hat er wacker für das Judentum gekämpft. Zehn Jahre lang gehörte er dem Vorsteheramt an und ist in Synagoge und Gemeindestube Vorbild gewesen. Kaum einmal hat er den Gottesdienst versäumt — und auch um den Sinn desselben hat er gewußt. Moses war auch stellvertr. Abgeordneter der Israel. Landesversammlung. — An seinem Grabe kam noch einmal £11 das zum Ausdruck. was unsere Gemeinde in Leopold Moses verloren hat Für den C.-V. sprach Dr. Feld mann (Stuttgart), für die Stuttgart-Loge Alfred U11 - mann n (Stuttgart). Eine große Trauerversammlung umstand den Sarg des wackeren Mannes, dessen stets in Dankbarkeit und Liebe gedacht werden wird. Göppingen. Der Verein . „M e r k u r i a“ und die Sportgruppe des R.j.F. veranstalteten gemein sunt atn 31. Dezember v. Js. einen Familienabend mit Tanz in den Räumen des Hotels Dettelbadier. welcher sehr gut besucht war. insbesondere auch von \ jeden auswärtigen Gästen verschiedener Gemeinden. Der Abend erweckte bei allen Teilnehmern volle Befriedigung. Die Gäste gaben durchweg dem Wunsche Ausdruck, bald wieder bei den Veranstaltern zu Gast sein zu dürfen. Auf 2. Januar hatte der Ausschuß der M e r k u - r i a“ die Vorsteher der Gemeinde sow ie die Vorsitzenden der jüdischen Vereine zu einer Besprechung wegen Durchführung eines kulturellen Programms ebeten. da die materiellen Mittel der „Merkuria" iezu neben ihren geselligen Verpflichtungen nicht ausreichen. Die Notwendigkeit dieser kulturellen Veranstaltungen wurde durchweg anerkannt und auch rasch eine Einigung erzielt. Zar Durchführung des- Zieles wurde die Errichtung eines Kulturbund-Ausschusses unter Führung der „Merkuria“ und Teilnahme sämtlicher anderen Vereine beschlossen. Die jährliche Hauptversammlung der „Merkuria" fand am 6 Januar im „Dettelbacher“ statt. Die Versammlung war sehr schwach besucht und ging rasch vonstatten. In der Vereinsleitung «ind Aendeningen nicht eingetreten. Heilbronn. Der vor kurzem stattgefundene ..Bunte Abend" der Künstlerschar Ry pinski brachte wieder stimmungsvolle ernste und heitere Kunst. Eine besondere Note erhielt die Veranstaltung durch Mitwirkung von Ilse Frank (Würzburg), ehemaligem Mitglied des Aachener Stadttheaters, die als Rezitatorin Hervorragendes bot. In Tänzen. Liedern usw. erwies die Familie Rypinski wiederum ihre aufier- Jüdisdie Armut in Polen. Von Jakob Lestschinsky. Den nachfolgenden Artikel entnehmen wir der Zeitschrift der „Zentral wohl fahrtsstelle der deutschen Juden", die unter den» Titel „Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik" über alle Zweige der jüdischen Sozialarbeit umfassend orientiert. Die Schriftleitnng. Jedem, der Polen besucht, fällt eine Panik unter den Jude n - auf. und zwar keine vorübergehende, .durch besondereschwere Ereignisse hervorgerufene. ' sondern eine Panik, die'jahrelang anhält und Kleinmut und mangelndes Vertrauen an eine bessere Zukunft zuf Folge hat. Fs ist eine Art Pogromzustand, es herrscht das Gefühl vor. daß man sich retten, daß man entfliehen muß. und da eine Rettung für die jüdische Gesamtheit unmöglich ist. versucht ein jeder, sich auf eigene- Faust zu retten. Jeder einzelnetut nach wie vor seine Arbeit, gebt in die Werkstat, oder in die Fabrik, arbeite, oder sucht Käufer für seine Ware, versucht, sich ein Dar le ben zu verschaffen, um die Wechsel bezahlen cider die Steuern entrichten zu können. Der einzelne wird zu seh» von der Not getrieben. Er hat keine Zeit, sich die Frage vorzulegen. warum sein Glaube an den F rfolg immer kleiner wird. Vor dem Kriege fühlte man eine Energie, eine strömende Kraft in der schwarzen Menschenmasse des Nalewki.-Jetzt ist das Leben dort verschwunden. Das gleiche Bild in Wilna, in Bialvstock und in Lemberg. Am Wochentag wimmelt der Markt von alten jüdischen Weibern mit bleichen, ausgemergelten Gesichtern, Juden mit weißen Bärten spähen hinter ihren Ständen hervor, halbwüchsige Jungen bieten alte Gummischuhe an. . . . Ein Greis sitzt in einem Winkel und flickt Schuhe: ein altes Weiblein verkauft heiße Bohnen: Frauen und Männer drängen sich an die Vorübergehenden mit Bitten. Vorscklägen. Segenswünschen. Flüchen und wilden Ausrufen. Je tiefer man in die Menge dringt, desto dichter gekeilt ist sie. Wie ein Jahrmarkt auf einem Friedhof mit Gespenstern und Schemen, die sich bewegen, sprechen, handeln. ihre Hände und die übrigen Glieder bewegen, aber nicht leben. Fast ein Achtel der jüdischen Bevölkerung Polens lebt von dem Verkauf in diesen Buden. Wenige Stunden auf dem Büro eines Vereins für Kleinhandel in Lemberg lassen uns einige dieser lebenden Toten kennenlernen. Es ist Schabbos-Ansgang. Das Büro ist vollgepropft mit Juden. Alle tragen noch die abgewetzten, verschossenen Schabbos-Kleider, die Gesichter sind abgehärmt. verbraucht wie die Kleider. Ich folge dem Vorsitzenden in sein Zimmer, und einzeln treten die Bittsteller ein. Da steht vor uns eine magere Jüdin, das Kopftuch tief über die Augen gezogen. Sie muß 6 Zloty an Steuern bezahlen. Bezahlt sie bis Montag diese Summe nicht, wird man ihr Geschäft pfänden. Sie hat eine Bude auf dem Markt, ein Geschäft, dessen ganze Ware 10—15 Zloty wert ist. Von diesem Geschäft lebt sie mit ihren vier Rindert,. Ihr Mann ist schon vier Jahre tot. Schon bei seinen Lebzeiten war sie die Hauptverdienerin. weil er ständig Thora gelernt hat. Die Kinder sind gut geraten. Sie wollen aber nichts von der Krise und den Steuern wissen, sie verlangen zumindest nach trockenem Brot. Auf meine Frage, was das ist. eine Krise, gab sie eine sehr einfache und klare Antwort, eine viel klarere als die Wissenschaftler sie geben. Eine Krise, sagte sie, ist da. wenn es allen Leuten schlecht geht. Als ich allein arm war, ging es mir zwar auch schlecht, aber es war noch nicht so schrecklich. Ich konnte mir noch ein paar Zloty oder etwas Ware uusleihen. aber wenn eine Krise ist. ist es se hr schlimm. Der zweite war ein junger Mann, ein hoher, schlanker. mit eine m schneeweißen Kragen, blank geputzten Schuhen, ein „Gent“. Er hatte früher ein Schuhgeschäft im Zentrum der Stadt und war vermögend. Während der Krise im Jahre 1925 mußte er das Geschäft schließen und auf dem Markt eine Bude mieten. Im letzten Jahr war er gezwungen, auch die Bude zu verkaufen. Jetzt steht er. auf dem Markt herum, mit einem Paar Schuhen, die er feilbietet. Sein Aeufleres hat noch einen Abglanz der früheren Zeit. Er hat aber schon die Hoffnung verloren, jemals in seine früheren Verhältnisse zurückzukommen. Jahrelang hat er vor den Menschen den Zusammenbruch verheimlicht. bei dem einen geliehen, bei dem anderen gedeckt, gedreht, gehandelt, gehofft, daß es sich schon irgendwie machen wird, bis er sich schließlich sagte: Schluß mit der Sache, es hat keinen Zweck, man muß die Armut in das Haus hineinlassen und sich in die Vereinigung der Bettler einschreiben. offen vor der ganzen Welt und ohne Scham. Es ist schon ein Jahr her. seitdem er auf dem Markt ist. gleich mit allen Waisen und Witwen, alten Leuten und arbeitslosen Arbeitern, Taugenichtsen und heruntergekommenen Mittelstandsleuten usw., mit dem ganzen Abfall des jüdischen Zentrums Lembergs! Jeder, der nicht verstanden hatte, sich beizeiten etwas Kapital zurückzulegen. jeder, der aus den Reihen herausgestoßen wurde, jeder Gefallene und hoffnungslose Bettler — alle diese Ausgestoßenen werden auidem Markt aufgenommen. Jedes Jahr kommen Hunderte von Buden und Ständen hinzu. Und dann noch die fliegenden Händler, die ihre ganze Ware herumtragen. Wenn ein Jude vom Lande weglaufen mußte, weil man dort die Juden schlägt oder die Genossenschaft ihm das letzte Stückchen Brot werreschnappt hat, stellt er sich in Lemberg anf den Markt hin, und nickt nur er allein, sondern auch seine Frau und seine Tockter setzt er dort bei einer Bude oder bei einem Ständcken bin. um das Auskommen zu sickern. Da steht er nun und hat schon lange Tuberkulose, und seine aufgeregten Augen schreien, daß er schon lange blutigen Auswurf hat. da steht er in Nässe und Kälte die ganze Woche an seinem Stand und hat die ganze W ocke über 46 Zloty Erlös gehabt. Verdienen konnte er 10 oder 15 Zloty und er hat dock eine Frau mit zwei Kindern zu Hause, und er selbst muß sogar täglich zwei Glas Milch trinken, sonst wird er bald zugrunde gehen. Und was wird später sein? Wie kann man sich aus dem Grabe befreien, in dem man lebendig begraben ist? Wie reißt man sich heraus aus dem Schutthaufen, auf den die Stadt ihren ganzen Abfall wirft? Der junge Mann mit den sehnsüchtigen Augen redete immer erregter. Wir saßen da und schwiegen wie versteinert. Wir haben ihn ausreden .lassen, obwohl wir das Gefühl hatten, daß seine heftige Rede ihn viel Gesundheit kosten wird. Er sprach so eine Viertelstunde, dann hat er sich auf eine Bank gesetzt und geschwiegen. Plötzlich ist er still auf gestanden und aus dem Zimmer hinausgegangen und bat um nichts gebeten und nichts verlangt. T)er Vorsitzende sagt mir: Die sind am ärgsten dran. Sie können nicht bitten. Sie fühlen sich wirklich auf dem Markt begraben. aber sie schreien nur, und mit dem Schreien ist doch nicht geholfen. Es ist ein Grab, dem man nicht entrinnen kann. Es ist doch schon besser, wenn man ruhig liegt und nicht schreit. Still und verschämt kommt ein alter Jude herein. Er ist Schuhmacher. Mit neun Jahren hat ihn der Vater schon in die Lehre gegeben. Anfangs hat er die Schuhe der Reichen und dann später die der Bettler repariert. Er klagt nicht. Er dankt Gott, daß er bis jetzt Arbeit hatte, aber er ist alt und kann nickt mehr arbeiten. Er will sich auf den Markt mit ein paar alten Stiefeln und Gummischuhen zum Verkauf hinsetzen. Der alte Mann ist taub und meint, daß auch wir taub sintl. Er schreit aus Leibeskräften, daß er schon 55 Jahre gearbeitet hat und jetzt sich ausruhen möchte. Wenn man ihm 25 Zloty geliehen hätte, könnte er ein „Geschäft“ mit alten Schuhen und Gummischuhen gründen. Er versteht sich sehr gut anf Leder und noch besser auf fertige Schuhe. Er wird das Darlehen bestimmt zurückzahlen, denn warum soll er nicht wie so viele Juden, die davon leben, bei diesem Geschäft verdienen. Ich war vier Stunden im Büro des Vereins. Fortwährend kamen Juden und Jüdinnen. Einer verlangte ein paar Zloty, nm die Steuer zu bezahlen, der zweite, nm ein Patent anzumelden, der dritte, um sich von der Pfändung zu befreien, der vierte will ganz früh bei den Bauern Kartoffeln einkanfen und sie in der Stadt in einem kleinen Wagen an die Käufer bringen, und die fünfte, eine Witwe, wilj ein Darlehen haben, nm ein Geschäft za eröffnen nsw. Scharenweise kamen sie und nnr die wenigsten konnten befriedigt, heimziehen.