Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 17 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
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- [Seite] (sequence 9)
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- 147. — im Februar verläßt, sieb nochmals in einem Konzertabend verabschiedet. Und Fränne Sdimuckler wird man dann hoffentlich auch wiederhören — denn eine idealere, aus der Quelle gleicher ursprünglicher Begabung strömende Einheit gepflegtester Kunstausübung wird man so bald ni-ht wieder antreffen. Für alle also, die da dankbar lauschten, sagen wir: „Auf baldiges Wiedersehen!“ H.St. Stuttgart. In einer überaus gut besuchten Kundgebung, die von den Ortsgruppen des Central- Vereins, des „Reichsbunds jüd. Frontsoldaten“ und des „Ring“ (Bund deutsch-jüdischer Jugend) am ’4. November im Oberen Museum gemeinsam verunstaltet worden war. sprach Dr. Alfred Hirschberg, Berlin, der I. Syndikus des C.-Y. und Haupt- '«hriftleiter der C.-V.-Zeitung. in formvollendeter, die Zuhörer bis zum letzten Wort fesselnder Weise über Deutsch-jüdische Gegenwart — deutsch- Jiidische Zukunft“. Dem Vortrag gingen Ansprüchen von Dr. Manfred Sichel und Rechts- Anwalt Albert Mainzer voraus. Letzterer gelachte mit tief empfundenen Worten der gefallenen Söhne unserer Gemeinschaft und aller im Weltkrieg gebliebenen Soldaten des deutschen Heeres, zu deren ehrendem Andenken sich die Versammlung von ihren Sitzen spontan erhoben hatte. Ein Sprechchor der Jugend und ein Streichquartett unserer Kiinstgemeinschaft gaben der Kundgebung einen stilvollen künstlerischen Rahmen. In nächster Nummer werden wfr über den Abend näher berichten. Stuttgart. \\ ie schon mitgeteilt, finden in Kürze aus - »lall de. Ch anukkafestes eine Reihe von Ver- .iistiiltungen statt, auf die wir unsere Leser hiermit n chmals besonders aufmerksam machen. Es sind cii'-s: Am I. Dezember der „Gesellige Abend“ der Sportgruppe des R j.F.: am 2. Dezember die „Mukkubüer-r'eier“ des Sportklubs „Hakoah“: am 4. Dezember die Chanukka-Feier des Bert hold .\ ii erbach -Vereins, der, wie wir hören an diesem Abend seine Gäste unentgeltlich bewirten wird: um 8. Dezember die Chanukka-Feier des Jüdisch enjugendkreises (Geineindejugend), die das Israel. Vorsteheramt auf überparteilicher Grundlage geeint hat. So haben also alle Gemeindemitglieder schönste Gelegenheit, das alte liebe Chanukkaföst im Rahmen unserer jüdischen Vereine'und der Jugend zu feiern — und es ist nur zu wünschen, daß die emsigen Vorarbeiten aller Organisationen durch einen recht zahlreichen Besuch aus allen Kreisen unserer Gemeinde belohnt werden. Stuttgart. Wie wir erfuhren, verstarb unlängst i>- Wien Schauspieler Max Marx, der als ehemalige-, von weiten Kreisen geschätztes Mitglied der stau' liehen Bühnen auch unseren Lesern noch in guter Er innerung sein wird. Buchau. Auf Einladung des Bavrischen Jüdischen Kulturbunds sprach unlängst Rabbiner Dr. Schlesinger. einer der besten Kenner Bialiks. in München über den unlängst verstorbenen großen hebräischen Dichter. In einer Besprechung stellt die Bayer. Isr. Gemeindezeitung fest, daß dieser Vortragsabend als die bisher gelungenste Veranstaltung des Kulturbundes anzusprechen ist. Göppingen. Der Verein „M erkuria“ hielt am 17. November einen Familienabend mit Tanz ab. welcher sehr gut besucht war. Die Stuttgarter Künstlerin Hede Schack gefiel als Chansonette aufs beste und trug zu dem Gelingen des Abends sehr viel bei, ebenso die Kapelle Kurt Krämer, Stuttgart, welche sehr gut und fleißig zum Tanz aufspielte. Es waren viele junge Leute von auswärtigen Gemein- Nft* Jakob Slelnhardii Chanukka. (Aut dem Kalender der Jüd liSnttlerhd/e Berlin. Kunstverlag Dr. Herbert Loewenstein, Berlin SO 10. KOpenidterstr. 70.) den anwesend, was schon im Hinblick einer engeren Fühlung der verschiedenen jüdischen Gemeinden sehr zu begrüßen ist. Heilbronn. Am lt. November verunstaltete die Kulturgemeinschaft*eine musikalische Morgenfeier in der iivnagoge. in deren Dienst sich Stefan Frenkel Geige), E. Stegmann, Berlin (Cello), und Suse ,oeb (Klavier) gestellt hatten. Die Konzertfolge irachte Werke von Mozart. Dvorak und Mendelssohn. )ie großartige Geigenkunst Frenkels wurde, durch das seelciivofic Spiel des Cellisten und die brillante Begleitung der Pianistin hervorragend künstlerisch ergänzt. Es war ein herrlicher Kunstgenuß für alle Musikfreunde. Heilbronn. Im Rahmen des Freitagabend-Gottesdienstes vom 16. November trat der neugegründete Kinderchor unter allgemeiner Bewunderung und Anerkennung erstmals in Erscheinung. Die frischen Stimmen der Jungens und Mädels sowie die klangschöne Wiedergabe der Lcvandowsky‘sehen Gesänge gaben dem Gottesdienst eine besondere Weihe, und die Schüler machten ihren Lehrern Krämer und Kuhn, die in mühevoller Arbeit mit der Organistin Frau Rv pinski die Gesänge einstudiert hatten, alle Ehre. Rabbiner Dr. Beermann richtete eine packende Ansprache an die Jugendlichen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß durch die Teilnahme der Kinder am Gottesdienst auch ein stärkerer Besuch von seiten der Erwachsenen gezeitigt werden möge. ‘Heilbronn. Man schreibt uns: Die Zionistische Ortsgruppe veranstaltete am 17. November einen Vortrag von Dr. Schloßberg. Berlin, mit dem Thema „Wo steht das deutsche Judentum?", der sehr gut besucht war. Der Redner verstand es, die Hörer durch seine klaren und einleuchtenden Ausführungen über den Komplex der Judenfrage, wie er nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt besteht, zu fesseln: ebenso überzeugend war zum Schluß seine Begründung, daß und warum der Zionismus die einzige Lösung bedeute. Man hatte den Eindruck, daß alle Anwesenden — vielleicht bis auf wenige — von den Ausführungen des glänzenden Redners überzeugt wurden. _ _ Horb. Synagogenbau. Man schreibt uns: Was seit 50 Jahren der neu entstande nen Gemeinde immer vor Augen geschwebt, wird nun Wirklichkeit. Die rührige und umsichtige Gemeindeverwaltung hat das am Eingang der Stadt gelegene Preßburger'sche Haus erworben, um darin den längst ersehnten Svnagojgcnhau erstehen zu lassen. Sämtliche Spender von hier und auswärts, die zu dem löblichen, guten Werke1 boigetragen haben, mögen hiefür den himmlischen Lohn ernten. Sie haben dazu beigetragen, daß eine Stätte geschaffen werde, wo der heilige Name des Wejtenschöpfers angerufen wird, wo das gebeugte Gemüt innere Erhebung finden möge, und der bethnde Mensch seine ungestörte Andacht verrichten könne, eine Stätte, in der die Yersittlichung durch die Macht des Glaubens und der. Religion, durch das ewig Icfbendige Wort der Thora gepflegt wird.! Niederstetten. Am 21. Oktober trat der Jüdische Frauen verein zu seiner Generalversammlung zusammen. Auf der Tagesordnung stund die wähl neuer Yorstandsdnmen. David Wolf. Vorsitzender des Israelitischen Vorsteheramts, untriß die gegenwärtigen Aufgaben des Vereins und schlug vor, Unter Dank für die geleistete Arbeit die beiden bisherigen Vorstandsdamen, Frau Minna Braun und Frau Reichenberger zu Ehrenmitgliedern des Vereins zu ernennen, /.u neuen Mitgliedern des Vorstands wurden Frau Nclly Braun und Frau CiU-y Ney einstimmig gewühlt. Ulm. Am 20. November wurde nach langem schwerem Leiden F r i e d r i ch Wallersteiner! der verdiente Vorsitzende der Ulmer R j F.-Ortsgrpppe. im Alter von 41 Jahren unter außerordentlich großer Anteilnahme aus allen Kreisen unserer Stadt zur letzten Ruhe gebettet. Die Mitglieder der Ortsgruppe waren vollzählig erschienen, ebenso erwiesen Abordnungen des Landesverbands und vieler Ortsgruppen dem Kameraden die letzte Ehre. Durch das so frühe Hinscheiden Friedrich Wallersteiners erleidet nicht nur seine Familie, sondern auch unsere Gemeinde einen schweren Verlust. Wallersteiner wultf mit großem Geschick und unermüdlicher Energie die Interessen der jüdischen Frontsoldaten und darüber hinaus die des Judentums zu vertreten. Ob seiner gewinnenden Persönlichkeit erfreute er sich allgemeiner Beliebtheit. Im Weltkrieg hat er durch seine Tapferkeit als Artillerie-Beobachter in vorgeschobener Stellung sich sehr früh das ErK. I und E K, II erworben. Während seiner vierjährigen Fronitütigkcit wurde er wiederholt, zuletzt sehr schwer verwundet. Besondere Liebe verband ihn mit der jüdischen Jugend. die ihm die Gründung der R.j.F.-Sportgruppe verdankt. So wip er sich immer für seine eigenen Glaubensgenossen einsetzte, so war der Früh Vollendete auch als Mitinhaber der Firma L. G Wallersteiner seinen Angestellen und Arbeitern stets ein gütiger und gerechter Chef. Ein Jude kehrt heim .... Von Martha Wertheimer, Frankfurt a. M. Da lief er nun hin durch den trübseligen, grauen Nachmittag, hin durch die Dämmerung: aus den Luxusläden lachten helle Lampen über sie weg: Paris würde in wenigen Minuten seine stolzen L><htfluten gegen sie einsetzen — aber in dieser grauen Viertelstunde stand kein Licht wider den rieselnden Regen auf, und in seinem eigenen Herzen stand kein Licht auf. Er sah nicht nach den Läden und nicht nach den Menschen; nach den Menschen schon gar nicht: fremde Gesichter, fremde Sprache — er war in Paris, er, Fritz Samuel, gewesener stud. iur„ aus Deutschland. Er war in Paris, das er früher unter Ausbrüchen des Entzückens mit Namen genannt hatte, in diesem Paris, das ihm in beglückenden Ferientagen Ausspannung, Anregung, elegante Vergnügungen. Theater und gesellige Kultur bedeutet hatte. Er war in Paris — deklassiert, kaum selbst noch seines früheren Selbst bewußt. Da lief er hin im nassen Regenmantel, lief durch die kalte Dämmerung, seiner trostlosen Kammer in Grau entgegen, allenfalls einem tröstenden Buch, nach einem Tag voll leerer Arbeit, über die paar Franken froh die er sich verdienen konnte, und darin noch glücklicher als hundert andere Juden wie er — und heimatlos. Er lief hier einem bitteren Abend entgegen — in die dunklen Nebel seines Heimwehs hinein, die ihn blind machten, die ihn frieren ließen — o — frieren-! Sein Heimweh —— Daheim! — das hieß ihm nicht mehr die Geborgenheit des Elternhauses, nicht mehr geliebte deutsche Landschaft, Musik. Studium, gewiß nicht mehr Wohlstand und sein Lieblingswort von einst, der „kulturelle Standard“. Jetzt hieß es ihm Arbeit und ein paar nahe Menschen, Ruhe in Gemeinsamkeiten, Ziel der Gedanken und Taten und ein ernsthaftes Gespräch darüber. Ach — da flammten die Lampen auf — da wurde dje Straße hell wie am Tage. Aber er wollte jetzt keine Helligkeit, er wollte den grauen Abend, den. Regen, das Dunkel. Sein Heimweh wollte er haben. Jseine Sehnsucht und ihr Wehtun, diesen einzigen Besitz. der ihn an das Vergangene band, an alles Schöne und Gute daheim — ja: daheim! — da drüben nach Osten zu — in Deutschland. Er bog in Seitenstraßen, achtete nicht wohin. Er ing und ging. Da überholten ihn in einer schmalen traße Schritte, eilige; und bald danach andere — .etwas Vertrautes war in den beiden Gestalten, die hintereinander her hasteten und dabei wie etwas Gleiches, Verwandtes erschienen: zwei Herren, beide •im Zylinder, den Regenschirm ängstlich über den Feiertagsstaat gespannt- O Gott — wie daheim! Zwei Herren, die in die Synagoge wollten, und es war schon spät — Freitagabend! Er hatte nicht daran gedacht. Freitagabend — und da vor ihm gingen jüdische Männer im Zylinder und wollten in die Synagoge, i Hastig sah er um sich, las das Straßenschild. — Einen Augenblick zögerte er — er kam von der Arbeit, war im Werktagszeug. — Aber das in ihm war stärker, entschied: er trat hinter den beiden Herren in den goldenen Lichtbogen einer offenen Türe, in einem Vorraum voll nasser Regenschirme und Mäntel und dann in den hellen, bescheidenen i Raum einer kleinen Synagoge — seitab im bescheidenen Viertel. Er sah einen leeren Platz an einer , Ecke und schlich dorthin. Man war schon am „Bo 1 rachu —“. Kindlich senkte er die Stirne . . . Da tippte ihn jemand auf den Arm, und neben seiner Wange erschien ein aufgeschlagenes Buch. Erschrocken drehte er sich um und sah in ein Gesicht — nein, in zwei Gesichter: eins gehörte einem i.Schammes“, der mißbilligend seinen nassen Hut und seinen werktäglichen Pullover musterte, und das andere war mild wie das unseres Lehrers Hillel und hatte einen kurzen grauen Bart. Der Hillel reichte ihm die Tefillah hin und gleich darauf einen Talith —. Fritz schloß einen Augenblick lang die Augen. Es i war, als ob man durchfroren in eine warme Stube kommt — die Wohligkeit treibt einem die Tränen in die Augen. Er flüsterte leise einen Dank und wandte sich um. Seit den Tagen seiner „Bar mizwoh“ hatte er keinen Talith mehr umgelegt — aber als er die weiche helle Wolle für einen Augenblick über Stirn und Augen zog. kam ihm die Stube vom Lehrer Nathan in Erinnerung, wie der ihm die fromme Handhabung des Gebetmantels zuerst gezeigt, hatte. Das hier war auch ein Knabentalith. aber er deckte die jungen Schultern gut und verbarg den schnöden Werktag vor den dunklen Eifereraugen des $chammes dort hinten. Fritz gestand sich, der Sdmmmes habe recht — es war Freitagabend, und er kam da von der Straße her gelaufen. Aber der Hillel mit seiner Tefilla und dem Talith. und mit seinen guten, väterlichen Augen, hatte mehr recht und schöner recht — recht wie das „Sch ma“, das eben aus den Reihen der kleinen Gemeinde aufbrauste. Freitagabend — und eine bescheidene Synagogevoll jüdischer Männer, mitten in Paris. Als wijr's das kleine hessische Städtchen, aus dem Fritz kam — der Chassan sah Herrn Nußbaum ähnlich, und dör Par ness da vorne hatte genau so einen Bart wie der Großvater-. _j Der Großvater — die -Mutter-. I ..Emes we’emuno kol saus we'kajom olenut „Wahrheit und Grund zum Vertrauen ist dies alles und unerschütterlich für uns ..." 1 Da stand er, Fritz Samuel, mit seinem Heimweh, mitten in einer fremden Stadt, fröstelnd und jeinsaiii — und um seine Schultern legte sich das Klrid der Männer Israels, und in seine Ohren klang die'heilige Sprache, Bräuche und Handlungen, Gebett* und fromme Ordnungen bauten ihm die Stätte der Ruhe auf. Die Gemeinde stand, aber Fritz mußte sich setzen — wenn auch der Schammes böse auf ihn war. Der Hillel würde wissen, was in dem armen deutschen Jungen da vorging, in dem Ben Jisrod. der heute abend heimgekommen war... Er wußte es Denn beim Ausgang trat er auf Fritz zu und sagte dieselben Worte zu ihm, die Großvater Samuel an manchem Freitagabend in der Synagoge zu einem heimatlosen Juden gesagt hatte, wenn der Hillel auch französisch sprach: ./Tun Sie mir die „kowaud“ an und essen Sie bei mir — Denn es war Freitagabend . . .