Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 10 (16.8.1934)
- Date
- 1934-08-16
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- [Seite] (sequence 3)
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Diese Stunde soll nicht dazu bestimmt sein, der Verdienste Hindenburg* als Staatsmann und als Heerführer zu gedenken. Sie soll aber mahnen, nicht nach- /ulassen im Ringen der Juden »in Deutschland Hindenburg hat so oft geäußert, daß er den Anteil und die Verdienste der Juden Deutsdilands im Weltkriege vollauf unerkannte, daß wir ihm Dank schulden. ■ Heute nur sei gesagt, daß Hundert tausende deutscher Juden den Ixhmerz einer Nation, den Schmer/ einer Welt teilen, daß auch ihnen eine Wunde geschlagen wurde, die sich schwer nur schließen kann." * „Jüdische Rundschau**, Berlin: ..Das ganze Deutsche Reich ist in tiefe I raner versetzt. Mit allen anderen Mitbürgern beklagen auch die deutschen Juden das Hinscheiden des Reichspräsidenten von Hindenburg. lu der ehrwürdigen Gestalt des nunmehr Verblichenen verkörperten sich nicht nur die Mannestugenden, die seit je die Menschheit bewundert hat. sondern auch eine Epoche deutscher Geschichte. Gerade am Tage der zwanzigsten Wiederkehr des Kriegsausbruches ist F'eldmarscfaall von Hindenburg gestorben. Es hätte nicht dieses äußeren Zusammentreffens bedurft, um bei diesem Ereignis die Gedanken an den großen Krieg wieder aufleben zu lassen. Feldmarschall von Hindenburg war der ruhmreiche Führer der deutschen Armee während dieses beispiellosen Ringens, und er hat auch nach dem Kriege stets in unwandelbarer Treue das Schicksal seines Volkes geteilt und seine Persönlichkeit in den Dienst der Gesamtheit gestellt. Auch die deutschen Judert, die in großer Zahl als aktive Kämpfer der deutschen Armeewährend des Krieges angehörten, hatjen stets mit Bewunderung und Verehrung zum Feldmarschall von Hindenburg hingeschaut, überzeugt, daß unter -einer Führung der kameradschaftliche Geist der \rmee fortlebeu wird. So fühlten sich die Juden der Kriegesgeneration als Bürger und Soldaten im Heere iliudenburgs. Der verewigte Reichspräsident hat erst vor wenigen Wochen durch die Stiftung des Ehre IIkreuzes. das allen Teilnehmern am Weltkrieg ohne Unterschied erteilt wird, gezeigt, daß er jener Zeit unverbrüchlich eingedenk ist. Uns Juden im heutigen Deutschland von 1934 ist die Teilnahme am politischen Leben und an öffentlichen Angelc-genheiten versagt. Aber in einer Stunde, wo das ganze deutsche Volk schmerzerfüllt au der Bahre der historischen Persönlichkeit des Feldntarschalls und Reichspräsidenten steht, ist es unsere Pflicht, auszusprechen, was auch wir deutschen Juden empfinden. Unser respektvoller Tribut gilt der Person und dem Menschen Paul von Hindenburg. zugleich dem zum Symbol gewordene n Oberhaupt de- Staates, dem wir angehören. Das Hinscheiden Hindenburgs wird weit über Deutschlands Grenzen lebhafte Anteilnahme wecken. Fine große geschichtliche Figur ist dahingegangen, einer der bedeutenden Charaktere, ein Mann von Entschlossenheit des Willens und Gerechtigkeit, der -ein Volk und Vaterland über alles liebte, und der in seiner Bereitschaft, sich in gelten und bösen Tagen mit vollem Einsatz seiner Person hinzugeben, ein Vorbild für alle Bürger des Staates und für alle Völker sein kann.“ * - 79 - Außer der Reichsvertretung der deutschen Juden, deren Beileidstelegramm wir in dieser Nummer veröffentlichen. hüben eine Reih« anderer jüdischer Körperschaften der Trauer anläßlich des Hinscheidendes Herrn Reichspräsidenten Ausdruck gegeben. So haben der Preußische 1. undesve rl and Jüd i s ch e r Gemeinden und der Vorstand der J ü d i s «ii e n Gemeinde Berlin den zuständigen Stellen ihre Teilnahme zum Ausdruck gebracht. Audi der C e n t r a I - \ e r e i ii deutscher Staatsbürger j ü d i s ch e n Glau b e n s hat an den Herrn Oberst von Hindenburg ein Telegramm gerichtet. In allen preußischen Jüdischen Gemeinden wurde beim Gottesdienst des heinigegangenen Reichspräsidenten ehrend gedacht. Der R e i ch s b u n d j ü cl. F r o n t s o I d a t e n. Ortsgruppe Berlin, und die Berliner Jüdische Gemeinde verunstalteten besondere Trauerfeuern. Zu unserer Lage. Zur Theorie und Praxis des Ariergrundsatzes in der deutschen Wirtschaft. Das Arbeitsgericht Berlin hatte vor kurzem dahin entschieden, daß n i ch t a r i s eh e Firmen ihren Beschäftigten gegenüber an die über den 30. April 1934 hinaus verlängerten Tarifverträge nidit gebunden seien, sofern diese Tarifverträge nicht für allgemeinverbindlich erklärt worden sind. Zu diesem Urteil (Nr. 23/26 a. c. 220/34) nehmen der ...Nationalsozialistische Wirtschaft s d i e n s t" und die „D eutsthe Volkswirt a dt a f t“ kritisch Stellung. Der „N.S.-Wirtschaftsdienst" weist das Urteil de- Berliner Arbeitsgerichts scharf zurück und erklärt es als „schon rechtlich unhaltbar". Das Gericht meine, daß die von der Aufnahme in der Deutschen Arbeitsfront ausgeschlossenen nichtarischen Firmen auch nicht an nidit für allgemeinverbindlich erklärte Tarifverträge gebunden seien. Es verkenne, daß nach dem Arbeitsordnungs-Gesetz und ministeriellen Anordnungen die in Kruft gewesenen Tarifverträgeals „Tarifordnungen“ weiter in Kruft gesetzt wurden. Tarifordnungen aber erstreckten sich auf alle Betriebe und Betriebs gefolgsdiaften. für die der T reuhänder bzw. Reichsurbeitsminister sie erlasse. Die „F rankfurter Zeitung“ gibt von dieser Gerichtsentscheidung Kenntnis. Am 26. Juli äußerte sich das Blatt zu der von ihr aufgeworfenen Frage mit einem eigenen Leitartikel — „Zur Situation der N i ch t a r i e r “ — zu dem ganzen Fragenkomplex. Wir geben diese Ausführungen mit einigen Kürzungen wieder, wobei Sperrungen und Textverteilung von uns vorge. nominell wurden. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: .Würde man diese Entscheidung zum Grundsatz erheben, so würden sich unmögliche Konsequenzen ergeben, und zwar nicht etwa für die nichtari-chi-n Unternehmer oder Firmen als solche, sondern vor allem für die in ihnen Beschäftigten, insofern sie zunächst in beträchtlichem Umfang geringeren gesetzlichen Schutz genössen als die Gefolg- Dic Reiduvertreiung der deutschen Juden zum 2. August 1934. Im Angesichte des X. August, an dem vor zwanzig Jahren ungeheures Geschehen unser Vaterland und die Welt erfaßte, sind wir dessen gewiß, daß alle deutschen Juden in ernster Andacht und Einkehr dieses Tages gedenken werden. Beeck schuften arischer Firmen. ... Man kann hinzufügen, daß die nichtarischen Unternehmer oder F irmen selbst sicherlich das allergrößte Interesse daran haben, daß solche arbeit-rechtlichen Auffassungen nidit Schuir madieu. Wie der nichtarische Unternehmer w naschen muß — und nach vielfachen Bekundungen von autoritativer Stelle auch hoffen darf —, in der Wirtschaft frei tätig seinzu können und allen andern Wirtschaftenden gleichgestellt zu sein, so wird er es auch nidit wollen, daß ihm wegen einer Rechts Unklarheit, noch dazu im Verhältnis zu der Gefolg schuft seines Betriebes, Pflichten erspart blc-T" ben. die alle anderen zu trugen haben. Daß rechtlich eine gewisse Unklarheit in dieser Sache bestand und daß es für das Arbeitsgericht nidit leicht war. eine Entscheidung zu treffen, die dein Sinucdes neuen Arbeitsgesetzes entsprach, ist ziem lieh einfach klarz.uuiachc-n. Die alten Tarifverträge gulten eben nur für die Vertragsparteien. Wenn man nun .„. annimmt, daß die Verlängerung dieser Verträge in der neuen Rc-chtsform -der T arifordnung geschehen sei. so blieb es trotzdem fraglich, ob die bloße weitere Ausdehnung auf Zeit gewissermaßen automatisch auch den bisherigen Geltungsbereich geändert habe, falls über diesen Punkt keine besonderen Anordnungen erfolgten. Das scheint offenbar nicht geschehen zu sein, und darin liegt wohl der Anlaß der an sich eigentümlichen Berliner Flitschet düng. Wie dem auch sei,diese und andereSdiwierigkeitenliuben offenbar einegemeinsam? Quelle, nämlich die. daß die Gleichstellung von Ariern und Nichtariern im Bereich des Wirtschaftslebens vielfach auf beträchtliche Hemmungen und Widerstände stößt. Der grundsätzliche Ausschluß aller .Nichtarier votj der Deutschen Arbeitsfront hat z. B. in dem oben geschilderten Urteil zu ganz unvermuteten Konsequenzen geführt. Daß er auch für die Nichtarier selbst in so mancher Hinsicht bedrückend und auch materiell folgenreich sein kann, brauefit kaum besonders hervorgehoben zu werden. Es ist doch so, daß dir Deutsche Arbeitsfront sich das Ziel gesetzt hat. alleschaffenden Deutschstämmigen in ihren Reihen zu Dem Dichter Walther Heymann zum Gedenken! Gefallen bei Soissons am 19. Januar 1913. Aus dent Gedenkwort von Goetz Otto Stoff regen in „D ie Unvergessene n**, herausgegeben von Ernst Jünger. (Wilhelm Andermann Verlag, Berlin-Leipzig 1928.) .Dieser Mann also, der immer ein Dichter werden wollte und. noch nicht dre-iunddre-ißig Jahre alt. vor Soissons den tödlichen Schuß erhielt, wurde am 19. Mai -1882 in Königsberg i. Pr. geboren. Er entstammte einer durch vier Generationen in Ostpreußen ansässigen jüdischen Kaufraannsfamilie, die großes Ansehen genoß. Seine Großmutter, eine geborene Simon, batte den Ruf einer geistvollen Frau. Sein Vater, Richard Heymann, handelte Saatgut und widmete seine Mußestunden den schönen Künsten. Walter Hevmann bezeichnet seinen Vater als „heiteren Idylliker“. Und doch muß in ihm das Blut der Makkabäer lebendig gewesen sein: denn er hat als Oberleutnant der Landwehr den siebziger Krieg mitgc-inacht. Beides, die Lust am Fabulieren und der, Sinn für das Kriegerische, hat sich vom Vater auf den Sohn vererbt . . . ... Sein zweites Buch, die 1909 erschienenen „Nehrungsbilder“, wurde ein großer Erfolg. Diese Landschaft -fand in Hevmann ihren Dichter. Im Berliner Rathaus hängt ein Gemälde des ostpreußischen. 1917 gefallenen Malers Ernst Bischoff-Kulm: „Walter Hevmann auf der Düne": ein Beweis dafür, wie sehr die Sahara Ostpreußens und die Gestalt ihres begeisterten Sängers bei den zeitgenössischen Künstlern ab zusammengehörig empfunden wurden. Das „Nehrungsbuch“ ist das Schönste, was er geschaffen hat. — Auch später, in seinen Kriegsgedichten, zeigte es sich, daß der Quell seiner Verse am klarsten und klingendsten sprudelt, weqn er die ostpreußische Heimat besingt ... ... Dann kam der Krieg und damit neue Erkennt nLs. „Walther Heymann war Jude, aber er war aueb Ostpreuße, und er war vor allem anderen jetzt Deutscher“, sagt sein Freund Siegfried von der Trenck von ihm in seinem Nachruf. Das ist unbedingt richtig. Er. der körperlich zarte Jude mit der hohen Stirn und den klugen braunen Augen, dessen Militärpapiere auf „Ersatzreservc * lauteten, meldete sich als Kriegsfreiwilliger, obgleich er in glücklichster junger Ehe lebte, obgleich ihm seine Frau, die Malerin Maria Perk, wenige Monate vor Kriegsausbruch ein Mädchen geboren hatte, dem seine zärtlichste Liebegehörte. Das alles hielt ihn nicht. Mit der Kruft, die wahren Männern eignet, riß er sich los und erfüllte damit ein Versprechen, das er ia seinem Gedicht „Ostpititflischer Landsturm“ zu einer Zeit gegeben hatte, als an Krieg noch nicht zu denken war . . . . . . Als die Frage gestellt wurde, wer freiwillig ins Feld wolle, meldete er sich. Was ihu dazu bewog, sagte er in einem Brief vom 12. September: ..Wie ich dazu kam, beim „Freiwillige vor" doch vorzutreten, trotz Deiner und Evacheti? Ich muH .versuchen, das zu erklären. Man steht ganz unterm Gefühl. Ahc-r ich hatte doch innere Klarheit dulic-i. Man ist — sagen viele — töricht, wenn man sein l.c-lu-n nicht so lange als irgend möglich schont. Das ist kaum im Frieden richtig. Es ist praktisch, aber nicht bestimmend. Leber dem Selbsterhaltungstrieb steht der Lebenswille, der doch den Tod einschließt und innerlich überwunden hat. Nun — ich bin nicht Tierangekommc-ii und war dessen überwiegend froh. Aber fest stand und steht mir. daß wir wenigstens im Kriege alle gleich sind. Es ist keine Phrase, wer fällt, ist ein Opfer für alle, besonders für die Ueberlebenden. Mit seinem I.c-lx-n bezahlen ist sicher schwer. Aber int Tode wie durch ein volles Leben noch für andere Nutzen stiften - das tut man auch als „Kanonenfutter“, gleichgültig, wie der Fall liegt — ist ungeheuer viel. Nim sage ich mir ganz klar: Wo steht es geschrieben, daß andere für mich bezahlen und an meiner Stelle fallen müssen? Denn so ist's. Ich habe doch viel mehr vom Leben gehabt als viele.“ Und noch ein Wort, das «lein vorigen an Seelenkraft. Opferwillen. Entschlossenheit und Vaterlandsliebe nicht nachsteht, mag aus einem Brief an seine Gattin hier Platz finden. Er ist am 12. Oktober in Soest auf dem Transport nach Frankreich geschrieben und lautet: „Ich bin glücklich, weil ich mittun kann, mit richtigem Handeln, wie sonst mit Feder und Gedanken — und dem Deutschland, das für mich das Liebste in der Welt bedeutet. Dank ab/ustatten und ein klein wenig helfen darf. Du. meine kleine M eit. meine zweite Heimat, mein halbes ich. bist jetzt mein Klein-Deutschland. Du wirst eg oft genug fühlen, wenn Dich die Not. des großen, immer größeren zwingt, unter Warten und Weinen zu leiden,“ . . . ... Er fiel bei einem verlustreichen Angriff, der in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar unternommen wurde, um die infolge Flankenfeuers kaum haltbare Stellung bei Soissons vorzusdiieben. Lassen wir einen Regimentskameraden über Tod und Bedeutung des Dichters sprechen: „Heymann ist mit der Selbstverständlichkeit. die diese heroischen Kämpfe gegen mehrfache L eberniacht uns so! groß erscheinen läßt, in jener Mitternacht mit vorgestürmt. Er war einer der wenigen, die heil bis zum ersehnten Graben gelangten. Dort traf ihn die blöde Kugel in den Kopf. V\ ie er die schlimme .Nacht bis zum leichten Etide vc-rbruchte. war bisher nicht möglich festzustellen. Es fand sich noch kein Mann aus seiner Gruppe*, der Kunde gehen konnte. Nur ein solche r wird dazu imstande sein — bereits die Nachburgruppen waren mit sich beschäftigt. Leute, die rechts von ihm ^türmten und überlebten. fFafen ihn am anderen Morgen im endlich genommenen Graben, die tödliche- Wunde in der Schüdeldecke, einen ruhigen, ernsten Ausdruck in den Zügen. Es ist vielleicht schade, daß gerade das Aeiilieriiche dieser letzten Stunden so schwer klar zustellen ist. Das innere Erleben des Tapferen liegt aber ohne Dunkel in der Linie seines unbändigen Tatendranges. Es war sicher nur Fortklang d^s hellen, harten Tones, der in den Briefen sö beherrschend klingt. Ich glaube, nichts, selbst das UeberraScheiidste nicht, was einmal diesen Zeilen als Nachricht jüber des Mannes letzte Stunde nachzutragen wäre, w iird je dir hellseherische Kenntnis erweitern können, die er uns in den letzten Blättern seiner Briefe hintetjließ.“ . . . . . . Hey mann war noch im Werden.-als die Kugel ihm ins Leben fuhr und seiner Entwicklung ein frühes Ziel setzte, die zu den größten Hoffnungen berechtigte. Schnterzbewegt übersehen wir dps reijje Werk des Toten, schmerzbewegt denken wir daran, was er uns noch hätte schenken können . . .*’ * Den Hinterbliebenen Mutter, er kommt nicht nach Haus, den du geboren — Frau, von allen Männern ist deiner gefallen — Kinder — ihr habt euren Vater verlort*»! Eine große Mutter ist unser Land. Heldentod hat eine sanfte Hand. Kinder — werdet wie er. macht ihm nicht Schau«!'! Walther Hcymann