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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1934-07-16 · 8 (16.7.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XI (1934-1935)
Issue
8 (16.7.1934)
Date
1934-07-16
Page
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- 65 - ner ging vom Begriff der „Arbeits“-Sdiule aus, wie sie noch die Erwachsenen gesehen haben, und schilderte dann den Alltag der Jüdischen Schule, den die Jugend glücklich, d. h. ungebrochen, frei und unbelastet erlebt. Das Morgengebet stellt1 das Kind täglich mitten hinein in sein Judentum find seine Verpflichtung gegen Gott und Elternhaus, [und der schulfreie Sabbath wird wieder jüdisch erlebt. Deutlich ist die Wirkung der Tatsache zu verspüren, daß e i n Lehrer den allgemeinen u n d den Religionsunterricht erteilt. Das Kind fühlt so die geistig-lseelische Einheit der Jüdischen Schule und schließt sich eng an den Lehrer an, der es in liebender Strenge und wesonhaftent Verstehen erzieht. In der Scji ul pause sieht man keine gedrückten Gestalten mhhr und keimtraurigen Judenauge n. Starke und schwache Kinder tummeln sich da — auf die die Jüdische Schule außerordentlich einigend wirkt — aber keine Vereinsamten! Zum Schluß ging Lehrer «erlinger noch auf das Nlühringer Schullandheim ein. in dem die Kinder die Natur in ihrer ganzen Schönheit erleben sollen. , Die Anwesenden nahmen die hier kurz aufgezeigten Referate mit größtem Interesse auf. Und wir fühlten nach diesen Darlegungen mit ihnen? Unsere Kinder sind in guten Hündin! Nun schritt mau zur Konstituierung des Vereins. Nach kurzen Ausführungen über die Zusammensetzung des Gründungsausschusses, der durch drei Mitglieder im Schulrat vertreten ist. verlas Dr. Sacnger den Satzungsentwurf, der nach kürzer Ausspracheangenommen wurde. Auf Vorschlag wurden die bisherigen Mitglieder des Gründungsausschusses durch Akklamation in den neuen ordentlichen Ausschuß gewählt. Es sind dies: Dr. Siegfried Säen ger (Vorsitzender): Dr. Martin Cohn (Schriftführer); Erich Cohn (Kassier): Dr. Otto Einstein. Dr. Emil G o 1 d s ch m i d t, Dr. ,E. 11 u s g a 11. Julius Kuumhi-imcr. Krau Olga Lieblich, Krau 1 d a Marx, Eruii Meta Mart, Frau Rudolf Sander. Als Revisoren wurden Julius Paul Eppstein und Amtsrichter a. D. Dr. Einstein gewählt. Der Mindestinitglieclsbeitrug wurde auf 3 Mk. festgesetzt. Zum Schluß sprach Dr. Hermann M e r z b a ch e r als Obmann der Schulabteilung des Vorsteheramts über den Stand der Schulbaufrage. Er teilte mit. daß das Kollegium den Bau der Schule auf dem Platz hinter dem Gemeindehaus beschlossen hat und legte dar, warum das Vorsteheramt dieser Lösung zustimmte. Der Entwurf, der allen sanitären Anforderungen genügen und nach den modernsten Grundsätzen ausgeführt wird, ist von Architekt Bloch geschaffen worden und wurde von autoritativer fachlicher Seite als hervorragend bezeichnet Durch die Vorführung einiger Lichtbilder, die den Schulneubau sowohl im Aufriß als auch im Modell zeigten, konnten die Anwesenden die Ueberzeugung gewinnen, daß auch dieser -Teil der Schulfrage einer zweckmäßigen und schönen Lösung zugeführt wird. Die einzelnen Bilder wurden von Architekt Bloch erläutert. Dr. Ernst Simon, Frankfurt O.M., über «.Europäische Bildung und jüdisches Lernen". Auf Einladung des J U d i s ch e n L e h r h u ii s e s und des „L a n d e s u u s s ch u ß Württemberg d e r j ü d. J u g e n d v e r b ä n d e“ sprach Dr. Ernst Simon, Frankfurt u. M.. am 24. Juni über „Europäische Bildung und jüdisches Lerne n“. Es war für weite Kreise unserer Gemeinde und insbesondere für die Jugend eine besondere Freude. Dr. Simon in Stuttgart wiederzusehen, wo er von früheren geistvollen Vorträgen her in besteh Erinnerung steht. Frust Simon gehört, wie die Einladungsschreiben mit Recht vermerkten, mit Martin Buber zu den Persönlichkeiten, denen unser Lehrhaus einen wesentlichen Teil seiner geistigen und organisatorischen Grundlagen verdankt. Er wirkte früher an einem preußischen Gymnasium und ist seit einigen Jahren an einer jüdischen Höheren Schule in Haifa tätig. Wenn Dr. Ernst Simon vor kurzem von der Reiaisvertretung in die neu geschaffene „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung“ berufen wurde, so zeugt diese Tatsache für die außerordentliche pädagogische Eignung eines Mannes, der wie wenige in das jüdische und deutsche Bildungsgut eingedrungen ist. — Dem Vortrag ging am Nachmittag ein praktischer Schulungskurs voraus, der der Gestaltung von Heimabenden im Rahmen der jüdischen Jugendarbeit galt. Viele junge Menschen und in der Bilduogsarbeit stehende Erwachsene nahmen an dem Kurs teil, in dem Ernst Simon in außerordentlich instruktiver Weise in Unterrichtsform den Wochenabschnitt und Maimonides behandelte. Wie wir hören, plant der Landesausschuß, der wie bekannt die überparteiliche und reichsbehördlich anerkannte Organisation der gesamten jüdischen Jugend Württembergs jst, eine regelmäßige Fortsetzung solcher Ausbildungskurse. Zu Beginn seines Referats betonte Dr. Simon, daß auch der Vortrag des Abends aus dem Begriff des „Werdenden Judentums“ heraus verstanden werden müsse, ein „Werden", das wir alle wieder fühlen. Auch heute geht es um die Bewahrung der historischjüdischen Form, zumal in einem Augenblick, wo der Gestaltwundel der europäischen Kultur voll eingesetzt hat. Während das Pathos der europäischen Bildung bis weit ins IQ. Jahrhundert hinein der Glaube an Vernunft und Natur war und von Rasse und Blut noch nicht die Rede war, so ist heute das heroische Prinzip in allen seinen geistig-seelischen Erscheinungsformen herrschend. In dieser Situation erhält der altjüdische Begriff des „Lernens“ wieder seinen tiefen Sinn für unsere Gemeinschaft. Es steht von vornherein durch eine viel stärkere Beständigkeit der Methoden in der Tradition als die europäische Bildung. Das „Lernen“ bringt die Kunde unserer Vergangenheit. Für die jüdische Jugend gibt es nun in der Frage, wo sie ihren kulturellen Bitdungsstandort suchen soll, nur die eine Wegweisung: Anschlußsuchen an die Reste einer echten Kultur. Wesentliche Heilkräfte können uns nur aus dem jüdischen „Lernen“ Zuströmen. Die deutsche Kultur, dienlich eine echte ist. kann uns nicht sättigen, wenn wir sie durch die Umstände nur in der reinen Rezeption aufnehmen, nicht aber schöpferisch betätigen können. In die jüdische Geschichte und die gewiß schwere hebräische Sprache kann man einclringen, wenn man diese Betätigung nur als wichtig empfindet. Aber nur ein wurzelhaftes ErnstncThmen des Hebräischen in seinem vollen Kulturcharakter — kein Neuhebräisch in Schnellkurscharakter — macht uns das „Lernen“ zum Erlebnis. Und die Bibel kann ohne diese wirkliche Sprachkenntnis nicht zurückerobert werden. Erste Eorderung jüdischen „Lernens“ ist aber Wiedergewinnung der Bibel. Hier ist es wichtig, daß wir uns nicht durch die beiden Gefahren des deutschen Judentums — Prinz und Schoeps — in eine „falsche Zeitgemäßheit“ locken lassen, die uns von dem Kern unseres jüdischen Seins wegführt und zu falscher Bibelbetraditnng verleitet. Eine gewichtige Forcierung jüdischen „Lernens“ ist auch die Beschäftigung mit unserer Geschichte. Jüdische und allgemeine Geschichte sollen aber getrennt unterrichtet werden, damit wir nicht in den alten jüdischen Fehler der ..Dimensionsblindheit“ verfallen und alles Weltgeschehen auf uns beziehen. Zum „Lernen“ gehört auch eine wissenschaftlich getriebene „Gegenwartskunde“. die u. a. den Blick auch wieder auf das Judentum in der ganzen Welt richtet. Mit der klaren Herausstellung dieser Punkte gab der Redner äußerst bemerkenswerte Hinweise für das jüdische „Lernen“. Stadtrabbiner Dr. Rieger dankte Dr. Simon für seinen Vortrag mit herzlichen Worten, welche von den Anwesenden durch stürmischen Beifall bekräftigt wurden. Die Gründung des füdlsdien Jugendkreises. Das Gemcindevorsteherumt hatte ein Rundschreiben au alle Eltern von Kindern zwischen acht und zwölf Jahren erlassen, in dem die Kinder zu einer Vorbesprechung auf Samstag, den 30. Juni, in das Lehrhuus eingeladen wurden. Schon aus dem Rundschreiben wurde ersichtlich, daß es sich hier um eine außerordentlich erfreuliche und begrüßenswerte Neueinrichtung handelte. Haben doch auf Veranlassung des Vorsieheramts sämtliche Jugendbünde sich bereit erklärt, von nun an Jugendliche unter zwölf Jahren nicht mehr bei sich aufzunehmen, und sofern sich solche schon bei ihnen befinden, diese dem Jugendkreis zuzuführen. Wie aus dem Rundschreiben weiterhin ersichtlich wurde, steht der Jugendkreis auf einer überparteilichen Grundlage-. Seine Arbeit will die elterliche Erziehung in keiner Weise beeinflussen, sondern nur iungewissem Sinne ergänzen: sie wird sich an die \on der Reichsvertretung uufgestelllen kulturellen Richtlinien anlehnen, und demgemäß c^s jüdische und deutsche Bildungsgut gleichgeordnet berücksichtigen. Allwöchentlich in kleineren Gruppen stattfindende Heininuchmittagc wollen neben Spielen und Singen die Jugendlichen auch zu geistigen Fragen und Aufgaben führen. Halb- oder ganztägige Wanderungen. die ein bis zweimal im Monat stattfinden sollen, werden zur engeren Verbundenheit einer Gruppe unter sich und mit ihrem Leiter beitragen. Bei vorhandenem Interesse sind auch Bastei- und Werkstunden, event. auch Gartenbaukursc geplant. Zu der Vorbesprechung, die am Samstag, den 30. Juni, stattfand, und die unter der Leitung von Dr. Walter Strauß stand, waren weit mehr als hundert Kinder gekommen. Es war offensichtlich, daß vor allem auch die Kinder selbst die Nengründnng des Jugendkreises mit Freude und Begeisterung begrüßten. Zunächst durften sie unter Leitung von Dir. Karl Adler, der event. einen gemeinschaftlichen .Jugendsingkreis leiten wird, ein Lied singen. Alsdann äußerten sich die Kinder selbst auf Fragen des Leiters der Veranstaltung darüber, was sie sich unter dem Jugendkreis vorstellen, und womit sie sich in ihm am liebsten beschäftigen würden. Aus der großen Beteiligung an dieser „Aussprache“ der Jugendlichen wurde vor allem ersichtlich, welch großes Interesse die Kinder für ihren Jugen Ikreis selbst hüben.-. Alsdann erfolgte die Einteilung in kleinere Gruppen von ca. zehn bis zwölf Jugendlichen. Die Mädchengruppen stehen unter der Leitung der Fräulein Blum. Eugelmaier, Gunz. Scheuet, Stern und Frau Strauß: die Knabcngruppeii unter der der Herren Berlinger, Gähn. Fischmann. Hei teniann und Säbel (Gesamtleitung Dr. Walter Strauß). Nach der Einteilung trug eine Mädchengruppc ler deutschjudischen Jugend unter Leitung von Frl. Moses Sprüche vor, die die Jugendlichen zum Stolz auf ihr Judentum aufriefen. Daraufhin folgte durch eine Gruppe der Werkleute unter Leitun; von Arno rischmann eine sehr gut gelungene szenische Durstellung eines Bibelstoffes (Saul und David). Zum Schluß wurden die Jugendlichen durch ein lustiges Kasperletheater (vorgeführt von Hilde Strauß) erfreut. Wenn es unseren Jugendlichen in ih en Gruppen so gut gefallen wird wie an diesem erden gemeinschaftlichen Nachmittag, so braucht man sich über die Weiterentwicklung des Jugendkreises keine Sorgen zu machen. Es wäre sehr-erfreulich, wenn im Lauf, der Zeit sich noch mehr Jugendliche dem Jugendkreis anschließen würden, da gerade in heutiger Zeit die Pflege des Gemeinschaftsgefühls besondc rs notw endig erscheint. Neuunmeldungen werden j -derzeit entgegongeiiomnien beim Jüdischen Lehr) aus. Telefon 264 13. oder Dr. Walter Strauß 623 33. Jüdische Jugendl im Mühringer Schullandheim. \ on Lehrer Wolf Berlinger, Stuttgart. Wie wir in letzter Nummer schon mitgeteilt haben, befinden sich die Kinder der 2. Klasse (2. und 3. Schuljahr) unserer Jüdischen Schule zurzeit in einem Schullandheim i|t Möhringen. Die Gründe, die zur Durchführung dieses Aufenthalts führten, legte Lehrer E erlinger vor kurzem in einem Elternabend dar Die nachfolgenden Ausführungen sind ausz igsweise seinem Referat entnommen. Die I khriftleitung. Das menschliche Lebe n ist nurin Gemeinschaft denkbar, ohne Gemeinschaft wird es leer, in der Zerklüftung der .Menscheneinheit lauert der Unter gütig. Wenn Judentum und Christentum die Nächstenliebe als Grundlage aller Religion hin: teilen, so begegnen sich hierin höchste göttliche Weisheit mit uralter, menschlicher Erfahrung. Will man junge Menschen zu lebcnstiichtigen. ihren Platz gut ausfüllenden Menschen erziehen, so muß neben der geistig-seelischen die gesellschaftliche, soziale Erziehung stehen. Im normalen Leben sind es im wesentlichen zwei Mächte, in deren Hand die Erziehung des reifenden Menschen liegt: Elternhaus und Schule. Während da* Elternhaus in erster Linie das körper iche und das charakterlich-religiöse Wachstum des Lindes pflegt, ist die Schule mehr die Bildungsstätte der geistigen und sozialen Seiten im Schüler. Diese Zweiteilung gestaltet sich unter günstigen Umständen zu einem segensreichen Ineinander- und Mitein inderschaffen. die Umkehrung rächt sich in einem schädlichen Gegeneinander- und Auseinanderarbeiten. Es liegt im Wesen des Menschen, alle Lebenserschei- ■uuigen zu vereinheitlichen, sehen wir! doch im ganzen Leben der Natur dieses Sehnen. Die Gegenwart mit ihrer mächtig flutenden Rückkehr zpr Natur mündet deshalb in ein alle Bezirke* des Lebiens umfassendes Totalitätsstreben. Audi in der Erziehung ist der Drang nach Einheit zur Tagesförderung geworden. Es gab schon eine Zeit in der diese Ejinheit der Erziehung vorhanden war, damals, als der Vater noch Erzieher und Lehrer in einer Persoij war. Dieser patriarchalische Zustand w urde von clc-tl fortschreitenden Kulturentwicklung hinweggefegt. Vermehrte) Anforderung des Berufs einerseits. Anwachsen des Wissens und der Lernstoffe andererseits, ließen diese einheitliche Erziehung im Elternhaus nicht mehr zii. So entstund die Bewegung, d i e S ch u I e zur Er/iehungseinheit auszugestalten. Das ganze Familienleben soll danach in| Erziehungsheime hinübergeleitet werden und darin aufgehen. Es ist dies das sozialistische Erziehungsziel. Für uns hiesige Juden extreme Lösung nicht in Betracht: di zuzählen, würde zu weit führen. Da Strömungen ein wahrer Kern steckt dj-r nur in richtigen Formen genossen werden mußJ kristallisierte sich bei uns aus dem sozialistischen Erzjehungssysteni der Gedanke des S ch u 1 1 a n d h e i niis heraus. Als Ausgleich für die Ferien und Feiertage, in denen ja das Elternhaus ihren Totalitätsanspruqi auf das Kind verwirklichen kann, sollte wenigstem) einmal im Jahre für einige Wochen die S ch u 1 e ßie einzige Erziehungsmacht im Leben des Kindes stein. Bedenken tauchen dagegen auf: Ausschaltung deq Elternhauses. Trennung von den Eltern (für Eltern und Kind), Einflüsse des Heimes, die nicht unter der Kontrolle der Eltern stehen, und last not least: das Geld! Doch die kommt diese di^ Gründe aufuberin allen + PuQpffloga tdunenlot M.«. RUN, Poststraße Nr. 17 »■MtlltiaNäM nt Ml 73 NAhmaschlnan «■d Radio finden Sie In reicher Answnhl bei Kupfer & Cb. QmT*tmtir*ßc 19 z Fei. M»M Reparaturen «Umweher Systeme Auto- und Motorrad-—rRlfunfl Vcrslcgcmjsltlcil empfiehlt sich zu jeder Art Verztetgernngen und Schatzungen auch einzelner Oegenztande. Sfaütanradlcrer 6Mlfc€l Telefon 8421« Stuttgart

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