Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 10
- Date
- 1933-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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■ r — 85 - I'l, W KU. Innenansicht der Synagoge in Massenbach, erbaut Im Jahre 1720 Innenansicht der im Jahre 1810 erbauten Synagoge in MQhringen (Beide Bilder aus dem Bilderwerk des Isr. Oberrats „Jüdische Gotteshäuser u. Friedhöfe in Württemberg" >r es kann kein Zweifel sein, daß das Schicksal r deutschen Juden in Deutschland, nicht außerualb seiner Grenzen entschieden wird. Wer sich diesem Geschick in Wahrheit verhaftet fühlt, wird ihm auch draußen nicht entfliehen. Denn es ist das gleiche Schicksal, ob wir seinen Atem im Kampf darum spüren oder ob es uns als Heimweh und lebenlanger Schmerz um verlorene Wurzeln unseres Daseins begegnet. Das läßt sich schon heute an vielen sehen, die draußen sind, und Menschen ihrer Art müssen in unser Denken einbezogen bleiben. Wie muß der Jude aussehen, der sein Feld behaupten und neu schaffen will? Zu welchem Bild unser selbst sind die einer Gestaltung Fähigen zu erziehen? Denn darum geht es, wenn wir nicht warten wollen, was die Aeit mit uns macht, sondern danach streben, unseren Platz in ihr selbst mitzubestimmen. Wir sind als Juden in Deutschland geboren. Deutschtum und Judentum sind Voraussetzungen unseres Daseins. Beide müssen wir in uns aufnehmen. um zu wissen, wo wir stehen. Es gibt in unsren Reihen jede Einstellung, die zu diesen beiden Gegebenheiten überhaupt denkbar möglich ist: von denen, die nur ihr Deutschsei» gelten lassen, durch viele Zwischenlagen bis zu denen, die ausschließlich Juden sein wollen und zu sein glauben. Mit keiner der Richtungen soll gestritten werden. Die Lösung für die jüdische Gesamtheit kann aber schwerlich darin gesehen werden, daflF wir uns denen restlos gleich fühlen, die uns ablehnen. Ebenso würde es einen Verzicht auf innerstes Gut bedeuten, die Bindung an die Heimat aufzugeben, in deren Welt wir aufgewachsen sind und deren Sprache wir sprechen. Das werden wir — trotz allem — nicht tun. solange uns auch nur ein schmaler anderer Weg bleibt.'Sind nicht beide Extreme gewaltsame Versuche, vom Wollen her dem in uns Gewachsenen Zwang anzutun? Wir möchten es als die Bestimmung des Juden ansehen, das zu bejahen und zu einer Ganzheit zu gestalten, was unsefe eigentlichste Natur ist: aus beiden Wurzeln einen festen Stamm zu bilden, beide Ströme des Lebens in uns zu tieferer Einheit zu verschmelzen. Nach außen und innen werden wir uns nicht behaupten können, indem wir einen Teil unserer selbst verleugnen, und als Gesamtheit gibt es letztlich nur den einen Weg: wir werden deutsche Juden sein oder wir werden nicht sein. Das kann nicht heißen, daß der Einzelne sich lässig auf das berufen darf, was allein durch Geburt uns zugekommen ist. Vielmehr heißt es, die Verpflichtung des Deutschen und des luden bewußt auf sich zu nehmen und zu erfüllen. Es ist wohl eine Lebensfrage, ob wir in Deutschland bleiben und unserem Beruf nachgehen können; aber das allein genügt nicht. Denn wir müssen es fertig bringen, nicht nur geduldet zu sein, sondern uns Achtung zu erzwingen. Es ist noch nicht das Letzte geschehen, was dazu von uns getan werden kann. Selbstverständlich und unerläßlich. daß jeder an seinem Platz sich auch nicht das Kleinste zuschulden kommen läßt: aber auch das ist nicht genug; jeder muß in seinem Kreis Beispiel sein Können. Wir klagen darüber, daß wir um jeden einzelnen Schlechten alle zu leiden haben. Damit geschieht uns Unrecht. Aber aus dem Unrecht erwächst die Pflicht zu strengster Zucht unter uns, weil wir am besten kämpfen, wenn wir die Verantwortung einer für den anderen übernehmen können, die wir in den Augen der anderen doch übernehmen müssen. Daß Stellung und Besitz keine Sicherheit bedeuten. ist aus den Erlebnissen der letzten Zeit jedem klar geworden. Vielleicht wird einmal eine ruhigere Zeitspanne das Gewordene wieder in festerem Stand erscheinen lassen. Immer und dann erst recht wird es notwendig sein, besonders in unseren jungen Menschen keine Sattheit zu dulden und kein Genügen an Lösungen, die für den Tag bequem sind. Unsere Jugend muß bereit sein, allen immer neuen Forderungen gewachsen zu sein, die ihr gestellt werden, sie muß so erzogen werden, daß sie allem Geschehen gegenüber sie selbst bleibt. Es ist heute zu sehen, daß die unter uns. denen das Leben diese Lehre gegeben hat, der Zeit besser gewachsen' sind. Nicht allein unsere Tage aber können uns den Sinn solcher Bereitschaft offenbaren, sondern die ganze lange jüdische Geschichte. Jüdische Lehre und jüdischer Gehalt bleiben dieselben: sie haben in ihrem Wesen nichts zu tun mit Liberalismus oder anderen Strömungen der Zeit. Aber keine Richtung wird sein, der dieser jüdische Gehalt nichts zu geben hätte. Denn in ihm liegt auch die Verbundenheit mit den Ahnen, die Lebendigkeit ältester Tradition, die Gesinnung uneigennütziger 'Nächstenliebe. Wir alle kennen das Zerrbild jüdischen Wesens, das uns entgegengehalten wird: Mehr Intelligenz als Charakter, mehr Beweglichkeit als Durchdringung. mehr Gewandtheit als Geradheit; kein schönes und — kein wahres Bild. Denn es gibt genug Beispiele von jüdischer Treue und Charakterfestigkeit, von tiefgründiger Geistigkeit und ehrlicher, schöpferischer Leistung. Es mag auch sein, daß man andere Fehler an uns sucht, wenn man die heute getadelten nicht findet. Aber sollten wir nicht mit offenen Augen auch in den trüben Spiegel schauen und dafür sorgen, daß wir auch nicht einen Zu£ unserer sNJist in ihm finden können. Denn es ich zu unserem Guten, zu ändern, was ändernswert ist. weil nur so verteidigt werden kann, was wert ist. verteidigt zu werden. — Der deutsche Jude, den wir meinen, ist kein schwächlicher und geduldeter Fremdling im Lande seiner Geburt, sondern ein an Körner und Seele, kraftvoller uqd aufrechter, innerlich freier und geschlossener Mensch. Wenn ihn so das deutsche Vaterland will, so wird es an ihm einen wertvollen Bürger haben. Anbiedern wird dieser Jude sich nicht, und wenn sein Platz zu seinem tiefsten Schmerz nicht in Deutschland sein kann, so steht einem solchen Menschen die Welt offen. Wir müssen unsere Aufgabe groß sehen, für alle und für jeden. Nicht jeder ist zum Helden Sehören, aber ein Charakter und ein ganzer .erl eigener, jüdischer Prägung — dazu kann jeder erzogen werden und sich selbst erziehen. Erreichen wir das. so wird nicht , von selbst, aber durch unser Tun das gegen uns Gerichtete für uns gewandt. Es kommt auf uns an. R. B. Dr. Enzo Sereni in Stuttgart. Eine Veranstaltung der Zionistischen Ortsgruppe Stuttgart. Die hiesige Zionistische Ortsgruppe hatte zu einem Vortrag von Dr. Enzo Sereni am 2. August eingeladen. Sereni. der auf einer Kwuzah in Palästina lebt und ein ausgezeichneter Kenner der dortigen Verhältnisse ist genießt nicht nur in der zionistischen Welt auch als Mitglied des Waad Leu in i und Führer des Hechafuz hohes Ansehen. Sereni ist Italiener: bis zu seinem 20. Lebensjahr wußte er aber nicht einmal, daß er Jude sei. Heute ist er Volljude, palästinensischer Zionist 'reinsten Wassers. Der große Saal des Oberen Museums ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Atemlos lauschen Hunderte dem faszinierenden Redner, der ein sehr gutes Deutsch spricht. Eine jugendliche, svmpathische Persönlichkeit — ein •Redner und Propagandist ersten Ranges, der rückhaltlos seine Ansichten enthüllt. Dabei, sind seine Beurteilungen in ihrer Verallgemeinerung, manchmal keineswegs zutreffend, insbesondere nicht über die deutschen Juden.’ Sereni sprach über ..D ie Zukunft der jüdischen Jugend". Man muß, so führte er u. a. aus, die heutige Lage der deutschen Juden ohne Haß als eine sinnvolle, nicht aber als eine sinnlose Sache betrachten. Die Zionisten, die zuerst nach Palästina gingen, taten es, um aus Juden neue Menschen zu machen. Darum geht es auch heute. Alle Minderwertigkeitskomplexe müssen verschwinden. Der Juae muß A rb •beiter werden, Arbqi-