Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 10 (16.8.1932)
- Date
- 1932-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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Antisemitismus Von Karin Michaelis. Vor kurzem veröffentlichten wir einen Abschnitt aus dem Essay „Antisemitismus nach dem Weltkrieg“, mit dem R. N. Coudenhove-Kalergi das unlängst im Wiener Paneuropa- Verlag in Neuauflage erschienene Werk „Antisemitismus" seines Vaters, Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi, einleitet. Der nachfolgende Artikel der berühmten dänischen Schriftstellerin Karin M i ch a e I i s würdigt dieses treffliche Buch, das besonders in der heutigen Zeit eine sittliche Tat bedeutet. Die Schriltleitung. An dein Buch. von (lein ich hier reden will, darf kein denkender , Mensch \oriibergehen. nenn er erst von seiner Existenz erfahren hat. Als ich es las. wurde mein Iler/ weit, froh und leicht: So. nun haben die Torheiten lind \erbrechen. die unter dein Namen Antisemitismus ringsum in der Welt geschehen, wohl ein für allemal ein Ende gefunden, ein törichtes MiH- \erstandnis ist aus der Welt geschafft. In diesem Buch steht Wahrheit und dieser kann auf die Dauer nichts widerstehen. Mit Stolz muH ich es sagen. da|l wir in Dänemark schon seit. mehreren .Menschenaltern frei sind con jenem Bazillus, der sich Antisemitismus nennt. Nie fragt man bei uns. ob einer Jude ist. Bei uns wäre es unmöglich, dalf Studenten ihre jüdischen Kollegen mit Stöcken und Gmiiniikniittcln von der Universität fortjagen. Bei mir zuhause weil! man nichts con den unmenschlichen Greueln in Rumänien, in Bulgarien in der Ukraine. Und kein Mensch kann sich ein Pogrom vorstellen. Wir wissen nichts dacou. aber ich muH. mein l.oblied zu Ehren meiner Nation einschränkend sagen, dal! wir nichts davon wissen wollen. Wir schieben den Gedanken, der uns unbequem ist. so fort, als ereignete sich alles auf einem anderen Planeten, mit dem wir unmöglich in Verbindung treten können. W enn wir in Dänemark so fortgeschritten sind, wie es jetzt unleugbar der l all ist. so ist es möglich. clall wir das der Qualität der Juden verdanken. die wir bei uns uiifgcnommen haben. Mischheiraten sind bei uns auf der Tagesordnung und sie hüben uns allen geholfen. Die Juden haben uns con ihrer Tüchtigkeit, Vitalität und Ausdauer abgegeben: ihre Freigebigkeit ist nicht ohne EinfluH auf uns geblieben, wir haben sie dafür aus der Enge ihrer Anschauungen befreit. ihnen con unserer heiteren Weltweite und leichtbeschwingten Lebensform initgeteilt. Dieser Graf C o tt d e n It o v e . der das Buch geschrieben hat. war natürlich kein Jude. Er war ein österreichischer Aristokrat. Diplomat, Katholik und konservativ. Aber ein mächtiger Trieb, den menschlichen Dingen auf den Grund zu gehen, dürfte ihn beherrscht haben. Um gerecht sein zu können, wurde er Gelehrter: fremde Sprüchen. Kulturen, fremde Religionen machte er sich vertraut und so kam er auf die Juden. In seinem tiefsten Innern Antisemit, beschloH er. die Grundziige des Antisemitismus festzulegen, und mitten in der Arbeit kam ihm die Umkehr. Sie kam von innen heraus. Durch Wissen und Denken fand er uniimstöHliche Beweist». daß alles, was man dem jüdischen Volke verwirft und womit man Hall und Verfolgung begründet, auf die Verfolger selbst zurück fällt. Er beweist sogar, daß der Begriff Antisemitismus ein reiner Unsinn ist, da es keinen Semitismiis gibt. Seltsam, das Buch des Grafen Kalergi. das so ccenig Leidenschaft zeigt, wie etwa das Hauptbuch eines Kaufmannes, weckt bei den Lesern alle Leidenschaften. Langsam und gewissenhaft, sich selbst Schritt vor Seit ritt durcharbeitend beweist er, daß Millionen Menschen jahrhundertlang eine ungeheuerliche Lüge geglaubt und sie auf Kind und kindeskindor weiter vererbt haben. Bis man sie für lebendige Wahrheit hielt. Das Buch erklärt, wie die Judenfeindschaft ursprünglich im Religionsunterschied begründet ist. Wir sind erschüttert, daß die ersten Christen sich lieber vor wilde Tiere werfen ließen, als daß sie ihren Glauben abgeschworen hätten. Der jüdische Widerstand gegen einen aufgezw ungenen Glauben ist aber eben noch größer. Der jüdische Mut scheint so ungeheuerlich, so ergreifend in allem seinen Fanatismus, daß man aus der Bewunderung nicht herauskommt.. Sie werden im Mittelalter gezwungen, abgesondert zu leben, gebrandmarkt und gezeichnet. Man entzieht ihnen die Erlaubnis, die Erde zu bebauen, ein Ilundwerk auszuüben. Nichts bleibt ihnen übrig als der Handel. Erwerben sie durch diesen ein Vermögen, so nimmt man ihnen das Geld weg und jagt sie in eine neue Verbannung. So jagt man sie durch alle Länder. Sie leisten passiven Widerstand. Sie lassen sich töten. lassen sich martern, statt ihren Glauben abzuschwören. Und doch beruht auch die jüdische Lehre auf den Grundsätzen der Nächstenliebe. Ich kenne viele Juden, die den Geboten der Bergpredigt eher nachleben als wir Christen. Was liegt schon daran, daß sie auf einen neuen Messias warten, stutt Christus anzuerkennen? — 85 — Graf Coudenhove hat als ein wahrer Adeliger und als ein wahrer Christ sich bemüht, einem mit Unrecht gequälten Volke zu seinem Rechte zu verhelfen. Er spricht nicht von jüdischen Genies, nicht von jüdischen Talenten, nicht von jüdischen Mäzenen, nicht von jüdischen Propheten. Er spricht von armen Leuten, die dadurch schiedet werden, daß man sie Schlecht behandelt, und die besser würden und gut würden und'die zum Segen würden, wenn man ihnen Gerechtigkeit widerfahren ließe. Das Buch hat er geschrieben. sich und andere zu belehren und jetzt hat es sein Sohn neu herausgegeben. Dieser Sohn, der sich so sehr bemüht, sein würdiger Sohn zu sein. Wer das Buch des Grafen Heinrich Coudenhove über den Antisemitismus liest, der ■ versteht, wie Richard Coudenhove- Kalergi geworden ist. Denn an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. ... Zum 20. Tamus Theodor Herzl's Todestag. Von Albert Lonclres. Albert Lonclres, der große Iranziisische Reporter, ist vor wenigen Wochen bei der furchtbaren Schiffskatastrophe des „Georges Philippar" vor Aden verunglückt. Dieser fanatische Gerechtigkeitssucher hat in seinem iiu Phaidon- \ erlag. Wien, erschienenen Tatsachenbericht aus den Ghettos der Welt „Jude, wohin?" der Persönlichkeit Herzls folgende interessante Würdigung zuteil werden lassen: In Wien, auf dem Döblinger Friedhof, befindet sich ein Grab. Der Mann, der darin liegt, hatte ein außerordentliches Schicksal. Dreituuscml/w eihundertsiebenundv icr/ig Jahre nach Moses hat er die Nachfolge Moses angetreten. Er war mehr als ein König. Er hatte mehr als ein Zepter: er hatte Flügel. Seine Mission war größer als die eines l.ünderbehcrrschdrs. Sein Ruf erschütterte die Welt. Er weckte» ein Volk, das seit ncun/chnhumlcrt Jahren schlief. Er war Jude. Das Volk war Israel. Der Name des Mannes ist Theodor llerzl. Er wurde im Jahre 1860 in Budapest geboren. r JJhee gehören zur Behandlung lös rPnu(inen fand f Modern eingerichtetes FuBpflegeinstit jt V Mun sagte, daß er ein Sephardi war. das leilit. daß er von jenen spanioliscneii Juden abstan mtr denen die Inquisition so feurig ihre Liebe bewies. Dieser Abstammung verdankte er di Schönheit seiner Züge und die Majestät s »iner Haltung. ..So wie Saul“, schreibt Zungwill. ..ijberragte er au Größe seine Brüder: er hatte einen langen, schwarzen Bart, leuchtende» Augen und eine Gestalt w ie die assyrischen Könige auf antiken Basreliefs. Seine Rede war faszinierend, er hatte eine zauberhalte Wirkung auf alle, mit denen er in Berührung kam. von Könige! nngofangon bis zum armen Juden, die stehen blieben. um den Saum seines Mantels zu kiesen." Alan erzählt, llerzl habe als junger Burse! i einmal zum Hausarzt gesagt: ..Mir uns Judei gibt es nur ein Mittel, um ein geachtetes \olk zu werden: wir müssen nach Palästina gehen.“ W er sollte uns hinbringen?“ Er soll gönnte ortet haben: ..Ich“. Nachher aber schien er seine Mission vergessen zu haben. Wie seine Stummesgcmfcscn. ha :tc er eine Bar Mi/wali gefeiert und in der Sv n igoge hebräisch einen I hora-Abschnitt vorgetingen. Damit hatten seine Bekenntnisse zum Jude utuiii auch ein Eudc. Sicher hielt er sich für guten österreichischen Staatsbürger. Der Ruf „Tod den Juden!“ war für seine Sech wie das Aufleuchten eines Blitzes. Er stc'llp» sich um. ..Auch ich“, sagte er sich ..bin Jude." Daß diese r Ruf in Frankreich erhoben vurdi das vor allem war es. das ihn umwarf. I rankreich hatte seit mehr als hundert Jahre 1 den Juden uneingeschränkte Menschenrechte zuerkannt. Es stand von allen Völkern dem 1 erzen Israels am nächsten. Wenn die Juden jetzt plötzlich keinen Boden mehr unter den Füllen 1 atten. wenn man alle den \ erdacht entgelten lie ß, der auf einem einzelnen lastete, so war das e n Beweis. daß der Jude selbst in dem Land, dis ihn am meisten begünstigte, noch nicht zu Hause war. Und an diesem Lage» fühlte» llerzl. wozu |er berufen war. tssCmgen Vorbeugen ist oft lelc&ler als Hellen! Durch regelmäßigen Gebrauch des „DlabatlKar>Taa“ (Marke „Schlange Im Kreuz") kann man der Immer mehr Oberhandnehmenden Zuckerkrankheit (Diabetes) Vorbeugen, z 1 Paket Mk. 1.50. Zu beziehen von Schwan-Apotheke Dprtta, arataprft, CMopffaa, Stnmattfaljttll Dnaamnitpotritt aitreani- ». lOrtaftrtalßarr •drßrfni Cenkral - Drogerki Carl Mmtillr / ln«n Irlcka 26 / Talaphta Mi. 7342 Wellstr. 15, Tel. 6934 Elektrotechnische» Installationsgeschalt 10r Licht-, Kraft- und Signal-Anlagen Das-, Wasser, Santt. Anlagen z Beufleechnerei Im Dienste der Hausfrau Dampfwascherei H. 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