Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 9 (1.8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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- 77 - BILLIGE TAPETEN kamt rna b«l TAPETEN-SCHMITZ Marienstr. 9 malischen Starrheit, Offensein für ihre geheimnisvolle Schönheit Dabei ist sie der Ausdruck einer reifen Persönlichkeit, niemals erstorbene Form, immer lebendigstes Leben. Das erklärt die quellende Jugendlichkeit des Meisters, die noch aus seinen letzten Schöpfungen, man denke an das wundervolle lebensprühende Portrait Professor Sanerbruchs, strahlend heransleuditet. Der Sinn für Form und Farbe, für Licht und Luft für Charakter und Idee sind in dem alten Meister ungebrochen geblieben, so daß er immer noch nicht das letzte Wort in seinem Schaffen gekündet hat Es darf die deutschen Juden mit freudigem BewuBtsein erfüllen, dafi der alte Meister in inniger Treue am Glauben der Väter hängt und sich überall offen und ernst zn ihm bekannt hat. Sein Großvater war 1824 aus Märkisch-Friedland nach Berlin eingewandert und hatte hier die Kattundruckerei eingerichtet durch die er, wie er einst stolz Friedrich Wilhelm IV. erklärte, „England besiegt hat". Der Enkel hat die Tradition der frommen Vorväter treu bewahrt und war stets bereit für jüdische Lebensfragen einzutreten. Ein Zeugnis seiner Treue zum Judentum ist sein feinsinniges Widmungsblatt „Den jüdischen Müttern", das er den jüdischen Müttern der Gefallenen im Weltkriege geweiht hat Mit der gesamten Kulturwelt darf die Judenheit in diesen Tagen dem Meister verehrungsvollen Dank und den Wunsch darb ringen, dafi ihm noch viele schaffensfrohe Lebensjahre beschieden sein mögen. Wie von den meisten grollen Männern, so sind auch von Max Liebermann viele Anekdoten im Umlauf. Besser vielleicht als Mie langatmigste Würdigung zeichnet oft die Anekdote den Menschen. Dies gilt auch von den nachfolgenden, dem „Berliner Tageblatt" entnommenen kurzen Erzählungen, die besonders deshalb wertvoll sind, weil sie dem lebendigen Gespräch entstammen: Ein neuer Reicher wollte seine Frau von Liebermann malen lassen und bat ihn, sich vorher die Wand anzusehen, an die das Bild kommen solle, damit es sich gut in den Raum einfüge. Liebermann jedoch lehnt ab: „Mach’ ich nicht. Sie sollten sich lieber um das Porträt herum das Haus bauen lassen. » * Leber die Kunsthistoriker meinte Liebermann: „Die sind jar »ich so überflüssig. Wenn die nich wären, wer soll uns denn, wenn wir tot sind, unsere schlechten Bilder für unecht erklären?“ * Zu Liebermann sagte einmal ein begeisterter Kritiker: „Meister, je mehr ich mich in die Kunst versenke, desto klarer wird mir: Es gibt nur zwei große Maler, Velasquez und Sie!“ Darauf Liebermann: „Wat denn, wat denn, wieso Velasquez?“ Das schönste Wort aber, das Liebermann über künstlerische Dinge gesagt hat. äußerte er vor Rembrandts „Nachtwache“: „Wenn man Frans Hals sieht, bekommt man Lust zum Malen, wenn man Rembrandt sieht, möchte man es aufgeben.“ * Eines Tages erhielt Liebermann von einer Amerikanerin einen Brief, in dem die Dame den Meister um ein Autogramm bat. Liebermann schrieb auf eine Ansichtskarte: „Zur Erinnerung an die angenehmen Augenblicke, die wir verleben, wenn wir uns nicht kennengelernt haben werden.“ Ein andermal erzählt er: „Die Autogrammjäger belästigen mich manchmal zu doll. Jeden lag kommen n paar Schnorrbriefe um ein Autogramm. Aus Ungarn, aus Böhmen ■— na ja ... Wissen Sie. was ich habe machen lassen? Eine gedruckte Karte: Wer mir ’ne Quittung darüber schickt, daß er 20 Mark an die Liebermann-Stiftung für arme Künstler eingezahlt hat, dem schicke ich ein Autogramm. Die Adresse an den Autogrammbettler schreibe ich aber nicht mit der Hand. Die lasse ich mit der Schreibmaschine schreiben! Und da sollten Sie mal sehen, wie wenige was für arme Künstler übrighaben. Von hundert schicken höchstens einer oder zwei die Quittung ein.“ Nachtcafg in Beth Alpi a. Aus „Der jüdische Arbeiter", Wier. Was sind die: Nachtcafös von Berlin und Wisn Paris oder Warschau, Mit Windfang, Spiegelscheiben, Polsternischen, Mit Seidenbeinen, Henna- und Karminrot, Mit Pariser Chypreduft und American Jazzband — Gegen das unvergleichlich romantische Nachtcafö Im rohbetonierten Pferdestall von Beth AI Dha, Mit offnem Petrollicht, gelblich im Zugwiqd flackernd. Mit beizend animalischen Gerüchen Und Schakalschrei, die südliche Nacht dunjh heulend? Dort, in einst sumpffiebriger, jetzt reich besiedelter Ebene, Wo Kommune sich stolz an Kommune reiht, gleich — frei — Keim der Zpkunft. Feucht aus dem tauschweren. Todesschwangeren Dunkel Fährnisdurchwühlter Nacht Nah beduinischen Zelten, Hieher ins Helle Tritt der Schomer, Lehnt an die Wand sein Gewehr, gesichert, zuhause. Rasselnd reißen die Pferde im Schlaf an qisernen Ketten, Fern durch die Stille der Nacht gespenstisch heult die Hyäne — Doch der Samovar singt ganz traulich inj Winkel des Stalles, Rohbetonierten Stalls am Rande der syrischen Wüste. Samovar summt — Zigarette glüht auf — ein glühendes Pünktlein. Und die zärtliche Stimme des Mädchens ijiebt an nun melodisch, Und grüßt hastig den Freund, den sie mit] Bangen erwartet. Bald darauf flattert ein Lied durch die tiefe ebettete Ebene, Einsam chaluzisches Lied voll todesbereiter Ekstasen. Pressestimmen zum lOjfthr. Todestag Walther Rathenaus. Am 24. Juni 1922 fiel Walther Rathena u, der damalige Außenminister, durch Mörderhand. Ein Großteil der deutschen Presse hat dem großen Toten in diesen Tagen ehrende Erinnerungsartikel gewidmet. Heute, da ein Rechtskabinett das von Rathenau begonnene Verständigungswerk durch den Pakt von Lausanne abgeschlossen hat, erweist es sich besonders eindrücklich. von welch hohen Einsichten Rathenaus Außenpolitik getragen war. Anschließend geben wir einige bemerkenswerte Presseäußerungen wieder: Die „Frankfurter Zeitung“ schreibt: Seine Gestalt ist für die heranwachsenden Geschlechter fast schon ein Mvthos. Der Ermordete streckte noch über den Tod hinaus den Mördern die zur Versöhnung bereite Hand entgegen. Seine Seele wollte im Einklänge mit dem deutschen Volke, das er, der Jude, als die ihm natürliche Daseins- und Arbeitsgemeinschaft empfand, leben und wirken. So wird Erinnerung an Walther Rathenau zum Gelöbnis. „Vorwärts" schreibt: Einer der fähigsten Staatsmänner unserer Zeit fiel den Kugeln und Handgranaten einer Gruppe verschworener Landsknechte zum Opfer, die ihm nichts anderes vorzuwerfen hatten, als daß er Jude war. Ein mittelalterlicher Hexenaberglaube, in den politischen Kampf des 20. Jahrhunderts verpflanzt, war die einzige Triebkraft der Mörder: das Ammenmärchen der „Weisen von Zion“. Ein j ii d i s ch e r Außenminister konnte nur ein Verräter um deutschen Volke sein. Und deshalb wurde einer der treuesten, begabtesten Söhne des deutschen Volkes gemeuchelt, wenige Wochen nachdem er sich auf der Weltkonferenz von Genua mit sichtbarem Erfolge um die wachsende Erkenntnis des Auslandes für die tragische Lage des besiegten Deutschlands bemüht hatte. Die Betrachtung, betitelt „Rathenaus historische Sendung“, schließt mit den Worten: Eingehen wird Rathenau in die Geschichte als der Prophet der Weltwende, der große ethische Wirtschaftsreformer und der deutsche Außenminister, der seinem über alles geliebten deutschen Volke durch Cannes die erste Erleichterung der grausamen Last der Reparationen gebracht und durch Rapallo den Weg aktiver Außenpolitik zuerst wieder geöffnet hat. Rudolf Olden erinnert im „Berliner Tageblatt“ an die Trauer des deutschen Volkes um Rathenau. Ungeheure Demonstrationszüge, wie Deutschland sie noch nicht gesehen hatte, durchzogest alle deutschen Städte. Ueber eine Million Menschen in Berlin, 190 000 in München und in Chemnitz, 100000 in Hamburg, Breslau, Elberfeld, Essen. Nie hatte Deutschland einen seiner Bürger so geehrt. Jene alberne Fabel von den dreihundert W eisen von Zion, die den Erdkreis regieren und Deutschland vernichten wollen, sie ist nicht lächerlich, wenn man ihre Wirkung bedenkt. Das britische Reich konnte der Jude Disraeli zur höchsten Blüte führen, den französischen Widerstandskampf konnte der Halbjude Gambetta organisieren, die russische Armee baute der Jude Irotzki auf, zu Hört es der Nachtwind im Weh'n und trägt er's zum blauen Kinereh? Trägt er's bis über das Meer und rüttelt ' am Schlafe die Trägen- Martha tlofmann. Mussolinis engsten Mitarbeitern zählen , uden in Deutschland wäre Gleiches nur sehe er vorstellbar. Gegen die Junker und Generäl:, die in den deutschen Niederlagen an verantwortlichster Stelle standen, hat sich aus dem Lager der sogenannten nationalen Männer kein Vorwurf erhoben. Als aber der Jude Rathenau, z ir äußeren Vertretung des Reiches berufen, daian ging, die einzig mögliche Politik, für Deutschland Vertrauen zu werben, zu machen, da war e hilflos, rettungslos der Verleumdung preisgege ien, die sich als tödliche Waffe erwies. Er starb als Opfer für eine bessere Zukunft, die noch in d?r Ferne liegt. Ein Lebensproblem qer Gesamijudenheit. Seine Behandlung in Württembeig. F ines der ernstesten Probleme der J idenheit ist die Seßhaftmachung der aus ihren Wrhnsitzen und Arbeitsländern verdrängten Juden. Die Unmöglichkeit, sich in den Ostländern Europus auch nur das bescheidenste Auskommen zu erarbeiten. zwingt Tausende von Juden, aus Palen und den Randstauten auszuwundern und sid irgendwo auf der Erde eine bescheidene LeL ensmöglichkeit zu suchen. Aber nur eine kleiner Teil der wandernden Juden kann sich in de n Westländern dauernd halten. Sie sind zumeist die staatsbürgerliche Gleichberechtigung religiöse Duldsamkeit gegen Kulturreaktion ist die Liste 8 Devtslhe Demokratische Partei