Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 8 (16.7.1932)
- Date
- 1932-07-16
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- [Seite] (sequence 2)
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Qiass L Tüets Stuttgart / Mittnachtbau Saison-Schluß' Verkauf der Hypernervosität der Gegenwart die Nerven nicht /n verlieren und solche Mitteilungen als da* einzusdiät/en. wa> mp sind, als Aeußerungen der Nervosität. Ls gehört in dieses Kapitel, wenn von jüdischer .Seite \ eröffentlichungen wie der im \ erlag Lugen Salzer in Heilbronn erschienenen Sanimel-chrift ..\\ as wir vom N a t i n a 1 s o / i a 1 i s m u s erwarten" eine Beachtung geschenkt wird, die völlig unverdient ist. Wilhelm Stapels ..V ersuch einer praktisch r n I ö s u n g der j » «Le n f r a p e“ sollte nicht mit Stirnrun/cln. sondern mit einem gutmütige» verzeihenden Lächeln quittiert werden. Ls klingt doch wirklich reichlich naiv, wenn er fiir das Dritte Reich die Forderung stellt, daß in den schulen pazifistischer Unterricht verboten »ein soll, daß aber — innigster Dank. Herr Dr. Stapel! — den Juden der Pazifismus erlaubt sein soll. ..Zeitungen dürfen pazifistische Ideen dann vertreten, wenn sie sich ausdrücklich als jüdische Zeitungen bekennen.“ Aber Stapel geht in seiner Jiidenfri-undsthaft noch weiter: Pazifisten können -ich ihre öffentliche W irksamkeit durch den l’obertritt zum Judentum ermöglichen. Die Juden werden also demnächst dank diesem grandiose,, Vorschlag einen starken Zustrom zu ihrer Glaubensgemeinschaft erfahren. Lmgekehrt gibt aber Stapel auch den Weg an. auf dem die Juden zu Deutschen werden können: Der Uebertritt vom Judentum zum Deutschtum soll, um opportunistische .Scheinübertritte zu verhüten, erst in der dritten Generation wirksam werden. Wenn ein Zeitprophet solche Weisheiten drucken läßt, so geschieht das natürlich unter eigener Verantwortlichkeit. Daß aber Juden derartige Expektorationen ernst nehmen, ist doch recht bedauerlich. Als Ligenbrödeleien aus der Froschperspektive sind solche Aeußerungen ganz amüsant. Die Juden dürfen aber ihnen gegenüber nicht die gute Laune und das Ix freiende Lachen verlieren. Lines muß allerdings den deutschen Juden zur Zeit besonders gegenwärtig bleiben: gesteigertes V e ran t wo rt Ij ch keitsgef ü h I. .'strengste Ehrenhaftigkeit, lauterste Redlichkeit, taktvolle Zurückhaltung in der Lebensführung ist da- Lhrengebot der Stunde. Schärfer als je wird die jüdische Minderheit von der Umwelt beachtet und beargwöhnt. In solchen Zeiten ist — 66 — die Schuld des Einzelnen die Sünde der Gesamtheit. Was auch nur den Anschein eines Grundes zum Judenhaß wecken kann, ist unbedingt zu meiden. Strenger als bisher muß ein jeder Jude sich und sein Leben prüfen, um nicht etwa durch eine vielleicht nur scheinbare Schuld die Gesamtheit zu belasten. Die Juden sind ih Deutschland niemals verwöhnt worden. Man erinnere sich an die frostige Einstellung des Kabinetts Brüning gegenüber den Kurfürstendammkrawallen in Berlin, die nur eine Generalprobe auf die kulturgeschichtlich noch skandalöseren letzten Exzesse in der Berliner Universität gewesen sind. Daß das Kabinett Brüning eine Reihe jüdischer Ministerialbeamten geduldet und das Kabinett Papen soeben den Jüdenstämmling Geheimrat Kaufmann zum Reichspressechef ernannt hat. erinnert ein wenig an den jüdischen Renommierleutnant der Wilhelminischen Epoche. Es gilt für die deutschen Juden, weiter in der Anwehrstellung zu beharren und kaltblütig den kommenden Ereignissen entgegenzusehen. N i ch t s wäre töriditer als überspannte Nervosität! Es gibt für die deutschen Juden nur einen Rat für gestern wie für heute — Selb s tuchtung und ruhiges Blut! Faschismus ohne Judenhaß. Im Pani Zsolnny- Verlag in Wien-Berlin erschien vor kurzem das Werk „M nssolinis Gespräche mit Emil Ludwig". Wir sind in der Lage, unsere Leser heute schon mit einem interessanten Abschnitt des Buches bekanntznmachen, der Mussolinis Stellung znm Antisemitismus aufzeigt. Die Schriftleitung. Emil Ludwig fragte: Glauben Sie wirklich, daß es noch reine Rassen in Europa gibt, wie gewisse Forscher verbreiten? Daß wirklich die Einheit der Rasse stärkere nationale Kräfte verbürgt? Und sind Sie nicht in Gefahr, daß die Apologeten des Faschismus, wie es Professor X getan hat. denselben Unsinn über das Lateinische verbreiten, wie die nordischen über die ..blonde Edelrasse“ und dadurch die Kriegsgefühle steigern? — Mussolini wurde lebhaft, denn in diesem Punkt fühlt er sich, vielleicht durch die Uebertreibung gewisser Faschisten leicht mißverstanden. Schon früher hatte er mir seinen Standpunkt zwischen bestimmten Grenzen abgesteckt. Er sagte: ..Natürlich gibt es keine reine Rasse mehr, nicht einmal die Juden sind unvermischt geblieben. Grade aus glücklichen Mischungen hat sich Aut der am 22. Mai d. J. hier stattgefundenen Tagung des Südwestdeutschen Logenverbands wurde beschlossen. für I Knaben Im noch schulpflichtigen Alter (evtl, auch etwas älter), der sich der Landwirtschaft oder dem Gärtnerberuf widmen will, die Kosten für die Ausbildung in Ahlem (jüdische Gartenbauschule) zu übernehmen. Die Ausbildung als Handwerker ist dort ebenfalls ermöglicht. In Württemberg wohnhafte Eltern sdlcher Kinder, die hierfür Interesse haben, wollen sich recht bald an die aatensteheade Adresse wenden. Pforzheim, den 10. Juni 1932 fidwesMcalsdMr LHnierfeul * Zlhringer Loge Pforzheim. fsnfluHir: Ir. I. Its«, llirililn, Isrriiatrsfr. 4i. Klein« Anzeigen sind billig und bringen besten Erfolg 1 Verein )fidls<taer Handwerker in ZinHdan Es empfehlen sidt: Mafsgar^ian« Ed. Llebarmaaa, Ochsenmetzgerei, Holzstraße 13. Telefon 29« 22 Leopold Dreifnsz, -Metzgerei, feine Fleisch- und Wurstwaren. Nadlerstmfie 17, Telefon 24910 Harrawachnoidor: Herrmann Opatowakl, Maßschneiderei, Deutsche und englische Stoffe. Schwarenbergstraße 181 O. Jontof-Hatter, Herrenschneider, Lager deutscher und engl. Stoffe. Friedrichstr. 6, Tel. 22694 Sanitär« Installation und Haiaungaanlagan; Julias Kahn, Oas-, Wasser- und Entwässerungsleitungen sowie alle Reparaturen. Kolbstraße 12, Telefon 70070 Radio / Elofctr. ■adartaartifcal; L. Laadaaer, Spezialreparaturwerkstätte sämtlicher Radioapparate sowie elektrischer Hausgeräte. Poststraße 7, Telefon 29421 Buchbinder: _ Joh. Kraamroff, Ausführung sämtl. Buchbinderarbeiten, speziell Anfertigung einfachster bis feinster Lederbände, sowie BUder-Einrahmungen bei rascher Bedienung und billigster Bereamung. Reinsburgstraße 141. Sportklub „HflKOflH“ STUTTGART =___ Di« onlcnfl. rill gliedere erwrtmt findet Mittwoch, den 27. Juli, pünktlich 8 Uhr, im Logen-Lokal, Calwerstr. 33, statt. In ibr soll der endgültige Vorstand gewählt werden, weshalb vollzähliges Erscheinen dringend notwendig ist. ' Der geschäftsführende Busschuß. XHQZra Dr. med. Richard Ney^ prakt. Arzt u. Geburtshelfer Stuttgart / Charlottenstraße 32 W0N der Reise zurück. i9jä&rtae* 3VUift<&ett (Vollwaise), welches die jüdische Haushaltungsschule In München zwei Jahre besucht hat und schon einjährige Praxis mit glänzenden Zeugniffen ln Arzthaushalt aufweisen dann, sucht sofort Stelle zu Kinder« »nd i« Haushalt. Gefl. Angebote erbeten an Religionslehrer eUbcrauuut, Lrailaheim. 9fir eine Waise, intelligentes, williges Mädchen, das die StädL Arbeitsschule besucht hat (Mittelschülerin), 16 Jahre alt, wird Lehrstelle in Geschäft mit Kost u. Logis oder Im Haushalt per sofort gesucht. — Gefl. Angebote erbeten an Religionslehrer eUbcrauuut, LraUahei». Die jüdische Gemeinde Stuttgart im Jahr 1931. Die statistischen Zahlen eines Jahres sind natürlich von vielen Zufällen abhängig, so daß sie kein sicheres Bild der Entwicklung vermitteln. Aber im Zusammenhang mH der Statistik des vorangegangenen Jahres bieten sie schon bedeutsame Vergleichs möglich IteHen. Die statistische Jahresschau über das religiöse Leben in der jüdischen Gemeinde Stuttgart während des Jahres 1931 ist also an sich nur ein unsicheres Spiegelbild des Gemeindelebens. Aber die Zahlen des letzten Jahres reden auch schon an sich eine ernste Sprache, die nicht überhört werden darf. Der Niedergang der Ehe- und Geburtsziffer offenbart erschütternd den wirtschaftlichen Zusammenbruch des letzten Jahres. Das Emporschnellen der Mischehenzahl und der Zahl der Austritte aus dem Judentum, die beinahe ausschließlich aus Steuergründen erfolgten, sind schwerwiegende Anzeichen des Rückgangs der religiösen Energie. Das letzte Jahr kennzeichnet sich so ohne jede Uebertreibung als ein Katastrophenjahr. Im Jahre 1931 schlossen in Stuttgart insgesamt 40 (1930: 53) jüdische Menschen die Ehe, unter ihnen 18 (1930: 12], also 45 Prozent (1930: 22% Prozent) mH Niditjuden. Von diesen 22 Ehesdifießenden wurden 16 religiös getraut. Die Mischehenzahl hat sich also verdoppelt! In Stuttgart starben im Beridituahre 70 (1930: 68) jüdische Menschen, von denen 67 unter Mitwirkung eines Rabbiners bestattet wurden. Von diesen wurden 51 begraben, 16 (31 Prozent) feuerbestattet. Diesen Sterbefällen standen 31 Geburten (1930: 51), und zwar 21 männliche und 10 weibliche, unter ihnen 5 aus gemischten Ehen, gegenüber, so daß also im letzten Jahre in Stuttgart 3r Personen mehr starben als geboren wurden f Zwei Eintritten von Nichtjuden und einem Wiedereintritt in das Judentum standen 13 Austritte aus dem Judentum gegenüber, während im vorigen Jahre 5 jüdische Personen das Judentum verlassen haben. Die Zahl der Stuttgarter Juden betrug am 31. Dezember 1931 4888. oft Kraft und Schönheit einer Nation ergeben. Rasse: das ist ein Gefühl, keine Realität, 95 Prozent sind Gefühl. Ich werde nie glauben, daß sich die mehr oder weniger reine Rasse biologisch beweisen läßt. Die Verkünder der germanischen Edelrasse sind komischerweise alle keine Germanen: Gobineau Franzose, Chamberiain Engländer, Woltmann Jude, Lapouge wieder Franzose. Chamberiain hat sich sogar dazu verstiegen, Rom die Hauptstadt des Chaos zu nennen. Entsprechendes wird bei uns nie Vorkommen. Der Professor, auf den Sie anspielen, war ein Dichter. Der Nationalstolz braucht durchaus keine Delirien der Rasse.“ — Der beste Beweis gegen den Antisemitismus. sagte ich. „Antisemitismus existiert nicht in Italien“, sagte Mussolini. „Die jüdischen Italiener haben sich als Bürger stets bewährt und als Soldaten tupfer geschlagen. Sie sitzen in hervorragenden Stellungen an Universitäten, in der Armee, in den Banken. Eine ganze Reihe sind Generäle: der Kommandant von Sardinien, General Modena, ein General bei der Artillerie.“ — Und doch, sagte ich, arbeiten die Emigranten in Paris öffentlich gegen Sie mit dem Argument. Sie hätten den Eintritt der Juden in die Akademie verboten. — „Absurd.“ sagte er. „Bisher hatte sich nur keiner dafür gefunden. Jetzt hat Deila Seta kandidiert, einer unserer größten Gelehrten, der die Vorgeschichte Italiens geschrieben hat.“ — Sie begegnen sich, sagte ich, in dieser Haltung mit allen großen Männern der Geschichte. Denn auch die in Deutschland verbreitete Vision von Bismarcks oder gar Goethes Antisemitismus ist eine Fabel. Die Franzosen haben eine gewisse Anomalie ganz zu Unrecht le vice allemand genannt. Man sollte so den Antisemitismus nennen. „Wie erklären Sie ihn?“ fragte Mussolini. — Immer, wenn es den Deutschen schlecht geht, sollen die Juden schuld sein. Und jetzt geht es ihnen besonders schlecht. Er sagt: „Aha! Der Sündenbock!“ * Was sagt Hitler und Genossen zu diesen Aeußerungen ihres Vorbildes? Eine bedeutsame Erklärung der Reichsregierung. Die Münchener „Weit am Sonntag" vom 9. Juli teilt mit, daß sich, unter Hinweis auf die zunehmenden antisemitischen Exzesse in Deutschland, hervorragende Vertreter deutscher jüdischer Organisationen an das Reichskabinett mit der Frage gewandt haben, ob es entschlossen sei. den bisherigen Rechtszustand der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden zu wahren. Die Reichsregierang hat hieran! durch Staatssekretär Planck antworten lassen, daß sie jeden Antisemitismus ablehnt und daß alle Befürchtungen einer Verschlechterung der staatsbürgerlichen Stellung der deutschen Jaden unbegründet sind.