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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-06-01 · 5 (1.6.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
5 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
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i I i * i £• i 4 Skk*n Kapltalaalag« ta I OjWMlnliaiWkn.UMM>- ■mtetn Ol rihMUmMn %nkcommandUt Sieqmund Weil Mart MlMMlwaaa 1WM MM4/41 angenommen; von Fall zu Fall werden einzelnen Studenten Zusdiüsse dazu gewährt. Die Wanderfürsorge erforderte im Berichtsjahr ebenfalls wesentlich größere Mittel als 1930. Infolge der vielen Ausweisungen von aus dem Osten stammenden Personen aus den westlichen Ländern, die fast alle auf dem Wege über Deutschland in ihre Heimat zurückkehren müssen. sind besonders die Aufwendungen für Heimbeförderungen sehr gestiegen, und zwar trotz der sich gut bewährenden Neueinrichtung der Durchbeförderung auf größeren Strecken. Den Darlehensgesuchen konnte leider infolge der geringen zur Verfügung stehenden Mittel nur in den dringendsten Fällen entsprochen werden: im ganzen wurden fünf kleinere Darlehen gewährt. In den Einnahmen, die sich zum größten Teil aus Mitgliederbeiträgen und Spenden von Gemeinden und Vereinen zusammensetzen, hat sich — 41 - gegenüber dem Vorjahr erfreulicherweise nichts wesentlich geändert, wenn auch einzelne Posten eine Verminderung aufweisen. Das Vorsteheramt Stuttgart, das weiterhin die Kosten für Personal. Büro und Verwaltung trägt, hat in dankenswerter Weise zum erstenmal seit Bestehen des L.l.W. einen Beitrag von 400 RM. bewilligt, der zwar erst in der Abrechnung 1932 erscheinen wird. Eine ganz besondere Hilfe bedeutete die reiche Spende des American Joint Distribution Comntittee. der allein es zu verdanken ist. daß die Betriebsrechnung von 1931 nicht mit einem größeren Defizit abschließt. Allen Mitarbeitern und Förderern unserer Arbeit 'sei an dieser Stelle nochmals aufs herzlichste gedankt. Wir wünschen und hoffen, daß es unseren vereinten Anstrengungen gelingen möge, den stetig steigenden Ansprüchen auch weiterhin annähernd gerecht zu werden und all denen, die sich aus eigener Kraft nicht erhalten können. Hilfe zu bringen. Wir hoffen außerdem, daß wir, was heute wichtiger denn je ist. eine noch engere Bindung mit den einzelnen Gemeinden Württembergs erzielen werden, damit dadurch die gemeinsame Arbeit für unsere bedrängten Glaubensgenossen gestärkt und gefördert wird und alle Kräfte gemeinsam für das Werk der Nächstenliebe wirken. Wir erwarten aber, daß die Gemeinden nach Kräften mit Geldhilfe unsere Arbeit ermöglichen. 25 Jahre Sontheimer Asyl. Rückschau und Ausblick. Am 21. Mai 1932 waren es. 23 Jahre, daß das Israel. Altersheim in Sontheim bei Heilbronn feierlich eröffnet wurde. Der Errichtung des vorbildlich ausgebauten und eingerichteten Altersheims war eine Versammlung am 4. Oktober 1896 vorausgegangen, welche die Gründung des 1 s r. Landes -Asyl- und Unterstützungsvereins besdtlofi. Als Beweis für die Sympathie, welche die Aufgaben des Vereins gefunden haben, zeugt die Tatsache, daß er bereits im dritten Jahre seines Bestehens 730 Mitglieder zählen konnte. Schon im Jahre der Einweihung der Anstalt bezogen zehn Pfleglinge (fünf Frauen und fünf Männer) die freundlichen Räume. Seit der Errichtung fanden insgesamt 127 Pfleglinge (33 Männer und 72 Frauen) Aufnahme. Eine Anzahl wünschte im voraus nur vorübergehende Unterkunft im Hause, andere verließen das Haus schon nach kurzer /eit. wieder andere haben das Heim seit ihrem Eintritt nicht mehr verlassen und blieben hier bis an ihr Lebensende: so haben 1 Pflegling 23 Jahre * 3 Pfleglinge 20 . ahre 2 Pfleglinge 19 . ahre 3 Pfleglinge 18 . ahre 1 Pflegling 17 ahre 1 Pflegling 16 . ahre 1 Pflegling 15 . ahre 1 Pflegling 13 , ahre 1 Pflegling 12 , ahre 4 Pfleglinge II Jahre 3 Pfleglinge 10 , ahre 3 Pfleglinge 9 , ahre 4 Pfleglinge 8 , ahre 7 Pfleglinge 7 Jahre im Hause verbracht bzw. befinden sich dort seit dieser Zeit. Das durchschnittliche Alter der derzeit im Hause Befindlichen ist 69 Jahre, davon 1 Pflegling mit 91 Jahren 1 Pflegling mit 85 . ahren I Pflegling mit 80 . ahren I Pflegling mit 79 . ahren 3 Pfleglinge mit 78 . ahren 1 Pflegling mit 73 . ahren 1 Pflegling mit 72 . ahren 2 Pfleglinge mit 70 Jahren. Während die Verwaltung des rituell geführten Hauses in den zwei ersten Jahrzehnten Hausvätern übertragen wurde, hat sich der Ausschuß im Jahre 1927 entschlossen, die Verwaltung in die Hände einer Schwester zu legen. Die Frau Oberin wird von einer zweiten ausschließlich für die Behandlung der Kranken bestimmten Schwester unterstützt. Als Anstaltsarzt ist bis zum heutigen Tage Dr. Picard in vorbildlicher Weise tätig. Die seelsorgerische Tätigkeit liegt in den bewährten Händen.von Bezirksrabbiner Dr. Beermann, Heilbronn. Zur Unterstützung und Ueberwachung in Sontheim ist ein Damenkomitee aus Heilbronn und Sontheim tätig, das sich die besondere Zuneigung der Asylanten erworben hat. Bei einem Rückblick auf die Entstehung und Tätigkeit des Vereins ist es eine Ehrenpflicht, jener Männer zu gedenken, die die Anregung für seine Gründung gegeben und seine Bestrebungen mit Rat und Tat unterstützt haben. Aus der Reihe der vielen treuen Helfer seien die folgenden besonders genannt: An der Spitze des Aereins stand von der Gründung bis zu seinem Ableben JuliusSpiegelt a 1, der im Hinblick auf seine großen Verdienste im Jahre 1908 zum Ehrenvorstand ernannt wurde. Sanitätsrat Dr. E m a n u e 1 We i 1, der gleichfalls sich unter den Gründern befunden hat und seither Ausscbuflmitglied ist, war von 1908 bis 1919 Vorstand des Vereins, den er mit besonderer Liebe für die Pfleglinge geleitet hat: als Ehrenvorstand steht er noch heute dein Ausschuß mit seinem bewährten Rat zur Seite. Von 1919 bis zu seinem iin Jahre 1926 erfolgten Ableben leitete Hermann Simon in umsichtiger Weise den Verein. Seit 1909 schon gehörte Simon dem Ausschuß als Schriftführer an. Auch Louis Hirsch ist ununterbrochen seit 1896 Mitglied des Ausschusses, der ihn im Jahre 1924 zum Ehrenmitglied ernannte. Seiner Tatkraft ist zu einem großen Teil die Entstehung des Hauses zu verdanken. Kommerzienrat Moritz Wo 1 f, der sich schon unter den Gründern des Vereins befunden hat, wurde an Stelle seines Bruders Isidor Wolf, der seit dem Beginn dem Ausschuß angehört hatte, in den Ausschuß gewählt und war während 14 Jahren zweiter bezw. erster stellvertretender Vorstand. Alle Zeit hindurch haben beide in besonderer Weise mit Rat und Tat bis zu ihrem Ableben den Verein unterstützt. Der im Jahre 1929 verstorbene IsidorRoths ch i I d . zweiter stellvertretender Vorstand, seit 1913 dem Ausschuß angehörend, hat die Bestrebungen des Vereins in beispielloser Weise gefördert. Von den Mitgliedern in Heilbronn und Sontheim verdienen besondere Erwähnung Frau Fanny Henle, s. A.. Heilbronn, die seit 1919 Mitglied des Ausschusses war. Als Vorsitzende des Damenkomitees hat sie dem Verein unschätzbare Dienste erwiesen. S a 1 o m o n 1 s r ae 1, s. A., Sontheim. Ausschußmitglied seit 1904. ist im Jahre 1919 ausgeschieden, um jüngeren Kräften die Tätigkeit im Ausschuß zu überlassen. Für seine Verdienste wurde er im Jahre 1918 zum Ehrenmitglied ernannt. Louis Reis, Heilbronn, gehörte von 1906 bis zu seinem im April 1921 erfolgten Ableben dem Ausschuß an: auch er hat dem Asyl die wertvollsten Dienste geleistet. Seit 1926 bekleidet Rechtsanwalt Dr. Ludwig Ottenheimer das Amt des ersten Vorsitzenden in vorbildlicher Weise. Im Israelitischen Altersheim in Sontheim hat sich die schwäbische Judenheit ein hervorragendes Werk der Nächstenliebe geschaffen. Mehr denn je hat sich heute, wo infolge der veränderten Wirtschaftslage leider so mancher frühere Spender gezwungen ist. an die Pforten des Heimes zu klopfen, die Notwendigkeit des Asvls erwiesen. In den letzten Jahren sind ihm nicht nur aus Württemberg, sondern auch aus dem Reiche viele Aufnahmegesuche zugegangen, die nicht berücksichtigt werden konnten, da das Haus meistens voll besetzt ist. Es wurde darum eine Erweiterung des Anstaltsgebäudes im Ausschuß seit langem ernstlich erwogen und der Beschluß gefaßt, trotz der Wirtschaftskrise durch einen Umbau die Aufnahme einer vermehrten Anzahl von Pfleglingen zu ermöglichen. Es versteht sich, daß die Mittel des Vereins zur Bestreitung der mit dieser Erweiterung verknüpften Ausgaben nicht ausreichen. Der Verein ist daher gezwungen, sich an diejenigen Glaubensgenossen zu wenden, die noch in der Lage sind, für Werke der Wohltätigkeit und Nächstenliebe Opfer zu bringen. Möge sein Appell offene Herzen finden, damit der Verein für alle Zukunft zur Ehre der württembergischen Juden he i t und z u m W o h I e unserer a 11 e n e r w e r b s u n f ä h i g e n M ä n n e r u n d Frauen wirken kann! Den Zeitverhältnissen entsprechend hat der Ausschuß davon abgesehen, die 25. Wiederkehr des Eröffnungstages festlich zu begehen. Er hat den Beschluß gefaßt, durch eine in Sontheim abzuhaltende Mitgliederversammlung das Interesse für den Verein aufs neue zu wecken und lädt auf Seite 38 dieser Nummer hierzu ein. Mögen die Freunde des Asyls sich persönlich von dem Wohle seiner Insassen und von der Liebe überzeugen, von der die Pfleglinge umgeben sind! Zum Ableben von Dr. Karl Emil MarkcL Am 13. Mai ist in London Dr. Karl Emil M a r k e 1 im Alter von 72 Jahren gestorben. Markei war als Sohn des Pfarrers Wilhelm MarkeU in Hochheim bei Worms geboren. Seine Eltern waren 1863 nach Stuttgart gezogen, so daß Markei hier seine Kindheit verlebte. Nachdem er 1872 das Studium der Chemie beendet. wurde er Leiter einer chemischen Fabrik in England, wo er im Hinblick auf seine Lebensstellung die englische Staatsangehörigkeit erwarb. Er blieb aber auch als Engländer im Sinne der Herbeiführung guter Beziehungen zwischen Deutschland und England tätig. Die deutsche Kolonie in London und das deutsche Hospital be saßen in ihm einen großzügigen Förderer. Nach Kriegsausbruch stellte Markei sofort seine ganze Kraft in den Dienst der Fürsorge für die deutschen Kriegsgefangenen und Internierten. Dieses Eintreten hatte sein Ausscheiden aus allen beruflichen Stellungen zur Folge. Nach dem Kriege widmete er sich dem großen Liebeswerk dei deutschen Kinderspeisung. 1920 schuf er die Markeistiftung, um ..bedürftigen und würdiget Kindern aus solchen Berufskreisen, die durch den Krieg oder die Kriegsfolgen in ihren wirt schaftliehen Verhältnissen besonders—schwer gelitten haben, eine angemessene körperliche, geii stige und sittliche Erziehung zu ermöglichen“]. Die Stiftung hat unendlichen Segen gewirkt. Di Städte Stuttgart und Berlin ehrten den Stift durch die Benennung einer Straße als Marke! strafle. Die Universität Frankfurt verlieh ih ebenso wie die Universität Tübingen die Doktorwürde. Nun ist Dr. Markei. einer der edelsten Menschenfreunde, von uns gegangen. Seine Güle kannte nur eine Grenze: sie hörte auf. wo Verhetzung und Rassenhaß eintrat e n. Der folgende Brief, den er aus London am 28. November 1922 hierher sandte, kennzeichnet die edle Größe des Verstorbenen: ..Der Judenhetze müssen wir, soweit dies uns möglich ist. Widerstand leisten, und es ist uns dazu eine Gelegenheit in Württemberg gegeben, indem wir den Beweis liefern, daß Wir keine konfessionellen Unterschiede machen und daß wir den Kulturwert Juden für unser Land voll anerkennen, sie geistig vielleicht iin Durchschnitt über Christen stehen, ist bewiesen dadurch, daß größten Fortschritte in der Kunst. Wis: schaft und Industrie großenteils israeliti: Ursprungs sind. Von ihrem Familienlel .ihrem Zusammenhang, ihrer meistenteils mäßigen Lebensweise, wissen Sie ja so viel wie ich. Aber eine Tatsache möchte ich ganz besonders hervorheben, daß die hier ansässigen ursprünglich deutschen Israeliten wahrend des Krieges im allgemeinen mutiger [für ihr früheres 3 aterland mit Wort und Tat eingestanden sind als die Christen. Der grt ßte Prozentsatz der Spender zu Gunsten meiner Gefangenenhilfe waren Israeliten und der größere Teil der persönlich geleisteten Dienste kam von israelitischer Seite. Die Folgerung aus alledem ist so offenbar, daß ich nicht weiter darauf einzugehen brauche. Nicht [nur im Interesse unserer eigenen Arbeit, sonaern der schwer unter der niederträchtigen dummen Hetze leidenden Personen und ilirer Wirkung auf die internationale Lage so lten wir alles tun. um unsere Ansichten in die Oeffentlichkeit zu bringen.“ Das sind Worte von so echter sittlicher G ’öße. daß es verständlich ist. wenn der Leiter! der Stuttgarter Volkshochschule. Direktor Bäuerle, seinen Nachruf auf den Verstorbenen mit dem Ausdruck der stolzen Freude schließt: „Denn er war unser!“ 9 Ausf.taU.yJI

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