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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-02-01 · 21 (1.2.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VIII (1931-1932)
Issue
21 (1.2.1932)
Date
1932-02-01
Page
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einzig und ullein dein öder Materialismus, der dich zum Verlassen deiner Gemeinde veranlaßt. Gestehe es ehrlich: Du, dem es noch gut geht, bist unter der Maske der Freigeisterei nichts anderes und nichts mehr als ein mitleidsloser Fahncnflüchtling. der die ärmeren, die hungernden Brüder und Schwestern als lästige Bettler von sich abschüttelt. Weil dir der rechte Idcalis mus fehlt, verleugnest du deine Gemeinde und mit ihr deine Ahnen, deine Geschichte, den Mutterboden deiner Persönlichkeit und betreibst, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, die Geschäfte unserer Gegner. Du bist — geschichtlich gesehen — ein Gräberschänder, denn du entwürdigst und beschimpfst die Grabstätten deiner Vorfahren, die für Gott gelebt und mit dein Bekenntnis der Treue zum Judentum aus dem Leben geschieden sind. Was früher die Taufe war, also erbärmliche unmoralische Feigheit, ist heute der Austritt aus der Gemeinde, ln den Motiven sind beide ganz gleich niedrig, materiell und egoistisch; in ihren Auswirkungen sind beide ganz gleich entehrend und zerstörend. Wenn noch ein Funke Ehrgefühl für die große Vergangenheit deiner Gemeinschaft in dir flammt, wenn noch eine Spur von Verständnis für die Achtung in dir lebt, die dem treuen und charaktervollen Menschen gebührt, dann bleibe deiner religiösen Gemeinschaft treu und opfere deinen Beitrag zur Erhaltung ihrer Einrichtungen. Der Austritt aus Gründen der Steuerflucht ist wahrhaftig keine moralische Entschuldigung deiner Untreue. Das Motto der jüdischen Geschichte heißt: S ch a n d e dem Ehrlosen. Ehre dem Ehrenhaften und Gcsinnungstrcucn! Jeder Jude trägt in sich die Verantwortlichkeit für das geschichtliche Erbgut von drei Jahrtausenden. Wer diese Verantwortlichkeit von sich abwälzt, dem fehlt der geschichtliche Sinn, dem ist vor Gott und vor Menschen dieses Verantwortlichkeitsgefühl abzusprechen. Die Gegenwart fordert von uns Juden allerlei Opfer; das Steueropfer, das wir der Gemeinde bringen, ist ein Ehrenzoll der Treue. Wer sich diesem Opfer entzieht, wer die Pflichten der Gemeinschaft verletzt und verleugnet, wer ihre Kampfreihen in Notzeiten feige verläßt, übt Felonie und ist als Fahnenflüchtiger gebrandmarkt. Die EracnmingsgesdMdite der ersten Mitglieder der Israel. Oberlar dienbehörde. Von Bez.-Rabbiner Dr. A. Tänzer, Göppingen. Die Mitglieder der Israel. Oberkirdienbehördc nach ihrer Errichtung im Jahre 183t waren: Vorstand und Regierüngs-Commissär: Oberkirchenrat Steinhardt. I Theologisches Mitglied: Dr. Joseph Maier. Weltliche Oberkirchenvorsteher: Commercienrat Marx Pfeiffer, Commercienrat Nathan Wolf Kaulla. Bankier Seligmann Lob Benedikt. Vortragendes Mitglied und Sekretär: Dr. Carl Weil. Als Erster von diesen und 2% Jahre früher als die anderen Mitglieder wurde Dr. J o h ä n n Balthasar Steinhardt zum Vorstande und Regierüngs-Commissär ernannt, wenn auch seine Vereidigung durch den Minister v. Kapff erst am 14. Dezember 183t erfolgte. Und damit hatte es folgende Bewandtnis. Geboren am 30. Juli 1776 in Steinbach bei Hall, war er bis 1803 Kanzlei- Assessor bei dem Ritterstift Comburg. Die Uebernahme der fremdherrischen Diener in diesem Jahre hob seine Stelle mit einer württembergischen Pension von 100 fl. auf. worauf er sich als Advokat in Comburg niederließ. 1819 wurde er in den württembergischen Staatsdienst übernommen und wirkte bis 1824 als Oberamtsrichter in Neckarsulm und hierauf in gleicher Eigenschaft in Gmünd. Am 5. März 1829 war die vakant gewordene Stelle eines weltlichen Mitgliedes beim Kath. Oberkirchenrate mit einem Gehalte von 1500 fl. zur Wiederbesetzung ausgeschrieben worden. Die drei eingelaufenen Bewerbungen lehnte der König ab. Nachdem verschiedene weitere Versuche sich als erfolglos erwiesen, wurde Dr. Steinhardt ins Auge gefaßt, der sich auf Anfrage zur Uebernahme der Stelle bereit erklärte, wenn mit derselben ein Einkommen von 2000 fl. verbunden würde. Am 25. August 1829 teilte ihm der Minister mit, daß seinem Wunsche in der Weise entsprochen werden könnte, daß er als Kathol. Oberkirchenrat 1600 fl. und als Vorstand und Reg.-Commissär der Israel. Oberkirchenbehörde 400 fl. beziehe, womit sich Steinhardt einverstanden erklärte. Am 3. August 1829 erstattete der Minister dem Könige Bericht in welchem es heißt: „Er wird als ein Mann von unbescholtenem Charakter und ruhigem Temperamente, von großer Arbeitsamkeit und vielseitigen Kenntnissen geschildert.“ Am 4. September 1829 erfolgte die Ernennung Steinhardts für beide Aemter, am 20. Oktober trat er sein Amt als kath. Oberkirchenrat an, und am 27. März 1830 — 239 — verfügte der König, daß ihm sein Gehalt als Vorstand der Israel. Oberkirchenbehörde vom läge seines Amtsantrittes an „aus den in Verwahrung befindlichen Beitragsgeldern zum Israel. Kirchenfonds auszubezahlen sei“. Im Jahre 1843 wurde Steinhardt als kathol. Oberkirchenrat pensioniert, jedoch auf seine Bitte durch Kgl. Entschließung vom 20. September in seinem Amte bei der Oberkirchenbehörde belassen. Auf sein Gesuch vom 27. Juni 1850 wurde der schwerkranke, hochverdiente Mann auch dieses Amtes enthoben. Am 16. Juli 1850 schied er bereits aus dem Leben. In der Geschichte der württembergischen Judenschaft bleibt seinem ausgezeichneten. taktvollen Wirken eine dankbare Erinnerung gesichert Dem toten Dichter... Ein Gedicht von Ludwig Meyer, gesprochen bei der Einweihung des Grabdenkmals für ßerthold Auerbach in Nordstetten am 8. Februar 1883. Was vom Staub ist geht zum Staube. Erdenleib ist grabgeweiht; Doch unsterblich wirkt der Glaube: Geist besteht in Ewigkeit. Weisheit ist des Dichters Krone, Ewig lebt wer Leben schafft: Aus dem Quell am Lichtesthrone Rinnt des Dichters Schöpfungskraft, Rinnt der Liebe heil'ge Stärke, Die des Kämpfers Brust durchglüht. Wenn er — schönstes seiner Werke — Sich um Recht der Brüder müht Zum verantwortungsvollen Amte eines theologischen Mitgliedes der Oberkirchenbehörde wurde auf Grund wiederholter Bewerbung Dr. Joseph Maier vom Könige am 7. Dezember 1831 ernannt. Geboren am 24. April 1798 in Laudenbach, kam er im Alter von 15 Jahren an die jüdische Lehranstalt in Fürth und dann in Mainz, wo er sich auch die Vorkenntnisse zu höherem Studium erwarb. 1824 bezog er die Universität in Heidelberg, wo er drei Jahre Philosophie, Philologie und Theologie studierte. Beim Examen vor dem Kgl. Studienrat in Stuttgart erhielt er das Prädikat „vorzüglicher Tüchtigkeit“. Hierauf Religionslehrer in Frankfurt a. Main, erhielt er dort das Angebot des Predigeramtes in Kopenhagen, das er aber auf Wunsch des württembergischen Ministeriums ablehnte, um sich den heimatlichen Juden zu widmen. Nach Stuttgart zurückgekehrt, erwarb er mit einer lateinisch geschriebenen Dissertation über jüdische Dogmengeschichte die Doktorwürde in Tübingen. Seine Ernennung erfolgte nach einer günstigen Aeufierung Steinhardts zunächst provisorisdi, wobei sogleich die Uebert ragung des am 3. August 1832 errichteten Bezirksrabbinates in Stuttgart ins Auge gefaßt wurde. Es war eine ungemein fruchtbare und vielseitige Tätigkeit, welche Maier in der Oberkirchenbehörde während der 42 Jahre seines Amtierens und bis zu seinem am 19. August 1873 erfolgten Tode entfaltet hat. Und besonders in den ersten Jahren der Neuorganisation, da er die meisten und wichtigsten Referate zu halten hatte, geeignete Bücher für Synagoge und Schule schuf und Rabbiner- und Vorsängerprüfungen vornahm, leistete er eine ungeheure, nicht hoch genug zu bewertende Arbeit. Am 28. Juni 1837 wurde Maiers Anstellung auf sein Ansuchen zu einer definitiven gemacht und ihm der Titel eines Kirchenrates und die VII. Rangstufe verliehen, der 1850 die VI. folgte. 1856 wurde ihm das Ritterkreuz des Friedrichsordens und am 2. Juni 1867 zur Feier seines 70. Geburtstages das Ritterkreuz des Kronenordens und damit die Erhebung in den Adelsstand verliehen. Auf Maiers vielseitige Tätigkeit außerhalb der Oberkirchenbehörde kann hier nicht eingegangen werden *). Auch sein Wirken in der Oberkirchenbehörde blieb, besonders von orthodoxer Seite, nicht unangefochten. Zweifellos aber hat dieser un- •) Seine Biographie findet sfdi In der Frstsdirlft zum SOjahr. Jubiläum der Synagoge zu Stuttgart, S. 83 ff. JOCHIN & BAUE» _STUTTGART FRIEDRICHSTRASSE 4 TELEPHON N r. 230Bö " / gewöhnlich begabte- Mann mit seiner Eitefgie. seiner Sachkunde und seinem l.iborulismi s der Entwicklung des jüdischen Lebens in Württemberg seinen Geist, der ganz dem der Gesetzgebung von 1828 entsprach, auf lange hinaus ein geprägt. Am 22. November 1831 berichtete Steinhardt dem Ministerium, daß er persönlich keine|n der in Stuttgart seßhaften angesehenen Israjeliten kenne. ..Aber dem allgemeinen Vernehmen nach sollen folgende Mitglieder dieser Gemeinde: Komm.-Bat M.a rx Pfeiffer, Komm.-Ra^ N a - than Kaulla. Bankier Seligmann Benedikt und Dr. med.~D r e i f u fl nicht nur zu den Angesehensten und Gebildetsten gehören, sondern unter ihren übrigen Glaubensgeiiossen die geläutertslen Ansichten rücksichtlich der lleligionsgrundsätzc, der bisher üblichen religiösen Gebräuche und der Anforderungen—der . Zeit besitzen, und somit würdig sein, in die Isr. <Jberkirchenbehörde als Beisitzer berufen zu werden.“ Am 2. Dezember 1831 schlug dann der Minister dem Könige die drei Erstgenannten vor. deren Ernennung mit dem Titel „Oberki chenvorstehcr“ am 7. Dezember erfolgte. Comra.-RatMarxPfeiff ft, geboren am 15. Juni 1785. war Bankier in Stuttgart und erhielt später den Titel eines Hofrates. Er gehörte der Oberki rchenbehörde bis zu seinenji am 30. September 1842 erfolgten Tode an. Comm.-Rat Nathan Wolf Kaulla, geboren am 12. Juni 1784 in Darmstadt, gestorben am I. Februar 1839 in Stuttgart, war ein Btudersohn der berühmten Madame Kaule. Er wa ■ Hoffaktor und später Teilhaber der Hofbank in Stuttgart. Die Oberkirchenbehörde besaß in ihm eines ihrer eifrigsten und kundigsten Mitglieder. Er war auch aüf Grund des Familienbesaijlusses vom 31. Dezember 1810 einer der beiden: Verwalter der Hechinger Bcth Hamidrasch-Stiftung, aus der 1855 die unter Aufsicht der Oberkirchenbehörde gestellte „Kaulla sehe Familienstiftung“ hervorging. Nathan Wolf Kaulla. sowie deg vorgenannte Marx Pfeiffer, beide Schwiegersöhne Jakob Kaullas, hatten schon am 27. Juni 1806 das volle württembergische Untertanenredit erhalten. Sein Nachfolger in der Oberkirchenbeihörde war Dr. Dreifuß. Das dritte der weltlichen Mitglieder. S f 1 i g - mann Löb Benedikt, gehören 1769, war ebenfalls Bankier in Stuttgart. Er gehörje der Oberkirchenbehörde bis Ende 1841 an und wurde nach seinem Rücktritt zum Ehrenmitgliede derselben ernannt. Er starb am 1. Juli 1842. .i Welche Fülle an Arbeit auch die weltlichen Mitglieder in den ersten Jahren der Oberkigdienbehörde zu leisten hatten, zeigt die Steigerung der Beratungsstoffe von 302 im Jahre 1832 auf 1101 im Jahre 1837. Die Vereidigung derj weltlichen Mitglieder fand am 23. Dezember 1831 statt. 1 Um die erst in § 22 der Kgl. Verordnung vom 27. Oktober 1831 vorgesehene Stelle eines Expeditors, der zugleich' vortragendes Mitglied sein solle, hatten sich schon in den vorhergehenden Jahren drei Bewerber gemeldet, von denen zwei ernsthaft in Frage kamen: Dr. Carl Weil aus Stuttgart und Isaak Heß aus Lauchheim. Dr. Carl Weil, geboren am 11. Februalr 1806 in Bocken heim bei Frankfurt, seit 1826 durch Kgl. Gnadenakt im Besitze des württembergischen Untertanenrechtes, unterstützte seine Bewerbung durch vortreffliche Zeugnisse, welche seincj vielseitige Vorbildung, seine Sprachkenntniss und sein reiches jüdisches Wissen bestätigten. Am 29. Mürz 1827 hatte er in Freiburg promoviert, um 29. August eine Prüfung vor dem Kgl. Studienrate in Stuttgart bestanden. Gemeinsalm mit seinen Brüdern Dr. Jakob und Ignatz Weil hatte er 1823 in Frankfurt einen Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden ins Leben ge- Wt BLEYLE- •razlsl- Bad VmzAni SAUER STUTTGART 1 Neu« BrOck« 1 ■kM dar Mzlrdlim» G.rasshoff-Kaffee Dia billigen Preiset Drei Unparteiische - Zunge, Gaumen, Nase - entscheiden sich bei der Wahl von Kaffee unbedingt für Grass (i off. Heute kauft man prima Sorten! das Pfund zu Mk. 2.— .2.20 . _ .. ■. 2.40!• .. ’ „ „ 2.50 .2.80! Otto Graishoff Fried richstr. 58 Seit 46 Jahren das anerkannte und führende Haus D$0C 4565561^41

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