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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1931-09-16 · 12 (16.9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VIII (1931-1932)
Issue
12 (16.9.1931)
Date
1931-09-16
Page
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— 123 Mehr Tradition! Von Prof. Dr. Kassewitz, Heidelberg. Der englischen Pädagogik rühmt man ihn* bewußte Anlehnung an die Tradition nach. In dieser L'rziehungstradition erblickt man die Quelle der intellektuellen und ethischen Energien des englischen Volkes. Mit Recht. Sie ist zweifellos auch als ein hoher Beitrag zur Weltpädagogik zu werten. Mit nicht geringerem Rechte darf die jüdische Erziehungstradition — als die ältere und ursprünglichere — nicht nur als eine Kraftquelle des Judentums, sondern der heutigen Kulturwelt angesprochen werden. Das werden alle Sachkundigen zugestehen, die die jüdische Erziehungstradition in ihrer Tiefe schon ergründet haben. Es ist der Geist des Propheten Elia, der das Herz der Väter den Kindern zuwendet und das Herz der Kinder ihren Vätern. Diese gelebte und nicht nur gedachte Pädagogik war der sichere Unterbau für den Bestand des Judentums und der Judenheit. Mit Stolz hat der Reichstagsabgeordnete Ludwig Haas s. A. in einem Vortrag einmal auf diese ruhmvolle jüdische Tradition hingewiesen. Dieses gefühlsmäßige Fundament des jüdischen Hauses ist heute in Gefahr, einer Katastrophe zuzutreiben. Es ist nicht der gegenwärtige* außerordentlich schwere .Existenzkampf, der diese Gefahr heruufbeschworeu hat. In wirtschaftlich guten /eiten hat man das. was den Nütern heilig war. allzu radikal, preisgegeben ..Oelfeist ward Jeschurun: es verstieß den Gott, der es machte, und schmähte den Fels seiner Freiheit.“ (5. Mos. »2, 15.) Was weiß der Durchschnittsjude einer Großgemeinde heute noch von seinem Judentum, von dessen Bräuchen und gottesdienstlichen Einrichtungen und ihren geistig sittlichen Werten? Im allgemeinen betrüblich wenig. Ist nicht ein großer Teil der jüdischen Menschen der Ungeistigkeit verfallen und bringt dem ausgeartetsten Sport sein bestes Erbteil zum Opfer? Bringen nicht zahlreiche Mütter und Väter den Golf- und Tennismeistern, den Boxern und den Leicht- und Schwerathleten ein größeres Interesse entgegen als unserer jüdischen Geschichte und ihren Helden, wiewohl diese doch den Sturm der Zeiten überdauert haben und zur stillen Einkehr und Besinnung mahnen? Haben solche Eltern dann ein Recht, über die destruktive Entwicklung der jungen Generation zu klugen? Tradition muß in der Bildungskrise, die wir durchleben und die uns Juden stärker als andere Bevölkerungskreise trifft, wieder neu erstehen! Dabei bedarf das ..Wie“ sehr sorgsamer Ueberlegung. Der Erfolg traditioneller religiöser Erziehung beruht ebensowohl auf der richtigen Auswahl des Stoffes wie auf seiner geistigen Ausdeutung. Das Beste des Eigenen muß dem jungen Geschlechte verständlich gemacht und sein Herz dafür geöffnet werden, wenn wir ein seiner Tradition sich stolz bewußtes Geschlecht wiedergewinnen wollen. Die breite jüdische Oeffentlichkeit. jeder an seinem Teile, müßte dazu mitwirken. Zwei Bücher der letzten Jahre steuern diesem Ziele tapfer zu: ,.E i n B u ch f U r u n s e r e M U 11 e r“ (Philo- Verlag-Berlin, 119 8. Halb!., 4.25 Mk.) und „Von jüdischen Brü u.ch en und jüdischem Gottesdienst“ (Verlag Boltze-Karlsruhe i. B„ 86 S., 2 Mk.). Sie haben beide 8. Müller zum Verfasser, einen längst anerkannten pädagogischen Schriftsteller. „Sabbath und Feste im Garten der Kindheit“ lautet der Untertitel des erstgenannten Buches, das in seiner Dialogform sich besonders den jüdischen Müttern als ein vortreffliches Hilfsmittel für die häusliche religiöse Unterweisung ihrer Kinder erweist. Noch umfassender für die Praxis ist das Problem der jüdischen religiösen Erziehungstradition in dem zweitgenannten Buche gelöst. Sein Schwergewicht liegt nicht allein im Belehren, sondern im Erwärmen für die Sache. Die gemütstiefe. dem religiösen Ideal entsprungene »nd ihm zugewandte Grundauffassung des Buches ist zugleich eine Widerlegung der oft gehörten Meinung, daß das liberale Judentum unter allen Umständen eine negative Kraft sei. Die schlichte und doch beschwingte Darstellung gewinnt dem Buche rasch Freunde. Jung und alt leisten ihm Gefolgschaft. Ich habe dies zu meiner Freude in meiner nächsten Umgebung beobachten können. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Heidelberg hat es Die Thora. j Ein Bild von Zygmunt Menkes Der kultische Vorgang ist ortgemein fesselnd andergreifend smr Darsteilung gebracht. Es handelt sidt um den feierlichen Jlkt, der die Verlesung der Thora som Ab- Jdiluß bringt, die sogenannte ,Jfagbaha und Gliteh". Hagbaha bedeutet Emporheben, GUlah Einroügn. Die Thotarolle wird von einem Gemeindemitglied, das auf einem für diesen Augenblick bestimmten Sessel sfdr niederläßt, feierlich emporg ehoben. Die während der Verlesung abgenommene Krone wird wieder aufgesetzt. Dann mrird die Rolle in einen Samtmantel gehüllt und ihr ein silberberner Sdtild umgehängt. Ein Jude hat den silbernen Schriftzeiger in Form einer deutenden Hpnd ergriffen. Aas dem dunklen Hintergrund stürzen sidt fromme Gläubige hervor, um nodt einmal das hefige Gerät ko berühren und, wenn es rr.ögüdt ist, es zu küssen und zu liebkosen, ehe es in der , JieWgen Cade" den Blicken entzogen wird. Denn der Inbegriff dieser SdrrifList ja das teuerste Gut dieser tiefreligiösen Menscher^: ihre Beziehung zu dem einzigen hödtsten Gott. /Ute diese Gestalten, der starke rotbärtige Sitzende mit dem blaugestreiften TatlUh, der hinweisende Knabe in krappjarbenem Gewand zur Redtien und die hinsoeilenden Beter, alte sind in Verzückung begriffen, die sie völlig eint und alle individuelle Scheidung auflöst. Diese einzigartige Thora-Komposition ist als großer farbiger Druck f100x76) erschienen und kann durch Verlagsanstalt Franz Hanfstaengl, München, Und durch uns zu einem Preise von RM. 40.— bezogen würden. \ aus GcniciiHlcinittcln sämtlichen .jüdischen Schülern und Schülerinnen der örtlichen Gewerbe-, liandeLs- und Fortbildung s ch u I e n zugänglich gemacht. Die F r i e d r i ch l o g e U.O.B.B. und P r i \ ate haben das Buch allen Mitgliedern des jüdischen J ii g e n d b u n d e s unentgeltlich zugewendet. Letzterem und dem Schwester n- Imi n fl der Friedrichloge leistet das Buch für ihre Diskussionsaheude gute Dienste und trägt zur Belebung ihrer geistigen Arbeit bei. Dem l rteil hervorragender NichtHide.n — wie1 dem von I h o m u s' M a il n . vom F r z b i s ch o f V o n B « in b erg. von Josef II o f m i 11 e r in den ...Süddeutschen Monatsheften** und Prof. Siegln ii n d - S ch ii 11 z c , I lerausgebcr der Zeitschrift ..Die Fiche“ (des deutschen Organs für Freundschaftsarbeit der Kirchen) — wonach das Buch auch für Christen eine ..aufschlußreiche Orientierung über Gewand und Geist des Judentums“ darstelle, ist es zu verdanken, daß das Buch den Ein Ruf zur Besinnung... I Von Dr. Frifz Blankenfeld, Berlin. j stiegen, zu gefährlich, im Grande die Quelle aller Gefahren, die dir drohen. Werde nüchtern in der Betrachtung deiner Lage, in Denken und Sprechen über dich selbst. Folge endlich der Vernunft und der Natur. Weil du der Natur nicht folgtest, hat sie deine unbedachte, vermessene Selbstabsouderung mit dem Juhrtausrnd-Fluch bestraft und dich uus der Menschheit I gestoßeip Brunner fordert das Naheliegende, das Nächstliegende. das Erreichbare — man faßt sich an den Kopf, daß es seiner Forderung bedarf! Doch hält immer das Einfache schwer und nichts {schwerer, als von leeren Ideale» und von Ueber^panming sich loszureißen, besonders wenn sie durch Trajdition beglaubigt und mit Märtyrerblut besiegelt sind. | Schlimm noch, duß der ulte Aberglaube \oi|i auserwälilten Volk als moderner Natioiialchuuvinismus neu ersteht, nachdem die Judeji mit der Rassentheorie angesteckt sind: sie hätsdieln wie ein Kind diesen jungen Drachen, der* sic* verschlingen will. | Ja, wäre die Vernunft ansteckend —j es wäre wohl Hoffnung auf eine baldige Wenflung der Die Luge dos jüdischen Bevölkernngselementes in Deutschland ist auf dem Punkt der Trostlosigkeit angekommen, daß man vergeblich ausschaut. \on woher eine Besserung sich zeigen könnte. Die Aeußerungcn des Judenhasses in ihrem mittelalterlichen Fanatismus sind mörderisch, und wie von der Gewalt einer Epidemie sieht man auch die gemäßigten Elemente der Gesellschaft erkranken. Aus dem niditjudisdien Lager keine Stimme von Gewicht, dem Haß entgegenzuwirken: und die jüdische Gesellschaft bietet angesichts dieses ungeheuren Gewitters das Bild des Baumes auf freiem Feld, der den Blitz ans der Wolke auf sich zieht. Da kommt ein herzstarker, vernunftklarer Mann mit feurigem Wort —, Consta nt in Brunner — der Retter? — Zunächst steigert er die Verwirrung der Juden noch: aber keineswegs durch unerfüllbare Forderungen. Höre Israel *), so malmt Brunner, daß die Forderungen deiner Zionisten und deiner Missionare zu ver- *)Constantin Brunner: .Höre Jsrael und Höre Nicht- Jirael’ (Die Hexen) Qiutav Kiepenheuer-Verlag, Berlin, RM. u I I g e m c* i u e n S ch u I b i b I i o t h e >k »* n liier. Min den Volksschulen bis zur L niv etrsitiit. zuge*Ieite*t und von diesen dankbar begrüßt wurde. Ebenso hat der Oberrat d e r l> ajd i s ch e)i Israeliten eine Anzahl Exemplare* des Bucht au die weniger leistungsfähigen Gemeinden dt Landes überw iesen. > I Wir möchten deshalb an dieser Stelle dringend wünscht*!!, daß gerade dieses \\ c'fki die verdiente* Verbreitung finde, und inöcht|*u gleichzeitig de r Ueberzeugung Ausdruck gebe», daß viele jüdische* Organisationen, vor alU-m unsene Gemeindeverwaltungen a I I e! r w ä r t k sich verpflichtet fühlen werden, das Bjuch seiner vielseitigen Nutzbarkeit zuzuführen. damit die* in Vergessenheit geratenen jüdischen Lebensformen. fern von gewohnheitsmäßiger seelenloser Ucbnng. ihren traditionellen pädagogisch-ethische» Wert bei eien gottsuchenelen Menschen auf's neue bewähren. (Nachdruck gestatte^.) RohrerMöbel das führende Haus der nur im eigenen Betrieb hergestellten Qualitäts-Möbel Stuttgart« Lindenstrasse 14

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