Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 12 (16.9.1930)
- Date
- 1930-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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keit der Erwerbsmöglichkeiten. die nervöse Zu- | spitzung der wirtschaftlichen Verhältnisse, der Zusammenbruch vieler scheinbar gut gesicherter Existenzen spricht überaus ernst von der Unsicherheit aller Lebensbeziehungen. Das Schlimmste aber ist. daß die Gegenwart haltlos geworden ist. Ihr fehlt inmitten der allgemeinen Unsicherheit der seelische Halt des Glaubens an die Zukunft. Unsere Vorfahren haben Zeiten durchlebt, die nicht weniger ernst, nicht weniger schwer gewesen sind. Aber sie besaßen die innere Festigkeit, die sich von allen Wechselfiillen des Lebens nicht erschüttern läßt, in der Verbundenheit mit Gott, im Glauben an die Zukunft. Aber diese Verbundenheit, dieser Glaube fehlt den Gegenwartsmenschen. Nur so ist es zu begreifen, daß haltlos gewordene Menschen auf den furchtbaren Gedanken kommen können, ihr Leben zu vernichten, weil sie an der Zukunft verzweifeln. Dein Leben gehört » i ch t dir allein - es gehört auch deinem Vater und -deiner Mutter, deinem Weibe und deinem Kinde. Es gehört auch deinem Vaterlande. deiner religiösen Gemeinschaft wie der Gemeinde der Menschen. Es gehört deinem Gotte. - 128 - der dich zu seinem Dienste berufen, der dich auf deinen Posten gestellt hat, der ein Recht hat von dir als einem Ehrenmenschen Treue und Festigkeit zu verlangen. Hast du alles verloren, verliere nur nicht das Beste: den Glauben an dich, an deine Zukunft, an deinen Gott! Vielleicht bringt dir der Morgen schon die heute vergebens erhoffte Hilfe: vielleicht zeigt dir die Sonne des nächsten Tages schon den Ausweg zu neuem Glücke. Denke an Hagar, die in der Wüste an ihrer und ihres Kindes Rettung verzweifelt. und der ein Engel die Augen öffnet, die rettende Quelle zu schauen. Der Sturmwind wettert nicht immer. Auf Wintersfrost folgt Frühlingsblühen. Das ist die Botschaft der hochheiligen Tage: Hoffe in dunkeln Nächten auf den sonnigen Tag, in Zeiten des Leides auf neue Glückseligkeit. Die Gegenwart braucht mehr als je hoffende Menschen mit gläubigen Herzen, mit Zukunftsvertrauen. Möge das neue Jahr solche neue Hoffnungsfreudigkeit in allen Menschen festigen, dann wird es ein glückliches Jahr sein. Glaubt an die Zukunft, dann glaubt ihr an das Glück, dann seid ihr glückselig! „ Das Erbe im Blut“ Minderwertigkeitskomplexe und Verallgemeinerungen. Die P-jchoanalyse sucht krankhafte Ersdieiimgen des Seelenlebens aus unterdrückten Gemütsbewegungen zu erklären und aus Träumen und zufälligen Handlungen im U'nterbewufitsein verborgene Zusammenhänge aufzudecken. Eine besondere Rolle unter den das Seelenleben krankhaft beeinflussenden Autosuggestionen »pielen die Minderwertigkeitskomplexe. Hem? uiungen des Selbstbewußteins, die das ganze Leben lähmend beeindrucken. Die Hauptquelle die-er Hemmungen ist die Verallgemeinerung. Der einmal durch die gehobene Faust Bedrohte sieht in jeder Faust die"* wahrscheinliche Bedrohung -einer Schwäche: der einmal ungerecht \ eriet/.to vermutet in jedem Menschen die Absicht der gleichen Ungerechtigkeit. Die erlittene Beleidigung läßt ihn überall dieselbe Kränkung erwarten. Zufällige. Erlebnisse, einmalige Erfahrungen werden zu gesetzmäßigen Erscheinungen verallgemeinert. daß sie die Entfaltung de» freien Menschentumhemmend beeinflussen und ini U ntc-rbew ußtsein krankhaft fortwirken. Eist leider nur zu verständlich, daß der jüdi- ' -che Mensch unter diesem Minderwertigkeits- | gefühl besonders schwer leidet. Schon das jüdische Kind erfährt vom Spielplatz und der Schulbänk an andauernde Zurücksetzungen, Sticheleien und Kränkungen um seines Judeseins willen. Wenn nicht vernünftige Eltern und verständige Lehrer die entstehenden Komplexe aufzulösen imstande sind und im Kinde ein gesundes Selbstbewußtsein zu stärken und zu sichern vermögen, entwickelt sich im Kinde die Ghettoangst, die nervöse Lieberängstlichkeit, die krankhafte Verschüchterung, die ihren Ausgleich in explosiven Aeußerungen einer zur Schau getragenen Anmaßung im Kreise der eigenen Religionsgenossen oder in der Familie sucht. Das im Unterbewußtsein wirkende und durch die Gewohnheit gesteigerte Gefühl der Minderwertigkeit ist die Erklärung für die jüdische Neurose, die überall Judenfeindlichkeit ahnt, die in Harmlosigkeiten Bedrohungen der Ehre und des Lebens vermutet und sich schließlich alle Lebenserscheinungen aus der Judengegnersdiaft deutet. Die jüdische Presse ist fast ausschließlich in diese Methode der Schabionisierung verfallen. Sie fördert sicher unbewußt diese jüdische Neurose ihres Leserkreises, indem sie jeden Ilse Berlizheimer Diplom -Laban ■ Berufsausbildung Laienkurse Beginn: 20. September Anmeldung: 11‘/i—12>/> Könlgstr. 39, Tel. 21423 Menschen, jede Partei, jede wirtschaftliche, kulturelle und politische Gruppe nach ihrer Einstellung zum Judentum und zur Judenheit etikettiert. als ob es in dieser Welt der Gegensätze nur die eine Scheidung in Juden und Judenfeinde gäbe und nicht zahllose Gruppen, deren Programm mit der Judenfrage auch nicht im mindesten zusammenhängt. Dabei* weiß diese Presse schon aus dem Einblick in die Verallgemeinerungen des Antisemitismus nur zu gut, daß diese Methode fast naturnotwendig zu Falschzeichnungen und Fehlurteilen führt. Ein Musterbeispiel für die Gefahren dieser Verallgemeinerung führt der amerikanische Romanschriftsteller Ludwig Le wisohn in seinem weit verbreiteten Werke „Das Erbe im Blut" in der Gestalt der Hazel Levy vor. Der Dichter ist in ihrer Seelenanalyse nicht besonders glücklich. Sie leidet an dem „würgenden tragischen Minderwertigkeitskomplex, Jüdin zu sein“, und ihre Abwehr gegen dieses quälende Bewußtsein ist ihr Haß gegen alles Jüdische. Wohl bekennt sie in einer Stunde der Erregung: „Ich bin gerade' so gut wie irgend eine andere, ich bin gerade so viel wert wie die Nichtjüdinnen, die ich kenne." Aber schon im nächsten Augenblick ist diese Erkenntnis durch ihr Minderwertigkeitsbewußtsein verdrängt — sie schämt sich, Jüdin zu sein. Sie bewundert alles Christliche. auch wenn es diese Bewunderung gar nicht verdient. Sie heiratet schließlich auf den entschiedenen Wunsch der Eltern einen Juden. Aber ihr Haushalt, ihr Verkehr, die Erziehung ihres eigenen Kindes sollen ausgesprochen unjüdisch sein, bis sie erkennt, daß dieser Weg sie ihrem Gatten und ihrer Familie entfremdet, sie wurzellos macht, ihr die Selbstachtung raubt und ihren Seelenfrieden zerstört. Auch ihr Bruder, der intelligente Nervenarzt Dr. Arthur Levy, ist auf diese schiefe Ebene geraten. Er ist im Abgleiten. Bei ihm ist es nicht die Feigheit wie bei der Schwester, die ihn ent- Berflioid üuerbadi-Vereln Dienstag, den 16. September, Stuttgart - Loge, Calwerstr. 33 Uns., abends 8'« Uhr 1. Ausspracheabend Thema: Die Reichstagswahlen Leitung: Dr. Walter Strauß Donnerstag, den 25. September, Stuttgart- Loge, Calwerstr. 33 Hhs., abends 8* » Uhr 2. Ausspracheabend Thema: Mechanisierung des Berufs Leitung: Dipl.-Ing. Julius Freund Dienstag, den 30. Sept., Stuttgart-Loge, Calwerstr. 33 Hhs., abends 81« Uhr, spricht Gut möbliertes Zimmer mit ritueller Pension in Cannstatt zu vermieten. Offerten erbeten unter W. 696 an die Israel. Gemeindezeitung, Stuttgart über „Arbeitgeber und Arbeitnehmer" Um zahlreichen Besuch wird gebeten Pforzheim L B. / Untere Au 6 (Neubau) Pension Hertz Vorzügliche KQdie Dr. Krön Heut-, Hem-, Geschlecht skrankheite n Kansleistraße 1 zurück Wir suchen für ein 16)äbrigcs Mädchen, das I Jahr als HausbaltlebrUng tätig war, Stelle in kleinerem Haushalt wo es noch Anleitung bat. Angebote erbeten an das Israel. Fürsorgeamt, Stuttgart, Hospitalstraße 36. •nt mSMUxtt» (Maises 3itnmer mit SäniMfä ml tlM BesaemüchKeitea aa mm fcrUHca h«nt ia Katern £«afc fsfsct oScr sackt« $a *«*mieten. Stütz««» »ater leies »a 9U. SS548 *Kr 3s|eaaf»P»afce 74' Bridge - Nachmittage Morienstraße 71 Wiederbeginn t Dienstag, den 30. September 1930, nachmittags 4 Uhr Um zahlreiches Erscheinen bittet Bertha Blumenthal-Weil Neefstraße 6 / Telefon Nummer267 13 Nadi mehrjähriger Assisiententätigkeit am sahnärstliehen Universitätsinstitut in Bonn (Direktor Prof, Dr, A, Kantorowicz) und an der Kieferstution des /lügemeinen Krankenhauses Eppendorf in Hamburg (leitender Oberarzt Prof, Dr. M. Pft&ger) habe Uh mUh in Stuttgart, Langestrasse <9 als Zahnarzt Dr. med. dent. Walter Reif Sprechstundes Montag bis Freitag 9-lfti Uhr m. 3-6 Uhr Samstag 9—1 Uhr Fernsprecher 23069 BecMsanwaU BlmnlMrdf Ich habe mein Büro von verlegt und übe die Praxis in Bärogemeinsdtaft m. Herrn Rechtsanwalt Dr. Walter Kapp aus