Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 10 (16.8.1930)
- Date
- 1930-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
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111 ordentliche Verschärfung der Bewachungsmafinahmen zur Folge. Dreyfus selbst schildert den Zustand bei seiner H Ankunft auf der ■ Teufelsinsel: „Das Häuschen, das mir zugeteilt wurde, bestand aus Steinen und mafi vier auf vier Meter im Quadrat. Die Fenster waren vergittert; die Tür war durch- M sichtig. Sie bestand aus einem einfachen Eisengitter und öffnete sich auf einen Windfang von i zwei auf drei Meter, der durch eine Holztür geschlossen wurde. In diesem Vorraum hielt sich .> der Wachhabende auf. Die Wache wurde von zwei zu zwei Stunden gewechselt; sie durfte mich Tag und Nacht nicht aus den Augen verlieren." > Am 14. April 189> beginnt Dreyfus sein Tage- J buch. f „Ich beginne heute die Aufzeichnung meines traurigen und schrecklichen Lebens. Ich hatte bis jetzt den Kultus der Vernunft. Ich glaubte an die Logik der Dinge und Ereignisse. Ich glaubte endlich an die menschliche Gerechtigkeit. Alles, was bizarr, extravagant war, nahm mein Gehirn nur sehr ungern auf. Aber welch eine Erschütterung meines ganzen Glaubens, meines ganzen Verstandes! Ich war nach meiner un- * gerechten Verurteilung entschlossen, mich zu töten. Meine treue, so ergebene, so gütige Frau hat mir das Verständnis dafür beigebracht, dafi ich, ein Unschuldiger, nicht das Recht habe, freiwillig meinen Posten zu verlassen und zu desertieren. Ich habe wohl gefühlt, dafi sie recht hatte, daß dies meine Pflicht war. Aber meine physischen und moralischen Leiden sind schlimmer gewesen als diejenigen, auf die ich mich gefaßt gemacht hatte, und heute bin ich an Leib und Seele gebrochen. ... Tagsüber w enigstens kann ich in einem Raum von einigen 100 Metern im Geviert spazieren gehen, Schritt für Schritt von einem Wächter gefolgt. Wenn die Nacht herankommt, gegen 6 ,oder 47, bin ich in meiner Zelle von 4 Metern im . Geviert eingeschlossen, mit einer durchsichtigen f Türe, vor der die Wächter sich die ganze Nacht aufhalten." Auf die Nachricht der beabsichtigten Entweichung, die vom Bruder Mathieu in eine englische Zeitung lanziert war, um die völlig eingcschlafene Aufmerksamkeit auf den Fall Dreyfus zu lenken, erläßt der Kolonialminister Lebon unter dem Datum des 4. September 18% den Befehl, dafi bis auf Widerruf Dreyfus in seiner Zelle mit einem doppelten Eisenring während der Nacht festgehalten werden, und dafi der Umkreis des Spazierplatzes mit einer kräftigen Palisade umgeben werden soll. Vom 6. September bis zum 20. Oktober wird Dreyfus während der Nacht in doppeltem Eisen gehalten. Während dieser Zeit bleibt er Tag und Flacht in dem Häuschen eingeschlossen, ohne die Erlaubnis zu haben, eine einzige Minute spazieren zu gehen. Die Hitze ist in diesem Augenblick besonders brennend. Ara 6. September 18% legt man ihn in Eisen. „Warum, ich weiß es nicht Seit ich hier bin, habe ich immer genau die Befehle beobachtet, die mir gegeben worden sind. Wie kommt es, dafi ich während dieser langen Jahre noch nicht verrückt geworden bin.“ „Dienstag, den 8. September 18%. Diese Nächte in Eisen! Ich spreche nicht einmal von den physischen Leiden — aber welch eine moralische Qual! Und ohne jede Erklärung, ohne -zu wissen, warum! Unter welch schrecklichem und furchtbarem Alpdrücken habe ich diese jetzt fast zwei Jahre gelebt." Am gleichen Tag: „Ich kann nicht mehr. Alles in mir fällt zusammen. Noch einmal: wenn es Licht geworden sein wird, so weihe ich meine Kinder Frankreich, meinem teuren Vaterlande! Mein armer kleiner Peter, meine arme kleine Johanna, meine liebe Lucie! Euch, welche ich aus tiefstem Herzen liebe, mit aller Glut meiner Seele, glaubt mir, wenn diese Zeilen in Eure Hände kommen werden, dafi ich alles getan habe, 2 in Menschenkräften lag, um Widerstand zu len!“ m gleichen Tage erscheint der Oberkomman- •enae auf der Insel. Er erklärt Dreyfus, dafi die Maßnahme, die ergriffen worden ist. keine Strafe darstelle, sondern eine Sicherheitsmaßnahme. Denn die Verwaltung habe keinerlei Klage gegen ihn zu erheben. „Eine Sicherheitsmaßnahme! Obwohl ich schon Tag und Nacht wie ein wildes Tier von einem Wächter, der mit Revolver und Gewehr bewaffnet ist, bewacht werde. Nein, man muß die Dinge bei ihrem Namen nennen. Das ist eine Maßnahme des Hasses, eine Quälerei, die von Paris aus von denjenigen befohlen worden ist, die, wenn sie meine Familie nicht treffen können, einen Unschuldigen treffen wollen, weil weder er noch seine Familie sich vor dem grausamsten Justizirrtum beugen können oder wollen. Wer sich zu meinem Henker, zum Henker der Familie gemacht hat, ich weiß es nicht.“ Am 10. September 18% stellt er das Schreiben im Tagebuch ein. Dem Präsidenten der Republik widmet er seine letzte Bitte für den Fall, dafi er vor dem Ende des schrecklichen Dramas sterben werde. „Herr Präsident der Republik! Ich erlaube mir. Sie zu bitten, dafi dieses Buch, das ich Tag für Tag geführt habe, meiner Frau übergeben wird. Man wird in ihm vielleicht, Herr Präsident, Tüma.3). MOHREN> APOTHEKE ■ % AUGUST HEISS S ALLOPATHIE UND HOMÖOPATHIE J GROSSES SPEZIALITÄTEN-LAGER o FERNSPRECHER Nr. 2298 f Dia modarnsta u. ralchhaltlgata Auswahl in Thea^erMin^Auoengläser linden 81« In den Verkautarlumen dar Firma Emil VOQöl, Ulm, C. Sünderhaufs Nachf. Sattlergasse 7, Farnaprachar Nr. 2428 XfVV bMB H Inh. IS« «WC || Neui Brennstoff« ilh. Kölle : Ed. Herdegen IeU«l«dtH bi Main orstr. 21, Tel. 2923 5 nur erster Qual X IS“ liefen .... Conditoaei u \ hd Cafe ^^incLefe,, Lfm. a. 2). Inb.i T. Detter. Langest». 28 empfiehlt 01 AUQ. STEIN 5 / T(Wa ma Brot' und Fclnbackerei Ul. ess T«l. s.A. 3283 Inh.: Georg Schlnraberger pui ♦ empfiehlt: «glich Irisches Kaffeeu. Ti diverse Kuchen Spezialität: Roggenbrot, Bei aaaaaaaaaaaa Uilunndilnen . 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