Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 10 (16.8.1930)
- Date
- 1930-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 6)
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führt. General Darras kommandiert hoch zu Pferd die Kxekutionsparade. ..Dreyfus. Sie sind unwürdig, die Waffen zu tragen. Im Namen des französischen Volkes degradieren wir Sie!" Dreyfns hebt die beiden Arme gegen den Himmel und ruft mit starker Stimme: ..Ich bin unschuldig, ich schwöre, dal! ich unschuldig bin! Es lebe Frankreich!" ..An den Galgen mit ihm!" antwortet draußen die Volksmenge. In dem Augenblick, in * dem der Wachtmeister Hand an ihn legen und ihm Streifen und Litzen, die Abzeichen seiner Wurde ubreilft. protestiert Dreyfus 'on neuem: ..beim Haupte meiner Frau und meiner Kinder, schwöreich. daII ich unschuldig bin. Ich schwöre es! Ls lebe Frankreich'" -A mort! A mort!" antwortet die Menge. Der Wachtmeister zerbricht den Degen und wirft ihm die- Stücke vor die Fülle. Wieder ruft Dreyfus: ..Man degradiert einen Lnschuldigen!” Dann wird er zwischen zwei I nteroffizieren im \ iereck herum an der Front der Truppen vorbeigeführt. Immer noch ruft das Publikum: ..Zum Lode!" Als er an das Gitter ankommt, das den Hof von der Straßetrennt, sieht ihn die Menge besser. Das Schreien wird lauter, vervielfältigt sich. I nd Dreyfus antwortet: ..Ich bin unschuldig! Ks lebe Frankreich!" Seine n Ruf kann die Menge nicht verstehen. \bi-r sie sieht Dreyfus sich gegen sie wenden und den Wund öffnen. Kin gräßliches Pfeifkonzert ist die Antwort. Dann hört man wie e ine n Aufschrei der ganzen Menge immer wieder das Fnernittliche: ../.um Tode! Zum Tode!" Nur mühsam können die Polizeiagenten die Menge ahhalteu.[in die .Militärschule hineinzustürzen und im iiurm vom Paradeplatz besitz zu ergreifen. um nach ihrer Weise Justiz zu üben. Drevful marschiert weiter. Jetzt steht er vor der Gruppe der Pressevertreter. ..Sagen Sie Frankreich. daß ich unschuldig bin." ...Sei ruhig. Klender1"! antwortet man ihm. während andere rufen: ..Feigling! Verräter! Judas!" Dreyfus begehrt auf) ..Sichaben nicht das Recht mich zu beleidigen!" Fine einzelne Stimme löst sich aus der Gruppe: ..Sie wissen wohl, daß Sie nicht unschuldig sind." ..Fs lebe Frankreich!" Schmutziger Jude'" Dann marschiert er weiter. Sein Anblick ist trostlos. Wo sonst die Streifen auf der Uniform saßen, hängen lange Zwirnsfäden herab. Die Mütze ist formlos geworden. Fndlich ist der Leidensweg zu Fnde. das V iereck umschritten. Drevfus wird zwei (»endarmen übergeben, die seine Streifen aufgelesen und die Stücke seines Degens aufgesammelt haben. 9 Ihr. Der Degradierte steigt in den Ge fangniswugen. Die Pferde ziehen an. Degradierung und Zeremoniehabe n gerade zehn Minuten gedauert. Noch am gleichen Tage schreibt er seinem Anwalt: ..Ich habedas Versprechen gehalten, das ich Ihnen gegeben habe. Inschuldig habe ich das schrecklichste Martyrium über mich ergehen lassen müssen.das ein Soldat erleiden kann. Ich habe die \eraehtung der Menge um mich herum gespürt. Wieviel glücklicher wäre ich im Grabe gewesen. Helfen Sie mir. Herr Verteidiger. mit Ihren warmherzigen und beredten Worten! Wenn man Zweifel hat. wenn inan an meine l nschuld glaubt, ich verlange im Augenblick nur eins: Luft und die Gesellschaft meiner h rau. I nd dann w ill ich darauf warten, daß alle, diemir mjhestrhrn. diese finstere Angelegenheit t utr.itsc-liö können. Entschuldigen Sie meinen «irren Stil. Ich habe meine Ideen noch nicht beieinander. Ich bin physisch und seelisch vollkommen niedergeschlagen.“ Dreyfus wird in das Gefängnis La Santi'- überführt. Dort bleibt er bis zum 17. Januar. Am I"). des gleichen Monats hat inzw jschen Casimir Pürier, des Amt' und seiner Fuge überdrüssig, die Präsidentschaft niedergelegt: am 17. Januar wird Felix. L au re an seiner Stelle gewählt. Ribot 'erhält den Auftrag zur Kabinettsbildung. General /.urlintlon wird an Stelle- Merciers Kriegsmini'ter. /wischen in und II Lhr abends wird Dreyfus nlötzlich aufgeweckt: Sofortige Abreise! ..Ich hattekaum die Zeit, mich eilig anzukleiden. Der Beauftragte des Ministeriums des Innern, der mit drei Wächtern die Leberführung zu überwachen hatte, war von einer aufreizenden Gewalttätigkeit. Kaum hatte ich mich angezogen, als er mir schon die Handschellen anlegen ließ und mir keine Zeit ließ, meine Brille zu nehmen. Ich wurdenach de m Orleans Bahnhof in einem Zellenwagen gebracht. Dieser Wagen enthält eine gewisse Anzahl Zellen, die gerade die Dimension eines sitzenden Menschen haben. Jede ist mit einer I iire verschlossen, die den Gefangenen hindert. die Beine auszustrecken. In eine von ihnen wurde ich eingesperrt. Handschellen an den Händen und Fisc-n an den Füßen." Der Zug kommt mittags in La Rochelle an. Alles will den Gefangenen sehen. Bald weiß man. daß es Dreyfus ist. Draußen beginnt die Gustav Tausch vorm. A. EltiHer and Christi«n Scharr GÖppiagen / PosUtrafie 45 ★ S»«sialg*schi!t fir Glas, Porzdlaa, Bestecke - 110 - Menge zu heulen. Immer stärker der Chor. Endlieh wird es Nacht. Als Dreyfus den Wagen verlassen darf, verdoppelt sich das Geschrei. Schläge sausen auf ihn nieder: um ihn entsteht Gedränge und Gc-stoße. Mühsam nur können ihn die Wächter beschützen. Dann wird er nach der Insel Re überführt. Tag und Nacht stehen zwei Wächter, alle zwei Stunden abgelöst, an seiner Türe. Durch eine Oeffnung können sie die Zelle und das Lager, auf dem er sich ausstrecken darf, übersehen. So verlieren sie keine einzige seiner Bewegungen aus den Augen. Seine Frau darf er sprechen, in der Gesängnisschreiberei. in Gegenwart des Direktors, der zwischen ihm und ihr sitzt. Keine körperliche Berührung, auch nicht die Frlaubnis. siceinmal zu umarmen. Zweimal in der Woche tritt Lucie Hadamar, fünfundzwanzig Jahre um diese Zeit, in das Gefängnis ein. um eine Stunde lang ihren Mann zu sehen und zu sprechen. Von allem, was die Familie angeht. al>er von nichts, was den Prozeß betrifft. Letztes Beisammensein am 21. April. Von 2 bis 5 Lhr weilt Frau Luci£ bei ihrem Mann. Weder sie noch er werden von der bevorstehenden Abreise unterrichtet. Kaum hat sie das Gefängnis verlassen, als man Dreyfus mitteilt, daß die große Reise zum Deportationsort nunmehr anhebt. Das Ziel ist ihm unbekannt. Nach dem französischen Strafgesetzbuch sind die Deportierten nach einem festen Ort zu bringen. der durch das Gesetz bestimmt ist. Bis zum Fall Dreyfus war dieser Ort die Halbinsel Ducos. Fin besonderes Gesetz, das die Regierung votieren läßt, und das von den Kammern ohne Widerspruch angenommen wird, bestimmt als weiteren festen Ort. die Teufelsinsel. eine der Heilsinseln, nicht allzuweit von der südamerikanischen Küste, 50 Kilometer von Cayenne, in unerträglichem Klima gelegen. Tropische Hitze wechselt mit fünf Monate dauernder Regenzeit. Schon unter dem zweiten Kaiserreich waren dort Hunderte von Deportierten zugrunde gegangen. Ihr Weg zur Ver iüngung, das Paulinenbad (HSchstfrequenz) «- An den Deportationsorten sollen, wie das Gesetz vom 25. März 1873 bestimmt, die Verurteilten nur den Maßnahmen unterworfen werden, die notwendig sind, um ihr Entw-eichen zu verhindern. und um Sicherheit und Ordnung in der Kolonie selbst zu sichern. Der Charakter der politischen Strafe wird vom Gesetz unterstrichen. Am 22. Februar lichtet ,.St. Nuzere“ die Anker. Richtung Heilsinseln. Schreckliche Kälte. 14 Grad unter Null. Am achten Tag fängt die Temperatur an milde zu werden. Dann wird es heiß. Das Schiff nähert sich dem Aequator. Immer noch Reiseziel unbekannt. Am 12. März 1895 läuft es in dem kleinen Hafen ein. Zuerst wird der Deportierte auf der Ile Royale, der Hauptinsel, untergebracht. Am 13. April überführt man ihn nach der Teufelsinsel. Unbebauter Felsen, der früher als Unterbringungsort für Leprakranke gedient hat. Frau Dreyfus hatte um die Ermächtigung gebeten, ihrem Mann in die Verbannung zu folgen. Obwohl die Gewährung des Gesuchs nach dem Wortlaut des Gesetzes geboten war, wurde es abgelehnt. Das Regime, dem man Dreyfus unterwirft, zeigt deutlich zwei verschiedene Perioden. Die erste dauert von der Ankunft bis zum 3. September 1896. In diesem Augenblick wird die Nachricht von einem Fluchtversuch nach Europa gemeldet. Irrtum, unbegründete Nachricht. Aber sie hat bis zur Abreise Dreyfus’ eine außer- Ktil&cotut Nikolai-Drogerie Telefon 270 GUSTAV BRANDEL Sülmerstr. 70 Die Fachdrogerie kür Ihren täglichen Bedarf 1 Joadu Miller-Martin Sdtmrrmählßr. 16p, Eingang •mdi Tarmßr. / Fernspr. 1664 MaßgescMftfOr eieganta Harrenu. Damenmoden W. LuB jr.| Banachloeaerel liefert U Schaukästen und Transgasse a psrente ln Jeder ge - ”**• 2476 ■= wünschten Ausführung StoWluQf ■ «elnuturagsferan TEL. 430 Wrttr. Itod)- ss. »rlMnratr etsuüfasger OtaMe-Dlavanite, eastfemürr 3t(t-**rOir nt Wstrltrlie Julius RUdenauer, Kieselmarkt 1 Ifanseunaim, wart KoMcn an | ruck, sauber, zuverlässig su fader Tageszeit I ■ Die Firma, bei der Sie Ihre Kohiemorgen dmrdt ein Celefongcaprödt erledigen können piUss. 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