Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 9 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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hierdurch in die bedenklichste Lage. Hier greift nun der „Ort“ ein. Diese Gesellschaft ist keine philan tropische Vereinigung, die Almosen geben will. Ihr Zweck ist. den unglücklichen Luftmenscfaen durch Gründung von Handwerkerschulen und Lehrlingsheimen, durch Bereitstellen ▼on Werkzeugen, Maschinen, Kapital usw„ zu helfen. Jüdischen Ansiedlern stellt sie Mittel zur Verfügung, um das von der Regierung ihnen geschenkte Land bebauen zu können. Licntbilder vervollständigten den Eindruck der gewaltigen organisatorischen Leistung des „Ort“, der infolge der knappen Mittel leider nur einem Teil der notleidenden Glaubensgenossen des Ostens helfen kann. Fragen, die von Rabbiner Dr. Cohn, Oberlehrer Adler, Dr. Franz Hirsch und Rudi Strauß gestellt und vom Referenten in sachlichster Weise beantwortet wurden, zeugten von dem Interesse, das der Vortrag gefunden hatte. Zuletzt nahm Rechtsanwalt Dr. G u m p das Wort und schilderte das jüdische Landleben früherer Zeiten. Er begrüßte die Rückkehr zum Handwerk und gab der Hoffnung Ausdruck, daß durch das Handwerk auch vielen deutschen Glaubensgenossen eine auskömmliche Existenz gesichert werde. Jsrael in Amerika. Von Aime Falliere, Paris. Wenn man New-York und die anderen vdlksreichen Städte der Vereinigten Staaten besucht, staunt man über die beträchtliche Anzahl Kirchen. Tempel und Kultusstätten jeglicher Art, denen man auf Schritt und Tritt begegnet. Römische Katholiken, bischöfliche, methoaistische, baptistische, ordensbrüderliche, lutheranische und noch andere, ohne zu sprechen von den An- .hängern der Christian Science und den Gesellschaften für sittliche Kultur; sie alle scheinen, sobald es gilt, großartige Bauten zu errichten, an Freigebigkeit zu wetteifern. An den Toren dieser Kirchenbauten sind, deutlich wahrnehmbar, schwarze Tafeln angebracht, auf denen die Stunden des Gottesdienstes mit den Namen der Prediger, sowie die Themen der nächsten Reden verzeichnet sind. Auf diese Weise ist ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Kultus, welcher in diesen Tempeln stattfindet und der hier vorbeiflutenden, im Tageskampf sich abhetzenden Bevölkerung, welche durch diese regelmäßigen diskreten Einladungen daran erinnert wird, daß das Leben, selbst in Amerika, keineswegs gänzlich ausgefüllt werden kann, wenn man einzig und allein dem Geld und den irdischen Gütern nachjagt. Die jüdische Gemeinschaft (Orthodoxe, Konservative und Reformierte) entfaltet eine gleiche Tätigkeit. Zahlreich sind die Synagogen, die man überall findet, und die Rabbiner verkünden gleichfalls dem Publikum das Thema ihrer Wochenpredigt. „Everybody welcome“, jedermann willkommen. Diese Formel hat man von den christlichen Kirchen übernommen. Im übrigen ist die jüdische Bevölkerung in den großen Städten ziemlich zahlreich, und somit dieser Aufruf an die Passanten, ohne irgendwie gegen den jüdischen Geist zu verstoßen, sehr wohl am Platze. Und diese Synagogen sind, ebenso wie die Kirchen, keineswegs nur Bethäuser; vielmehr sind sie zugleich der Miteipunkt verschiedener sozialer Werke: die brotherhoods und sisterhoods (Brüderschaften und Schwesternschaften) entfalten in inniger Gemeischaft eine vielgestaltige Tätigkeit. Wenn man diese Fülle von Kultusstätten betrachtet, fragt man sich unwillkürlich, ob dies das Kennzeichen eines besonders ausgeprägten Religionslebens ist, oder ob es nur eine Form des sozialen Lebens darstellt. Man muß immer sehr vorsichtig sein, wenn es sich darum handelt, die religiösen Gefühle einer Seele zu beurteilen, deren geheime Ausstrahlungen sich unserer Kenntnis entziehen, doch darf man sich sehr wohl die Frage stellen, wie etwa die Psyche der Gesamtheit beschaffen ist. Nun, alle Amerikaner, welche man etwa über diesen Punkt befragt, werden ohne weiteres die letztere Annahme als die richtige bezeichnen. In Wirklichkeit ist die Frömmigkeit in den Vereinigten Staaten nicht größer als bei uns; der Gottesgedanke erfüllt die Herzen in nicht höherem Grade als bei uns; dagegen verstehen es die Angelsachsen, die Religion mit einer höheren äußeren Weihe zu umgeben; sie ist in der Tat bei ihnen eine notwendige Erscheinung des sozialen Lebens. Und das ist leicht verständlich. In diesem Lande fieberhafter Tätigkeit, wo die materiellen Sorgen Körper und Geist in einem uns fast unbekannten Grade umklammern, bildet die Religion, selbst in ihrem kleinsten Ausmaße — beispielsweise eine Predigt in der Woche, umrahmt von Gesängen und stiller Andacht — das Minimum eines für das seelische Gleichgewicht erforderlichen Idealismus: erhebt man sich doch für eine Stunde über das Alltagsleben hinaus. Man wirft mit Gewalt alle egoistischen Gedanken und Gefühle, welche das Geldfieber mit seinen unaufhörlichen Forderungen erzeugt, von sich; man nimmt für einige Augenblicke teil an dem Gesamtorganismus einer geistigen Gesellschaft. Selbst für diejenigen, bei welchen das Bedürfnis des Betens eine nur untergeordnete Rolle spielt, bedeutet - 99 - diese kleine Unterbrechung eine Stärkung. Auch sind die Kirchen, die Temvel, die Synagogen besser besucht als bei uns. Nicht alle beten im eigentlichen Sinne, doch ist ihnen das Beten der Gesamtheit, der sie sich augenblicklich verbunden fühlen, nichtsdestoweniger eine seelische Erquickung. Ich verstehe jetzt den vielleicht im ersten Augenblick etwas verwirrenden Ausspruch eines Amerikaners, welcher mir sagte: „Wir pflegen hier die erste Rolle der Arbeit einzuräumen, die zweite der Religion“. Dies bedeutet, daß die Religion in das Leben jedes Einzelnen einen höheren Sinn hineinträgt, zn Nutz und Frommen der gesamten sozialen Tätigkeit. Die orthodoxe Richtung, an Zahl die bedeutendste des Amerikanischen Judentums, bietet dem Beobachter nichts, was auch nur im entferntesten an die Orthodoxie des Samson Raphael Hirsch, Frankfurt a. Main, und ähnliche Grap- LUDWIGSBURG RATHAUS-DROGERIE OBERE MARKTSTR. 1 / TELEPHON 3113 Bei zuvorkommender, fadimSnnisdt. Bedienung Sämtliche medlz. Drogen. Seifen, Parfüme, deutscher n. ansL Firmen, Krankenpflege>Artlkel Die Uuweller-Flrma Wilh. Kiesel » Ludwigsburg Klrohatraß« IS f besteht »Alt M Jahren und bietet ■rMte AaspaM bei bUUgee Preise» Hern Melle Friedhof-Gärtnerei Fernsprecher 3426 B—stelilirt—tttr.« Elektro- und Radiohiras OTTO LOCHMANN f Seesfr. 77, beim Hohen loflernplafs / Telefon 3760 Ucä tlr Mto me ■cktrMU k dreier imaN KARL 1 1 Hebss Baufluchn«r*i, Qui. WiMtrltHmqtgtMUft SehillarstraSa 5 Telefon SStl Kauft bei unseren Inserenten fl/ Grabmäler ln jeder Ausführung in allen 6«teinsarten Bcrutg. u. VorenschL uveb, (.Sfecrcr.Lüvttsl. 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