Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VI (1929-1930)
- Issue
- 23 (1.3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 311 (sequence 5)
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- 311 - kleider von derselben Farbe, ein feines Ober- Hembde ohne Manschetten, weiße seidene Strümpfe, eine Perruque und einen Hut ohne Tresse” — ging Jud Süß in den Tod. Und in den jüdischen Gemeinden Deutschlands brannte ein Jahr lang ein Licht um den, der sich mit un- Seheurem Zynismus über die Gesetze seiner eligion hinweggesetzt hatte, der gegen Freund und Feind gleich unerbittlich sein und das ärmste württembergisdie Bauerlein vor das Fiskalatsamt laden konnte, wenn er sich nur für des Herzogs Tasche — und nicht zuletzt auch für die seine — etwas davon versprach. Die ganze deutsche Judenheit zitterte damals um den Mann, der auf dem Hohenncuffen und dem Hohenasperg allen Bekehrungsversuchen der christlichen Geistlichkeit widerstand, - der sich in der Gefangenschaft weigerte, andere als rituelle Nahrung zu genießen, der längst vergessene Gebete murmelte und wenige Monate vorher seinem Geschäftsfreund Marani Kahn ärgerlich gesagt hatte, „er werde noch ein solcher Rosche werden, daß kein solcher vor ihm gewesen noch nach ihm sein werde.“ In der Verlassenheit des Kerkers, in der Stille des Körpers und der Seele fielen alle Hüllen ab, und eia sein Leib so klein und schwach wurde, daß der Kommandant des Hohenaspergs in Stuttgart anfragen mußte, ob eine besonders enge Handschelle gemacht werden solle, „jetzt und nachdem er sich so verzöhrt“, — da brach mit elementarer Gewalt sein Judentum durch, und als Mensch, der weiß, an was er scheitern mußte, ging er ein in den großen schützenden Bereich des einig einzigen Gottes. II. Wer war nun Jud Süß. was war. im Lichte exakter wissenschaftlicher Forschung gesehen, seine politische Mission, warum kam es zur Katastrophe? Wir haben die Beantwortung dieser Fragen eingangs schon kurz angedeutet; im folgenden soll nun der Versuch gemacht werden, auf der Grundlage der Stern'schen Darstellung Ursache. Weg und Wirkung nochmals aufzuzeigen. Während zu Süß* Lebzeiten und noch in den vielen folgenden Jahrzehnten die Juden Deutschlands in beinahe vollständiger Abschließung und ohne jeden Kontakt mit deutschem Kultur- und Staatsleben von jedermann verachtet vegetierten, hatten einige wenige Juden es verstanden, in die Ghettomauer eine Bresche zu legen und als Großkaufleute, Bankiers usw. sich eine gewisse Bedeutung und Machtstellung zu verschaffen. Einer soldien für die damalige Zeit ungeheuer reichen und auch geistig regsamen Familie entstammt Joseph Süß Oppenheimer. „Als Juwelenhändler und Wechsler, als Bankiers und Rentner, als Hoffaktoren und Armeelieferanten“ beherrschten die Oppenheimer weite Kreise, machten sich Adel und Bürgerschaft dienstbar und traten sogar durch den berühmten Hoffaktor Samuel Oppenheimer zum deutschen Kaiserthron in Beziehung. Aber auch Gelehrte von umfassendem Wissen gingen, aus dieser Familie hervor — und so vereinigte Jud Süß in seiner Person die hohen geistigen Fähigkeiten seiner Ahnenreihe in stärkstem Maße. Im Jahre 1732 lernte Jud Süß in Wildbad den Prinzen Karl Alexander kennen. Mit dieser Begegnung wurde der Grundstein zu einem Verhältnis gelegt, das man im wahrsten Sinne des Wortes als schicksalhaft bezeichnen darf. Wie sehr Karl Alexander und sein späterer Berater sich gegenseitig selbst bedingten, wie beide in fast magisch zu nennender Gemeinsamkeit den württembergischen Staat in seinen uralten Grundrechten zu erschüttern und absolutistisch zu stabilisieren suchten, das hat, besonders nach der psychologischen Seite, schon Feuchtwunger glänzend geschildert. Die dichterisch intuitive Darstellung erhärtet sich nun in Dr. Selma Sterns Biographie zur historischen Wirklichkeitsform. und auch hier tritt klar und deutlich in Erscheinung, wie Süß und Karl Alexander schicksalhaft — auf Gedeih und Verderb — aneinandergekettet waren. Gleicht die Vorliebe Karl Alexanders für kostbare Edelsteine vielfach schon einer pathologischen Wunsch- und Bedürfnissucht, so mutet die Bereitwilligkeit. mit der Süß den diesbezüglichen Wünschen seines Souveräns entspricht, auch irgendwie manisch an. Diese gemeinsame Aktivität tritt aber besonders du in Erscheinung, wo beide in schöpferischer Wechselwirkung im innenpolitischen Leben zusammenstehen. Aus der Stern'schen Darstellung geht hervor, daß der Herzog der Initiator all der Reformen ‘und Neueinrichtungen war, die das Land in größte Erregung versetzten: Süß dagegen war das Vollzugsorgan, der Mann, der die Anregungen Karl Alexanders mit nüchternem Wirklichkeitssinn aus der an sich sittlichen „Vorstellung von Beruf, von Aufgabe und Verantwortung“ auf den Nenner des Möglichen und Zweckmäßigen brachte, der in jugendlichem Draufgängertum erkannte, daß Industrialisierung und Kapitalisierung die rettenden Wege waren, um aus der unter Eberhard Ludwig entstandenen verhängnisvollen finanziellen Ebbe herauszukommen und das brüchige württembergische Staatsschiff wieder flott zu machen. Das System des Absolutismus blühte in allen Ländern, während Württembergs Regent die Rolle des „ersten Adeligen“ zu spielen hatte. Diese Stellung des Herzogs wollte Oppenheimer durch •die der unantastbaren Souveränität ersetzen und den ersten Ansatz hiezu machte er durch die Bildung eines Konferenz-Ministeriums, dem die alten Geheimräte weichen müssen. Wein, Leder, Salz, Tabak usw. werden monopolisiert, eine Zentralbank soll die württembergisdie Wirtschaft und Kreditnot heben, und eines Tages dann der große Schlag gegen die Selbständigkeit der Landstände dem Regenten diktatorische Machtbefugnis verleihen. Das war das Programm; zum Teil wurde es ausgeführt, zum Teil scheiterte es an den verschiedensten Umständen. Bezeichnend für ■Vier Wagen: DIE HEUE HANOMAG 4 SITZER LIMUSINE Eindruck > Zentralschmierung mit kost«! dar AM. 2EOO- 5 f^ch bereift m. compl. Zubehör yoMm ' Generalvertretung STUTTGART KROHEHSTR.3 die Richter, die über Süß zu urteilen hatten, wie für den Angeklagten selbst ist es nun, daß Süß sich jede fon ihm getroffene Anordnung von Karl Alexander gegenzeichnen ließ. Es ist zweifellos, daß Oppenheimer die Gefährlichkeit seines Amtes sich stets vor Augen führte und den Herzog wienerholt bat. ihn aus seinen Diensten zu entlassen. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist es auch, daß Süß in einem in den „Stuttgarter wöchentlichen Nachrichten“ veröffentlichten Dekret vom 12. Februar 1737 in Anerkennung seiner Tätigkeit, die er „zur merklichen Beförderung des herrschaftlichen Interesses mit Application. Treue und glücklichen Succes eingerichtet habe“, für alle vergangenen und zukünftigen Handlungen freigesprochen, daß ihm also von vornherein vom Herzog Generaldispens erteilt wurde. Der „Geheime Finahzienrat“ war dann auch immer auf der Hut, sich für spätere Zeiten zu decken und zu entlaste^. Es wurde ihm, dem Juden, ja auch alles reichlich schwer gemacht, und mehr wie einmal führt er beim Herzog und in seinen Briefen darüber Kläger wie sehr er gegen In triguen zu!kämpfen habe, wie er überall mißverstanden | werde und deshalb kaum in der Lage sei, [.bisherige und künftige Entreprise zu Vorgesetztem Ziel und Zweck gelangen zu lassen“. Er bittet Karl Alexander inständig, „ferme undL verlässig“ zu bleiben und stellt ihm immer wiec er vor, wie er sich mit Gut und Blut für das her oglidie Interesse einsetze. Man fühlt, daß es Süß ob seiner ungeheuerlichen Karriere selbst ban; e ist und versteht, wie dieser arrivierte Jude sofort zum Ghettomenschen, in ddm FLOGEL PIANO« Ir. IlTII F O R S T 5 T flASSF 1 1 l Bessere abgelegte kauft za reellen Preisen u. kommt Ins Haus Teudisler, Torstr. 11 Telephon 23076 Für die Feiertage SRÖS3TES SSTEL LU MOSKAUS SCHILDKNECHTA. oi Atuttqart I Kauft bei unseren Inserenten! v\T\Vfl9^ Oburhof (IMrl.), TMsvhH 214 Um vor Nachahmungen skher zu rein» achte man auf den Namen .TOMOR* sowie auf die Farben der Packung: Rot mit aolbom Streifen PesuMiuuj TOMOR Die MandelmilchsPflanzenbutter*Margarine mit dar rotan Siagalmarka Vollkommenster Ersatz für Butter. Für Milde- und Fleischspeisen verwendbar. Hergestellt unter Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Wolf, Köln a. Rh. Alleinig« Lieferanten! Jürgens - Van den Bergh / Margarine-Verkaufs-Union G.m.b.H. ^89409