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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1930-02-01 · 21 (1.2.1930) · p. Seite 286

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VI (1929-1930)
Issue
21 (1.2.1930)
Date
1930-02-01
Page
Seite 286 (sequence 4)
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9 QUM) fan CjftnuUubuc Stuttgart. Bcrthold Auerbach -Verein. [)>(' letzte Heferat in der Reihe der Vorträge über jüdisch-religiöse Themen hielt am 7. Januar Hechtsanwalt Dr. G u n z e n h a u s e r. Der Redner sprach über ..D ie Ideeder Gerechtigk e i t im Jude n t u m" und gab über die ideologischen und prozesspalen Hechtsbegriffe des Judentums interessante' Aufschlüsse, ln seiner Einleitung beschäftigte sich Dr. Gunzenhauser mit den Anschauungen, die Philosophen der Moderne um der ..Gerechtigkeit" hatten, zitierte die I.ehrmeinungen eines Plato. Aristoteles. Cicero, die Gedanken Hermann Cohens. Rümelinii»w\ und entwickelte sodann die auf dem Hoden de- Judentums gewachsenen Ideen. Das Judentum ijnter-cheidet zwischen Gerechtigkeit m be/ug auf Gott und in be/ug auf den Men- »cheii. In c iulun markanten Sätzen beschäftigt -uh die Bibel mit dieser zwiefachen Gerechtigkeit. die -ich auch eiudmek-c ,11 im Hecht des alten Judentums wiederspiegelt. Durch seine \erordiiniigen wird klar und deutlich der alte \orwurf. dajüdische Gesetz -ei auf Rache und je imitic er Vergeltung aiifgebaut. w iderlegt. Das liidi-che Strafrecht kennt keinen lndizienl>eweis: > - -priclit den Angeklagten frei, wenn nicht mehr uleine Stimme sj<h gegen ihn erhebt. Die I! iiipt-trafen -ind (»eld-trafen: und wenn überii.iupt uin einem \ergeltungsrecht die Rede sein kann, -o i-t eein sublimiertes Rechtsprinzip, da- -ihu~f um den Hecht-jn-INationen anderer antiker Niilker absticht, laue- Tortur kennt das iudi-che Strafrecht nicht. Man cersucht, den Angeklagten durch da- \erhör zu überführen, geht abe r niemalmit Gewalt u»r. /wischen Mord und ’lot-chlag wird genau unterschieden. Für die- /eugeii-enaft be-ti-hc-n -trenge Vorschriften, brauen dürfen nur im /icilprozeß auftreten. I reilieit-strafen werden hilfsweise und viele nur bedingt \erhängt. Die Bibel nennt vier Arten con I odo'-trafen. jedoch werden Todesurteile so L'ut wie nicht vol I-t reckt. Genießt so der Angeklagte an -ich sdion einen gewissen Schutz, so gilt die besondere Fürsorge des jüdischen Richter-. fiir de—en Persönlichkeit strenge Vorschriften be-tuhen. den Witwen und Wai-en. Ganz be- -onclerwird der W ucher nlschweres Verbrechen gekennzeichnet: wer wegen Wucher bestraft i-t. kann auch kein Zeuge -ein. Kinheimi-chc-r und I rc-mder gc-nic-llen den gleichen Hecht-chut/. D.d! das jüdische Recht auch das I ier einbezieht, i-t der be-te Beweis gegen die Sihüchtgegnc-r. die im Schäditakt eine Quälerei -ebe n. ..Zedokoh" ist aber nicht nur Gerechtigkeit. -oiidern auch Barmherzigkeit. Beide Tugenden -ind stetin nn-eren RVihon geübt worden, Ideale und f.thik des Juclentiims wurzeln in ihnen. Mali hört heute oft. das Judentum habe keine n Inhalt mehr. W er aber seine Ideale hochhalt. ..wer fiir Wahrheit. Gerechtigkeit und Frieden lebt, der darf sich auch heute noch mit Recht und Stolz als Jude bekennen". — Dr. Gunzenhaii-erintc-re—antcr Vortrag fesselte die Anwc-enden aufstärkste und fand dankbaren, langanhaltenden Beifall. In der Aussprache bew ie-en -ich Rabbiner Dr. Auerbach und Johannes Fi-dier als ge istvolle Redner. Stuttgart. Frau Dr. Selma Stcrn-Täubler. Heidelberg, die Autorin vieler geistvoller Beiträge zur Geschichte der Juden in Deutschland und e iner jüngst erschienenen ausgezeichneten ..Jud Süß"-Biographie, sprach am 21. Janua r im R e r t h o 1 d Auerbach -Verein über ..A-similation und Emanzipat i o n“. Die Rednerin gab eine glänzende Darstellung der gedanklichen und historischen Hintergründe der Assimilation und Emanzipation und fes-elte auch diesmal wieder ihre zahlreiche Hcirer-chaft aufs stärkste. Frau Dr. Stern-Täubler schildertemit der ihr eigenen rhetorischen Klarheit, wie mit dem Beginn der Aufklärung die ewigen Grundrechte des Menschen an Stelle der Feudalrechte traten, wie der historisch gewordene Mensch verneint und die frei schaffende Pc-r-önlichkeit -ich aus einer Epoche herauskri-talli-ierte. die mit kritischem Verstand den (Iffenbaruiig-glauben entheiligte. Diese Neuorientierung der Gesellschaft mußte zwangsläufig auch die Stellung der Juden und die An- -chaiiiingen. die ihre Umwelt von Juden hatte, verändern. So fordern denn Goßler, Hardenberg und Dohm gebie terisch die Besserstellung des jüdischen A olksbestandteils auf allen Gebieten des I.eben«. Die pädagogischen Ideen des Jahrhunderts. erwachsen aus den Anschauungen Roiissc-aus und Pestalozzis, die Lehren der Physiokruten. der dauernde Hinweis auf die Folgen der Intoleranz — nachgewiesen an der Lage der Juden selbst — usw. bereiteten den Eintritt der Juden in die bisher verschlossene Welt vor. Im modernen merkantili-tischen Staat waren die Juden willkommen: in einer Epoche, deren erste Maxime ..Gelderwerb“ war. wurden sie als Lnternehmer und Katalysatoren der Wirtschaft geradezu gefordert. Die kolonisatorischen Unternehmungen des absolutistischen Regimes waren auf die Juden mit ihren weitreichenden Verbindungen angewiesen. Während die anderen abseits standen, halfen Juden am Ausbau der staat- - 286 - liehen Manufakturen und an allen Höfen Europas rechnete man auf jüdischen Kredit und Unternehmungsgeist. Diese Hofjuden bereiteten ihre Glaubensgenossen auf die geistige Assimilation vor — die jüdische „Gemeinde“ blieb aber unberührt und wurde durch die Reglementiersucht der Staaten dem Staat nur langsam genähert. Die tiefste Frage ist nun, wie die Ideen der Zeit auf den jüdischen Menschen gewirkt haben, wie sich aus dem Ghetto- und Gattungsmenschen des Mittelalters die freie Individualität gebildet hat. Ueber das Geschichtliche dieser Vorgänge sind wir unterrichtet. Warum aber damals gerade eine Synthese von Judentum und Zeitgeist möglich war, wie der Jude sich allmählich gesellschaftlich assimilierte — das sind noch ungelöste Fragen, die durch die Geschichte erst beantwortet werden. — Die Ausführungen der Rednerin fanden langanhaltenden Beifall, dem Dr. Walter Einstein in seinem Schlußwort nochmals warme Dankesworte an Frau Dr. Stern-Täubler anschloß. Stuttgart. Die orthodoxe Jugendgruppe ,.Esra“ veranstaltete am 29. Dezember v. Js. eine wohlgelungene Chan uka- Feier, deren Leitung in den bewährten Händen von Frau Rabbiner Dr. Bamberger lag. Aus der Fülle des Geboteneri seien die beiden mit großem Beifall aufgenommenen Theaterstücke erwähnt, die Fräulein Engelmaier und Erl. Katz einstudiert hatten. H. D i cke r begrüßte die Gäste und wies auf die Ziele der ..Esra“ hin. Es folgten dann noch viele Einzeldarbietungen. jüdische Lieder. Gedichte. Reigen usw... die den ausführenden Damen Eeuerlicht, Fiskus und Katz reichen Beifall einbrachtpn. Das Entzünden der Chanuka-Lichter und die Gewinnverteilung der Lotterie beschlossen die schöne Feier. Stuttgart. Berichtigung. In unserem in letzter Nummer veröffentlichten, die Sitzung des [sr. Voersteheramts vom 8. Januar betreffenden Bericht hieß es: „Mever wies darauf hin, daß das Verbot der Ansprache von Frauen in München. Köln usw. besteht“. Hierzu wird uns von Oberrechnungsrat M eyer mitgeteilt, er habe vor- Gründliche Handelskurse (Buchfflhrunje, Stenographie, Maschinen* Richtig-Sch0fischreibe<i> 37jähtige Praxis Handelsschule Paul Vogel Frledrlchctrafie 13, Telephon Nr. 25097 getragen, daß nach eingezogener Auskunft in Köln, München, Augsburg usw. Ansprachen von Frauen nicht üblich seien und ein diesbezüglicher Wunsch von seiten der Frauen noch nie geäußert wurde. Stuttgart. Am 1. Januar konnte Heinrich Schneider auf eine ununterbrochene 25jährige Tätigkeit hei der Tuchgroßhandlung Hermann Stern zurückblicken. Anläßlich dieses Jubibiläuins wurden ihm von seinen Chefs und Kollegen wertvolle Geschenke überreicht; von der Handelskammer Stuttgart wurde dem Jubilar eine Ehrenurkunde ausgehändigt. Stuttgart. Den Mittelpunkt der Ausstellungen im Kunsthaus Schalter, Marienstr. 14, bilden zurzeit Arbeiten von Jankel Adler, dessen Gemälde auf den großen Ausstellungen der letzten Jahre schon regstes Interesse geweckt haben. Jankel Adler ist in Lodz geboren, lebt seit einigen Jahren in Deutschland und ist an der Düsseldorfer Akademie tätig. Werke von ihm befinden sich in namhaften Museen Deutschlands und Europas. — Besonders interessant sind die bei Schalter ausgestellten Bilder mit jüdischen Motiven. Der „Jude im Bad“, das Frauenbildnis ..Judith“ — beide tragen Signatur in hebräischen Schriftzeichen — sind, wie das großangele^te Gemälde „Werbung“, ganz aus der Perspektive des ostjüdischen Milieus gesehen. In Bildkomposition. Farbe und psychologischer Einfühlungskraft lassen Jankeis Gemälde einen eigenwilligen und originalen Künstler erkennen. — Die Ausstellung dauert noch bis zum 8. Februar und wird unseren Lesern wärmstens empfohlen. CANNSTATT Georg Riedemann Tapezier u. Dekorateur, Wllhelmstr. 40 a Neuanfertigung: von Polstermöbeln; Aufrichten von Matragen, Diwans, Bettrösten, Chaiselongue*. Legen von Linoleum. - Aufmerks. Bedienung. LUDWIGSBURG FEBNSPBBCHBB Nr. 3M1 BÜROBEDARF SCHREIBMASCHINEN UNTERE MABKT8TRASSE Nr. 2 KUNSTHANDLUNG ——i K1BCHSTBAS8E ■ «—Mm | RATHAUS-DROGERIE OBERE MARKTSTR. 1 z TELEPHON 3113 Bei lavorkommender, fachmännisch. Bedienung Sämtliche mediz. Drogen, Seifen, Parfüme, deutscher u. aual. Firmen, Krankenpflege'Artikel SEYBOTH Die Juwelier-Firma Wilh. 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