Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VI (1929-1930)
- Issue
- 10 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
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stuhle und täglich dreimal tönte mir das Geläute recht hübsch in die Ohren. Natürlich schrieb ich mehr für das Theater als für das Gericht. In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu. Ich wäre auch gerne in der schönen Stadt geblieben; aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden. Teshalb nahm ich damals von Salzburg und der Rechtsgelehrsamkeit Abschied. Wieder bereitete ich dem Rabbi von Budapest großen Aerger; denn, statt einen wirklichen Beruf oder eine Kunst zu ergreifen, sing ich an zu reisen und für das Theater und für die Zeitungen zu schreiben. Biele meiner Stücke wurden auf verschiedenen Theatern aufgesührt; einige mit vielem Beifall, andere sielen durch. Bis zu diesem Augenblicke kann ich nicht verstehen, warum einige meiner Stücke Beifall fanden, andere von der Bühne verschwanden. Tiefe Verschiedenheit der Ausnahme meiner Stücke lehrte mich jedoch, es nicht zu beachten, ob das Publikum mein Werk beklatschte oder auspfiss. Man muß es sich selbst recht machen, alles andere ist gleichgiltig. Ich verwerfe gegenwärtig alle meine Stücke, selbst die, welche noch am Kaiserlichen Burgtheater in Wien Beifall finden und kümmere mich nicht länger um sie. Im Jahre 1889 heiratete ich und habe drei Kinder, einen Knaben und zwei Mädchen. Nach meiner Meinung sind meine Kinder weder häß lich noch dumm. Aber natürlich kann ich mich täuschen. Während meiner Reise in Spanien (1891) machte mir das Wiener Blatt „Neue Freie Presse" das Anerbieten, ihr Korrespondent in Paris zu werden. Ich nahm diese Stellung an, obzwar ich bis zu der Zeit die Politik verachtet und verabscheut hatte. In Paris hatte ich Ge legenheit, zu erfahren, was die Welt unter Politik versteht, und ich sprach meine Ansichten in einem kleinen Buche „TaS Palais Bourbon" aus. 1895 hatte ich genug an Paris und kehrte nach Wien zurück. Während der letzten zwei Monate meines Auf cnthaltes in Paris schrieb ich das Buch „Ter Judenstaat", das mir die Ehre verschafft hat, von Ihrem Blatte um einige biographische An gaben über meine geringe Person ersucht worden zu sein. Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Gemütsstimmung wie dieses Buch ge schrieben zu haben. Heine sagt, daß er die Schwingen eines Adlers über seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verse niederschrieb. Ich glaubte an so etwas wie ein Rauschen über meinem Haupte, als ich dieses Buch schrieb. Ich arbeitete an ihm täglich, bis ich ganz erschöpft lvar; meine einzige Erholung am Abend bestand darin, daß ich Wagner'scher Musik zuhörte, be sonders dem Tannhäuser, eine Oper, welche ich BRAUER & WIRTH Kunstgewerbliche Werkstätten MÖBELFABRIK Stuttgart, Charlotienitraße 21a , laden höftidist zur Besichtigung ihrer JJussfellungsräume an der Olgaecke ein Malerarbeiten geschmackvoll, gut u. preiswert Sachse ARothmann Stuttgart - Hegelstr. 25 - Tel. 22018 u. 20221 ich Zweifel an der Zuerst hatte ich - 135 - so oft hörte, als sie gegeben wurde. Nur an den Abenden, wo keine Oper aufgeführt wurde, fühlte Richtigkeit meiner Gedanken, den Gedanken gehabt, diese meine kleine Schrift über die Lösung der Judenfrage nur privatim unter meinen Freunden umlaufen lassen. Tie , Veröffentlichung dieser Ansichten habe ich erft später ins Auge gefaßt; ich hatte nicht die Absicht, eine -persönliche Agitation für die jüdische Sache zu beginnen. Die meisten Leser werden erstaunt sein, wenn sie von diesem frühen Widerstreben hören. Ich betrachtete die ganze Sache nur als eine solche, in der man handeln, nicht aber disputieren müsse. Oeffentliche Agitation sollte nur mein letztes Auskunftsmittel werden, wenn man meinen privat gegebenen Rat nicht anhürte oder nicht befolgte. <- Als ich mein Buch beendigt hatte, bat ich einen meiner ältesten unt besten Freunde, das Manuskript zu lesen. Während er es las, schrie er plötzlich auf. Ich fand diese Erregung ganz natürlich, da er ein Jude war; ich hatte ja auch manchmal beim Schreiben laut aufgefchrien. Aber zu meiner Enttäusckung gab er einen ganz anderen Grund an. llr dachte, ich wäre irrsinnig geworden, und da er mein Freund war, machte ihn mein Unglück sehr traurig. Er lief weg, ohne ein anderes Wort zu sagen. Nach einer schlaflosen Nacht kam er zurück und drang in mich, von der Sache zu lassen, da mich jeder für irre halten werde. Er war so erregt, daß ich ihm alles versprach, um ihn zr beruhigen. Tann riet er mir, Max Nordau am Rat zu fragen, ob mein Plan die Eingebung einer vernünftigen Person sei. „Ich werde nrnnand fragen", war meine Antwort; „wenn meine Gedanken einen solchen Eindruck aus eine» gebildeten und treuen Freund machen, werde ich )en Plan aufgeben." ' Ich hatte dann eine sehr ernste Krisis durch zumachen; ich kann sie nur damit vergleichen, wenn man einen ri tglühenden Körper in kaltes Wasser wirst. Freil ch, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wir» er Stahl. Mein Freund, vr» dem ich oben gesprochen hatte, hatte meine Rechnung für Telcgrammausgaben zusammeuzurechne». Als er mir die Rechnung gab, die aus einer sehr großen. Reihe von Posten bestand, sah ich auf den ersten Blick, daß er ungenau zusammengezählt hatte. Ich richtete seine Aufmerksamkeit darauf und er zählte noch einmal zusammen; aber erst beim dritten oder vierten Male stimmten seine Summen mit der meinigen. Tiefer! kleine Vorfall gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Ich lvar doch imstande, genauer zusammenzuzählen als er: Meine Vernunft mußte mich also nicht gänzlich verlassen haben. An jenem Tage ^begannen meine Beunruhi gungen betreffs des -Judenstaates. Während der FINDE.TDIE, ERLESENEN TAPETEN-HAUS REM PEN & KREUTZMANN EBERHARDSm i* Karl Kaesftle / Stuttgart Heneannstr. 1 Telephon tim WERKSTÄTTE für Innendekoration u. Polstermöbel TapezIer-ArbeltOn ✓ Linoleumlegen "I!!!.! 'I1 " ■ G. Ebel R. D. M. vermllleH i QM 4 STUTTGART lK Miiftir. SS Fernsprecher 20435 und 20436 ndstücke Hypothek«!« Finanzierungen und Beteiligungen zwei und mel viele traurige noch mehr tu begann ich ei schon vier stai je veröffentlick sein, zu erfal habe, wer die r folgenden Jahre habe ich viele. Tage erlebt, und ich fürchte, daß urige Tage folgen werden. 1895 l Tagebuch zu führen; jetzt sind ke Bände angefüllt. Sollte ich sie en, so würde die Welt erstaunt ren, was ich einzustecken gehabt Feinde meines Planes waren und andererseits, User mir beistand. Aber eines betrachte ich als gewiß, und über allem Zweifels erhaben: Tie Bewegung wird anhalten. Ich jveiß nicht, wann ich sterben werde, aber der Zionismus wird nie sterben. Seit den Tagen von Bpfel hat das jüdische Volk wieder eine Volksvertretung; später wird der „Juden staat" in seinem eigenen Lande erstehen. Ich bin jetzt am Werkes die Bank ins Leben zu rufen und ich erwarte, djjiß sie sich als ein ebenso großer Erfolg wiedes Kongreß erweisen wird. Palästinensische Ausgrabungen. Auf dem Internationalen Archäologen Kou greß, der im Ppril in Berlin seine Tagung ab hielt, hielt Professor Sukenik von der Hebräischen Universität in Jerusalem ein viel beachtetes Re serat über deii Stand der neuesten Synagogen Forschung in \ Palästina. Es handelt sich um ein Gebiet, a»f dem die bahnbrechende Arbeit von deutschen Gelehrten geleistet wurde. Es war die Expedition der „Teutschen Orient Gefells schast", die in den Jahren 1905 und 1907 unter der Leitung vän Kohl und Watzinger elf Syna gogen in -Galiläa teilweise ausgrub, wobei es gelang, die Grundform der antiken palästinensi schen Synagogl' festzustellen. Tie Hebräische Universität in Jerusalem beab sichtigt, in dev nächsten Zeit eine totale Freist gung der alte^ Synagogen vorzunehmen. Vor läufig find nur zwei der von Kohl und Watzinger teilweise sreigÄegten Synagogen völlig ausge graben: die bekannte Synagoge von Kapernaum (Tell Hum) und die Synagoge von Chorazin (Keraze). Tie Ausgrabung der Kapernaum Sy nagoge haben! die Franziskaner beeirdet; ihre Bauzeit verlegt! Orfali in das erste Jahrhundert. Wichtigere Resultate haben sich bei der völligen Freilegung derjSynagoge von Ehorazin ergeben, die das Antiqustäten Tepartement der Palästina Regierung vorgenommen hat. Pros. Sukenik wandte sich der, Tätigkeit der „Jüdische» Archäologischen Geseftschaft" i» Je CHR. STATTMANNS NACHF. Stuttgart;■ Telefon 27734 Kftnlgsbau Beste Jn>|und Ausländische Fabrikate Herrenhute Sport• und Automützen Aparte Damephüte für Straße - Reite - Sport Auto-Vermietung" f Großu. Kleinwagen (Cabriolet) offen oder geschlossen. W+ckenfahrten Mr BtsMftsrttsihi d Emil Laicher, UNGEZIEFER! Schwaben, Rnaaea, Wanzen, drillen,Klose, Hatten, Amelien, Tirtllft ibMb bar md «cnrirti Desinfektions -t Anstalt Karl Klirvnw, Stuttgart, «otedabistr.z FERNSPRECHER «45 77 UND BACSXRBI Zinsscr * Sfnflgarf > 57a, Telefon «714 Lieferung slmtlldier Backwaren Kaffpans Teegebäck SPRZ I ALITATi Friedrich «tarier Zwieback, aelbatgeaiacfcte Elernadela