Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 24 (16.3.1929)
- Date
- 1929-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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Auch bei uns gibt es eine große Anzahl un chelicher Kinder. Sie gehören in vielen Fälle« zu den unerwünschten Kindern, sie sind Mutter und Bater unwillkommen. Sie wandern von Pflegestelle zu Pflegestelle. Tie Zärtlichkeit und Liebe bleibt bei solchen Kindern weit unter dem gebotenen Maß. Das muß für die Entwicklung des Kindes bedeutsame Folgen haben. Der Zärt lichkeitstrieb entfaltet sich nicht und das muß sich im Verhalten zu seinen Nebenmenschen später auswirken. Tann haben wir Kinder aus zerrütteten und gdjchiedenen Ehen. Was müssen solche Kinder aus ihrer Umwelt in ihre Seele aufnehmen! Wie falsch entwickelt sich bei ihnen Welt- »nd Idealbild, und die Grundlage für schwer erziehbare Kinder ist gegeben. Es gibt auch jüdische Familien, in denen die seelische Gemeinschaft nicht mehr vorhanden ist, die sich nicht mehr auf Zuneigung und Bereitschaft ausbauen. Auch bei uns gibt es Ehen, die nicht mehr bewußte und gewollte Schicksals gemeinschaft und Entwicklungserlebnis' sind. Das Kind ist in einer solchen Ehe in den meisten Fällen nicht im stände, die eheliche Verbundenheit;u bestätigen und zu verstärken. Das Kind dient in solchen Ehen nur als Lückenbüßer. Tie Eltern wollen ihr litbearmes Innenleben durch die zärtliche Liebe des Kindes ausfüllen. Tie Liebe, die die Eltern in der Ehe nicht finden können, suchen sie beim Kinde, sie werben um die Liebe des Kindes, es tut ihnen wohl, wenn das Kind ihnen schmeichelt. Aber die Eltern bedenken nicht, welche Erziehungsfehler daraus entstehen. Tas Kind bleibt unerzogen, die Schule kann die Mängel dieser Unterlassung nicht ausgleichen, die geheimen Milerzieher der Straße, besonders in der größeren Stadt, wirken eher hindernd als fördernd Tann muß' das Leben eben die Selbstkorrektur vorneh! men. Tas Kind merkt besonders in der Puderf tätszeit die verhängnisvolle Wirkung der cizene» s Ungebundenheil und sucht sich so gut als möglich ' vor Schaden zu sichern. Tas Kind wird sich j überall stoßen und in Konflikte geraten, denn die j freie Verantwortung wurde nicht entwickelt, nicht! die Fähigkeit, sich dem Willen anderer unterzu ordnen, nicht die Kraft, Gefahren zu begegnen, i noch die Hemmungen, die eigenen Triebe zn j beherrschen. Im Leben aber müssen die unge ordneten und nicht überwundenen Triebe zurückgedrängt werden, denn ihre Befriedigung führt zu ■ Mißerfolgen. Tas Kind wird sich in diesem Falle j nur äußerlich einordnen, sich der Macht der Verhältnisse beugen. Aber die Triebe sind noch da und lauern nur aus die Möglichkeit des Turch j brechenS. Eine innere Wandlung hat sich nicht! vollzogen. Ein kleiner Anlaß genügt, und das ver . wahrloste Kind ist fertig. Anders geartete Lchä j den können entstchen, wenn der Vater die Töch \ rer, die Mutter die Söhne zu sehr an sich ketten. Wenn es den Kindern dann nicht gelingt, in der Pubertätszeit die LiebeSobjekte in der Familie auszugeben und sie durch Objekte außerhalb ver Familie zu besetzen, dann sind neue Ursachen der Verwahrlosung gegeben. Wenn in der Familie nicht alles stimmt und die Eltelcn keine glückliche Hand haben, dann können schön aus dem Kon kurrenzkampf der Geschwister um den ersten Matz in der Liebe der Eltern Anlässe zu Erlebn^sen erwachsen, die später zu Abnormisierungen führen müssen. — 314 - . Was wir bei Kindern an unliebsamen Erscheinungen beachten, wie Bewegungsunruhe, Mangel an Konzentrationsfähigkeit, an Ertragenssähigkeit, ungehemmte Triebhaf.igkeit, asoziales Verhalten, Brutalität, Lüge, Diebstahl, Schulschwänzen und dergl., das dürfen wir nicht moralisch werten, aus unserem jeweiligen Gesellschaftsideal heraus verurteilen. Solche Erscheinungen zeigen uns nur, daß in dein seelischen Mechanismus etwas nicht normal abläuft. Man kann ein Kind mit solchen Abnormitäten ebensowenig für minderwertig halten als eiu Kind mit einem Hautausschlag. Wie der Arzt nach der Ursache des Ausschlages forscht n»d diese Ursache bekämpft und so den Ausschlag zum Verschwinden bringt, ebenso müssen auch Arzt und Erzicher die Ursachen aufdecken, die psychische Situation erfassen, aus der der anor male Krästeablaus herrührt. Nicht die Krankheitserscheinungen sind zu beseitigen, sondern die Ur jachen. Wo die Kräfte und das Können der Eltern nicht ausreicht, solchen Kindern gerecht zu werden, muß eine planmäßige Heilerziehung die Jchstrukiur des Kindes zu ändern suchen. Wir haben in unserer Jsr. Waisen- und Erzie hungsanstalt in Eßlingen immer auch Kinder gehabt, die zu Hause aus irgend einem Grunde versagt haben, und wir haben sie mit gutem Erfolg in ihrer geistigen und charaktermäßigen Reifung gefördert. Unsere dreiklassig« Schule mit chren kleinen Klassen kann lecnschwachen Kindern zur Konzentrationsfähigkeit und zum Vertrauen zu sich selbst verhelfen. Unser kleiner landwirtschaftlicher Betrieb ist ein Stärkequell für schwächliche uno nervo,e Kinder, und unsere einfache Lebenshaltung und individuelle Behandlungsweise läßt der freien Entwicklung der kindlichen Anlagen weiten Raum. Soweit Plätze bei uns vorhanden sind stellt sich unsere Anstalt gern in den Dienst der Kinder, die behindert sind, ihre Wertfähigkei ten auf normalem Wege zu entfalten. Die «Frankfurter Zeitung" über das Agency.Problem. Tie ,-Frankfurter Zeitung", die in früherer Zeit wiederholt scharfe Angriffe gegen den Zionismus gerichtet hat, in den letzten Monaten aber sich zu diesem Thema nicht mehr geäußert hat, beschäftigt sich in einem Leitartikel mit der Stellung der deutschen Juden zum Problem der Jewish Agency. Tie Zionisten haben eine sehr lebhafte Agitation gesührt, deren wichtigstes Ergebnis darin liegt, daß die Jewish Agency nunmehr auf eine breitere Basis gestellt werden wird, wovon sie nicht ohne Grund eine Vermehrung ihrer Mittel erwarten. Eine Hilfe kommt chnen aber auch direft von England, das allerdings nicht daran denkt, sich in Unkosten für die zionistische Idee zu stürzen. Palästina ist für das Britische Reich ein außerordentlich wichtiger Stützpunft, politisch und strategisch im Hinblick auf das Mitteln,eer, auf Aegypten, den Vorderen Orient und Jndiei'. Dies setzt auch die Ausführung eint ger großer Projette voraus. Es handelt sich zunächst um die Pipe-Linie von Mossul her. Tie Franzosen haben gewünscht, daß sie nach Alexandrette gelegt werde, die Engländer verlangten als Endpuntt Haifa Die Gesellschaft hat sich für Haifa entschieden. Außerdem sollen nun auch Karl Laemmle, der amerikanische FllmkSnl«. (GebQrtlg aus Lauphelm L WQrti.) die Bahn Haifa —Bagdad in Angriff genommen werden. Das sind zwei große Unternchmungen, die nicht nur dem palästinensischen Hafen von Haifa Bedeutung geben, sondern auch, sowohl durch den Bau selber wie nachher, zur wirtschaftlichen Belebung des Landes echeblich beitragen können Indem England seine eigenen Pläne aussührt, leistet es also doch auch den zionistischen Bestrebungen eine indirette Beihilfe. Zum Thema Jewish Agency übergehend, schreibt die „Frankfurter Zeitung": Die Balsour-Deklaration hat der gesamten Judenheit ein Anrecht auf Palästina zugesprochen, und sie hat borgegeschen, daß eine Vertretung aller Juden als Jewish Agency über das zu errichtende „National- Bericht des Israelitischen Fürsorgeamtes über de« Monat Februar Sprechftnnden der Fürsorgerin: SStSut^! Mittwoch, Freitag nachm, von 3—5 Uhr DaS Israelitische Fürsorgeamt hat im Monat Februar1929 unter Mitwirkung der angeschloffenen Wohltäligkeit-oereine folgende Tätigkeit entfaltet: Laufende Unterstützungen.M 971.66 Einmalige Unterstützungen. 329.50 Wintersürsorge. 786.— Gesundheit-- und Erholung-fürsorge . . „ 90.40 Anstaltsfürsorge und AuSbildungsbeihifen 21630 Durchreisend«.„ 290.86 An 21 Erwachsen« und 14 Kinder wurden insgesamt 105 Kleidung-« und Wäschestücke abgegeben. An Spenden erhielt da- Fürsorgramt Ml. 265.— von: Herrn Friedrich Fuch-, anl. der Vermählung seiner Tochter Trude, Herrn Bankdirektor Robert Levi, Jahrzeitspende, Herrn Julius Schmidt, anläßlich der Verlobung seine- Sohne-, Herrn M. B. Zur Wintersürsorge ging eine wettere Gabe ein von Frau Klara Gdenfeld. äWMMN* »MMWW S C H I E D M A Y E R liNnmusBWiuimHmiutamtttBummmituiiRiJuniiHiiimiBtttiiiiiffiiimuiuitHiMttumMmni MIETE TAUSOH. STIMMUNGEN BEQUEME TEILZAHLUNGEN Planofortetabrtk v. J. u. P. tohMmaysT STUTTGART, Neckarstrass« 13« tck» uirtotrtraana FLÜGEL / PIANINOS / HARMONIUM Fsmaorsohsr aesai/aa Auf Motte i ..Du wirst Dich Purim doch maskieren“ Am Samstags den M. Min 1333, abends 7.30 Uhr, Im Kensertsaal dar LlederhaHe Purim-Kostümfest _ Berthold Auerbach-Vereins! Eine Eintrittspreis für Mitglieder RM. 1.10, für Nichtmitglieder RM. 2.20 . Kostüm dringend erwünscht ————-1-