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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-03-01 · 23 (1.3.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
23 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 6)
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- 302 - Stuttgarter Veranstaltungen. Das dritte Religionsgespräch. Direktor Theodor Bäuerle and Martin Buber über Religion und Politik. Mein verlorener Abend! Aber doch nicht die Er iüllung hochgespannter Erwartung. Beide Spre cher standen unter dem Bann der Auswirkung von Religio» und Politik in Kirche und Staat. Aber Kirche und Staat sind nicht Verkörperungen, sondern Verkrustungen von Religion und Poti tik, nicht ibre natürlichen Fortbildungen, sondern ibre Entartungen. Man vergaß fast, daß beide ein Eigenleben haben, das groß und ernst genug in, allein betrachtet;u werden. Ebenso wenig befriedigte die konstruierte Ge gensMichkeii zwischen beiden. In einem höheren Lenne gehören sie zusammen, sind sie Betrach lnngssormen des einen Lebens von verfchie denem Standpunkte aus. Tie 3eefe der Politik in die staatsbürgerliche tüesinnung, die staats bürgerliche Einstellung *u allen Lebensfragen. Religiöse Weltbetrachiung sieht alle Tin^e im Lichte Goues, mißt sie an dem Werrmeiier der Ewigkeit. Aber die Welrbelrachtung vom Stand vunkt'der bürgerlichen tifemeinschafr braucht nicht die im Lichte Goues;u stören. Ter Angleich und Ausgleich beider ist ein Fiel, vielleicht ein Ideal;iel. Tie Urkunde ihrer Harmonisierung ist die Bibel. Zu- >eigk die (beschichte der Verschwisterung von Religion und Politik, ihre Grund lagen und' ihre Erfolge. Ter Messianismus ist nicht die Ausflucht ans dem Tilemma, da die Ven'chwisterung beider im Königtum nach dem Brillen Gottes mißglückt war, sondern die natür liche Endfolgerung des tbeokralischen Gedankens, der die gaine Bibelwell trägt: die Herrschaft Gottes auf Erde». Tie heilige Schrift zeigt die Welt, in der Religion und Politik Einheit find: beide sind hier das Leben mit (ftott. Tie 2taatenbildung, das irdische Königtum erfolgt im Widerspruch zum Gottesstaat. Augustins Gottes staat ist ein bewußtes Zurückgehen auf sein Urbild in der heiligen Schrift, ebenso wie Penns und Cromwells Jdealstaat an ihm orientiert find. Vielleicht hätte das Gespräch vom Weltbild der heiligen Schrift, vom Staate des Plato und des Aristoteles ausgehen und dann die Herabwürdigung beider zu „Mitteln" aufzeigcn und in die ideale Forderung der inneren Harmonie beider ausklingen sollen. Statt dessen unterhielten sich die Sprecher deS Abends über die Entartungen der Religion und der Politik in Kirche und Staat und über die mißbräuchlichen Uebergriffe beider, an denen Religion und Politik so wenig schuld sind wie etwa das Recht an den Entgleisungen der Rechtswissenschaft oder die Sprache an den Ideologien der Philologie. * Tas Gespräch zwischen Bäuerle und B u b e r leitete Leopold Marx mit der programmati scheu Erklärung ein, daß das Fiel der vom Jüdi schen Lehrhause veranstalteten Gespräche durch aus nicht die Bildung eines Werturteils über die Konfessionen sei. Tas Lehrhaus beabsichtigt mit den Gesprächen, den Wertmesser der Religion an die mannigfaltigen Gebiete des Lebens anzulrgen und dadurch beide gegenseitig zu bereichern. Bäuerle begann die Aussprache mit der Feststellung, daß Kirche und Staat, Religion und Kirche, Politik und Staat scheinbar unversöhnliche Gegensätze darstellen. Er will nicht ein allge mein gültiges Urteil über sie fällen, sondern nur von seiner eigenen Einstellung zu ihnen reden. Er geht dabei von dem Bekenntnis aus, daß Reli gion das Sicheingebettetwissen im Letzten ist, und daß er an diese letzte Wirklichkeit glaube. Turch diesen Glaube» habe er an dieser Wirklichkeit teil. Den Sinn aller Religion findet er in der Erlösung. Der erlöste Mensch ist der, welcher Gott lebt und durch sein Leben verherrlicht. Politik ist ihm die Ordnung der Gesamtheit aller Lebensbeziehungen. Ta das Grundgesetz aller Lebens Spannung ist, so erkennt er das Grundgesetz der Religion in der Spannung zwischen Weltflucht und Lebensbejahung, Alltag und Ewigkeit, innerem Licht und Erbsünde, Gott und Teufel. Alle Politik geht von den Außenbezirken aus und erfaßt die Jnnenbezirke; alle Religion geht von den Jnnenbezirken aus und erfaßt die Außenbezirke. Tas Fundament der Religion ist Erlösung und Liebe, das Fundament der Politik ist Macht und Recht. Buber wehrt den Versuch der Tefinition der Religion ab. Er versteht unter ihr die unbchingte Annahme des Lebens in seiner Toppelseitigkeit. Turch die Politik, die er im übrigen wie Bäuerle faßt, ist der Mensch in eine ganze Reihe von Gruppen einbezogen. Tie Politik hat für die Religion die Aufgabe zu leisten, das Äottesreich der ’ Menschengemeinschaft aufzubauen. Allerdings gibt es diese Menschheitsgemeinschaft noch nicht, sondern' vorerst nur die Völker, die ihre eigene gegensätzliche Politik treiben. In der Religion schließe ich mich den Menschen aus, in der Politik lege ich ihnen meine Meinung auf, denn Politik ist Macht und ihr Mittel ist Zwang. Tagegen will die Religion Zwanglosigkeit, das Stehen unter Gottes Willen. Sie sucht ein Reich der Freiwilligkeit ohne Zwang zu schaffen. Tie Kirche ist nicht die Fortbildung des Religiösen, sondern eine Kreuzung von Religion und Politik. Bäuerle nimmt den letzten Gedanken auf. Tic Kirche zeigt die Gefahr der Politisierung der Religion. Ihr schmerzlichste Konsequenz ist die Annahme eines völkischen Gottes. Tas Gottesgnadentum der Herrscher, die Legitimierung der Staatsmacht durch die Religion, die Entstehung CHR. STATTMANN’S NACHF. Stuttgart Telefon 27734 Klnigsbau -Beste Jn- und Ausländische Fabrikate Herrenhüte Sport- und Automützen Aparte Damenhüte für Strqße - Reise - Sport Kammer-Lichispiele Marienstra&e 18 Von Freitag 8. bis Montag 11. 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