Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 15 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
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— 191 - 1 HZavMon Cxcellfior j nung das Würzburger Lehrerseminar und nahm die Lehrstelle in Markelsheim an. Es kam bald Weikersheim dazu, und als beide Gemeinden nicht mehr ausreichten, noch Ed elfin gen als dritte in die Mitte. Wohnte er Werktags mit Familie in Mar'elshcim, so stand seine Sabbathstube in Edelfingen, wo er den Gottesdienst mit Wort und Gesang leitete. Er galt als der beste Schochet und Schochtimbildner der ganzen Gegend. Eine große Anzahl von Schochtim in Süddeutschland ist aus seiner Schule hervorgegangen. Er sorgte zumeist auch für ihre Unterkunft. Mit dem Lulow in der Hand fuhr er am Rüsttage zum Laubhüttenfeste in den Tod. In Edelfingen' schmückten die Kinder die Sukkoh mit Blumen und Ketten und harrten des Vaters. Er kam spät, auf der Tragbahre. Am zweiten Festtage wurde er still in die Gruft gesenkt. Der Mund, der an diesem Tage die Dankeslieder zu singen pflegte, war verstummt. Er zog, so wollte es eine uaerforschliche Gotteswaltung, aus dem „vorübergehenden Hause" des Lehrers in die feste Wohnung ein Protestversammlungen gegen die Friedhofschändnngen. Für Donnerstag, den 18. Oktober, hatte der Zentral-Berein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Sitzungssaal des ehemaligen preußischen Herrenhauses zu einer Kundgebung geladen: „Gegen Fricdhofsschändungen und rohe Gewalt". Der Einladung hatten viele Hunderte jüdische und nichtjüdische'Persönlichkeiten Berlins Folge geleistet; Saal und Galerien waren dicht gefüllt. -Ter erste Vorsitzende des Zentral Vereins, Justizrat Tr. Julius Brodnitz, begrüßte namens des Zentral-Vereins die Vertreter der Reichs- und der Staatsbehörden, sowie den Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde und gab einen Rückblick auf die überhandnehmenden Schändungen jüdischer Friedhöfe und Synagogen. Es handle sich um eine der fürchterlichsten psychischen Seuchen. Seit November 1923 kamen in Deutschland nicht weniger als 62 Fälle von Schändung jüdischer Friedhöfe vor. Die Täter sind Verhetzte, Puppen in der Hand der Hetzer und Verführer. Möge der heutige Appell an das Gewissen des deutschen Volkes dazu beitragen, daß die vergiftete Atmosphäre gereinigt werde. Rabbiner Dr. Levi-Mainz schilderte das Martyrium der Judenschaft im Rheinland, das unter dem Terror eines rohen Hakenkreuzlertums steht. So lange die fremde Besatzung im Lande war, hatten sich diese Elemente feige verkrochen; unter der deutschen Verwaltung aber wagen es die Hitlerleute unter Kundgebung einer „Siegsriedgesinnung", die rheinische Judenschaft zu bedrohen, die nachweisbar seit Jahrtausenden auf dieser Scholle lebt und an allen Lasten, Leiden und Freuden des deutschen Volkes bis zu hundert Prozent teilgenommen hat. Geheimrat Professor Dr. Blumenthal-Berlin sprach von den großen deutschen Kulturtaten, wie die Tr. Eckeners, die den Ruhm Deutschlands in alle Welt tragen. Taten, die durch Akte der Rohheit und der Entmenschtheit verdunkelt werden. Leider sind die Gerichte, die über die Anschläge gegen Juden und jüdische Heiligtümer zu urteilen haben, gegen die Täter außerordentlich milde. Wo wir als Juden angegriffen werden, finden wir nicht unser Recht. Inzwischen war der Reichsjustizminister Dr Koch im Saale erschienen. Der Vorsitzende, Tr. Brodnitz, richtete an ihn unter starkem Beifall der Versammlung herzliche Worte der Begrüßung. Der Reichsminister bestieg die Tribüne und gab K I kauf« nur bol EUOEN Horch HEILBRONN a.N. im Namen der deutschen Reichsregierung folgende Erklärung ab: , „Tie "Reichsregierung, in deren Namen ich spreche, ist mit Ihnen einig in der Entrüstung über die Vorfälle, die hier vorgetragen wurden, und im Schmerzt, daß Deutsche Deutschen derartiges haben antun können. Wir alle, die wir hier versammelt sind, wissen, daß deutsch ist: wer nach Sprache, Sitte, Kultur und Schicksalsgemeinschaft dem deutschen Vaterlandc angehört; wir sind uns einig in der Verurteilung der Ausschreitungen, die deutsche Staatsbürger gegen deutsche Staatsbürger und deren Gebetshäuser begehen. Wenn sich aber Haß und Irrwahn sogar gegen Tote kehrt, so geht das weit über allen Antisemitismus hinaus. Das ist nicht mehr ein Gegensatz zwischen Deutschen jüdischer Konfession und Antisemiten, sondern ein Gegensatz zwi schen Mensch uich Unmensch. Seien Sie überzeugt, daß die Reichsregierung gegenüber solchen Ausschreitungen ihre Pflicht tun wird als Hüterin der Ordnung und des Friedens und im Interesse des deutschen Ansehens im Auslände, weil sie sich selbst in ihrem Rechtsgefühl durch diese Ausschreitungen auf das Tiefste und Schmerzlichste beleidigt fühlt. Sie haben darum recht getan, Ihren Protest in die Welt zu schicken. Die Regierung schließt sich diesem Protest in jeder Hinsicht an. Tr. Brodnitz dankte dem Minister und der Reichsregierung für diese Bekundung der Solidarität mit den Mitbürgern jüdischen Glaubens und betonte, daß dieser Kampf gekämpft wird nicht nur im Interesse des Judentums, sondern in dem Bewußtsein, daß man damit dem ganzen deutschen Vaterlande dient. Man könne nicht aus dem Deutschtum das Judentum ausnehmen, ohne daß dem ganzen deutschen Baterlande ein Schaden zugefügt wird. Ter Vorsitzende der Jüdischen Gem^üide Berlin, Kommerzienrat Grrson Simon, hielt die folgende Ansprache: Dank gebührt dem Zentral Verein dafür, daß er heute hier die Gelegenheit geschaffen hat, eine Sache, die meines Erachtens jeden angeht, der Interesse an kultureller Entwicklung hat, in breiter Oesfentlichkeit zu behandeln. In welcher zweckmäßigen Weise der Kampf gegen Friedhofs schänder und Zerstörervon Bethäusern geführt werden muß, mögen Berufenere entscheiden. Nnr eins möchte ich hervorheben: alle Maßnahmen, die getroffen werden, werden in ihrer Wirksamkeit so lange gehemmt sein, wie die allgemeine Rechtsprechung gegenüber den Uebeltätern einen Grad der Milde walten läßt, der in keinem Verhältnis zu dem Grade der Niedrigkeit der Gesinnung steht. Sehr anzuerkennen ist deshalb der letzte Erlaß des preußischen Justizministers Dr. Schmidt, indem die Aufmerksamkeit, aus diesen Punkt gelenkt wird. Rechtsanwalt Tr. Bruno Weil erinnerte an die zahlreichen Dekrete, die in der Vergangenheit gegen Schänder jüdischer Friedhöfe erlassen, und in denen den Schändern sogar Todes-?und Vermögenseinziehungsstrafen angedroht waren. Direktor Hugo Ostberg sprach von den Leiden der kleinen jüdischen Gemeinden, die die große Mehrheit der im Preußischen Landesverband zusammengeschlossenen 720 Gemeinden bilden. Der HEILBRONN Eugen Kaiser, Heilbronn a.N. LADEN JÜLMER1 TRAUE 1, TELEFON 807 ud 820 EJoktr. 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