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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-06-01 · 5 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
5 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 2)
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Mischoolk in dir Geschick;!« rin, unb sir haben seither nir ausgehört, sich mit ihren jeweiligen Nachbarn und „Wirtsvölkern" zu vermischen. Ich habe nie verstanden, warum so viele Juden und gerade auch die meisten Autoren von Schriften mit so zäher Hartnäckigkeit immer und immer wieder die Einheitlichkeit und absolute Rassenreinheit des „auserwäklten Volkes' betonen. Wer Augen hat, brauchte sich doch wirklich nur irgendwo einige Tuyend Juden anzusehen, um war zunehmen, wie viele ganz heterogene Typen, blonde und brünette, kurz- und langköpsige, breit und schmalgesichtigc, gross und kleinnasige unter ihnen vertreten sind; vermutlich ist es der allge mrfn orientalische Zug, den wir so selten bei den Juden und auch bei den anderen Orientalen »er missen, der jene Autoren verleitet, sich einen einheitliche» jüdischen Typus zu suggerieren; diesen Kollegen kann ich nur raten, sich einmal an einer religiösen Feier i» einer griechischen oder armenischen Kirche zu beteiligen und sich da die frommen Gläubigen gut anzusehen; sie werden erstaunt irin, wie viele „rein jüdische Typen" sie da sehen werde», ohne daß sich auch nur ein einziger wirklicher Jude in der ganzen G.i'ellschaft befindet. Unter den wenigen jüdischen Autoren, die ohne jedwede vorgefaßte Meinung nur an der Hand von offenkundigen Tatsachen der Jabel von der Rasscnreinheil der Juden an den Leib rücken, steht Maurice Fishberg mit seinem Bucht „Tie Rassenmcrkmale der Indern" iveitaus an erster -teile. Tiefem Buche gegenüber habe ich Person lich -mich länge Zeit in einer etwas schiefen Lage befunden. Ich erhielt es vom Berlage zur Besprechung, fand es im allgemeinen ganz ausgezeichnet, konnte mich aber nicht zu einer Besprechung entschließen, weil ich die Ansichten des Berfassers über die russischen Juden mit den meinigen nicht zur Teckung bringen konnte. Ich halte damals mit heißem Bemühen schon 1222 Jude» gemessen und studiert, von denen beinahe die Hälfte Aschlenaiii» aus Ungarn, Polen und Ruß'and waren, und hielt mich für den besten Kenner der körperlichen Eigenschafleu der Juden: so war ich voll Mißttauen gegen das Buch von Fishberg, weil seine Angaben über die russischen Juden mit meinen Anschauungen nicht stimmten. Erst als ich Ittlt und 1915, (Gelegenheit hatte, russische Iu de» in Newyork ckennen zu lernen, sah ich, wie lehr Fisbberg recht chatte und ivie lückeuhasi meineigenen Kenntnisse gewesen waren. Meine rus sischen Juden in Wien waren eben durchwegs aus den westlick eu Gouvernements gekommen, irährend die von Fishberg in Newyork gemessenen Juden zum größeren Teile ans den inneren Provinzen des asiatischen Mußlands, sowie aus Sibirien stammten und buriötisches, kirgisisches, sowie kal innckis.'les »sw. Blut hatten. Rn» weiß ich sehe ivohl, daß es bei uns nicht eenize Juden gibt, die sonst sehr intelligent und durchaus vernünftig sind, die es aber als eine sck were persönliche Br eidigung betrachten, wenn man an der absoluten Rassrnreinheit der Juden zweifelt. Ich kann mich in die Psyche dieser Juden völlig hineiudr.lken, und begreife, daß sie voll Entrüstung üb". die Leute sind, die ihnen einen ' schönen Traum zerstöre» wollen; dabei über-; sehen sie freilich vollkommen, daß nirgends in der Welk irgendwelche Kulturen anders entstanden sind als durch Rassenmischung und durch gegenseitigen Austausch von allerhand geistigen und andere» Errungenschaften, also durch Handel und Berkehr. Tas gilt nicht nur für Teutschland und England, das gilt genau so gut auch für Aegypten und Babylonien, für daS alte Peru und Mexiko, jür Indien und Indonesien, ja für das tropische - 58 — i Afrika, von wo wir jetzt alte Kulturen kennen, die ■ freilich anders sind als die unseren, die aber doch i auch als Kulturen im strengsten Sinne des Wori tes bezeichnet werden müssen. An der Tatsache also, daß unter den Juden, wo immer sie leben, ein gewisser, oft überraschend großer Prozentsatz sich findet, die mehr oder weniger stark an Typen aus ihrem „WirtSvolk" angenä hert sind, ist ein Zweifel nicht möglich; das tritt ganz besonders stark bei den spanischen und an den russischen Juden hervor, wird aber auch an den englischen und deutschen Juden immer und immer und immer wieder beobachtet; auch die Ursachen dieser Erscheinung liegen glatt zutage. Zunächst treten die Iudem schon als Mischvolk in die (beschichte ein; die arinenoide Urbevölkerung, semitische Eroberer und blonde Langköpse, \ die nur auS Nordeuropa stammen können, habe»! schon in der ältesten Zeit an ihrem Ausbau teil j gehabt, so daß sie von vornherein mit einer sehr! großen Variationsbreite, wie sie an homogenen * Völkern niemals vorkommt, in die Erscheinung treten. Tazu kommt nun sowohl in der alten Heimat alS erst recht in der Tiaspora eine oft ganz instinktive und unbewußte Anlehnung an den Typus des Wirtsvolkes, die sich unter Umständen nur derart vollzieht, daß bei der Gattenwahl solche Personen bevorprgt werden, die sich innerhalb des eigenen Volkes dem Typus der Nachbarn nähern; daneben aber kommt «S immer und immer wieder zu wirklicher Blutmischung mit den Nachbarn, so daß die prozentuale Zahl der dem Wirtsvolk in körperlichen und geistigen Beziehungen ähnlichen Juden ständig zunimmt. Rudolf Birchow, dem diese Tatsache selbstverständlich bekannt war, sagte einmal gesprächsweise zu Johannes Ranke, das sei ,chie reine Mimikry", wobei er zunächst nur an die Fälle dachte, in denen von Juden bei uns blond« und blauäugige Partner bei der Gattenwahl bevorzugt werden, eine Erscheinung, die an sich verständlich und rein menschlich ist, genau wie wir umgekehrt längst wissen, daß in England brünette und in Frankreich blonde junge Damen mehr Chancen haben, sich gut zu verheiraten, und wie in England von den Haarkünstlern mehr dunkle und in Frankreich mehr helle Zöpfe und Perücken aus Lager gehalten und verkauft wer den. Im übrigen braucht man nur in den kleinen Anzeigen unserer Tagesblätter durch einige Tage die Heiratsgesuche durchzusehen, um zu finden, wie geschätzt blonde und blauäugige Jüdinnen bei ihren Glaubensgenossen sind. Soviel znr angeblichen Rassrnreinheit der Juden. Siegfried Zieglers Schaffen. Zur Ausstellung im Münchner Kunstverein. toi} 21 a«r Mrasc sms«*) Im Münchener Kunstverein fand vor kurzem eine überaus beachtenswerte Ausstellung statt. Tie besten Maler, alte und junge, sind aufgefordert worden, Bildnisse zu zeigen, die nicht vom Wunsch eines Auftraggebers, sondern vom freien, künstlerischen Geist allein ihren Formwillen empfangen haben; unter fertigen Arbeiten fertiger Meister findet man da eine Skizze, eine unfertige Arbeit also, die nicht nur den ehrenvollen Platz, den man ihr gab, vollauf verdient, sondern die Da» obige Bild wurde un» vom Bruder de» Künstler«, Herrn Ignatz Ziegler, Stuttgart, liebenswürdigerweise zur Beifügung gestellt. darüber hinaus den Beweis bringt, daß echtes, im Tiefsten wahrhaftiges Künstlertum doch siegreich bleibt und Bestand haben wird. Die Skizze ist das Werk eines Achtzehnjährigen, das Bildnis seiner Mutter. Man spürt den Geist Leibls in dieser Farbgebung, in diesem Pinselstrich, man weiß auf den ersten Blick, daß hier einer ist, der gewillt ist, den großen und schweren Weg zu gehen, der tastend und mühsam von der frühen Meisterschaft des ersten Jünglingsalters zur bewußten ^aft der Gestaltung führt, einen Weg, der auch Umwege suchend abtastet, weil der Mensch und Künstler irrt, so lang er strebt und nur dann wirklich verloren ist, wenn er sich allzu sicher auf der glatten Bahn eines leichten Erfolges fühlt. Neben der Skizze hängt das Werk einer späteren Zeit, das erstaunlich stark und kühn geschene Bildnis des Münchener Schriftstellers Hermann Roch, ganz vom inneren Wesen heraus begriffen und so von Innen heraus nur bis an die Grenze des Bildhaften hergetragen. Der rastlos schassende Mann, der des Lebens volles Gewicht auf sich lasten fühlt und doch durch dieses Lastende langsam hindurchwächst, hat eine Reih« von Gemälden geschaffen, die im öffentlichen und privaten Besitz durch ganz Deutschland zerstreut sind und nur gelegentlich, so vor einigen Jahren im Pfälzischen Kunstverein Speyer zn eindrucksvollen Ausstellungen zusammengesügt werden. Siegfried Ziegler lebte auch zwei Jahre in Karlsruhe, arbeitete auch in Heidelberg und Frankfurt und hat dort mit seine besten Bilder gemalt. Die meiste Zeit verbrachte er in seiner Heimafftadk München, in der er auch gegenwärtig lebt und arbeitet. Wenn man das Bestreben, den lebendigen Ein druck der Natur sestzuhalten und durch die Kraft der Farbe, Stimmung und Wesen von Landschaft und Menschenantlitz auf die Leinwand zu bannen, heute noch mit dem Schlagwort des Impressionismus bezeichnen, könnte, so wäre auch Ziegler in diese Kunstrichtung einzubcjziehen. Aber man muß DER NEUE. 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