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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-06-01 · 5 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
5 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
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für die ifraelitif(ften ®emeinOen XOHrttetnbcratf S«5ng»pr«l* «ivsU,U«-Uch S«fl«Ug«» lättrttd) 5 JtH, halbtfiUtUdi 1.50 JtH t'lfrt«l(filrrlt<li 1.15 JtH. CtnjcInnnniMt 15 R«ld)ep(«ratg Po|l(d|«dE>Konto: 5*15» Erscheint Moaatllch j Mi mal »ml.». 16. Z Dttlog: Israelitisch^ Verlagoavstalt G. m. d. ks. feruspr. rzzrs * Stuttgart * Kafecnenftr. 13 6 d| t i | t I e I t a n g: Stadtraddtuer vr. Rieger, Stuttgart. Lharlottesftra-« 13 ftarelgeaprel»: di« eiasptlMg« N-npareMe^N» 50 N«lch»ps«u>lg Umschlags«««! a. vorragipiMtz« »ach Tarls. fmatvraaa^lgen und lieiu« Ttnjdgca 6k KMnpctk to U«lch»ps«aalg. K«klam«>t<k 1 JO JtH Sei Wi«»«rtz»l»»ge» »«rg«»stig»»g v. aoOroana 6tattflort. l. 3mmI 192S 3tr. 3 Isi die Religion eine Illusion? Wenn sich ein feinsinniger Gelehrter von Weltruf, ein anerkannter Meister auf der Höhe der Gegenwartskultur, dazu ein Mann von unbestechli cher unerschrockener Wahrhaftigkeit und bewähr ter Vornehmheit der Gesinnung auf der Höhe seines Lebens zum religiösen Problem äußert, beansprucht eine solche Aeaßerung mit gutem Rechte ernsteste Beachtung. Wenn dazu kommt, daß dieser Forscher sein Leben lang ein Kämpfer gewesen, dessen Schicksal heroisch genannt zu wer den verdient, so ge.viiint seine Stellungnahme zu den tiefsten Fragen der Menschheit schon deshalb besondere Bedeutsamkeit. Ist dieser Man» zugleich ein Seelenergründer wie wenige, ein Meister psychologischer Betrachtungsweise, so bars seine Einstellung zur Religion, die ja im Grunde ihres Wesens neben ihrem Offenbarungscharakter ein Problem der Psychologie ist, nicht übersehen werdeu. Ein solcher Mann ist ohne Zweifel der Schöpfer der Psychoanalyse Professor Sigmund F r e ii d. Seine Lebensleislniig, die Psychoanalyse, hat zum ersten Mate neben den Bewußtseinstatsachen das dunkle Gebiet des Unbewußten und des lln terbewußten im Menschen zur Lösung der Rätsel der Menschenseele zu Hilfe genommen. Unbewußt lvirken im Mensche» der Herzschlag, die Trüsentätigkeit, die Atmung als automatische Bor gänge des Körpers. Unterbewußt wirken triebhafte Anlagen als geheimnisvolle Keimkräfte im Mensche». Aus diesem Unbewuß.en und Unterbewnßte» entwickeln sich wurzelhaft Fähigkeiten nnd Neigungen. Wohl werden diese durch Erziehung und Umwelt, durch Sitte und Kultur gezügelt und eingedämmt. Erziehung und Umwelt, Sitte und Kultur sind gleichsam Kontrollinstanzen des Jchs. Eltern und Lehrer schassen im Menschen ein Ueberich, welches das triebhaste Ich einengt und in von jenen bestimmte Bahnen leitet. Durch ihre Arbeit entsteht im Menschen gleichsam ein Ideal, dem er nachlebt. Sobald sich der Mensch von diesem Ideale entfernt, regt sich in ihm Schamgefühl und Schnldbewußtsein. Tie Erziehung bewirkt Gehorsam und Unterwerfung unter diese innere Stimme. Aber völlig ausgehoben werden auch durch sie die triebhaften Vorgänge nicht und bleiben ein wichtiger Faktor des Menschenlebens. Bereits in seinem umfassenden Werke „Totem und Tabu" (10. Band der Gesammelten Schriften, 1924) hatte Sigmund Freud das Problem der Religion von diesen Voraussetzungen der Psychoanalyse aus betrachtet. Unter 'dem diesen Inhalt kaum verratenden Titel „Die Zukunft einer Illusion" wendet er sich in einer eigenen Schrift diesem Problem von neuem zu. Er rechnet die Religion zu den Erscheinungen der Kultur, die der widerstrebenden Mehrheit der Menschen von einei Minderheit aufgenötigt worden sind. Ist doch Kultur wie jeder Fortschritt ohne Zwang und „Triebverzicht" nicht möglich. Auch heute noch sind Verbote gegen die uralten Triebwünsche der Menschheit: Inzest, Kannibalismus und Mordsucht unentbehrlich, obwohl sie nur noch in einem kleinen Teile der Menschheit am Werke sind. Das Produkt einer vielhttndertjährigen Erziehung, das Ueberich, hat das Ich fast überwunden. Anders steht es mit der Habgier, dem sexuellen Gelüste, der Lüge, der Verleumdung und dem Betrüge. Sie werden nur durch Zwang und Furcht vor Entdeckung zurückgehalten. Tie Religion hat hier den Wert einer Erziehungsmaßregel zur Einengung der Jmmoralität besessen. Sie ist er sunden worden, um die Schrecken der Natur in dem ohnmächtigen Menschen zu beheben, die Angst vor dem Tode zu beseitigen und ihn im Leide zu trösten. Sie täuscht eine Antwort auf die Fragen des Schicksals vor und befriedigt die Neugierde gegenüber den Mysterien des Lebens und des Todes durch phantastische Erdichtungen. Sie vermenschlicht deshalb die Natur. Sie dichtet einen Willen in die unerkannten Kräfte ringsum, einen Willen, den der Mensch beschwören, beschwichtigen, beste cheu kann. Sie phantasiert einen Sinn in das sinnlose Leben hinein und vertröstet aus ein Jenseits, in dem alles Gute seinen endlichen Lohn, alles Böse seine endliche Strafe findet. Sie erdichtet einen Gott als Vergelter, Richter und Vater. Ihre Lehren sind Jllnsionen, scheinbare Ersüllungin sehnsüchtiger Wünsche. Je stärker diese Wünsche sind, umso leidenschaftlicher wird das religiöse Verlangen. Es ist Illusion, irgend eine Abstraktion zu vergöttern oder das Gefühl der menschlichen Schwäche als religiös zu kennzeich ne». Gewiß hat diese Religion der Kultur Tieuste geleistet. Sie hat erzieherisch eindämmend geivirkt. Aber ihre Leistung ist erschöpft; sie muß den Er lenntnissen und Ergebnissen der Wissenschaft wei ihen, die das von ihr begonnene Werk wirksamer sortsetzen wird. Und diese Wissenschaft ist keine Illusion. Tiefes ganze Gedankensystem, so blendend es im ersten Augenblick dem Laienverstande erscheinen mag, ist ein Ueberrest aus der Zeit des krassen Materialismus, der sich an Feuerbach, Schopenhauer und Nietzsche genährt und alle Welträtsel rest los lösen wollte. Es mutet wie ein Fossil aus jener Zeit an, in der sich jeder Halbgebildete als Jünger Höckels gebärdete und entweder als Atheist oder mindestens, als Monist für alle Mysterien des Taseins die fertige Antwort besaß. Religion war eben eine Schöpsnng der Nützlichkeit, erfunden, um harmlose Gemüter zu beruhigen, als drohende Ab- >vehr der Ungebärdigen, als ein kluger Kompromiß mit dem Himmel. Wenn Sigmund Freud die Religion als „Schlafmittel", als „süßes Gist", als „Wahnidee" benennt, so entstammen diese Bezeichnungen dem Wortschatz der Häckelzeit, deren klägliche Seichtheit und Unwissenschaftlichkeit Phi losophie nnd Naturwissenschaft so unbezweiselbar nachgewiesen, daß sie für Jahrzehnte völlig verschwanden. Es ist schön, mit Freud das Hohelied von de, sieghaften Wissenschaft anzustimmen. Aber wahre Wissenschaft ist demütig. Sie weiß, daß hinter jedem gelösten Rätsel tausend neue der Lösung har rende aussteigen. „Ins Jnnre der Natur dringt kein erschaffener Geist." Das ist die Antivort, die König Salomo, der Wahrheitsucher auf dem Königsthron, am Ende seines langen Suchens ergründet: „Fürchte Gott und wahre seine Gebote, das ist der Bollmensch (Kohelet l2, 18)." Nicht der Mensch, der die Wahrheit hat, sondern der, der sie ehrfürchtig sucht und um sie ringt, ist der wahre Mensch. Dis wäre eine armselige Wissenschaft, welche die. Welt der Seele auf ein Dutzend mathematische* Formeln bringt und sie in eine Reihe Rechenexempel auflöst. Selbst wenn die Religion keine andere Ausgabe bi» zur Stunde gehabt, als die Triebe zu zügeln und in den Dienst einer höheren Kultnrbetätigung zu stellen, das Tier im Menschen zu überwinden, aus Triebmenschen Gottsucher zu machen^ so wäre ihr Werk und Wesen vollauf gerechtfertigt. Selbst wenn Gewissen und Reue nur Erziehungsresultate und keine Ursprünglichkeiten der Menschenseele wären, sie würden das Lebensrecht der Religion vollinhaltlich bestätigen Aber sie sind mehr! Tasür zeugen die Menschen der Bibel, die ihren Gott unmittelbar erlebt, die mit ihm gesprochen von Angesicht zu Angesicht. Entweder muß man sie alle als Schwindler brandmarken, und das wird selbst ein Freud nicht ivagen, oder er muß anerkennen, daß es Tinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sich seine Schulweisheit nichts ttäumen läßt. Diese Er sahrungen sind in ihren Wirkungen ebenso real wie seine angebetete Wissenschaft. Und diese Au erkenntnis ist zugleich das Geständnis seines Fehl nrteils. Religion ist keine Illusion, sie ist eine Realität, durch ihre Wirkungen bewiesen, durch ihre Bekenner bestätigt, durch Tausende als Wirk lichkeit erlebt. Alle Wissenschaft in Ehren! Wir alle haben erlebt, ivie TageSlveisheiten spurlos verschwanden. Tie Religiyn hat sie alle über dauert. „Gras mag wellen, Blninen mögen verdorren, das Wort unseres Gottes besteht ewiglich (Jks- 40,8)." _ 3>ie «Stiften atö „9*affe". Bo» Prof. Felir v. Lu sch an') ~ Seit ich 1892 als erster über die Stellung der Juden im anthropologischen System berichtete, ist eine wahre Flut von Literatur zur Judenfrage entstanden, meist einseitig orientierte Streitschriften, die zum Teil das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden; immerhin gibt es daneben auch eine Anzahl von ernstgemeinten und nützlichen Büchern wie Zollschans seit 1910 schon in fünf Auflagen erschienenes „Rassenprövlem", Judt, „Tie Juden als Rasse", Fishberg, „Tie Rassenmerkmale der Juden", und neuestens 1920, Fritz Kahn, „Die Inden als Rasse und Kulturvolk". Man braucht nicht allen Einzelheiten in diesen Büchern gerade mit Begeisterung beizustimmen, aber sowohl der Laie als der Fachmann in anthropologischen Fragen wird sie doch mit Vergnügen und mit Gewinn lesen, was ich für meine Person nicht von anderen Büchern ähnlicher Art sagen möchte, am wenigsten wohl von ChamberlcKns „Grundlagen", denen ich nur insoweit zustimme, als der Verfasser sich selbst als Laien und Dilettanten bezeichnet. Einer der roten Fäden, der sich durch diese Literatur über die anthropologische Stellung der Juden hindurchzieht, ist die angebliche Rasseneinheit der Juden. Sowenig als es eine indogermanische oder „arische" Rasse gibt, sowenig gibt eS eine jüdische; es gibt auch keinen jüdischen Typus, sondern nur eine» ganz allgemein orientalischen, an dem genau wie die Juden auch Griechen und Armenier und in geringerem Maße auch viele andere Borderasiaten beteiligt find. Die Juden treten, wie schon vorher gesagt, als ein *) AuS dem letzten Werke des verstorbenen Altmeisters der Anthropologie, betitelt: „Völker, Raffen. Sprachen-. HeranSgeaeden von der „Deutschen Buch-Gemeinschaft G. m. b. £>.* Berlin SW 68.

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