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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-05-16 · 4 (16.5.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
4 (16.5.1928)
Date
1928-05-16
Page
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- 46 - Berihold Auerbach: Wie ich die bildende Kami kennen lernte. Wenn ich mich auf die ersten Kindereindrücke, noch bevor ich in die Dorfschule kam, besinne, so sehe ich 7 -8 Bilder vor mir, die an den weißen Wänden meiner Elternstube hingen. Sie stellten die Geschichte von Joseph in Aegypten dar und waren, wie ich nachher erfahren habe. Nürnberger Lithographien, etwas blaß koloriert, mit viel Rosenrot in den Gewandungen, namentlich im Mantel des BizekönigS Josephs. Mein Lnkel Maier, der Stolz der großen Familie, gebrauchte immer das jüdische Sprichwort: „Jede Familie muß ihren Joseph haben (er sprach es „Josseph" aus^, das heißt, in jeder Familie müsse einer sein, der die andern zu Glanz und Ansehen ertieoe. Was gibt es für die jugendliche Phantasie anregenderes als die Geschichte von dem verkaufte» Bruder, der zum König wird und seinen alten Bater und seine schlimmen Brüder in Wohlleben und Glanz versetzt'/ Dazu war der Patr arch unser direkter Stammvater, mein Baler hieß wie er: Jakob. Ich bin das drilkjüngstc von elf Geschwistern: ich wollte oft üoer die Bilder in der Elternstube fragen, weil ich diese oder jene Stellung nicht verstand, aber wenn ich eins meiner älteren Geschwister darüber fragte, wurde ich barsch abgewiesen. Tic Bilder hängen da, wer wird nüch viel darüber fragen! Als ich später in der Tresdener Galerie das Bild von Ferdinand Bol sah, wie Josevb seinen Pater dem Bkarao vorstellrc, ging mir dasseloe vor allen anderen am ersten ein, wohl in der Erinnerung an die Bilder im Heimathause, und, es in in der Tat sehr wirksam, wie Bol die Gegensätze gesaßt hat: hier der weichliche, verlassen auf seinem Throne sitzende ägyptische Fürst, vor ihm der edle Erzvater, durchgeistigten Antlitzes und zwischen ihnen der jugendlich schöne Joseph. Im Hause meines Enkels Mendel, der sogar eine tapezierte Stube und ein Sofa hatte, hingen Bilder mit der Geschichte der Genovesa. Aenovesa und Joseph von Aegypten verschlangen sich in meine. Phantasie. Traben auf der kleinen Anhöhe beim Brunnen wohnte meine Tante Beele. In ihrer Stu.e hingen Spoitbilder auf Napoleon. Ich weiß bestimmt, daß man mir den Reim unter einem Bilde sagte und daß ich ihn aus>vendig lernte er ist mir entfallen: ich sehe aoer noch, daß ein Mann in grauem Rock mit dreieckigem Hut und hohen Stieseln im Straßenkot watete. Wer mag ergründen, wie diese verschiedenartigen Bilk ec aus eine Knaoenplianrasir wirkten? In mir er.veckten lir eine eigen? von anderen unterschiedene Empfindung. Ich hatte <bis zum 13. Jahre außer den Schull üchern kein anderes Buch, und von Illustrationen war damals überhaupt noch nicht die Rede. In der Synagoge, wo ich ein äußerst andächtiges Kind war, betrachtete ich ost die geschnitzten gelb und braun gemalten Löwen, mit ausgestreckter roter Zunge, die hüben und drüben mit ihren Tatzen die beiden Taseln der zehn Gebote hielten. In der Elternstube war noch ein Ösen, daran das württemüergische Wapren mit Hirsch und Löwe abgebildet war. Tir e beiden gaben mir die ersten Eindrücke von p.astischen Kunstwerken. Ins Torf kam der alte Glasmaler von Tummelsburg, er hielt mit feinem Karren aus der Straße, die Kinder orachten ihm zerbrochene Scheiben, Flaschen und Gläser, und erhielten Bilde: dasür. Wir Judenlinder dursten nicht zu ihm, denn er verschenkte nur Heiligenbilder. Eine Gespielin von mir, des benachbarten Schreiners Kuch Mechthilde, zeigte mir einmal ein in ihr Gesangbuch geleg.es Heiligenbild aus einem roten durchsichtigen Stoff und sagte, es in der warmen Hand haltend: „Schau, wie es sich zusammenrollt. Tas ist Menschenhaut!" Ich hatte^un noch mehr Furcht vor dem Bilde, das doch nur mzs einer dünnen Leimschicht bestand. Da die MehrheirMejnesHeimatdorfes kach. Konfession ist, waren nn Häusern und Wegen, offen oder unter GlaSrahmen, viele Heiligenbilder zu scheu, aber ich wendete den Blick nÜhl daraus, das war religiöses Gebot, und dazu hatte ich schon stüh das Gefühl, daß die hier Targestellten daran schuld sind, daß wir I Juden so vielfach hintnta »gesetzt und verspottet! werden. i Am Osterabend, wo es überaus feierlich in ununserem Hause zuging, hat man ein besonderes! Buch von Gesängen und Gebeten, darin waren auch Holzschnitte, und unvergeßlich ist mir die Darstellung der vier Kategorien: des Weisen, mit Turban und mächtigem Bart und stattlicher Erscheinung, des Frommen, mit Schlapphut und Kaftan, des Einfältigen, der so erbarmungswürdig drein sieht, klein und dürftig, und des B ö s e w i ch t s, der ein Schwert hat und Schild und Flügel auf dem Helme und mit dem einen Beine ausschlägt wie ein böses Pferd. Ich mußte aber damals schon ein Gefühl von Proportion gehabt haben, denn bei dem Bilde, das Moses darstellt, der mit einer Keule den bösen Aegypter totschlägt, sagte ich, aus den Hintergrund der mehrstöckigen Häuser und des hohen Turmes deutend, zu meinem ältesten Bruder Maier: „Ter Stock ist ja höher als der Turm", und er jagte. „Tu hast recht, aber bete weiter!" Mein Bruder Maier sah schon von Kindheit an in mir den Man» gelehrten Berufes, natürlich einen Rabbiner. Er war ein gar milder Mensch, der sich als Lchsenhändler sehr unglücklich fühlte,' er wäre gern ein Gelehrter gewesen und an Samstagen und Feiertagen las er viel, besonders die Schriften von Moses Mendelssohn, die er aber strenge vor mir verbarg. Neben den Anschauungen des unmittelbaren Torflebens war meine Jugend ausschließlich mit alttestamentlichen Vorstellungen angefüsit. Ich glaübe, daß ich 16 Jahre alt war, ehe ich klar wußte, daß es je Römer und Griechen gegeben habe. Ich verließ das Heimatdorf und kam in das Seminar der Talmudschule zu Hechingen. Ich verbrachte dort ein trauriges Stück LÄen. Bon Kunstgebilden sah ich hier nur die grauenhaft starrblickenden lithographischen Porträts verschie-! dener Rabbiner mit breiten oder spitzen Bärten und mit schwarzen Käppchen auf dem Haupte, s Aber hier sah ich auch die beiden ersten Oelbilder,! die Gestalten meines Rabbi und seiner gespräch- > samen Ehehälfte.! Einstmals, als wir einen Ausflug nach dem! fürstlichen Schloße Leidig machten, sah ich durch! > _ ein offenes Fenster das Bild einer nackten Frau. Wen es darstellte, kann ich nicht wissen, denn als es mein Rabbi bemerkte, riß er mich schnell weg und deckte mir die Augen mit der Hand zu: ob ein Schlag voranging, ist mir nicht mehr erinnerlich Ich kam nach Karlsruhe auf die höhere Talmudschule. Auch hier nichts von bildhafter Kunst. Als in dem Hause, wo ich mit noch zwei Kaniera» den wohnte, die Stuben neu tapeziert wurden, ging der überaus fromme Hausherr, Rabbi Josef Weil, durch alle Zimmer und machte da und dort einen Oelflecken in die Tapeten oder riß ein Stück ab. Das sollte an die Zerstörung Jerusalems erinnern, nach der man sich nie vollauf wohlfühlen sollte. Ja, ein Benvandter von mir, ein sonst weltlich gesinnter Mann, der sich neue silberne Armleuchter angeschafst hatte — er nannte sie Girandolen, und das Wort imponierte mir ungemein holte eine Feile und feilte den silbernen Figuren, die die Leuchter trugen, etwas von den Zehen oder den Fingern ab, denn es steht ja geschrieben in den zehn Geboten: „Tu sollst dir kein Bildnis machen usiv." Wie sollte der jugendlichen Seele in dieser Sphäre etwas von Kunst ausgehen? Wir trieben aber bereits im geheimen Ketzereien. Ein Kamerad hatte einen Band von Herders Schriften bekommen. Wir lasen im geheimen darin, konnten aber nicht herauSsinden, was der Mann eigentlich wollte. Es war das Buch „Persepolis"; ich glaube, daß in jenem Bande auch von Hogarths Bildern und von der dazu gegebenen Erklärung Lichten - bergs Erwähnung geschah. Eines Sabbath Morgens schlich ich mit meinem Kameraden aus der Synagoge weg; wir wußten, wo die Staatsbibliothek neben dem Schlosse war und daß dort ein öffentliches Lesezimmer sei. Ich war der Stärkere, ging hinein und bat um die Bilder von Hogarth. Sie wurden uns gckracht, und wie eine heimliche Sünde sahen wir die Bilder an und lasen den erklärenden Text. Das war mein erster näherer Einblick in Kunstschöpfungen." Der obige Aufsatz ist in Lindaus Zeitschrift .Gegenwartveröffentlicht. Am 19. April 1874 schrieb B. A. an seine» Freund Jakob Auerbach: .Ich babe Paul Lindau zugesagt, ihm für eine Reihe von selbstbiographischen Beiträgen auch einen zu geben. Ich fand bald ei» anmutendeS Thema. Ich will mein Kennenlernen der bildenden Kunst durch all« Lebens- Perioden darstelleu.- Der Aufsatz ist rrneut in den .Mitteilungen der Großloge für Deutschlandvon S. Rothschild abgedruckt werden. Noch einmal: »i/iv Seelennot unserer Jugendlichen". Eine Betrachtung aus Kreisen des Jüdischen Frauenbundes und eine Antwort auf die Betrachtung. Man spricht in diesen Tagen viel — manch« meinen allzuviel — von diesem großen Problem unserer Zeit- Es könnte zum Schlagwort erstarren, wenn nicht jeder Pulsschlag des Lebens ihm neues Herzblut entgegentriebe. Klar sichtbare und wunderbar sein verborgene Kanäle führen in seine Berschlungenheit- Die Seelennot unserer Jugendlichen ist di« brennende und ungelöste Frage, di« durch alle Lager der Konfessionen, der Parteien, der sozialen Schichtungen hin ihre Lösung sucht. Wir begrüßen es, daß auch die Gemeindezeftung sich mit diesem Problem beschäftigt, wenn wir auch die Auffassung, die sie iir ihrem Leftartikel vom 16. April 1928 kundtut, nicht durchaus teilen können. Besondere Beranlassung dazu gab chr der Abdruck eines Referats von Dr. jur. Rebecca Zadik, Hamburg, in den Blattern des jüdischen Frauenbundes. Dieser Lortrag „Unsere gefährdete Jugend" wurde im Rahmen einer Gesamtvorstandssitzung des Jüdischen Frauenbundes in Frankfurt a. M. gehalten und erregte stärksten Eindruck unter den Hörern. Er kann aber nicht ohne Weiteres auf unsere württembergischen Verhältnisse übertragen werden, ohne daß dies in weiten Frauenkreisen Befremden erregt. Es sei ungeleugnet, ,chaß die Seelennot der Jugendlichen vorerst und vor allem eine Angelegenheit der Eltern ist." Aber es sei gleichzeitig festgestellt, daß es einen letzten Bezirk in dem inneren Dasein jedes Menschen gibt, der auch der suchenden Liebe unzugänglich bleibt, ja den sie sogar verstehend respektieren muß. Dieser Bezirk ist in dem vergangenen Jahrzehnt, das von der Absoluten, elterlichen Gewalt zur elterlichen Kameradschaft führte, mehr als früher verkannt worden, obgleich er immer, wenn auch vermindert, vorhanden war. Manche Schwierigkeit, die chedem mit einem unantastbaren Machtwort der Eltern abgetan wurde, erweckt heute schon einen Selbstkonflikt hinter der Stirne des Erzicher». Diese Erscheinungen sind durchaus allgemein. Der Bogen spannt sich vom Schellerprozeß in Berlins» dem Jugendamt des Richters Lindsey in Amerika. Es ist Selbstverständlichkeit, .daß auch di« jüdische Familie, die in unlösbarer Verknüpfung mit ihrer Umwelt lebt, nicht von diesen Erschütterungen verschont blickb. Diese Klarheft ist notwendig, aber sie darf nicht zu Uebersteigerungen führen. „Die von der Wohlfahrtspflege betreuten Kreist" Ünnen niemals di« Norm für die Gesamtheft abgeben. Und sogar hier dürste die Zerrüttung der Familie prozentual weniger heftig als in dem Durchschnftt unseres gesamten Bottes sein. Gründe locke» Bflchennuudi erfsllt Ihnen die SCHWÄBISCHE BÜCHERSTUBE Schneider & Trockenmfiller Charlotten »Ir. 1 / Telephon 250 84

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