Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 4 (16.5.1928)
- Date
- 1928-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4904101-5441815-5443017--1855-4905845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeinde-Geltung für die i[rotlilU#en Qemeinfttw IPHrtinnBtrad 0ejuggpr«l« <m|tt|U(0Ud| »eltellg««) |Hi|tttd| 5 AM, holdliUiiUch t.SO AH rlerlelf<ll|t1ld) 1 M AH. «tnjetnnimner M K«td) «Pfennig Popfdied^Konto: 3*t 5» Erscheint «»«nntlich |Pdul ta I. a. 18. vertag; Jfrnelitifdie Verlagsanstalt G. m. d. k». ftntfpr. 1331$ * Stuttgart » Knfexnenfle. |3 0d)riftleitnng: Stadtraddtner vr. Rtegrr. Stuttgart, LhorloUenftr»-« 13 M>il|inpnli: We »infpnMg» nonp<uetll«jcUe JO Kd d) «Pfennig Umfttagfetien n. DoigngapUpc nnch tnlf, /nMMenaagdgen und klein« flnjetgcn Me KMajcile to Ketdiapfenntg, Kenia»« J«Ile T.SO AM Bet WiePertzalaage» BergKastigang v. 3o9r0o«8 etuttoort, 16.3Rai 1926 3tr. 4 OFFENBARUNG! Ein Vor sprach zum Wochenfeste. Keine Menschensprache kann das tiefste Geheimnis begreifet), das die Stunde durchtlammt, in der sich Gott den Menschen geoffenbart. Gott teilt sich den Menschen mit — und alle Menschenweisheit verblaßt, alle Enge ist Weite geworden, die Nebel, die auf der Menschheit gelastet und ihr den Aufblick zur Höhe verwehrt, verwehen im Sturinwind, und in breitem Strome flutet das Gotteslicht über die Erde. Die Straße zu Gott ist für jedermann frei —^nun kommt und wandelt zum Lichte! Bis zur Stunde der Offenbarung war die Wahrheit ein Vorrecht der Priester. Sie verwalteten die himmlische Gnade und den göttlichen Segen. Sie waren die Wächter zum Throne Gottes, die keinen Unbefugten durchließen. Sie waren die Einzigen, welche die Handschrift Gottes zu lesen verstanden. Sie waren die Sprecher, die Anderen unmündige Kinder. Am Sinai wird die Menschheit mündig gesprochen. Das Tor zu Gott tut sich weit auf, und alle Menschen sind Priester der Gottheit. Gott öffnet seine Arme und harrt auf seine Kinder. Nun tretet ein, die ihr zu Gott wollt. Über drei Jahrtausende sind seit dem Tage von Sinai im Zeitensturme vergangen. Wir sind unendlich reicher an Geist als das Volk, das einst am Sinai gezittert. Wir haben hunderterlei Geist: Erfiudungsgeist und Handelsgeist, Forschungsgeist und Sprachgeist, Zeitgeist und Volksgeist in uns aufgenommen. Wir sind ein geistvolles Zeitalter geworden, sprühend von kleinen und großen Geistesfunken, gesättigt mit alten und neuen Gedanken. Nur ein Geist fehlt uns, der Geist vom Sinai, jener Geist, der sich nach dem Höchsten sehnt, der unter der Enge des Ichs leidet und sich nach dem Du der Gottheit sehnt, in dem das Ich des Menschen und das Du der Gottheit in eins zusammenströmt. Überall flackern die Strohfeuer der Schwarmgeisterei, der blutleeren Mystik, der nervösen Empfindsamkeit. Aber die hellen Gottesfeuer vom Sinai haben wir erlöschen lassen. Wir müssen am Wochenfeste mit dem Festtagspropheten beten: ,0 offenbare dich noch einmal unserer Zeit (Habak. 3,2)!‘ Denn .ohne Offenbarung entartet ein Volk, heil ihm, wenn es der Offenbarung sich erschließt (Spr. 29, 18)*. Wir müssen wieder zum Sinai hinaufpilgern, wieder seine Flammen lodern sehen und den Gottesodem der Offenbarung in uns einatmen. Nur dann wird das Endziel erreicht, das der Menschheit einst vom Sinai her gekündet worden ist: .Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein“. Amtliche Bekanntmachungen. Bewerber um die versorgungsberechtigte Stelle eines 2. Rabbiners in der israelitischen Re/igionsgemeinde Stuttgart, der in erster Linie den Religionsunterricht an den oberen Klassen der Höheren Schulen und nach besonderer Regelung auch rabbinische Amtshandlungen zu übernehmen hat, wollen sich unter Anschluß ihrer Zeugnisse und eines Lebenslaufs bis zum 1. Juli 1928 bei der Unterzeichneten Stelle melden. Besoldung nach der Württembergischm Besoldungsordnung Gr. 4 b, die der Reichsbesoldungsordnung Gruppe 2 c entspricht Der Amtsantritt soll möglichst bald erfolgen. Wohnung steht zur Beifügung. __ Der Oberrat der Jsr. Religionsgemeinschaft Württembergs, Stuttgart, Reinsburgstr 19. Wir bitten hierdurch Höst, um umgehende Einsendung der noch ausste» henden Bezugsgebühren für da» Jahr 1928/9 von Mb. 5.-. Dieselben können auch halbjährlich mit Mk. 2.50 entrichtet werden. Jsr. Verlagsanstalt G.m.b.H. Stuttgart - Postscheck-Konto 862 58 Die Probe aut dar ExempeL Die von judenfeindlicher Seite verbreite.e Lüge, daß die Juden chre vaterländisch« Pflicht im Weltkrieg nicht voll erfüllt haben, gehört bereits zum festen Bestand der antisemitischen Propaganda. Es muß jeden anständigen Menschen empören, daß die von jüdischer Seite festgestellten Angaben über chre Blutopfer im Weltkrieg von antisemitischer Seite als Erdichtungen hingestellt werden. Es muß geradezu Ekel und Abscheu erwecken, wenn den Juden immer wieder vorgerechnet wird, daß chre Blutopser zahlenmäßig geringer als die der christlichen Mitbürger ge.vesen sind. Sechst wenn diese Behauptung wahr wäre, und anstatt der von jüdischer Seite festgestellten Totenzahl von 12000 nur 5000 Juden gefallen mären, so würde doch diese Tatsache nichts daran ändern, daß wenigstens diese 5 000 ihre vaterländisch« Pflicht bis zur letzten Forderung getreulich erfüllt und dadurch ein ernstes Anrecht erworben haben, daß über ihre Gräber nicht die Beschimpfung der Juden als vaterlandsloser Drückeberger hinausgellt. Der ehemalige Inspektor der deutschen Fliegertruppe, Oberstleutnant Siegbert, hat das rechte Wort für diese Nachkriegsform der Verlästerung gefunden, wenn er sie als. „Verunglimpfung Lebender und als Leichenschändung" gekennzeichnet hat. ' Im „Völkischen Herold" veröffentlicht der Heroldsamtmann des Tannenbergbundes Süd, Major a. D. H. Baumann, einen Offenen Brief, in dem er unter Benutzung der „Kriegsstatistik" Alfted Roths di« Behauptung wiederholt, daß dis Juden im Weltkrieg höchstens 4 797 Tote verform haben. Die von dm Juden verbreitete Zahl von 12000 sei also eine Unwahrheit. Demgegenüber muß mit Nachdruck daran erinnert werdm, daß die Gesallmenzählung des Ausschusses für jüdische Kriegsstatistik ein volles Anrecht aus Anerkennung beanspruchen darf. Bei Abschluß dieser von Professor Silbrrgleit und Tr. Jakob Segall geschaffenen Statistik lagen im Büro des Ausschusses für jüdische Kriegsstatistik im Jahre 1921 10 CWS9 genau geprüfte Zahlkarten vor. Diese nennen 9 216 auf dem .Felde der Ehre geüliebenr jüdische Männer und 873 Vermißte, die als Gefallene zu betrachtm sind. Diese Zahlkarten befinden sich zur Zeit in der Kanzlei des Reichsbundes jüdischer Frontsoldatm in Berlin. Zu diesen 10 000 Namen müssm aber di« Gefallenen aus dm abgetretenm Gebieten Elsaß-Lothringen, Posen und Westprmßen hinzugezählt werdm, für welche eine Statistik undurchführbar war. Zu ihnen sind dann noch die jüdischen Gefallenen aus Hamburg hinzuzurechnen, in dessen Gebiet die Zählung aus technischen Gründm nicht durchgeführt werdm konnte. Me Prob« auf das Exempel bietet die gedruckt vorliegende württembergische Kriegsstatistik, in der 270 gefallene jüdisch« Soldaten nammtlich mit allen näheren Angaben aufgeführt, werden, währmd Silbergleit und Segall für Württemberg nur 210 gefallene jüdische Männer angegeben hattm. Ein« weitere Prob« auf das Exempel bietet das Theilhabersthe Buch ,jüdische Flieger im Weltkrieg". Es zählt 125 jüdische Flieger mit Namen auf, di« über dem Feinde geflogm waren. Rach Abschluß des Buches mekdetm sich noch 25 weitere Kriegsflieger — ein Beweis dafür, daß | die bisher angegebenen Zahlen wesentlich hinter! der tatsächlichen zurücküleiben. Noch wichtigeren Aufschluß wird die bayerisch« Statistik bieten, die ebenso wie die württembergische unabhängig von der großen Statistik Silbergleits und Segalls zusammmggstellt ist. Sie hat die dort festgestellt« Totenzahl von 1126, von dmen 181 in München bcheimatet waren, völlig bestätigt. Ter Reichsbund jüdischer Frontsoldaten sieht sich aber infolge der immer erneuten Angriffe aus die Ehre der gefallenen jüdischen Kameraden veranlaßt, mit der Veröffentlichung seines Listenmaterials schon jetzt zu beginnen, dessen Herausgabe von ihm für das Jahr 1929 anläßlich des zchnjährigen Bestehens des Bundes geplant war. Der „Schild" veröffentlicht in der Nummer vom^ 30. April die erste Liste von 179 Namen, unter" ihnen di« Toten von Affaltrach, Archshofen und Baisingen in Württ. Der Reichsbund wird die jedes Mal veröffentlichte Ortsliste der Gefallenen an die betreffende Ortsgruppe des Frontbündes und zugleich an die zuständigm städtischen und staatli» chm Behörden mit dem Ersuchen um Nachprüfung senden. Er hofft damit endlich, die beschimpfende Verlästerung seiner toten Kameradm in der antisemitischen Presse unmöglich zu machen. Me lange Namenliste ist ein sprechendes Ehrenzeugnis für das deutsche Judentum. Man soll die Stimmen nicht zählm, sondern werten. Hinter jedem Ineser veröffentlichten Namen steht ein Held und ein Mensch, der für uns gestorben, der als Mutscher und Jude sein HerMut für Dmtschlands Ehr« hingegeoen hat. Wir lesen die Totmliste mit banger Erschütterung. Ehrfurchtsvoll neigen wir uns vor dm Gefallenen und ihrm Hinterbliebenen. Ehre dm Totm und bleibende Dankbarkeit ihrm Angehörigen! *