Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 3 (1.5.1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
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pien Politik machen wollen. Tann überzeugten sich vor allem viele Akademiker davon, daß man mit dieser rein -antisemitischen Einstellung die zudem mit echtem Christentum nicht zu vereinbaren war, überhaupt nicht weiter komme, lind schließlich nahm die allgemeine Aussöhnung mit dem eisernen Gang der Geschichte der antisemitischen Bewegung vielerorts ganz den Boden. Was wird schließlich durch den Antisemitismus auch erreicht? Wenn man das Judentum bekämpft, so schafft man die preisbildenden Jndu- ' striekonzerne hierdurch nicht aus der Welt. Was würde man durch eine Ausweisung oder eine staatsbürgerliche Entrechtung des Juden bezwecken, vorausgesetzt, daß sich überhaupt ein Politiker findeu würde, der hierbei aus die Unterstützung des gesamten Volkes rechnen könnte? Jeder Angriff auf den deutsch-demokratischen Staatsbürger gefährdet Deutschlands Prestige im Ausland aufs schwerste und besonders verhängnisvoll würde er sich für deutsche Minderheiten auswirken. Nur aus dem Gcmeinsamkeirsgefühl lassen sich deshalb diese Fragen klären und vor allem gilt eS, hier kühles Blut zu bewahren. Ter deutsche Jude ~ ist mit der deutschen tfultur aufs engste verschmolzen. Wo stünde unsere Wissenschaft ohne die — 34 - Forschungsergebnisse jüdischer Gelehrter? Hat es überhaupt noch «inen Sinn, immer nur Haß zu predigen? Tiefe Fragen stellte Prof. Dr. Walter Götz an die gespannt lauschende Zuhörerschaft und kam zu dem Ergebnis, da^der Antisemitismus nie in der Lag« ist, positive Arbeit an Volk und Vaterland zu leisten. Wie jeder Andere, so hat auch der jüd. Mitbürger das Recht auf volle Gleichberechtigung, und alle ihn betreffenden Fragen müssen aus dem Geist der Toleranz nnd Gerechtigkeit zur Lösung gebracht werden. Wer aber trotzdem glaubt, das Judentum bekämpfen zu müssen, der tut es besser dadurch, daß er alle seine Kräfte zu höheren Leistungen emporzügelt. Tie von tiefer Begeisterung und wohltuender Versöhnlichkeit getragenen Ausführungen des Referenten ernteten langanhaltenden, stürmischen Beifall. Stadtfarrer Lamparter, der verdienstvolle l. Vorsitzende des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Ortsgruppe Stuttgart, dankte Geh. Rat Prof. Tr. Götz nochmals für seinen vortrefflichen Vortrag und forderte die Anwesenden auf, stet» alle Kräfte in den Tienst der Abwehr zu stellen. Unter nochmaligem lebhaften Beifall nahm die Versammlung ihr Ende. ll. 8t. Oer preußische Staat und die Juden. Zur Veröffentlichung des Konigsbcrger Polizeipräsidenten Hans Brandt. Von Han« Sternhelm, Stuttgart. Tie Befreiungskriege 1M.3 14 waren die Generalprobe jüdischer Vaterlandsliebe und Waffenlüchiigkeit. Sie wurde glänzend bestanden. Zu .Hunderten zogen damals jüdi'che Männer gegen die Franzosen zu Felde, jüdische Acrzte und Pflegerinnen nabmen sich opferwillig der Verwundeten in der Heimat an, und manches Stück (ttolö wurde von jüdischen Familien gegen Eisen eingetauscht. Während nun die deutschen Fürsten es nicht über sich brachten, ihren Untertanen nach dem >trieg eine auf Vernunft und Menschenrecht ausgebanle großzügige Verfassung zu qcben, vielmehr alles daransetzen, um den Ansturm der freiheitlich ge'innten jungdeutschen Nati ’u im engherzigen Schematismus der Gesetzesvaragraphen versanden zu la seit, während Metternichs Tiktat Pressefreiheit und jede offene Meinungsäußerung zunichte machte, hob das Edikt pom 11. März 18 l 2 die Juden der preußischen Monarchie auS einer Jahrhunderte langen schmachvollen Rechtlosigkeit und machte sie — wenigstens dem Namen nach — zu freien Untertanen des ztönigS von Preußen. So heroisch diese legislative Geste auch im ersten Augenblick anmutet, so gering war chre praktische Auswirkung für alle, die sich zum jüdischen Glauben bekannten. Es erscheint heute vielleicht sonderbar, daß ein Staat, der seine Untertanen ohne Ansehung des religiösen Bekenntnisses zu steuerlichen und sonstigen Leistungen heranzog, den Juden auch nach dem Gl.eichberechtiguugserlaß vor Gericht die volle Glaubwürdigkeit absprach und nach wie vor bestimmte, daß alle Wahlkandidaten christlichen Glaubens sein mußten. Aber man tut gut, sich der wilhelminischen Aera zu erinnern, in der ein Jude, und wenn er noch so qualifiziert war, nicht zum Offizier befördert werden konnte, um zu erkennen, daß die preußische Innenpolitik bis in unsere Zeit den Juden als zweitklassigen Menschen behandelte und würdigte. Umso schmerzlicher berührt es uns, daß erst 12 000 jüdische Männer ihr Leben im Weltkrieg hingeben mußten, bis im größten Teil des deutschen Volkes die lange und künstlich zurückgehaltene bessere Erkenntnis dämmerte. Doch wie sieht es heute, 10 Jahre nach dem Völkerringen, aus? In der ganzen Welt arbeitm die Juden werktätig am Aufbau der durch den Krieg vernichteten Friedenswerte mit, in Deutschland mußte rin Rathenau seine glühende Vaterlandsliebe mit dem Tode besiegeln — uiÖ> trotz allem kommt Hans Brandt, Polizeipräsident von Königsberg, der eine interessante Quellenschrift, „Der Staat und die Juden"•), unlängst herausgab, nicht um die Feststellung herum, daß eine ehrliche Publizistik dieser Artung gefährlich ist. So beginnt er die Einleitung seines Buches mit folgenden Worten: „Wer es als christlicher Beamter unternimmt, über den staatlichen Antisemitismus zu schreiben, muß sich von vornherein darüber klar sein, daß er bei vielen.seiner Glaubensgenossen und Kollegen auf Ablehnung stößt." Nach den Erfahrungen der Nachkriegszeit, dunkt es uns schon Euphemismus, die Art und Weise, wie ein großer Teil der deutschen Beamtenschaft jeden Berufsgenossen, der irgendwelcher liberalen Neigungen verdächtig ist, beruflich und gesellschaftlich boykottiert, mit „Ablehnung" zu bezeichnen. Aber mit diesen einleitenden Worten umschreibt Polizeipräsident Brandt unseres Erachtens den ganzen Komplex, der heute noch zum guten Teil für den preußischen Antisemitismus verantwortlich zu machen ist. Der Judenhaß in allen seinen Schattierungen, der Rassen- und Kulturantisemitismus ufw. wurde letzten Endes aus dem staatlichen Berordnungsveservoir gespeist, das jedem jüdischen Individuum von vornherein den Stempel der Minderwertigkeit aufdrückte und es jeder Entfaltungsmöglichkeit beraubte. Wie kann es, so darf man hier fragen, aber heute noch möglich sein, daß von antisemitischer Seite nach wie vor den Juden Dinge vorgeworfen werden, die jeden anständigen Menschen, gleich welchen Bekenntnisses, aufs tiefste verletzen müssen? Wie kann es eine Justizbehörde dulden, daß in der antisemitischen Presse Tag für Tag dem gutgläubigen Bürger Ritualmordmärchen aufgetifcht werden oder jüdische Frontkämpfer und Gefallene aufs schwerste beschimpft werden? Daß diese Fragen überhaupt gestellt werden müssen, kann, ttotz der Neuorientierung der Verhältnisse, *) Hartungsche Berlagsdnickerei, Königsberg. Plioto l/Vildenlr STUTTG fl RT KÖN enerana STUTTGART KÖNIGSTR.40 M>,>!l>!>!I!!!>1!!!!i!i!!!I!!iiii!!l>>I!>I>!>>>IiI^lIiI!>II>>II>II>II>>>I>II!Iiiil!>>II>>IIWIIlI>IlII>!IIII»!»lII»N»»»I»II»l»l!I»lI»I!lIil»I!«I>!IllIlIl»I!Il!lI»I!lIIII»i>i»II»!!l!I!!>Il!!I!!II!I!l!Ill»»!IIIIIIII»II»II»III!I»»I»IIIl»I!>»!>»»I> IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIII llllllllllllllllllllllllllllllllllllllilffiniH^ SCHIEDMAYER Planofortofabrlk v. J. u. L. Sohladmayar STUTTGART, Neckarstrasse 12, Ecke uirichatraaao FLÜGEL / PIANINOS / HARMONIUM MIETE TAUSCH STIMMUNGEN BEQUEME TEILZAHLUNGEN Famapraohar assai/aa PRIX Korsettenhaus Stick El 9t'orsetten QüstetiHalter, clCntertaillen Strümpfe in erstklassigen Fabrikaten Stuttgart, Königstraße 42 Telephon 23212 > Ubren-SfOdd Qualitätsware / Konkurrenzlose billige Preise- Sdilo^itra^c Eingang Bddiscnstrebe beim Sdiwlmmbad Reparaturen fachmännisch und gewissenhaft. Hermann Lldle Olgastr. 52 Telef.22796 Ausführung i&mtl. 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