Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 2 (16.4.1928)
- Date
- 1928-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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Stuttgart, Relenbergstr. '»3 Ten 19, März 1928. An den verehrlichen Lberrat der Israel. Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart. Tem Lberrat der Israelitischen Religionsge meinschast danke ich recht berzlich für die überaus freundlichen Worte und für die guten Wünsche, die er anläßlich meines Scheidens aus dem Amte au mich gerichtet bat. Ich darf den Lberrat versichern, daß die Gefüllte treuer Anhänglich keil .und die aufrichtige Verbundenheit mit ihm I-üninndsiebIg Jahre bedeuten für die Ge schichte der Menschheit so gut wie nichts, für die Bewertung einer Meiisckienleistung sind sic entscheidend. Sie umspannen die Lebensdauer dreier Menschengeschlechter, den Zeitraum, den das Schicksal einem Menschen auf Erden ver gönnt, wenn auch die Mehrzahl der Menschen diesen Zeitraum nicht ausleben darf. Tas erste Menschenalter ist die Zeit des Werdens, das zweite das der Reife, das dritte das der Bewäh rung. Taher kann über ein Menschenwerk, das drei Menschenaller überdauert hak, ein Wert urteil mit gutem Gewissen ausgesprochen wer den. Ein Menschenwerk, das solange bestehr und sich in dieser Zeit zum Segen bewährt hat, hat seine Täscinsberechtigung dargetan. Tas gilt be sonders iur eine Schöpfung werktätiger Menschenliebe, deren Segensspur sich für eine solche Zeitdauer veriolgen läßt. Es hat in dieser Zeit nicht nur sein ('(egenwarlsrectil, sondern seine Segens krasl und mir dieser seines Ewigkeitswert be wiesen. £ Als eine solche Schöpfung darf der Israelitisches lürankenunterstüvungsverein Gemilus Chafsodiin in Siuitgarl bezeichnet werden, zu dessen 75* Iabrscier sieb in dieicn Sagen seine Mitglieder und' Freunde rüsten. Gottes Gnade hat sichtbar aus diesem Werke gerubt, das in diesem langen Zeitraum unernreßlickicii Segen gestiftet hat. Tem Werke sind barte Schickialschläge nicht erspart ge blieben, aber niemals fehlten dem Verein die Männer, die werkiüctnig und opferwillig in die Bresche iraten, so oft das -heilige Werk gefährdet erschien Es darf geradezuals eine gnädige Fü gung der Vorsehung bezeichnet werde», daß der Verein bisher überhaupt nur drei Vorsitzende und drei Kassierer gehabt hat. und daß die derzeitigen Leiter des Vereins feine Geschäfte länger als ein Vieneljahrhundert leiten. Tadurch ist die innere Festigung seiner Lrganisation und die sichere Fortentwicklung seiner Arbeit in hohem Grade gewährleistet worden. Nicht weniger bedeutsam war es für den Verein, daß auch seine ärztliche Lci^ing und Beratung Jahrzehnte hindurch in den treuen Händen bewährter Männer ruhte. Tas Werk, das die frommen Väter .im Vertrauen aus Gottes Schuy gegründet, haben die Söhne in Treue sorkgeführl und deren Enkel mit 'sorgender Liebe erhalten. Tas ist Mahnung und Weckruf zugleich für die kommenden (Geschlechter. Sie werden sicher das ererbte Gut für alle Zu kunft treu hüten. Wie in jeder jüdischen Gemeinde war auch in Stuttgart von jeher iür dir Armen und Franken liebevoll gesorgt worden Tie Gemeinde war aber so klein >809 wohnten 76 Juden in Stuttgart daß die Begründung eines eigenen Vereins, der sich diese Ehrenpflicht zur Aufgabe machte, nicht notwendig erschien. Tie Gemeinde war vorerst noch eine große Familie, in der jeder den anderen kannte, i.:eZl sogar durch Blutsbande mit ihm verwandt war. Trat ein Notfall ein, dann war die Gemeinde sofort bereit, helfend einzulretkn. Tas Anwachsen der Gemeinde sie zählte 1852 bereits 3:30 Seelen, unter ihnen 94 selbständige Gcmeindcmitglicder — ver anlaßte 4853 die Gemeindemitglieder M. A. Levi und Rafael Neuburger die Schaffung eines Israelitischen Krankenuntersrützungsvereins anzuregen. Sie fanden in Hofrat Adolf Levi düi - 20 — syets bei mir bestehen werden, weil ich stolz darauf bin, 14 Jahre lang diesem Kollegium a» gehört zu haben, das ich schon so manchesmal als geradezu vorbildlich rühmen durfte. Es ist mir immer eine besondere Freude, mit den von mir hochverehrten Herren des Oberrats zusam menzutrejfen. Möge es dem Lberrat vergönnt sein, wie bisher so auch in alle (Zukunft zum Heile der Jsrae litischen Religionsgemeinschaft des Landes zu wirken. , In ausgezeichneter Hochschätzung Präsident Tr. Balz Ministerialdirektor a. T. wackeren Helfer, der in den ersten Jahren des neugegründeten Vereins Vorstand, Kassier und Armenpsleger in einer Person war. Er hat den Verein bis zu seinem Hinscheiden (ll. Februar 1883! mit rührender Hingabe geleitet. Sein Sterbejahr war ein Schicksalsjahr für den Verein - alle seine Ausschußmitglieder bis auf den feit 1859 im Amte tätigen Salomon Ellinger waren verstorben. Ter Verein stand vor seinem iZusammenbruch. Ta entschloß sich das Gemeindevorsteheramt drei Tage nach Hosrat Le vis Tod, am 14. Februar 1883, die Gemeinde Vorsteher Louis Kiese und Gottlieb Sontheimer zu Delegierten zu wählen, welche gemeinsam mit Salomon Ellinger den Verein bis zu der sofort einzuberusenden Generalversammlung lei ten sollten. Tie Generalversammlung wählte am 25. Februar 1883 Salomon Ellinger zum Bor stand. Gottlieb Sontheimer zum Kassier, Bernhard Edenfeld zum Schriftführer, Louis Kiese und Tavid Neuburger zu Revisoren, Kicchenrat Tr. v. Wassermann wurde zum Ehcenpräsiden ren ernannt. Tie neuen Statuten, die am 21. November 1883 genehmigt wurden, schufen dem Verein die sichere Grundlage. Tiefe blieb bis zu der am ll. Juli 1900 vollzogenen Eintragung in das Vereinsregister die gleiche. Von 1883 1898 hat Salomon Ellinger den Verein umsichtig und pslichteisrig geführt. Sein Nachfolger wurde Louis Hirsch, der also zur Zeit feit fast drei Jahrzehnten der Leiter des Ver eins ist. Was er für den Verein geleistet hat, können nur die ermessen, die mit ihm im Ausschüsse arbeiten. Er darf ohne Uebertreibung als die Seele des Vereins und als die ideale Verkörperung seiner Ideen bezeichnet werden. Mit klugem klarem Blick für die Notwendigkeiten und Bedürfnisse der vom Verein betreuten Kran ken verbindet er die große Herzensgüte und väterlich sorgende Treue des echten Menschenfreundes. Er ist sich dessenbewußt, daß ein Werk der Nächstenliebe ohne persönliche Hingabe nicht geführt werden kann, und hat es nie an dieser Lpfec sreudigkeil fehlen lassen. Auch die Vermögensverwalter des Vereines waren Männer vorbildlicher Ehrenhaftigkeit und treuester Pflichterfüllung. Gottlieb Sontheimer führte dieses Amt bis zu seinem am 19. September 1 897 erfolgten Tode. Seitdem ist Friedrich L- Kiese ununterbrochen Kassier des Vereins. Nur die Eingeweihten wissen, wie große Mühen dieses Amt seinem Träger verursacht, und was diese Männer in treuester Hingabe geleistet haben. Unter großen Opfern hat der Verein der hiesigen Ostjuden in dem Grundstück Kasernenstr. 13 einen würdigen Betsaal Herstellen lassen, da die alten Räumlichkeiten in der Marienstraße weder der Zeit noch der. Würde ihres Zweckes enksprachen. Tie Weihefeier am Freitag, den 30. März, an der als Vertreter des Israelitischen Lberrates dessen stellvertretender Vorsitzender Louis Hirsch und Leopold Levi, vom Vorsteheramt der Gemeinde Arthur Essinger und Oskar Rothschild, von der Religionsgesellschaft Rabbiner Schriftführer des Vereins waren von 1883—1893 Bernhard Edenfeld, von 1893—1915 Sigmund Schlüchterer, von 1915—23 Otto Rosenfeld. Seitdem liegt die Schriftführung in den Händen von Adolph Kops. Als Berater und Förderer des Vereins haben die Rabbiner der Gemeinde, Kirchenrat Dr. v. Maier bis 1873, Kirchenrat Tr. v. Wassermann bis 1892, Bezirksrabbiner Dr. Stößel bis 1919, Lberkirchenrat Tr. Kroner bis 1923 dem Vereine wertvolle Mitarbeit gewidmet. Vor allem muß Bezirksrabbiner Tr. Stößel in diesem Zusammenhang rühmend genannt werden. Seit dem Jahre 1901 läßt der Verein seine Kranken durch besondere Vertrauensärzte behandeln. Ihrer Treue und Erfahrung dankt der Verein den wertvollsten Teil seiner Erfolge. Nach Tr. Gustav Feldmann (1901 —1907) war Dr. Lepman (1907—08) Vereinsvertrauensarzt. Tr. Alfred Rosenstern ist seit 1908, Tr. Rudolf Strauß seit 1927 für den Verein an gleicher Stelle tätig. Vor allem hat sich Sanitätsrat Tr. Sigmund Weil, der zwei Jahrzehnte die Kranken des Vereins beraten und betreut hat, unvergängliche Verdienste um den Verein erworben. Als Vertreter waren Tr. Max Kiese und Tr. Tannhauser längere Zeit für den Verein ärztlich tätig. In Spezialsällen standen die Geheimen Hofräte Tr. Königshöser und Tr. Krailsheimer, Sanitätslrat Tr. Ries, Tr. Otto Einstein, Tr. Emil Sander. Tr. Eugen Reif und Tr. Max Stern den Kranken zur Verfügung. Ter Verein hat in den ersten 50 Jahren feines Bestehens etwa Mk. 90000, im letzten Vierteljahrhundert aber über Mk. 150000 für Kranke in barem Gelbe ausgegeben. Tas Vereinsvermögen hat seinen höchste» Stand (Mk. 51000) im Jahre 1912 erreicht. Es ist infolge der In flationscrscheinungen fast ganz verloren gegangen und seit 1924 im Wiederaufbau begriffen. Es beträgt zur Zeit etwa Mk. 7500.—. Dagegen haben sich die Leistungen des Vereins für Kranke unablässig gesteigert. Sie betrugen 1927 Mack 7757,09, also mehr als das gesamte Vereinsvermögen. Tie Mitgliedcrzahl, die 1883 131 Mitglieder umfaßte, beträgt heute 564. Tie Mittel des Vereins sind also gegenwärtig recht gering, sodaß die Vereinsverwaltung nicht ohne ernste Sorgen in d.ie Zukunft blickt. Sie ver traut aber auf den stets bewährten wohltätigen Sinn der Stuttgarter jüdichen Gemeind«. Sie hosst, daß das Jubiläum des ältesten jüdischen Wohlfahrtsvercins alle Gemeindegenossen zu reichen Spenden, die der Sicherung seiner Arbeit dienen sollen, veranlassen wird. Ter Verein hat ein ernstes Anrecht aus die tätige Unterstützung aller hiesiger Juden. Entziehe sich keiner dieser Ehrenpflicht! * Am 21. April soll die Jubelfeier des Vereines statlfinden. Ein Jubiläumsausschuß hat die Vorbereitungen zum Feste getroffen, das natürlich innerhalb der bescheidensten Grenzen gefeiert werden wird. Ein Festgottesdienst in der Synagoge wird die Jubelfeier würdig einleiten, ein geselliger Festabend die Mitglieder des Vereins mit einen Freunden vereinigen. Ein großer Lehrer in Israel hat gesagt, daß ein Verein, der um Gottes willen begründet wurde, in sich die Gewähr der Ewigkeit trägt. „Geschlechter kommen, Geschlechter gehen, was Gott gegründet, bleibt ewig bestehen!" Möge der Krankenunterslützungsverein iidmer blühen zum Heile der Armen und Kranken, zum Segen der Menschheit, zur Ehre des jüdischen Namens! Tr. Bamberger und Julius Friedmann, von der Landesversammlung deren Vorsitzender Julius Rothschild und viele andere Mitglieder der einzelnen Religionsgemeinden teilnahmen, wurde durch ein eindrucksvoll vorgetragenes' Mah taüwu eingeleitet, unter dessen Klängen die Thorarollen von den Führern der Gemeinde und deren Ehrengästen in den Betsaal getragen wurden. Hier begrüßte der Vorsitzende des Vereins,' M. Pariser, die Erschienenen, worauf Stadtrabbiner Tr. Rieger unter einer entsprechenden Ansprache Israel. Kranken-Unterstützungsverein Stuttgart. Zur Feier seines 75 jährigen Bestehens. Einweihung des neuen Beisaals des Synagogenvereins Linas Hazedek c. V. in Stuttgart.