Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 2 (16.4.1928)
- Date
- 1928-04-16
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- [Seite] (sequence 1)
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Gemeinde Zeitung für die ifraelitffi&en «Senretnden Wttrtternvergs 8«)ng*pf«t<: <tmtnii*eud| ««fttUgrt» «Stzrvch 5 AM, tzaltqahrUch t.90 AM DtttUitatirüdi f.ts AM, «wstlomnmtr *5 R«id|*pf«m)tg Poffld|«<fc-K(mto: MtJ* »rschriot MMtlUt J»«im»l «at l. u. 16. Verlag: Jfrneüiifdtc Verlagsanstalt G. m. d. kl« feraspr. L33rs » Stuttgart * Knfcrnenßr. 13 Schrtftlettung- Sladtradlrluer Dr. «leger, Stuttgart, Lharlotteaftra-e 13 startlgenpr«!»: dl« «lospoltlg« Noopor«>U«s«U« SO R<td)0pf«nntg Umf<t|lojtcU«n a. v»«sog»pUW« »ach Tot1|, fomlli<iians«lg«n imd kteto« ftajtietn Mt Klctnjtilc *0 R«td)«pftiraig, RtklomtjtU« 1.W AM Sei Wie»«rtz»l»»g«» D«rgii»stig»»g v. 3a9roano etttttaort, 16. CHprll 1926 9lr.i Almtliche Bekanntmachungen. Israelitischer Oberrat Der Israelitische Oberrat hat die Stelle eines Bezirksrabbiners in Ulm dem Rabbiner Tr. Lohn in Stuttgart übertragen. Die Stelle eines unständigen Religionslehrers für die israelitisch« Religionsgemeinde E d e l - fingen soll wieder besetzt werden. Die Stelle wird mit einem Bewerber besetzt, der die deutsche Reichsangehörigkeit besitzt und die erste Bolks- Ls ist noch nicht lange her, da ging eine Mitteilung über die Zahl der jüdischen Selbstmorde durch alle Zeitungen. Sie erzählte denen, die zwischen den Zahlen und Zeilen zu lesen verstehen, von der Seelennot der Unglücklichen, die an sich, an der Welt, am Leben und an Gott irre geworden und die keinen anderen Ausweg aus den Irrungen und Wirrungen de^ Daseins fanden als die Selbstvernichtung. Was aber die Tragik jener Zahlen noch steigchcte, war die erschreckende Tatsache, daß diese Selbstmorde in der Mehrzahl von jugendlichen Menschen verübt worden sind. Das Wort Nietzsches mag wahr sein, daß es oft gerade die kleinen und kleinsten Dinge sind, die das Leben zur Qual machen und an denen ein Leben zerbricht, weil diese tatsächlich oft ernster genommen werden als die sogenannten großen Dinge. Die Ursache der Selbstmorde mag also ernst oder töricht gewesen sein, eines Gedankens wird sich wohl jeder Beurteiler dieser jüdischen Selbstmorde nicht erwehren können: Vielleicht wäre ein verstehender Mensch imstande gewesen, so manchen von diesen Entwurzelten dem Dasein wieder zu gewinnen. Vielleicht hätte ein gutes Wort genügt, den Irrenden den Heimweg zu zeigen. Das ist die höchste Seelennot, in Zweisclstunden keinen Menschen' zu finden, der dem Wankenden die Hand brüderlich reicht, der zu dem Zusammenbrechenden ein Wort aufrichtenden Mitgefühls spricht. Gab es wirklich für diese Hunderte von Selbstmördern, die im Elternhaus lebten, von einer gewissen zärtlichen Sorgsamkeit umgeben waren, keinen Menschen, der sie verstand und ihnen in ihrer Not beistehen konnte? Diese Fragen klingen wie eine Anklage gegen die geistlichen Führer der Gemeinde, die vielleicht als erste berufen gewesen, hier zu helfen. Aber nicht jeder Geistliche ist ein Seelsorger. Bor allem aber sind die Beziehungen zum Geistlichen bei den meisten Gemeindegenossen nur sehr lose. Nur ein kleinster Teil der Gemeinde nimmt am religiösen Leben teil. Man sieht und hört den Geistlichen bei Familienfesten oder Gemeindefeierlichkerten. Das Vertrauen, das ehedem aus den persönlich engen Beziehungen des Geistlichen zu den Gemeindegenossen erwuchs, wird ihm heut« nur ausnahmsweise einmal geschenkt. Aber die Anklage trifft nicht nur die Geistlichen. Sie trifft nicht weniger den Arzt, den Erzieher, den Rechtsfreund, den Fürsorger. Das Priestertum am Menschen ist doch schließlich kein Amts- Vorrecht und das Verständnis von Mensch zu Mensch ist doch letzten Endes nicht beruflich begründet. Das Wort Seelsorge hat zutwm in jüdischen Kreisen keinen rechten Klang. Eine geschullchrerdienstprüfung erstanden hat. Tie Besoldung wird nach den Grundsätzen für staatliche Lehrer berechnet und aus der Israelitischen Zentralkasse bezahlt. Dienstwohnung ist vorhanden. Bewerber, die bereit sind, die Schechitah auszuüben, wollen sich unter Darstellung ihres Lebenslaufs und Anschluß ihrer Zeugnisse bis zum '25. April 1928 melden beim Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Stuttgart, Reinsburgstraße 19. wisse Sprödigkeit, eine Art von Trotz im Juden läßt chn den ftemden Ratgeber wie einen aufdringlichen Eindringling empfinden. Wir sind im allgemeinen „mit guten Ratschlägen versorgt" und verwünschen die ungebetenen Ratgeber. Die eigentliche Anklage trifft aber die Väter und Mütter. Der Familiensinn hat im Juden einen Abbröckelungsprozeß erfahren, der allerdings mindestens im gleichen Grade in nichtjüdischen Kreisen sich äußert. Diese Zersetzung mag bei den Juden langsamer als bei den Nichtjuden vor sich gehen — im Grunde genommen handelt es sich nur um eine Zeitdifferenz, um einen Geschwindigkeitsunterschied. Es ist allerdings wahr, daß die jüdische Mutter nur in Ausnahmefällen als Fabrikarbeiterin, als Austrägerin oder als Gcschästsangestellte außer dem Hause arbeitet, daß sie also zumeist im Hause verbleibt und die Häuslichkeit sichert. Wer aber einen Einblick in das häusliche Leben vor allem in den von der Wohlfahrtspflege betreuten jüdischen Familien besitzt, ist mit gutem Recht entsetzt darüber, wie gering der Häuslichkeitssinn dieser im Hause tätigen jüdischen Frauen ist, der ist erschrocken über die Unordnung, Ungemütlich- Anläßlich der Zurruhesetzung de» Ministerialdirektors Präs. Dr. von Baelz hat der folgende Schriftwechsel stattgefunden, den wir als ein erfreuliches Zeugnis konfessioneller Eintracht mit gütiger Erlaubnis der Beteiligten zur Kenntnis un-< serer Leser bringen. Der Obereal der Jsr. Rel. «emeinschast Württ. Stuttgart, den 5. März 1928. Hochverehrter Herr Präsident! Es ist dem Israelitischen Oberrat aufrichtiges Herzensbedürfnis, Ihnen bei Ihrem Scheiden aus Ihrem Amte in dankbarer Erinnerung an Ihre Betätigung als Leiter der ehemaligen Jsr. Oberkirchenbehörde die Versicherung hochachtungsvoller Wertschätzung und unauslöschlicher Ergebenheit auszusprechen. Es wird dem Oberrat stets unvergessen bleiben, wie Sie in vollkommener Objektivität und mit feinsinnigem Verständnis für die Bedürfnisse der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs deren Geschäfte in vorbildlicher Treue und selbstloser Hingabe gekeit und mangelnde Wirtschaftlichkeit der jüdischen Hausfrauen. Sie haben vielfach eine gewisse Einstellung zur Geistigkeit, die aber mit. einer Mißachtung häuslicher Arbeit und Ordnung Hand in Hand geht. Sie haben die Fähigkeit, mütterliche Wärme und Behaglichkeit um sich zu breiten, fast ausnahmslos verloren. Tie jüdische Mutter mit dem tiefen mütterlichen Begreifen und Berstehey ihres Kinders gehört der Vergangenheit an. Ein Maß übertriebener Aengstlichkeit für das Kind ist allerding? geblieben. Das Kind wird überfüttert, verzärtelt, verwöhnt, in Krankheitsfällen wird seine Pflege übertrieben. Aber ein Eingchen auf das Tiefste des Kindes, Verständnis für seine Seelennot, ist eine Seltenheit geworden. Es fehlt das Freundschaftsverhältnis zu den älteren und reiferen Kindern. Der. Uebergang von der elterlichen Zärtlichkeit für das Kleinkind zur- Freundschaft, den das heranreifende Kind erwartet, bleibt meist aüs. Dafür beginnt das Lamentieren über die angebliche Respektlosigkeit und Undankbarkeit der Kinder. Wer als Lehrer und Seelsorger die Urteile der Eltern über chre Kinder hört, muß oft über die absolute Fremdheit und Unkenntnis der Eltern über chre Kinder außer sich geraten. 4)abei sind unsere Kinder fast ausnahmslos in Seelennot. Sie erwarten sehnsüchtig die Stunde, in der die Eltern chre Freunde werden. Der Lehrer und der Geistliche, der Arzt und der Rechtsberater, der Fürsorger und der Anverwandte dürfen erst in zweiter Linie stchen, wenn es gilt, dem Leben eines Kindes die rechte Wegführung zu gübem. Wo die Eltern versagen, sind auch sie zumeist -machtlos. Es sollte für Väter und Mütter keinen höheren Ehrgeiz geben, als die verstehenden Freunde chrer heranreifenden Kinder zu werden. Sie könnten unendliches Unglück verhüten und ihren Kindern Dienste tun, die sie unlösbar mit dem Leben chrer Lieblinge verketten. Die Seelenrot unserer Jugendlichen ist vorerst und vor allem eine Angelegenheit unserer Eltern. führt haben. Aber auch nach dieser Zeit haben Sie die freundschaftlich-kollegialen Beziehungen zum Jsr. Oberrat aufrechterhalten und durch weisen Rat und freundwillige Unterstützung Ihre An- Teilnahme an der gedeihlichen Entwicklung der Jsr. Religionsgemeinschaft Württembergs bewiesen. Alles das tritt gerade in diesen Tagen besonders lebhaft in die Erinnerung der Männer, deren Führer Und geistiger Leiter Sie während Ihrer Tätigkeit innerhalb der Jsr. Oberkirchenbehörde gewesen sind und veranlaßt sie. Ihnen noch einmal auszusprechen, daß Ihre Wirksamkeit in diesem Kollegium unvergessen fortleberr^ wird. Möge Ihnen durch Gottes Gnade ein.glücklicher Ruhestand nach einer so reichgesegneten bedeutungsvollen Tätigkeit im Dienste unseres Vaterlandes beschieden sein! In vorzüglichster Wertschätzung Der Oderrat der Jsr. Rel. Semeiuschast Württ. (folgen die Unterschriften.) Die Seelennot unserer Jugendlichen. Ein erfreuliches Zeugnis konfessioneller Eintracht.