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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-04-01 · 1 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
1 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 7)
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bensgcwoihnhellen fennen und in ihren Gedankenkreis sich einzustellen wissen. Die Hingebung an den Beruf, die liebevoll« Aufopferung für die Kranken wird unseren Schwestern von vielen Seiten bezeugt. Auch für unsere Armen ist es eine große Erleichterung, daß eine unserer Schwestern in ihren Familien, wo oft die Mutter fehlt oder ihrem häuslichen Beruf durch den Zwang des Gelderwerbs entzogen ist, regelmäßig sich umsteht und unterstützend eingreift. - 7 — Biel Not wurde schon gelindert; mehr gilt es noch zu lindern. Die heutige schwere wirtschaftlich« Lage erweitert den Aufgabenkreis des Vereins. Möge in nicht allzuferner Zeit die Stunde, kommen, in der ein jüdisches Krankenhaus in den Mauern unserer Stadt eröffnet wird, in welchem unsere jungen Schwestern ausgebildet werden und unsere Schwestern in noch ausgedehnterem Maße chre Kräfte betätigen können. l)r. Gunzrnhauser. Boykott. Von Distrilctsrabbincr Dr. Sicgfr. Behrens, Fürth. Tie letzte Hauptversammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist an wichtigen Austchlüssen und Erkenntnissen reich gewesen. Sie wird auf Grund der Ergebniste der Aussprache für einen langen Zeitraum die Arbeit der deutschen Juden befruchten und mit ihren Einwirkungen auch die Kreise derer beeinflussen, die nach Gesinnung und Anschauung von der GnsteSrichtung des Zentralvereins sich erheblich unterscheiden. Was Eingewechte und Kundige längst wußten, ist mit aller Deutlichkeit und mit allem Nachdruck ausgesprochen worden. Gespenstisch erscheint in dem Arsenal des Judenhasses eine neue Waffe, die unausgesprochen schon immer angewendet worden ist. Die Formen des Kampfes gegen die Juden haben immer gehässigere Gestalt angenommen, und die Skrupellosigkeit schreckt in der Gegenwart nicht mehr davor zurück, die furchtbarste Waste gegen eine wehrlos gemachte Minderheit anzuweuden, die tausendfältig schmerzlich fühlbar wird: den Boykott. Die Grausamkeit und Ungerechtigkeit dieses Mittels trifft zahllose unschuldige Menschen an der empfindlichsten Stelle ihres physischen und geistigen Seins, an der Grundlage ihrer bürgerlichen und gesellschaftlichen Existenz. Wenn dies« Frage in dm Mittelpunkt der Erörterung einer machtvollen Organisation, der bedeutendsten Vertretung der deutschen Juden, tritt, dann handelt es sich um mehr als eine akademisch« Darstellung elementarer wirtschaftlicher Fragen, dann ist es der Aufschrei der gequältm Seele einer großen, im Volksganzen lebenswichtigm Gemeinschaft. Die Stimme, die vor diesem Forum laut wird, kann in der Oeffentlichkeit nicht übertönt werden, die in der Gerecht igkeit das Fundament der Nation zu erblicken bereit ist. Tie aufrüttelnde Kraft dieses Weckrufes kann nicht verborgen bleibm. Er berührt das Gewissen der Nation, aber er zwingt nicht minder die unter diesem Stachel leidende Gemeinschaft zur Besinnlichkeit und zur Abwehr. Die Erkmntnis, daß Tausende von Kaufleuten, von Handwerkern, von Beamten und Angestellten, von Angehörigen der freien Berufe, von Aerzten, Anwälten und Schriftstellern unter der Zuchtrute des Boykotts leiden, kann uns nicht kalt und gleichgiltig lassen. Es geht nun und nimmer an, daß der Haß ungestraft soviel stille Opfer fordert. Wenn wertvollste Arbeitskräfte lahmgelegt werden, wenn freudigste Tatkraft keinm Antrieb mchr erfährt, dann wächst dieses Problem über den Rahmen des Einzelschicksals und des Gemeinschaftslebens hinaus, dann steht die Wohlfahrt der Bolksgesamthell auf dem Spiel, dann dimen alle Versuche, dm Schwerthieb infamiiernden Angriffs abzustumpfen, der Forderung des elementaren Menschenrechts, das in einem fteien Lande, im Wettbewerb des freim Spiels der Kräfte, niemanden verwehrt werden darf. Wmn die einschlägigm Berhandlungm unter kundiger Führung auf besonders hohem Niveau sich bewegten, dann beweist das, daß nicht die naheliegende und nur zu begründete sittliche Entrüstung allein das Wort geführt hat, sondern daß man mit dem sicherm Gefühl der Verantwortlichkeit nach leidenschaftsloser Würdigung der Rechtslage und der wirtschaftlichen Lebensbedmgungen des deutschen Judentums gestrebt hat in klarer Erkenntnis der Stimmungen, die uns die Umwelt bezeugt. In dieser Welt aber gibt es niemals ein Gleichmaß des Dmkens und des Empfindens, und alle Voraussicht muß mit den gegebenen Tatsachen rechnen und mit ihnm sich auseinandersetzen. Tie großen Wirtschaftsgruppen verfügen heute über ein fast unbegrmztes Maß von Macht, die scheinbar chre Kreise weithin dehnm können. Alle Wirtschaftsgeschichte aber lehrt, daß ohne die Grundlagen des Rechts die großm Faktoren des Staats und der Oefsmtlichleit sich nicht begegnen und nicht umfriedm können. Tie wirtschaftlich Schwachen haben ihren Rückhalt an ihren Organisationen gefundm. Jeder Kampf aber ist an verhängnisvolle Auswirkungen gekettet, die bis ins feinste Verästelungen^der Einzelexistmz sichtbar und fühlbar werden. Ein ausreichender Trost und eine belangreiche Auskunft ist das für die leidende Minderheit niemals geworden. Der Hebel der Besserung muß, wie richtig gesagt worden ist, bei uns selber, im eigenen Kreise angesetzt werden, denn charity begins at Home. Mit gutm Ratschlägen und akademischen Beschlüssen ist nichts getan. Tie Arbeit beginnt zu Hause. Boykott ist Aechtung, ist Verfemung, ist die furchtbarste Waffe, die Menschen zur Unterdrückung anderer erfunden haben. Juden werden aus vielen Berufm, aus großm Erwerbszweigen, aus leitenden Stellungm verdrängt, zahlreiche Arbeit'. Möglichkeiten verschließen sich ihnen, wie eine Reihe von Abhandlungen im „Morgen" mit entschiedener Deutlichkeit dargetan haben. Damit beginnt für das dmtsche Judentum eine Pflicht, die in ihrer Tragweite noch nicht in vollem Ausmaß erkannt worden ist. Biel wichtiger noch als alle. Maßnahmen der Wohlfahrt, die beständiger Durchprüfung unterliegen, ist die Schaffung von Arbeitsmöglichkellen in allen Betrieben, Büros und Arbeitsstellen für jüdische Männer und Frauen, die mit entsprechender Vorbildung Willen und Frmde zur Tätigkeit mitbringm. Es scheint, als ob noch manche Stimmung und manches unberechtigte, übertreibende, generalisierende Vorurteil zu überwindm ist. Es ist notwendig, daß ganz unnötige Befürchtungen zum Schweigen gebracht werden. Der bürgerliche Mittelstand ist so schr durch den Verlust der Kapllalkrast zur Ohnmacht verurteilt, daß eine Konkurrenz jüdischer Angestellter in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. Soviel Mitempfinden, soviel Solidarität muß aber der jüdische Kaufmann in schwerer Zeit mit seinen Brüdem und Schwestern, die beruflich ihm verbundm sind, aufbringen, um ihnm die rüstige Schaffmsfteude zu erhalten. Berschließm sich ihnm die Pforten der jüdischen Häuser systematisch, was bis jetzt allgemein nicht festzustellen ist, dann würde der Notstand, der ohnehin schon groß genug ist, ins Ungemessene wachsen. Eine Umschichtung von geschichtlich gewordenen Berufm, ist nicht in Jahrzehnten zu bewirkm, darum muß die Forderung an die jüdischm Kaufleute und Fabrikanten gestellt werden: Oeffnet Eure Häuser mehr noch als bis jetzt den jüdischm Bewerbern und setzt Euch über alte und ftagwürdig gewordene Ausflüchte hinweg. Mag diese Abwehr uns mißdmtet werden, wozu gar kein Anhalt vorliegt, im Kampf, der uns aufgezwungen wird, müssen wir uns verteidigen und diejenigen schützen, die dem Drucke von außen als Opfer zu erliegen drohen. Wamm sollen wir gelegentliche gegenseitige Erfahrungen zur ständigen Rechtfertigung angesichts der unleugbaren Not der Zeit Vorbringen? Leben ist n o t w en d i - ger alls die Einwendung, die mehr der Bequemlichkeit als der notwendigen Mitarbeit im Timst der Erhaltung zahlloser Existenzen dient. Wir bellagm uns über dm Boykott, der ja seine vielfältige Form und seine unterschiedliche Gestaltung austveist. Also wehren wir uns gegen chn mit reinem Schild und gutem Gewissen. Boykott ist in jedem Bettacht Aechtung und Verfehmung. Wir wissen aus Geschichte und Erfahrung, was das bedmtet, bedeutet in einem Kreise der Minderheit, die diesem Machtgebot lange gmug verfallm und zwangsweise untertan gemacht wordm ist. Ehre und Ansehen haben sie nival und leichtfertig zerschlagen. Wir sind wie alle lleineren Gemeinschaften bis in die Fasern unseres Herzens empfindlich gegen diesen Stachel des Unrechts, dm nur ganz große und starke Naturen ignorierm können. Darum muß unser fein ausgebildetes Ehrgefühl unter allen Umständen im gesellschaftlichm Leben diese Waffe vermeiden und das Zusammenleben nach Recht und Gesetz mit der Mitwelt, zumal mit der jüdischen Mitwelt, bestllnmm. Tie Verirrungen der Umwelt, die wir beklagen, dürfen unsere Lebmsrichtung nicht beeinflussm. Wir wollen nicht Duldung und Duldsamkeit, sondern Recht. Das Recht, das wir suchm, müssen tvir unserm Wegegefährten gewähren. Es wird ■iiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiw iiHMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimmiiiiiiiiii MBinn)uiHiiinniiiuinHi]nniini(HiHitiniimMmimiiiimninnii(iMHftma(tfiiinmiimiimim«i I Die Disconto-Gesellschaft Filiale Frankfurt a. M. hat RM. 1000000. i Schweizerische Unfall' II „Winterthur“ Lebens- Versicherung^ » Gesellschaft II Versicberungs - Gesellschaft Winterthur II in Winterthur iMMiiiiunmiiiniiiiHiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiilliiiiiiiifiiHiiiiiiiimiiiHimiiiimiiiimiimiiiiiiiinmiii Lebensu. 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