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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-04-01 · 1 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
1 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 5)
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hat die Krise nicht allzustark in Mitleidenschaft gezogen. In der Stadt dagegen war die Arbeitslosigkeit bedeutend größer. Kapita.losigkeit, Unsicherhcit der Existenzbedingungen, berufliche Unfähigkeit der meisten Einwanderer usw., tragen hieran die Schuld. Im übrigen erläutert die Gegenüberstellung der Einwanderer^ahlen und die Quantität der zur Verfügung stehenden Geldmittel die Arbeitslosigkeit am besten. — Besonders erfreulich aber ist, daß sich die palästinensiscke Ware im Laufe der letzten vier Jahre immer mehr durchgesetzt hat. Der Konkurrenzkampf zwisen den Erzeugnissen Palästinas und den Einfuhrprodukten fremder Staaten ist heute zu Gunsten der palästinensischen Eigenproduktion entschieden. Nach und nach vollzieht sich auch die wirtschaftliche Eingliederung Palästinas in die Nachbarländer und die ersten, tastenden Ansätze zu einer Ausfuhrpolitik sind gemacht. Bedeutsame Priwleme, Anzeichen einer fortschreitenden organischen Entwicklung, sind weiter die Ausnützung der Jordan-Wasserfälle, der Ausbau des Hafens von Haifa und die Ausbeutung des Toten Meeres — alles Ansätze zu einer wirtschaftlichen Umwälzung größten Ausmaßes. — Zum Schlüsse streifte die Rednerin die Frage der finanziellen Unterstützung und stellte fest, daß die Mittel nach wie vor zu klein sind. Wirtschaftskrisen sind nichts als natürliche Entwicklungserscheinungen, die sich periodisch wiederholen und die auch in Palästina in Zukunft nicht ausbleiben werden. Aber es wird eine Zeit kommen, wo die absolute Konsolidierung der Wirtschaft Krisen nicht mehr aufkommen läßt- Mit einer Betrachtung der zionistischen Bewegung als Angelegenheit der gesamten Judenheit schloß der interessante Bortrag. — Tie Zuhörer spendeten Frau Gerda Arlosoross für ihre von frohem Optimismus getragenen Ausführungen langanhaltenden Beifall, den Alfred L e v i nochmals im Namen aller Anwesenden zum Ausdruck brachte. Tas Schlußwort, in dem auch die Rednerin zu den Anfragen von Hugo David s oh n und Hans Sternheim Stellung nahm, weckte wiederum den Beifall der Anwesenden. — ll. 8t. Chaffidische^Legenden Vortragsabend Emil Heh Tie Welt des Chassidismus ist für den westeuropäischen Menschen ein unbekanntes Land. Und doch verlohnt es sich, einen Blick in die chassidischen Kreise des Ostens zu werfen, die sich bis auf den heutigen Tag ein merkwürdiges Eigenleben bewahrt haben. Während die Ostjuden in ihrer Mehrheit fest im Boden der Orthodoxie wurzeln und nur durch das Gebet und den traditionellen Kult ihr religiöses Verhältnis zu Gott dokumentieren, ist für die chassidischen Gruppen in erster Linie der Rabbi Mittler zwischen Mensch und Gott. Ihm vertraut der Zadik seine großen und kleinen Sorgen an, seinem Richterspruch unterwirft sich die chassidische Gemeinde vorbehaltlos, unerschütterlich glaubt der chassidische Jude an die geheimnisvollen Wunderkräftc feines geistigen Führers. Diese übernatürliche Fähigkeit, sich mit den göttlichen Welten kraft höherer Erleuchtung zu verbinden und sogar in das Weltgeschehen kinzugreifen, vererbt sich unter den Erwählten innerhalb der chassidischen Judenheit von ZUM 75JÄHRIGEN JUBILÄUM des Kranken~Untersiützungsverem$ Der Stuttgarter Kranken-Unterstützungs- Verein begeht, wie von uns bereits mitgeteilt, am 21. April 1928 das Fest seines 75 jährigen Bestehens. Dieser Tag ist so recht geeignet, den Blick in die Vergangenheit zu richten; derer zu gedenken, die den Grundstein legten, den Bau ausführten und sicherten, aus dem seit Jahrzehnten reicher Segen floß für unsere Armen und Kranken. Kein Bau aus Stein und Eisen mit prunkender Fassade, aber ein geistiger Bau, ein Tempel der Wohltätigkeit. Ehrend gedenken wir der Gründer und Führer des Vereins. Wir zeigen sie zum Teile unseren Lesern im Bilde. Nicht alle, das ist leider nicht möglich. Wie viele Erinnerungen erwecken diese Bilder, denn noch ist die Zahl derer groß, die diese Männer persönlich gekannt, ihnen die treue Hand gedrückt haben. Heute dürfen wir unsem Kindern davon erzählen. Wir wollen ihnen danken, danken von ganzem Herzen. Dies kann und soll nicht mit leeren Worten und mit flüchtiger Rührung geschehen. Es genügt nicht, daß wir ihren Manen ein frommes Gedenken weihen. Wir sollen und müssen mehr tun. Wir haben die Ehrenpflicht, ihr Werk zu stützen und so in ihrem Sinne tätig zu wirken. Das ist die rechte Art zu danken, zu ehren. Beachte jeder den Aufruf in dieser Nummer. Laßt die Bitte um Spenden nicht unge- 1 hört verhallen! Dann wird der Segen, den diese Männer gestiftet, weiter und immer weiter wirken und auch für sie gelten das | schöne Dichterwort: Denn wer den Besten seiner Zeit genug Getan, der hat gelebt für alle Zeiten. M. O. 1. Geh, Jdofrat ERNST EZ. PFEIFFER, Ehrenmitgl. d. Ausschusses 1898—1904 2. Kirchenrat Dr. von WASSERMANN, Ehrenpräsident 1883—1892 3. Kirchenrat Dr. von MAIER, Ehrenpräsident bis 1873 4. Hofrat ADOLF LEV1, Vorstand bis 1893 5. SALOMON ELLINGER, " Vorstand 1883—1898 6. LOUIS KIEFE„ Ausschuß-Mitglied 1883—1894 7. RAPH. NEUBURGER, Ausschuß-Mitglied 1853—1882 ' 8. G. SONTHEIMER, ^stellvertretender Vorstand 1883—1897 9. DAVID NEUBURGER, Ausschuß-Mitglied 1883—1885 10. Kom.-Rat HERM. ROTHSCHILD, Ehrenmitglied 1894—1901. _ Geschlecht zu Geschlecht. Uraltes kabbalistisches Geistesgut verschmilzt im Laufe der Jahrhunderte zu geheimnisvollen Erzählungen und mit der Zeit bildete sich um die großen Wunderrabbis des Ostens ein bunter Kranz von Legenden. Es ist das große Verdienst Dr. Martin B u b e r s, diese Legenden gesammelt und in ausgezeichneter deutscher Sprache der Nachwelt erhalten zu haben. Aus diesen merbvürdigen Erzählungen las Emil Heß vom Stuttgarter Schauspielhaus im Berthold Auerbach-Verein einige ausgewählte Abschnitte vor. Es las einleitend zwei ergreifende Kapitel aus dem Legendenkreis um den Baalschem, „Tas dreimalige Lachen" und „Das Rufen". In ihnen schwingen die geheimnisvolle Stimmung der chassidischen Wunderwelt, die traute Stille des Sabbathtages und das faustische Streben des Rab¬ bis, der aus eigener Kraft den Messias in die Welt rufen will. Im zweiten Teil des Abends las Emil Heß aus „Der große Maggid" und „Das verborgene Licht". Auch hier erschüttern die Unbeldingtheit des chassidischen Glaubens an die erlösende Sendung des Rabbis, bei dem auch der Aermste Trost und Bruderliebe findet, und die alles Lebende umspannende, voraussetzungslose menschliche Güte. „Gott wohnt da, wo man ihn einläßt", gibt der Rabbi einem Frager zur Antwort und kündet damit den Wesensinhalt des Chassidismus überhaupt- Wohin auch immer der Zadik seine Schritte richtet, überall fühlt er die Gottverbundenheit des Erdenmenschen, überall »veiß er sich als Träger hoher sittlicher Aufgaben. Tie chassidische Gemeinde bildet so, trotz ihrer mystischen Grundeinstellung, das Bild einer vergeistigten, ganz dem Göttlichen hingegchenen Gemeinschaft- Mit hervorragender Einfühlung in den Geist dieser, uns modernen Menschen so fernen Welt, gestaltete Emil Heß Bubers chafiidische Legenden mit gewohnter Sprechkunst. Ganz ausgezeichnet traf er die von aller Zeitlichkeit gelöste wundersame Stimmung chassidischer Erzählungen und erntete von seinen dankbaren Hörern verdienten und reichen Beifall. H St. Die Stellung der Frau nach dem Talmud. Vortrag von Rabbiner Dr. «ambergrr, «ttullgart. Am 20. des verg. Mts. sprach Rabbiner Tr. Bamberg er, Stuttgart, im Rahmen des B?rthold Auerbach-Vereins über „Tie Stellung der Frau nach dem Talmud". Ter Redner erläuterte einleitend den Unterschied in der Ansehung der Familie zwischen der biblisch-talmudischen und der klassisch-heidnischen Auffassung und stellte fest, daß die jüdische Familie — die Mischpocho im weitesten Sinne des Wortes — .zu allen Zeiten im Vcl.besitz des Selbstbestimmungsrechtes war, während die Familiengemeinschast des klassischen Altertums in mehr oder weniger willensmäßiger Abhängigkeit vom Staatsgesetz lebte. Auch die jüdische Frau erfteute sich weitgehender Selbständigkeit, was ein Helles Licht auf das Kulturniveau des jüdischen Volkes wirft. Im Talnnch finden wir eine Reihe glänzender Aussprüche über die Frau, die, im Gegensatz zu der Ueberschrvänglichkeit des mittelalterlichen Frauenkultus, von einem tiefen, sittlichen Ernst durchdrungen sind. — Wenn auch im Talmud einige negative Meinungen über die Frau enthalten sind, so geht doch aus einer ganzen Reihe von Aussprüchen klar hervor, daß oie Geburt eines Mädchens mit durchaus freudigen Gefühlen begrüßt wurde. -Der jüdische Pater ist auch verpflichtet, für das Wohl seiner

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