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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-02-01 · 21 (1.2.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
21 (1.2.1928)
Date
1928-02-01
Page
[Seite] (sequence 2)
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— 636 — Gewissensentlastung, ihre Beantwortung kann eine Lebenswende, eine Schicksalsentscheidung werden. Tazu hat die übliche offene Aussprache über derartige Fragen in Jugendvereinen ihre ernsten Bedenken. Nirgends offenbart sich mehr Halb heit und Heuchelei als in solchen Diskussionen, in denen sich jugendliche Redner gar zu gerne als Denker und Idealisten gebärden und mit Redens arten lüber Probleme hinwegplaudern, die auch gereiftes Menschen ungelöst geblieben sind. Darum ist der Ausweg der schriftlichen Anfrage und Antwort, in der der Einzelne ohne Namenszeichnung seine Gewissensbedenken frei ausspricht, durchaus zu empfehlen. Derartige Fragen und Antworten bilden zugleich ein wertvolles Ma terial an offenherzigen unbeeinstustten Aeußerungen über Tagesprobleme. Gerade die Beantwortung der Frage: Was zieht den Jugendlichen zum Gottesdienst? darf auf be sondere Anteilnahme Ansvruch erheben. Nur zu viele Jugendliche werden sich, sei es aus natürlicher Zurückhaltung oder aus innerer Feigheit, vielleicht auch aus Rücksichtnahme aus Eltern und Erzieher scheuen, sie offen zu beantworten. Umso wichtiger ist eine kritische Prüfung der in folge ihrer Anonymität unverblümten Antworten aus diese Gewissenssrage. Und nun zu den Antworten! Ein Mitglied des Vereins, wie sich aus einerspäteren Aussprache ergab, ein etwa 20jähriger junger Mann, schreibt: „Ich muß die Frage mit einem „Nichts" beantworten, denn ich gehe nur aus Tradition in die Synagoge, und was ich dorr erlebe, hat mit Gottesdienst sehr wenig zu tun. Für mich bedeutet Gottesdienst ein Sichhingeben, ein Dienen. Das kennt man in der heurigen Synagoge kaum." - Ter nächste Schreiber antwortet wieder mit einem „Nichts" und begründet es damit, daß er schon von Haus aus nicht religiös erzogen wor den ist und während seiner Schulzeit im Kriege zu wenig Hebräisch gelernt habe, sodaß er die Gebete kaum lesen, geschweige denn übersetzen könne. Er macht den Vorschlag, den Gottesdienst in deutscher Sprache abzuhalten. Ter Tritte schreibt: „Tie Frage muß ich mit einem „Nichts" beantworte», denn erstens ver stehe ich von den Gebeten zum größten Teil garnichts. Zweitens habe ich einen Religionsunterricht genossen, der mich mit dem Hebräischen nicht vertraut machte und drittens ist unter der Damenwelt an den Feiertagen die Hauptsache, die neuesten Modeschöpfungen in der Synagoge zur Schau zu tragen, was aus mich von vorn herein abstoßend wirkt." Ter vierte Schreiber holt zur Begründung seiner ablehnenden Haltung weiter aus: „Mich zieht lediglich die Tradition zum Gottesdien^. aber weiter auch nichts. Tenn wenn man zwischen vier Wänden unter Leuten steht, die irgend etwas herunterbeten, was man nicht versteht, während andere den Platz alter Heiligkeit benutzen, um sich Neuigkeiten zu erzählen oder sich in die Zeitung zu vertiefen, so fragt man sich: ist das Gottesdienst, ist das wirkliches Dienen?" Diesen negativen Aeußerungen stehen allerdings bedeutsame Bejahungen gegenüber. Ein Mitglied antwortet aus die Rundfrage: „Wenn ich die Gottesdienste hier — soweit es mir möglich ist — insbesondere an den Feiertagen besuche, so tue ich dieses in erster Linie aus Pietät zu meinen Eltern, da ich aus sehr frommem Hause stamme. Gerade durch die Andacht werde ich an meine Jugend und an meine Eltern daheink erinnert, was immer wieder ein Gefühl der Andacht und Dankbarkeit in mir auslöst." Ein etwa 18jähriger Junge antwortet: „Ta ich in einem religiösen Hause geboren und mir die hebräische Sprache so beigebracht wurde, daß ich wenigstens den Inhalt unserer Hauptgebete ver stehen kann, macht es mir Freude, dem Gottesdienst beizuwohnen." Tie beste Antwort gibt ein junges Mädel: „Von der Alltagslast ermüdet, freue ich mich, wenn der Sabbath seinen Einzug hält, und zieht es mich zum Gotteshaus, um meinem Schöpfer zu danken, daß er mich diese feierliche Stunde hat erleben lassen, wo ich wieder neue Kraft urH Mut im Gebet für die kommende Woche erbitten darf." Tie verneinenden und bejahenden Antworten zwingen zu ernstem Nachdenken. -Sie sind eine Mahnung, mehr als bisher dafür zu sorgen, daß unsere Jugend mit dem hebräischen Gebet, besonders aber mit dem Sinn unserer Gebete und Gebräuche vertraut wird. Tie verneinenden Antworten zeugen von einer bedenklichen Lbcrslächlichkeit und geistigen Trägheit. Sie offenbaren die Tyrannei der Analphabeten^ die hier bereits anläßlich der Frankfurter Tagung der Liberalen Vereinigung gekennzeichnet worden ist. Uebcrall sonst sind die Analphabeten bescheiden und treten zurück. Nur im jüdischen Kultus fordern die Analphabeten, daß sich die Gemeinde nach ihnen richtet und das hebräische Gebet »mit seinen heiligen Werten um ihretwillen abschafft. Diese Analphabeten sollten alle das kleine Büch lein von Else Schubert-Christaller „Der Gottes dienst der Synagoge" (Gießen bei Töpelmau» 1927) lesen. Tie Verfasserin entstammt einer protestantischen Theologenfamilie. Liebe zur heiligen Sprache hat dieser christlichen Frau den Zu gang zum jüdischen Schrifttum und zum jüdi scheu Gottesdienst gebahnt. Sie will der christlichen Gegenwart den Weg zu einer religiösen Welt voll Größe und Innigkeit erschließen. Als vor zehn Jahren Rudolf Otto sein Werk „Das Heilige" veröffentlichte, klang sein Hinweis aus das Gebet Israels wie die Offenbarung des wiedererweckten Prophetismus. Friedrich Heiler

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