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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-01-16 · 20 (16.1.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
20 (16.1.1928)
Date
1928-01-16
Page
[Seite] (sequence 3)
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— 613 — Christen Tancred. ,Lhr verdankt uns euren Glauben; die Apostel waren alle Juden, ebenso wie die Propheten und Psalmisten. Die Kirchen Asiens, die verschwunden sind, hatte ein Jude begründet; die römische Kirche, die ewig währen soll, und die in Europa den Jupiter, den Wotan und die Druiden besiegt hat, wurde ebenfalls von einem als Juden geborenen Manne geschaffen. Eure Götter, Jesus und Maria, sind gleichfalls von jüdischem Stamme. Warum verfolgt ihr uns und betet doch gleichzeitig zu uns? Welche ist die höhere Rasse, die anbetende oder die angebetete?" Dieser Glaube an die ewigen Werte und Wahrbeiten des Judentums war Disraelis Politik und seine Weltanschauung. Während die Juden überall in Europa ihre Gleichberechtigung aus Gründen der Toleranz erbettelten, forderte Disraeli die Emanzipation der Juden im englischen Parlament „auf Grund der ewigen Dienste, die sie der Menschheit geleistet haben." Anstatt der Revolution als Weg zur Befreiung der entrechteten Klassen erinnerte Disraeli vor ckllem den Adel und die Herrschenden seiner Zeit an ihre sittlich-religiöse Verpflichtung zur altjüdischen Nächstenliebe. Die Engländer sind ibm Abtrünnige vom Glauben Israels. Er will ibr getreuer Ekkehard sein, der sein Volk zu seiner höheren Sittlichkeit zurückrust. Er bekämpft das Manchestertum, die Ausbeutung der Massen mit den biblischen Mahnungen zur Nächstenliebe und zur Gerechtigkeit gegen den Armen und Fremden. Allerdings ist das Wissen um diesen Glauben eine eigenartige Wissenschaft. „Man braucht zu ihr eine Lehrlingszeit von einigen tausend Jahren". Die Juden besitzen diese Wissenschaft, so sagt Disraeli in Coningsby, und haben sie als die eigentlichen Tories (Konservativen) der Weltgeschichte mit religiöser Treue und Zähigkeit bewahrt. Er widmet dieser größten Leistung des Judentums ein bedeutsames Kapitel in seinem ,Leben des Lords George Bentinck" (1852). Es verlohnt sich, an diese Würdigung des Judentums durch den größten englischen Staatsmann, der zugleich das Urbild eines konservativen Politikers gewesen ist, gegenüber der beider so verbreiteten Auffassung, daß die Juden ein Element der Zersetzung sind, ernst zu erinnern. Aber auch Rathenau erkennt diese religiös-positive Einstellung des Jud.ntums ohne Einschränkung an: „Juden erscheinen als neuerungsliebend nur da, wo man sie schlecht behandelt, und das ist menschlich. Das Gegenteil wäre Charakterlosigkeit. In Ländern der Gleichberechtigung, in England, Frankreich, Italien, Amerika gehören sie zu den staatlich positivsten Elementen. Daß das Judentum überhaupt besteht, verdankt es dem strengsten Konservativismus, den die Geschichte kennt (Rathenau, Staat und Judentum, S. 229)". So kommen die beiden bedeutendsten jüdischen Staatsmänner des 19. Jahrhunderts auf verschiedenem Wege zu dem gleichen Urteil über die Juden und das Judentum. N A B I M A. Zum Gastspiel des Moskauer Hebräischen Künsilertheaiers im Stuttgarter Schauspielhaus. Tie „Habim a" ist eine Schauspielbühne, begründet und geführt von jüdischen Schauspielern russischer Staatsangehörigkeit. Aber die „Habima"-Leute spielen nicht in russischer, auch nicht in jiddischer, sondern in klassischer hebräischer Sprache. Während die jiddischen Jargonbühnen — und es gibt künstlerisch sehr hochstehende unter ihnen, namentlich in Wilna und in Newyork, die auch in Westeuropa schon mit bemerkenswertem Erfolg gesvielt haben — nichts anderes bedeuten als Unlerhaltungsstätten für ein jiddisch sprechendes Publikum und deshalb dem Westeuropäer nichts anderes geben können als interessante Dokumente astjüdischen Menschentums und ostjüdischer Sitten, während diese jiddischen Theater neben ein paar Jargondichtungen von Schalom Asch und anderen Uebersetzungen aus der gesamten Weltliteratur spielen vom „Hamlet" bis zur Operette, hat sich die „Habima" ein ganz bestimmtes Aufgabengebiet gestellt: jüdische Stoffe, zu dramatischen Dichtungen gestaltet, in hebräischer Sprache auf die Bühne zu bringen. Als nach der Februarrevolution den jüdischen Menschen in Rußland die Möglichkeit gegeben war, sich geistig freier zu bewegen und sich auf kulturellem Gebiet unbeschränkt und nach Lust und Begabung auszuleben, bildeten sich neben anderen Vereinigungen einer gesunden und opferwilligen jüdischen Jugend Studienbühnen, die sich dann später zusammenschlossen, und deren führende Vertreter eines Tages an Stanislawski, den Gründer und Leiter des Moskauer Künstlertheaters mit der Bitte herantraten, sie beim Aufbau eines regulären Theaters zu unterstützen. Mit dem sicheren Blick, der dem Schöpfer der modernen russischen Schauspielkunst eigen ist, erkannte Stanislawski, der Entdecker und Förderer einer Unzahl junger Talente, den künstlerisch gesunden und Zukünftiges verheißenden Kern in den Bemühungen dieser jungen Menschen, die vor-

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