Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 19 (1.1.1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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581 - biner seinen persönlichen Dank sür die ihm jederzeit von chm gewordene Unterstützung aussprach. Wiederholter Gesang und Orgelspiel bildeten den Schluß der erhebenden Trauerfeier. Tie Beisetzung der Ueberreste des Verstorbenen sand unter gleichfalls zahlreicher Beteiligung am Nachmittag um >'«3 Uhr statt. Dem Wunsche des Tahingegangenen zufolge wurden aus dem Friedhof keine Nachruse gehalten. Tie ritualen Gebete verrichteten Stadtrabbiner Tr. Rieger und Lehrer Adler. Tie Gedächtnisfeier bewies in allen chren Teilen die außerordentliche Beliebtheit des so jäh dahingeschiedenen Mannes. -Tehe nasschau zeruroh bizraur ha-chajjjim! Oie sündhafte Es gibt keine Redensart, die im Kampfe gegen den religiösen Liberalismus im Judentum so oft und so gern verwendet wird wie die Beschuldigung der Assimilation. Wer ein Assimilant ist, ist dadurch als charakterloser Schwächling und Feigling gekennzeichnet. Daß aber diese so verachtungswürdige Assimilation ein Naturvorgang ist, gegen den anzukämpfen ein Windmühlenslügclkamps, eine arge Donquichoterie ist, sollte eigentlich aus der Schulstube her allen bekannt sein. Nicht wir assimilieren uns, sondern wir werden assimiliert, ob wir uns bagegen wehren oder nicht. Boden, Klima, Sprache und Umwelt ziehen uns in chren Bann, gestalten Körper und Geist. Ter Assimilationsprozeß ist ein Naturvorgang, der Kampf gegen ihn ist widernatürlich. Ter Kampf gegen die Assimilation ist aber auch zugleich kulturwidrig. Tas hat soeben Wilhelm Michel-Tarmstadt in einer überaus interessanten Kritik der von Hans Kohn und Weltsch herausgegebenen Sammlung von Aufsätzen über „Zionistische Politik" im fünften Heft der Zeitschrift .Ter Morgen" (S. 531—540) zwingend dargelegt. Michel stellt dem Ausspruch von Moses Heß: „Wäre es wahr, daß die Emanzchation der Juden unvereinbar sei mit der jüdischen Nationalität, so müßte der Jude die erstcre der letzteren uim Opfer bringen" die Gegenbehauptung gegenüber: „ja, es ist wahr, daß die Emanzipation der Juden im Exil mit der jüdischen Nationalität unvereinbar ist. Wenn die These der jüdischen Nationalisten zu Recht bestcht, wenn es wahr ift, daß die Juden über alle Staaten hinweg eine Nation bilden und daß für sie der jüdische Jusammenhang jeder anderen Bindung bei weitem vorangeht, dann ist es eine geradezu banale Selbstverständlichkeit, daß eine wahre Gleichberechtigung für sie nicht mehr gefordert, ja nicht einmal von chnen selbst beansprucht werden kann. Tann darf kein Jude Diplomat oder Offizier, Minister oder Staatsbeamter werden, dann darf kein Jude Lehrer oder Redakteur, Richter oder Anwalt sein, am allerwenigsten politischer Führer. Tann muß er sich selber von jeder Betätigung ausschlicßen, die ihrer Natur nach voraussetzt, daß der Mensch zu chr nicht nur eine negative Korrektheit mitbringt, sondern ein Denken und Fühlen aus dem Nerv des Ganzen heraus. Ich „Assimilation". traue der Entschlossenheit und dem Scharfsinn der Nationalisten, wenigstens der Führer ohne weiteres zu, daß sie diese Konsequenzen zu ziehen wissen. Aber ich halte es für eine Unterlassung, daß sie nicht offen ausgesprochen werden. Diese Konsequenzen besagen, daß die ganze Epoche der Emanzipation ausgestrichen und in die Zeit vor ihrem Beginn zurückgegangen wird." „Der jüdische Nationalismus streitet der Assimilation die Idee ab. Als ob das keine Idee wäre, was sich als ebenso erstgeborene Tendenz neben die Tendenz zur radikalen Verdichtung stellt, nämlich die Ten denz zum gegenwärtigen wirklichen Leben, zur Teilnahme an Umwelt und Mitwelt, diese große Tendenz, der sich kein Geschöpf entzieht, sofern es überhaupt Leben in sich hat, weil sie ganz einfach zu seiner Wirksamkeit gehört. Jedes Tier, jede Pflanze entspricht der Landschaft, in der es lebt. Zusammenwohnen bringt Aehnlichkeiten hervor, zeichnet Gesichter und Charakter um. Probleme, die sich unter der beißen Zone stellen, existieren für die gemäßigte nicht, und umgekehrt. Wer deutsch spricht, übernimmt eben dadurch Fragen, die es außerhalb des deutschen Sprachgebietes nicht gibt. Der Bergmcnsch und der Steppenmensch, der Küstenmensch und der Binnenlandmensch, sic stehen nach entscheiden den Seiten hin verschieden im Leben. Kind der Zeit, Kind des Ortes, in tausend mächtige Beziehungen zu realen Faktoren seiner Umwelt verschlungen, lebt der Mensch in gewaltiger Sym biose mit gegenwärtigen Dingen und Geschöpfen. Ja, es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich v in einer Zeit, die ganz besonders aus die Beachtung der großen konkreten Zusammenhänge gerichtet ist, noch weiteres zu diesem Punkte sagen." „All dies heißt, aus unseren Fall angewendct, daß die Assimilationsbewegung in ihrem Kerne Lebenssrömmigkeit ist, und wenn der Nationalis mus es als eine Fiktion bezeichnet, daß „die in ocr schiedenr Länder versprengten Teile der Juden heit die Nationalität der in diesen Ländern herrschenden Mehrheitsvölker" annähmen, so ist es gewiß noch eine weit schlimmere Fiktion, den Nationalzusammenhang aller Juden als etwas Intaftes und Effektives und wohl gar „orientalisch"