Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 15 (1.11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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über 100 000 Juden in sich ausnahm. Tiefe neuen Großstadt-Juden wurden zumeist Industriearbeiter, die unter den unwürdigsten Voraussetzungen ein elendes Tasein fristeten, und körperlich, geistig und religiös proletarisierten. Tie Oberschicht dieser Großstadtjuden ging zum Handwerk über, ein weiterer Teil zum Kramhandel, ein Bruchteil zum eigentlichen Kaufmannsstande. Gleichzeitig setzte aber ein neuer Zudrang der Juden zur Landwirtschaft ein, soweit die zaristische Re gierung den Juden den Zugang zum Kleinbauernstand ermöglichte. Mit diesen beiden Neuerscheinungen in der östlichen Judenheit, der Massenauswanderung und dem Zustrom in Großstädte, beginnt auch ihre geistige Umschichtung, ihre Loslösung aus den bisherigen patriarchalischen Verhältnissen. Gleichzeitig aber entdeckte die alteingesessene städtische jüdische Intelligenz ihre Verpflichtung, der Sehnsucht der jüdischen Massen nach gewerbliches und landwirtschaftlicher Betätigung ent gegenzukommen. So entstand in Rußland die „Gesellschaft zur Förderung der Handwerke und der Landwirtschaft unter den Juden", welche sich die Ueberleitung der Juden zur produktiven Arbeit zur Aufgabe gemacht hatte. Tann kam die Kriegszeit mit ihren furchtbaren Wirkungen sür die Juden Osteuropas. Ter Kriegsschauplatz war der Ansiedlungsrayon, das Hauplwohngebiet der Juden des Zarenreiches. Auf den Krieg folgte der Bürgerkrieg mit seinen grausigen Ausschreitungen und den blutigen ukrainischen Progromen, deren furchtbare Einzelheiten durch den gegenwärtig in Paris stattsindenden Schwarzbart - Prozeß ausgesrischt worden sind. Ter wirtschaftliche Zusammenbruch der jüdischen Massen war die Enderscheinung dieser beispiellosen Katastrophe. 448 — Tas aus dem Zusammenbruch des Zarismus entstehende neue politische Wirtschaftssystem be deutete die Ausschaltung des Zwischenhandels und die Verdrängung des Kleinhandels durch die anwachsende Genossenschaftsbewegung, bildete also eine erneute Gefährdung der Existenz der Inden des Ostens. Ter einzige offene Ausweg aus diesem furchtbaren Tilemma war die völlige wirtschaftliche Umschichtung, der Uebergang zu den rein produktiven Berufen. Tie östliche Judenheil hat diesen letzten Ausweg mit sicherem Lebensgefühl eingeschlagen. Tie jüdischen Organisationen griffen rechtzeitig ein, um den Gefährdeten zu helfen: die von Baron Hirsch geschaffene JCA, der 1880 zur Förderung der produktiven Arbeit der Juden begründete Verein ORT und das großzügige Joint Tistribution Commitee. Tie Gesellschast ORT hat sich die Förderung und Turchsührung von drei Ausgaben erkoren: 1) den Wiederaufbau des jüdischen Handwerks im Osten, 2) die Schaffung und Erhaltung von Fachschulen und Lehrwerkstätten und 3) die Förderung des Uebergangs der Juden zur Landwirtschaft. In Rumänien nahm der ORT seine Tätigkeit unmittelbar nach der Agrarreform von 1917 auf. In Polen förderte er das Neuaufleben des jüdischen Handwerks und der jüdischen Landwirtschaft. Ta fast die Hälfte der polnischen Juden in sechs Großstädten wohnt, leidet sie natürlich hier besonders empfindlich unter der allgemeinen Wirtschaftskrise. Hier wird noch eine ungeheure Arbeit geleistet werden müssen, um den zahllosen vernichteten jüdischen Existenzen aufzuhelfen. In Rußland ist der Uebergang der jüdischen Bevölkerung zur Landwirtschaft eine Massenbewegung geworden. Tie Siedlungsbewegung der russischen Juden beginnt allerdings bereits im ^7 BERTHOLD AUERBACH-VEREIN Dienstag, den 8. November, Dienstag, den 15. November, Stuttgart-Loge, Calwerstr. 33, Hths., Stuttgart-Loge, Calwerstr. 33, Hths.. abends 8'/< Uhr abends 8'/« Uhr spricht rezitiert SfadtrabMner Dl*. RlC^tf BedaMeur H. SlCrilllCllll über: »Eigenes in Prosa »Das Jüdische Lehrhaus und die Jugend" und Versen". EINTRITT FREI!