Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 13 (1.10.1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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- 380 - Das ist der sinn des geheimnisvollen Talmudwortes: Wir sollen Werkleute am Tempel, des Geistes sein, Mitschöpser am Weltentau, aber nicht seine Zerstörer. Nicht nur die Schaffenskraft Gottes wirkt in unserer Kraft, nicht nur der GotteSodem weht in den Seelen, ein Strahl des ewigen Lichtes, ein Funke der Göttlichkeit leuchtet in uns. Bei uns steht eS, ob wir sie mehren oder zerstören. Steigere dich, wachse über dich hinaus, indem du Gottesgedanken in dir speicherst und die kleinen allzualltäglichen Gedanken in dir begrenzst! Laß dich nicht aus der Höhe der Geistigkeit in den Alltag hinabzerren, sei kein Sklave deiner Sinne, sondern ein König im Reiche des Geistes. Im Werktag läßt unsere Seele die Flügel hängen, am Festtag hebt sie die Schwingen zur Höhe. TaS ist die Größe und das Geheimnis des Versöhnunestages, des SabbathS der Sabbathe, daß er uns wenigstens für einen Tag auS der Knechtschaft deS Alltags erlöst. Wir enthalten uns an ihm nicht darum von Speise und Trank, um etwa Gott so zu erfreuen, sondern um unter Ich aus der Sklaverei des Irdischen zu lösen, über daS Tierbegehren zu triumphieren, um unsere Seele zu weiten und sie zu den ewigen Quellen zu leiten, zum heiligen Licht, zum Denken an Gott. „Tenn nicht vom Brot allein lebt der Mensch und nicht nur für das Brot, sondern von allem. waS vom Munde Gottes stammt, soll der Mensch leben (5. Mose 8, 3)". Darum ist für den Versöhnungstag allein unter den Festen des IahreS kein auszeichnender Brauch geboten. Er will und soll eben nicht mehr sein als ein Tag des Denkens an Gott, des Lebens mit Gott. Darum denken wir an ihm an die Toten, die im Lichte weilen, die den Staub überwunden, die in die Weltenseele zurückgeströmt, die im Lande der Gottheit die Heimat gefunden. Solange wir hier leben, sind wir erdgebunden, stauboermählh, Kinder des Todes. Erst wenn wir das Erdenkleid abgestreift, ganz in Gott leben, leben wir göttlich. „Sucht mich, dann lebt ihr", das ist die Botschaft t>c3 Ver'öhnungstages. 2c!m‘ euch nach Gott, daß ihr innerlich eins mit ihm werdet. Versenkt euch in ihn, ringt um ihn, wie Jc.kob in der Nacht vor der Versöhnung mit Esau, und ihr werdet wie Jakob gottgeweihr, gotterfüllt sein. Denkt an Gott mit der zähen Energie flammenden Begehrens, dann wird der Tag sein Wunder an euch wirken. Wir beten in diesen Tagen: „Schreibe und siegle uns ein in das Buch de? Lebens", schenke uns Leben wie du es denkst, nicht wie wir es denken, ein Leben groß, ewig und heilig in solchem Denken, ein Leben nicht für den Augenblick, sondern für die Ewigkeit. Es ist ein tiefes Wort Goethes, daß wir um große Gedanken und tim ein reines 5derz beten sollen. Ter größte Geoanie ist Gott selbst. Tenike an ihn, dann ist dein Herz reich» dein Wille geweiht, du selbst ein Gottesbote auf Erden. Sechiroh mewioh lijde mcaßeh „srommes Denken führt zu frommem Leben." Sine Weiherede. Tic nachstehende Rede wurde vom Stadtrabbiner Tr. R i e g c r anläßlich der Einweihuiij, dcs Kriegerdenkmals in Crailsheim gehalten. Meine Brüder und meine Schwestern' Tic heilige Schrift erzählt: Als das Gottesvolk den Jordan überschritten, ließ Josua ein Denkmal errichten und deutete seinem Volke des Denkmals Sinn: „Wenn eure Kinder euch frage»: Was sollen diese Steine? so erzählt ihnen, was ihr erlebt habt. Tie Steine sollen Denksteine sür euch sein auf ewig (Josua 4,7)." Allüberall in deutschen Landen werden Denksteine und Bildwerke zur Erinnerung an den gewaltigen Weltkrieg errichtet. Was ist der Sinn dieser Bildwerke? Sollen sie den Haß in uns gegen den Feind lebendig erhalten, der Deutschland so grausam mißhandelt hat? Sollen sie die Schmach unserer Niederlage verewigen? Die Antwort auf solche Fragen gibt uns das Schriftwort: „Wenn eure Kinder euch fragen, was sollen diese Steine? so erzählt ihnen, was ihr erlebt habt!" Ein Denkmal der Liebe soll dieses Bildwerk sein! Tie Erinnerung an das Vergangene, Erlebte, noch nicht Ueberwnndene, wecke das Denkmal. Tie Denksteine, die wir errichten, gelten nicht nur den Toten des Ortes, in denen sie ausgestellt werden, nein, allen deutschen Toten aus dem Weltkriege. Noch einmal sehen wir die tausend mal tausende unserer deutschen Jugend mit blitzenden Augen, mit singenden Herzen, mit betenden Seelen hinausziehen in Kampf und Tod sür das Vaterland. Alles Scheidende war damals vergessen, alle Gegensätze überwunden, wie hiuweggcslutet von dem Blutstrom der Liebe. Christ und Jude reichten sich brüderlich die Hand. Es galt ja das Höchste zu schützen, das Heiligste zu verteidige», das über alles geliebte Vaterland. Ei» Wetteifer der Liebe stammte durch das ganze Volk und schmiedete sie alle zur Einheit zusammen. Tann kam die Schreckenskunde von surchtbarcm Sterben und grausigem Leiden. Aber die übermenschlichen Opfer wurden in heiliger Demut getragen. Tie Väter und Mütter verheimlichten ihre» Elternschmerz. Tie Liebe zu», Vaterlandc war größer als das Leid ihrer Herzen. Niemals war Deutschland größer als i» diesen Jahren der Opfer und Liebe. „Und wenn euch eure Kinder fragen, was sollen diese Steine?" dann erzählt ihnen vor diesem Bildwerk von Deutschlands grenzenlosem Leid, wie es zu Tode gehetzt von der Ueberzahl der Feinde todwund zusammenzubrechen drohte, wie aber die