Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 13 (1.10.1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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Kraft der Liebe über das Leid triumphierte. Erzählt ihnen von den Hunderttausenden, die in den Tod gegangen für uns, für das Vaterland, von den Vätern und Müttern, die ihren Schmerz vor fremden Augen verborgen, von den heiligen Opfern der Treue, der Selbstaufopferung, der Liebe bis in den Tod. Zusammengebrochen war Deutschland von außen, aber die Kraft der Liebe war stärker als sein Leid. „Wenn eure Kinder euch fragen, was sollen diese Steine?" so saget ihnen: sie sind ein Denkmal der Ehre. Wirklich der Ehre? Muß es nicht heißen der Schande? Wir sind ein besiegtes Volk. Noch lastet das Joch der Feinde auf unserem Nacken. Noch krümmt sich unsere Seele unter der Tücke der Gegner. Und doch ist dieses Bildwerk ein Denkmal der Ehre. Denn nicht das Leid ist der Sinn und der Segen des Schmerzes, sondern, was wir aus ihm machen. Der Schmerz ist eine breite schartige Pflugschar, die steinigen Acker in Gartenland wandelt. Der Sieg kann eine Schmach, und die Niederlage eine Ehre sein. Not bricht Eisen, Not lehrt beten, Not weckt die Ehre. In Ehren ist Deutschland aus diesem Kriege heimgekehrt. Wohl ist es siech, blutend aus tausend Wunden und windet sich im Schmerze. Alles ist ihm entrissen — die Ehre ist ihm geblieben. Noch ist das Schwert zu männlicher Wehr seinen nervigen Fäusten nicht entrungen. Noch ist die Kraft nicht aus den Muskeln geschwunden, noch lebt der starke Wille in den Herzen, noch flammt die Ehre leuchtend in den Seelen. Ein Denkmal der Ehre ist dieses Bildwerk. Es ruft Deutschland zu: Sei stark und bleib fest; sei stark, glaube an dich, mein deutsches Volk, glaube an deine Kraft, an deine Zukunft und bleibe fest in dem Glauben an deinen Gott, den Gott der Ehren. „Wenn euch eure Kinder.fragen: was sollen diese Steine?" so saget ihnen: ein Ehrenmal der Tatkraft ist dieses Bildwerk. Das ist die göttliche Liebe im Leide, daß sie den Glauben, die Tatkraft weckt. Das ist die Bitte der Toten an Gräbern: Vollendet, was wir begonnen! Das ist auch die Botschaft der Toten des Weltkriegs: Alles haben wir für das Vaterland hingegeben. Soll all das vergeblich gewesen sein? Als Raphael, der größte Maler der beginnenden Neuzeit, vorzeitig starb, war sein gewaltigstes Bildwerk unvollendet geblieben. Die Schüler Nagten und zagten nicht lange. Sie ergriffen das Malgerät ihres Meisters und vollendeten, so gut sie es vermochten, das Werk ihres Lehrers. Als Mozart aus dem Leben schied, war sein herrlichstes Werk, sein Requiem, unvollendet geblieben. Sein treuester Jünger überwand den Schmerz um den Meister und vollendete, was jener begonnen. Das ist auch die Offenbarung dieses Bildwerks: Deutschland scheint unter der Last seiner Leiden zusammengebrochen zu sein. Nur noch ein Augenblick — dann reckt sich der gekrümmte Nacken, dann strafft sich der Arm, dann erwacht in ihm die alte Kraft. Nur noch ein Augenblick — und das Joch fällt von den Schultern, der scheinbar Ueberwunden ist ein Ueberwindendcr, der Krieger ist wieder ein Sieger! Ein Denkmal der Liebe, der Ehre, der erwachenden Tatkraft ist dieses Bildwerk. Das sei sein Segen: Es wecke die Liebe zum Vaherlande in allen kommenden Zeiten, es festige und stähle das Ehrgefühl in den Seelen, es steigere und entflamme die Tatkraft, den Willen zum Siege. Gott aber erhöre das Gebet, das wir tagtäglich sprechen: „Gott schenke Kraft und Sieg unserem Volke und unserem Baterlande. Er segne Volk und Vaterland mit Frieden in Ehre! Amen. Der 15. Zionistenkongreß in Basel. Am Schluß der Sitzung, nachdem die allgemeine Aussprache nach Mitternacht zu Ende geführt worden war, verteidigte nochmals Dr. Weizmann in einer großangelegten Rede seine Politik gegenüber der an ihr geübten Kritik. Er erklärte, daß die Arbeit im Lande allerdings große Geldmittel verbrauche. Das wäre aber nötig, um die bestehende Not zu lindern und auf das lleinste Maß herabzusetzen. Es wäre von jeher Grundsatz der Politik der Exekutive gewesen, um keinen Preis Konflikte mit der englischen Regierung herbeizuführen. Die britische Regierung hätte auf die öffentliche Meinung Rücksicht zu nehmen, die von der Nützlichkeit der Palästinapolitik erst überzeugt werden müßte. Betreff der Erweiterung der Jewish Agency gab er zu, daß sie Gefahren in sich schlöße. Die Forderung, die Nichtzionisten auf, die wirtschaftliche Mitarbeit zu beschränken. -.Schluß) wäre aber eine Torheit. Er appellierte schließlich warmherzig an den Kongreß, die nötigen Maßnahmen zur Behebung der Krise zu beschließen. Die achte Sitzung des Kongresses, die am Montag, den 5. September, abends stattfand, war der Erinnerung an die in den letzten zwei Jahren verstorbenen Führer der Bewegung geweiht. Sokolow gedachte in ihr Zangwills, Luzzattis, Georg Brandes und besonders der beiden verstorbenen Schriftsteller Bloogarden und Goldberg. Einen peinlichen Gegensatz zu dieser Gedächtnisfeier bildeten die Erklärungen der Oppositionsführer Soloweitschik, Lichtheim und Jabotinsky, welche heftig gegen, die bisherige Kompromißpolittk polemffierten und erklärten, gegen die Wiederwahl der beiden Präsidenten zu stimmen.